mini|Ferdinand Gregorovius mini|hochkant|Ferdinand Gregorovius Ferdinand Adolf Gregorovius (* 19. Januar 1821 in Neidenburg, Ostpreußen; † 1. Mai 1891 in München) war ein deutscher Historiker, Journalist und Schriftsteller. Nach dem Theologiestudium und der Promotion zum Doktor der Philosophie an der Universität Königsberg übersiedelte er 1852 als 31-Jähriger nach Italien, wo er fortan als Privatgelehrter in Rom lebte. 1874 zog er zurück nach Deutschland. Seinen Lebensabend verbrachte er in München.
Gregorovius’ monumentale Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter (1871), an der er über 18 Jahre lang arbeitete und für die er zahlreiche Archivalien erschloss, gilt als Klassiker der Geschichtsschreibung. Die von ihm verfassten Wanderjahre in Italien, die aus journalistischen Arbeiten hervorgingen, gelten in ihrer Wirkungsgeschichte für das Italienbild der Deutschen bis heute als wichtigster Beitrag nach Goethes Italienischer Reise.Jens Petersen: Das Bild des zeitgenössischen Italien in den Wanderjahren von Ferdinand Gregorovius. In: Arnold Esch, Jens Petersen (Hrsg.): Ferdinand Gregorovius und Italien. Eine kritische Würdigung. Niemeyer, Tübingen 1993 (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Bd. 78), S. 73–96, hier S. 74. Die darin enthaltenen Reiseberichte gehören größtenteils dem Genre der historischen Landschaftsbeschreibung an, das Gregorovius mit seinem Buch Corsica (1854) begründet hatte. Darüber hinaus verfasste er eine Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter (1889). Seine 1871 erschienene Biographie Lucrezia Borgia und ihre Zeit gilt noch heute als Standardwerk. Gregorovius trat mit Arbeiten wie Euphorion. Eine Dichtung aus Pompeji in vier Gesängen (1858) auch als Dichter in Erscheinung. Seine postum veröffentlichten Tagebücher gewähren nicht nur Einblick in sein Leben und seine Arbeit, sondern enthalten auch Kommentare zum politischen Zeitgeschehen des Risorgimento. Mit mehreren tausend Briefen hat Gregorovius ein umfangreiches epistolarisches Werk hinterlassen.
Gregorovius, der die Motivation zu seiner Arbeit häufig aus der Anschauung bezog, verstand sich als Schriftsteller mit künstlerischem Anspruch. Er gehört neben Theodor Mommsen und Leopold von Ranke bis heute zu den meistgelesenen Geschichtsschreibern des 19. Jahrhunderts. Der literarische Wert seiner historiographischen Arbeiten ist unbestritten. Fachhistoriker warfen Gregorovius zwar lange Zeit Dilettantismus vor, doch spiegelt sich die Anerkennung seines Werks schon zu Lebzeiten in der Mitgliedschaft in zahlreichen namhaften Akademien wider. Die jüngere Forschung bemüht sich um eine kritische Würdigung seines Werks.
Leben mini|Die Neidenburg auf einer Aufnahme von vor 1927. Hier verbrachte Ferdinand Gregorovius seine ersten Lebensjahre. Gregorovius entstammte einer masurischen Pfarrer- und Juristenfamilie. Er wurde am 19. Januar 1821 als Sohn von Ferdinand Timotheus Gregorovius und Wilhelmine Charlotte Dorothea Gregorovius (geb. Kausch) geboren. Sein Vater war Kreisjustizrat im ostpreußischen Neidenburg. Er bewog den zuständigen Stadtrat, die städtische Schlossruine auszubauen und zum Sitz der Justizbehörde zu machen. Auf diese Weise lebte die Familie Gregorovius mit ihren acht Kindern in den ersten Lebensjahren Ferdinands in der mittelalterlichen Ordensburg Neidenburg. Ferdinand Gregorovius behauptete später, ohne diese Erfahrung hätte er vielleicht nie die Geschichte Roms im Mittelalter geschrieben.Heinrich Hubert Houben: Ferdinand Gregorovius (Nachwort). In: Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. Auswahl in zwei Bänden mit dem Porträt des Verfassers, zwei Karten und einem biographischen Nachwort von Dr. H. H. Houben. Zweiter Band, 5. Auflage, Brockhaus, Leipzig 1920, S. 233–271, hier S. 235 (Digitalisat). Gregorovius’ Mutter starb 1831, zu einem Zeitpunkt, als er kaum sein zehntes Lebensjahr vollendet hatte.Markus Völkel, Hanno-Walter Kruft: Einführung. In: Römische Tagebücher 1852–1889, herausgegeben von Hanno-Walter Kruft und Markus Völkel. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-34893-9, S. 9–40, hier S. 10. 1832 siedelte der junge Ferdinand Gregorovius gemeinsam mit seinem Bruder Julius in das Haus seines Onkels nach Gumbinnen über, um dort bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr das Gymnasium, die Friedrichschule, zu besuchen.Heinrich Hubert Houben: Ferdinand Gregorovius (Nachwort). In: Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. Auswahl in zwei Bänden mit dem Porträt des Verfassers, zwei Karten und einem biographischen Nachwort von Dr. H. H. Houben. Zweiter Band, 5. Auflage, Brockhaus, Leipzig 1920, S. 233–271, hier S. 235 f. (Digitalisat); Markus Völkel, Hanno Walter-Kruft: Einführung. In: Römische Tagebücher 1852–1889, herausgegeben von Hanno-Walter Kruft und Markus Völkel. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-34893-9, S. 9–40, hier S. 10. Sein älterer Bruder Gustav zog 1833 nach Griechenland, um dort als philhellenischer Freiheitskämpfer im Heer König Ottos gegen die Osmanen zu kämpfen.Heinrich Hubert Houben: Ferdinand Gregorovius (Nachwort). In: Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. Auswahl in zwei Bänden mit dem Porträt des Verfassers, zwei Karten und einem biographischen Nachwort von Dr. H. H. Houben. Zweiter Band, 5. Auflage, Brockhaus, Leipzig 1920, S. 233–271, hier S. 236 (Digitalisat); Markus Völkel, Hanno Walter-Kruft: Einführung. In: Römische Tagebücher 1852–1889, herausgegeben von Hanno-Walter Kruft und Markus Völkel. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-34893-9, S. 9–40, hier S. 10.
Universitätsjahre in Königsberg Nach dem Abitur studierte Ferdinand Gregorovius ab Herbst 1838 an der Albertus-Universität Königsberg auf Wunsch des Vaters Evangelische Theologie. Als seine wahren Interessengebiete stellten sich bald Philosophie, Geschichte und Literatur heraus.Heinrich Hubert Houben: Ferdinand Gregorovius (Nachwort). In: Ferdinand Gregorovius: Wanderjahre in Italien. Auswahl in zwei Bänden mit dem Porträt des Verfassers, zwei Karten und einem biographischen Nachwort von Dr. H. H. Houben. Zweiter Band, 5. Auflage, Brockhaus, Leipzig 1920, S. 233–271, hier S. 236 (Digitalisat); Markus Völkel, Hanno Walter-Kruft: Einführung. In: Ferdinand Gregorovius: Römische Tagebücher 1852–1889, herausgegeben von Hanno-Walter Kruft und Markus Völkel. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-34893-9, S. 9–40, hier S. 10. Als vierter seiner Familie wurde Ferdinand Gregorovius Mitglied des Corps Masovia.Kösener Corpslisten 1930, 89/292 Am 10. September 1840 nahm er als Entrepreneur an einem Fackelzug teil, mit dem die Königsberger Studentenschaft Friedrich Wilhelm IV. und seiner Frau Elisabeth Ludovika von Bayern zum Regierungsantritt huldigte.Johannes Hönig: Ferdinand Gregorovius. Cotta, Stuttgart 1943, S. 34–35.
Nachdem Gregorovius im Herbst 1841 das Theologenexamen bestanden hatte, predigte er zweimal, in der Evangelischen Pfarrkirche Rhein und in seiner Heimatstadt Neidenburg. In Rhein soll sein Onkel, der Superintendent Pianka, die Predigt gelobt, Gregorovius aber von weiteren Kanzelreden abgeraten haben. Gregorovius selbst hielt sich zum Beruf des Pfarrers für ungeeignet und nahm das Philologiestudium wieder auf. In dieser Abkehr von der Theologie wirkten Karl Gutzkow und das Junge Deutschland.Johannes Hönig: Ferdinand Gregorovius. Cotta, Stuttgart 1943, S. 36. Seine Doktorarbeit über die Ästhetik Plotins schrieb Gregorovius bei Karl Rosenkranz, der ihm die Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels nahebrachte. Ende 1843 wurde er zum Dr. phil. promoviert, seine Doktorarbeit beurteilte Rosenkranz als „selten trefflich“.Dissertation: Plotini de pulcro doctrina. Für eine Veröffentlichung in deutscher Sprache vgl. Ferdinand Gregorovius: Grundlinien einer Aesthetik des Plotin. In: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Neue Folge, Bd. 26 (1855), S. 113–147. Vgl. auch Henry Simonsfeld: Gregorovius, Ferdinand. In: Allgemeine Deutsche Biographie. Band 49, Duncker & Humblot, Leipzig 1904, S. 524–532, hier S. 524. Beim Abgang von der Albertus-Universität erhielt er vom Königsberger Senioren-Convent ein Comitat. Masovia wählte ihn zum Ehrencorpsburschen.