Glam Metal (salopp bis abwertend: Hair Metal) ist ein Subgenre des Heavy Metal und Hard Rock, das vor allem in den 1980er Jahren als Stilrichtung der Rockmusik populär war. Es kombinierte das grelle Erscheinungsbild des Glam Rock mit Powerchord-basiertem „Party Metal“. Typisch sind Power-Balladen, virtuose Gitarrensoli, eingängige Refrainparts und Rock-Chorusse mit oft sexualisierten Texten sowie offen zur Schau gestelltem Hedonismus.
Am populärsten war Glam Metal zwischen den frühen 1980er Jahren und den frühen 1990er Jahren, bis er vom Grunge verdrängt wurde. Seit Ende der 1980er Jahre entwickelte sich aus dem Glam Metal der Sleaze Rock, der stärker vom Bluesrock beeinflusst war und ein „erdigeres“ Image kultivierte. In den 2000er Jahren und 2010er Jahren orientierte sich die Band Steel Panther ironisierend und parodisierend am Glam Metal der 1980er Jahre, was polarisierend auf die Fans des Genres einwirkte.
Begriff Der eigentliche Begriff Glam Metal lehnt sich an den Glam Rock der 1970er Jahre an. Durch die Unterscheidung von Rock und Metal zieht er eine Linie und soll so als musikalische Weiterentwicklung betrachtet werden. Vor allem in den USA war zudem der Begriff „Pop Metal“ verbreitet. Nicht aufgrund einer Verbindung zur zeitgenössischen Popmusik, sondern aufgrund seiner massiven Popularität in den 1980er Jahren.
mini|links|hochkant|Ex-Steel-Panther-Bassist Lexxi Foxx (2009) Die ebenso häufige Bezeichnung „Hair Metal“ wiederum bezieht sich auf die meist hochtoupierten und langen Haare der Musiker.Jenny Rönnebeck: Hair Metal. »Wir wollten nicht nur Image sein«. In: Rock Hard, Nr. 310, März 2013, S. 38f Diese ursprünglich negativ behaftete Bezeichnung spricht dem Genre Authentizität und musikalische Relevanz ab und unterstellt, die Musiker würden sich in erster Linie durch ihr Erscheinungsbild, eben vor allem die erwähnte, üppige, auftoupierte Haarpracht, definieren.Chuck Klosterman: Fargo Rock City, Rockbuch-Verlag, 2007, S. 35Markus Baro, Mike Seifert: Auch werden diese Musiker als hair bandsDaniel Ekeroth: Swedish Death Metal. Zweite Auflage. Brooklyn, NY: Bazillion Points 2009, S. 7Daniel Ekeroth: Swedish Death Metal. Zweite Auflage. Brooklyn, NY: Bazillion Points 2009, S. 275 oder hairspray bandsDaniel Ekeroth: Swedish Death Metal. Zweite Auflage. Brooklyn, NY: Bazillion Points 2009, S. 27 bezeichnet.
Eine ähnliche Konnotation hat die Bezeichnung „Poser Metal“, die vor allem von Musikern und Fans anderer Metal-Richtungen verwendet wurde, um dem Glam Metal damit die Legitimation als Metal-Genre abzusprechen. Verunsicherung aufgrund der massiven Popularität und Präsenz des Genres in den 1980er Jahren sind Gründe dafür, ebenso eine verächtliche Meinung über das Auftreten und Erscheinungsbild jener Gruppen, was sich bisweilen mit homophoben Kommentaren mischte,“As you know there is an US glam fag band called POISON, what do you think of them?- I haven’t heard them yet (luckily!), but our bass player told me that he saw a video with them and he got sick for two weeks after it. When I first saw their lp cover, I thought: Oh, nice US chicks, I would like to fuck one of them… But then I learned that it were boys. (At least they pretended to be male…) (Maybe they are ‘crossovers’) If they should become as fameous as (or should I say ´notorius`?) as MOTLEY CRAP or PISSED SISTER, we’ll probably have to change our name. Maybe to POISONED, ´cause we don’t want to be mixed up with all that homo shit.” Poison. infernal massacre. In: Jon Kristiansen: SLAYER. N° 1 à 5. Rosières en Haye: Camion Blanc 2009, S. 363“What does "D.T.P." mean?- „D.T.P.“ means: DEATH TO bleached hair, devil dick sucking, make up spike wareing [sic!] foggot [sic!] POSERS!!!!!” Sadus. In: Jon Kristiansen: SLAYER. N° 1 à 5. Rosières en Haye: Camion Blanc 2009, S. 411“In your opinion, who is the biggest asshole in the world?- "The world is full of assholes like Paul Stanly, Jon Bon Jovi etc.But I think Blackie Lawless is the biggest."” Tribulation. In: Jon Kristiansen: SLAYER. N° 1 à 5. Rosières en Haye: Camion Blanc 2009, S. 435 sowie die Meinung, dass Metal nie auf den Massenmarkt zugeschnitten sein dürfte. Entsprechend wurden in der Metal-Szene der 1980er Jahre eine Vorliebe für diese von ihnen als lächerlich empfundene Strömung und gleichzeitig auch den Untergrund-Metal als unvereinbar angesehen« Il y avait aussi un gros écart entre le metal commercial et l’underground. Mötley Crüe et Wasp c’était vraiment ridicule pour nous, tandis qu’aujourd’hui les gens semblent plus ouverts et se mettent à réécouter ce genre de groupes. Mais avant, on ne pouvait pas être à la fois fan de Venom et de Twisted Sister. » Metalion: Préface. In: Jon Kristiansen: SLAYER. N° 1 à 5. Rosières en Haye: Camion Blanc 2009, S. 21 und Glam-Metal-Bands unter anderem als „Wimps“Nasty Karsten, Metalion: slayer awaits!. In: Jon Kristiansen: SLAYER. N° 1 à 5. Rosières en Haye: Camion Blanc 2009, S. 178 (‚Weicheier‘) und „Poser“ bezeichnet. Besonders die Band Poison war bei Metallern verhasst,Jenny Rönnebeck: Hair Metal. »Wir wollten nicht nur Image sein«. In: Rock Hard, Nr. 310, März 2013, S. 41 und das Cover ihres Debütalbums Look What the Cat Dragged In wurde oft als übelkeitserregend beschrieben.Holger Stratmann: Poison. Look What The Cat Dragged In. In: Rock Hard, Nr. 18, abgerufen am 27. März 2013Jenny Rönnebeck: Hair Metal. »Wir wollten nicht nur Image sein«. In: Rock Hard, Nr. 310, März 2013, S. 38 Holger Stratmann, Herausgeber des Rock Hard, bemühte sich fast dreißig Jahre lang, „diese Musik aus dem Rock Hard weitgehend herauszuhalten“, wobei er als Ausnahme „EINE zähneknirschend bewilligte Mötley-Crüe-Titelseite anlässlich der Nikki-Sixx-Drogenbeichte im Jahre 2009“ nenntHolger Stratmann: Hallo Freunde!. In: Rock Hard, Nr. 310, März 2013, S. 3 und nach eigenen Angaben „nichts gegen Dokken, Great White, Ratt und Konsorten“ hat; dass sich 2013 eine Ausgabe seines Magazins trotzdem diesem Thema widmete, beweise, dass beim Rock Hard „nicht alles beim Alten bleibt“. Jedoch sorgte gerade das Ende des Glam Metal und das Erscheinen des Grunge dafür, dass heute Metal-Fans ein entspannteres Verhältnis zum Hair Metal pflegen. Frei nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Denn auch andere Metal-Genres litten unter dem Aufkommen des Grunge und wurden stark in Mitleidenschaft gezogen.Jenny Rönnebeck: Hair Metal. »Wir wollten nicht nur Image sein«. In: Rock Hard, Nr. 310, März 2013, S. 42 Heute sind Teile der Metal-Szene offener gegenüber dem Glam Metal.
2024 wurde die Miniserie The Story of Hair Metal veröffentlicht., die auf dem Buch Nöthin' But a Good Time: The Uncensored Story of '80s Hair Metal (2021) basiert.
Ursprünge Musikalisch entwickelte sich der Glam Metal Anfang der 1980er Jahre aus dem Glam Rock und Hard Rock des vorhergehenden Jahrzehnts. Wesentliche musikalische Einflüsse waren Kiss, Aerosmith, The Sweet, Alice Cooper, Slade, New York Dolls, Queen, Cheap Trick und Led Zeppelin.Piero Scaruffi: A History of Rock Music:1951–2000. iUniverse, 2003, ISBN 0-595-29565-7, S. 274Chuck Klosterman: Fargo Rock City, Rockbuch-Verlag, 2007, S. 19 Als visuelle Einflüsse gelten vor allem David BowieChuck Klosterman: Fargo Rock City, Rockbuch-Verlag, 2007, S. 66 und Marc Bolan. Die Musik letzterer spielte keine große Rolle, lediglich das exzentrische und androgyne Erscheinungsbild wurde übernommen.Chuck Klosterman: Fargo Rock City, Rockbuch-Verlag, 2007, S. 210P. Auslander: Performing Glam Rock: Gender and Theatricality in Popular Music. Ann Arbor, MI: University of Michigan Press 2006, ISBN 0-7546-4057-4, S. 232
mini|hochkant|Pretty Boy Floyd (2012) Dee Snider von Twisted Sister erklärte beispielsweise, er habe seine Sexualität nie infrage gestellt; darüber hinaus habe ihn seine spätere Ehefrau beim Einkleiden unterstützt. Er wies außerdem darauf hin, dass andere, die Leder trugen, der homosexuellen Lederszene nahe stünden. Metaller, die den Glam Metal als „schwul“ ablehnten, waren oft gleichzeitig Anhänger der Band Judas Priest, deren Sänger Rob Halford homosexuell ist, den Stil aus der Lederszene übernahm und im Metal etablierte. Entsprechend orientierten sich die Glam-Metal-Bands musikalisch wie optisch an etablierten Rock-Bands und hatten keine Absicht, einen neuen Musikstil zu erschaffen; stattdessen wurden bei ihnen Rock-Klischees perfektioniert.
Hauptsächlich drei etablierte Rockbands erwiesen sich als unmittelbare Wegbereiter des Genres: Die amerikanische Rockband Kiss aufgrund ihrer simplen, auf Powerchords basierenden Spielweise und ihrem Image, die australische Hardrock-Band AC/DC mit ihren Bluesrock-Wurzeln sowie die virtuos-gitarrenorientiert geprägte Band Van Halen, welche aus rockhistorischer Sichtweise als eine frühe U.S. Metal-Band gilt. Letztere beeinflusste die Entstehung des Genres maßgeblich in musikalischer Hinsicht, vor allem aufgrund ihrer ersten drei Studioalben. Das Gitarrenspiel des Eddie Van Halen spielte dabei eine wesentliche Rolle. Als Glam Metal etabliert war, veränderten Van Halen ihren Stil zu Adult Oriented Rock. Der US-amerikanische Kritiker Kurt Loder sagte, Van Halen hätten mit ihrem schnellen und moderaten Metal das Genre aus dem Untergrund geholt. Gerade die Spielweise von Eddie Van Halen, sein Hammering und Tapping stellten das vorherrschende Klischee infrage. Diese Art der Musik sorgte dafür, dass der Glam Metal ein breiteres Publikum erreichte. Als Band repräsentierten Van Halen auf diese Weise einen Kompromiss.
Definition Neben häufig vorzufindendem Falsettgesang sind schnelle Gitarrensoli und stampfende, mit Powerchords gespielte Gitarrenriffs ein wesentliches Kennzeichen des Glam Metal. Eine genaue Eingrenzung des Genres gestaltet sich als schwierig, wobei das zweite Album Shout At The Devil der kalifornischen Band Mötley Crüe oft als frühes typisches Genre-Beispiel eines Glam-Metal-Albums zitiert wird sowie aus rockjournalistischer Sicht oft Quiet Riot als erste Glam-Metal-Band genannt werden. Die Schwierigkeit einer präzisen Einordnung des Genres beschreibt auch der Schriftsteller und Musikjournalist Chuck Klosterman in seinem 2004 erschienenen Buch Fargo Rock City. Denn viele Bands, die dem Glam Metal zugerechnet werden, benutzten diese Genrebezeichnung selbst nicht.Chuck Klosterman: Fargo Rock City, Rockbuch-Verlag, 2007, S. 33 Die meisten sahen sich als Heavy-Metal- oder Hard-Rock-Bands. So äußerte der Ratt-Bassist Juan Croucier bereits 1985, dass „der Begriff ‚Heavy Metal‘ viel zu umfassend geworden“ sei.Chuck Klosterman: Fargo Rock City, Rockbuch-Verlag, 2007, S. 38
mini|Roxx Gang (2012) Zudem änderten einige Gruppen ihren Stil im Laufe der Jahre, so beispielsweise Mötley Crüe. Diese begannen Anfang der 1980er Jahre mit Too Fast for Love mit schnellem Glam Metal, wechselten zur Mitte des Jahrzehnts mit Girls, Girls, Girls zu poppigerem Rock, ehe sie sich Ende der 1980er Jahre, bis zum vorläufigen Abschied des Sängers Vince Neil, mit Dr. Feelgood dem Sleaze zuwandten. Selbst Nikki Sixx beklagte sich in einem Interview darüber, dass Mötley Crüe, W.A.S.P. und Twisted Sister in einem Satz genannt wurden.Chuck Klosterman: Fargo Rock City, Rockbuch-Verlag, 2007, S. 34
Während Mötley Crüe, denen der Rest der Szene nacheiferte, ein rüpelhaftes Erscheinungsbild anhaftete, wirkten spätere Bands wie Poison, Bon Jovi, Cinderella, Stryper, Dokken oder Love/Hate moderater. Die Szene selbst war heterogen: Vorreiter wie Van Halen, Aerosmith und Kiss hatten sich in andere Richtungen entwickelt, Mötley Crüe zogen die meisten Skandale nach sich. Unter den Bands herrschten zum Teil große Animositäten, die sich unter anderem auf dem Moscow Music Peace Festival von 1989 zeigten. Die Gemeinsamkeiten beschränkten sich vielmehr auf unkonventionelle Frisuren, Make-up, schrille Klamotten und Groupies. Der zeitweilige Erfolg des Glam Metal wurde durch weibliche Fans begünstigt, wodurch männliche Metal- und Rock-Hörer dem Genre von vornherein kritischer gegenüberstanden.