Untergang der Mussonohne|280px Zusammenfassung Datum 16. April 1987 Art des Unfalls Schießunfall Ort Japanisches Meer Getötete 39 Verletzte unbekannt Korvette Musson Schiffstyp Projekt 1234 Betreiber Sowjetische Marine Heimathafen Wladiwostok Besatzung 76 Überlebende 37 Korvette RK-42 Schiffstyp Projekt 1241.1 Betreiber Sowjetische Marine Heimathafen Wladiwostok Besatzung etwa 38 Überlebende alle Der Untergang der Musson war ein Unfall, der sich im Rahmen einer Flugabwehrübung der sowjetischen Marine am 16. April 1987 ereignete und bei dem 39 Seeleute ums Leben kamen.
Lage Die sowjetische Marine konzentrierte sich Mitte der 1980er-Jahre auf die Verteidigung von küstennahen Seeräumen und bereitete sich für den Kriegsfall auf Störaktionen vor, die in Gebieten bis zu 2000 Kilometer von der sowjetischen Küste entfernt Bewegungen von NATO-Kräften behindern sollten.Soviet Military Power: An Assessment Of The Threat – 1988. US Department of Defense, April 1988, S. 127.
Die Übungstätigkeit der sowjetischen Marine und der Marineluftwaffe hatte ab 1986 deutlich nachgelassen. Westliche Analysten führten das auf Sparmaßnahmen zurück.Norman Polmar: The Naval Institute guide to the Soviet Navy. United States Naval Institute, 1986–1991, ISBN 978-0-87021-241-3, S. 48.
Für den Anfang des Jahres 1987 plante die sowjetische Marine dennoch ein Frühjahrsmanöver ihrer Pazifikflotte, es nahmen jedoch nur Raketenschiffe der 165. Raketenbootbrigade teil.
Ablaufplan der Übung mini|Eine Flugkörperkorvette der Tarantul-1-Klasse, ähnlich RK-42 mini|Ein P-15M-Seezielflugkörper, wie er auch von RK-42 abgefeuert wurde
Konteradmiral Leonid Golowko war für die Übung verantwortlich. Der ausgearbeitete Plan sah vor, dass die Flottille in zwei Verbände geteilt werden sollte und bis zu drei Übungs-Seezielflugkörper von einem dieser Verbände auf den anderen abgefeuert werden sollten. Die Schiffe des so angegriffenen Verbandes sollten eine möglichst effektive Flugabwehrformation einnehmen und dann mit ihren Flugabwehrraketen die ankommenden Seezielflugkörper abschießen. Die Flugabwehrformation sollte eine Diamant-Formation sein, in der die Bris die Führung übernehmen sollte, Wichr und MPK-117 sollten ihr achtern, versetzt nach backbord und steuerbord, folgen und die Musson den Schluss der Formation bilden.
Die Schiffe der Flottille, die man für die Übung vorgesehen hatte, waren:
Verband 1 (Abwehr): U-Jagd-Korvette MPK-117 (russ.: МПК-117), Projekt 1124 Korvette Wichr (russ.: Вихрь; „Wirbelsturm“), Projekt 1234 Korvette Bris (russ.: Бриз; „Seewind“, „Brise“), Projekt 1234 Korvette Musson (russ.: Муссон; „Monsun“), Projekt 1234
Verband 2 (Angriff): Flugkörperkorvette RK-42 (russ.: РК-42), Projekt 1241.1 Flugkörperschnellboot RK-87 (russ.: РК-87), Projekt 205 U
Die vier Schiffe in Verband 1 waren in der Lage, moderne Luftabwehrraketen einzusetzen. Jedes Schiff verfügte über eine Startvorrichtung, mit der je zwei Raketen in Bereitschaft gehalten werden konnten. Mögliche Raketentypen waren zwei Varianten der 9M33-Rakete:
9M33, Mindestflughöhe des Ziels > 50 m 9M33M, Mindestflughöhe des Ziels > 25 m
Die beiden Schiffe in Verband 2 konnten zwei unterschiedliche Seezielflugkörpertypen einsetzen:
P-15 (russ.: П-15) NATO-Code: SS-N-2B Styx, Reichweite 50 km, Flughöhe zwischen 100 und 400 Metern P-15M (russ.: П-15M) NATO-Code: SS-N-2C Styx, Reichweite 80 km, Flughöhe zwischen 25 und 50 MeternNorman Friedman: The Naval Institute guide to world naval weapons systems, 1997–1998. US Naval Institute Press, 1997, ISBN 1-55750-268-4, S. 239–240.
Zusätzlich hätte ein unbemannter Flugkörper, eine Drohne des Typs La-17 (russ.: Ла-17), die Rolle der Seezielflugkörper übernehmen können.
Verzögerungen Zunächst für die letzte Märzwoche geplant, verzögerte sich der Übungstermin mehrfach. Die erste Verzögerung ergab sich durch Lieferschwierigkeiten bei den Flugabwehrraketen für zwei Schiffe des Flottenverbandes. Nachdem diese Raketen geliefert worden waren, verschob sich der Übungstermin wegen verschiedener Störfaktoren im Übungsgebiet weiter.
Zwei US-amerikanische Kriegsschiffe, die Fregatten Francis Hammond und Knox, waren in den ersten Apriltagen in der Nähe des Übungsgebietes gesichtet worden.Die beiden amerikanischen Schiffe waren unterwegs nach Busan in Korea, um an der Übung Team Spirit ’87 teilzunehmen, die am 15. begann. Die Übung wurde verschoben, aber im Anschluss konnte dann bis zum 7. April die zugesicherte Luftsicherung im Zielgebiet nicht gewährleistet werden, so dass es erneut zu einer Verzögerung kam.
Am nächsten Tag war die Sicht schlecht und Fischerboote waren im Übungsgebiet gemeldet. Am Samstag dem 11. April 1987 meldeten schließlich zwei Boote des Verbandes, die U-Jagd-Korvette MPK-117 und die Korvette Bris, technische Schwierigkeiten, und das Auslaufen verschob sich abermals.
Tatsächlicher Verlauf mini|Die Wichr, wie ihr Schwesterschiff Musson eine Korvette der Nanuchka-1-Klasse. Die Startvorrichtung für die SA-N-4-Flugabwehrraketen auf dem Vorschiff ist auf diesem Foto nicht ausgefahren, sondern befindet sich im Magazin. mini|Eine Rakete des Typs 9K33 (SA-N-4). Dieses Modell wurde von der Musson während der Übung abgefeuert.
Nachdem die Übung mehrfach verschoben worden war, wurde sie schließlich für Donnerstag den 16. April angesetzt. Die Korvette Bris musste wegen der noch nicht behobenen Schäden im Hafen bleiben.Sie war zudem für eine Verlegung nach Cam Ranh Bay vorgesehen. Luftabwehrraketen vom Typ 4K33-Osa-M wurden für diese Übung in das Magazin der Korvette Musson verladen. Der simulierte Angreifer RK-42 erhielt P-15M-Raketen.
Planung Mit Wissen von Konteradmiral Golowko änderten die Teilnehmer den Ablaufplan der Übung dahingehend, dass der Abstand zwischen den beiden Verbänden im Moment des Raketenabschusses drastisch verkürzt wurde und die Marschgeschwindigkeit des Luftabwehrverbandes während der Abfangphase deutlich reduziert wurde.
Der Flottenverband verließ seinen Stützpunkt bei Wladiwostok und lief nach Süden ins Japanische Meer.
Nachdem bereits mehrere Einzelübungen durchgeführt waren, setzte RK-42 zum simulierten Angriff auf die Musson an.
Der dafür verwendete ÜbungsSeezielflugkörper war eine voll funktionsfähige Waffe, bei der lediglich der Sprengstoff entfernt und durch ein Ausgleichsgewicht ersetzt worden war.
Abschuss Die Bedienmannschaft auf dem Schiff, das den Flugkörper startete, sollte gemäß den Vorschriften für solche Übungen manuell ein weit entferntes Zielgebiet festlegen, in dem der Seezielflugkörper nach einem Zielschiff suchen sollte. Die Zielsuchsysteme des Seezielflugkörpers sollten dabei deaktiviert sein. Der Kurs des Flugkörpers zwischen Startpunkt und Zielgebiet sollte ihn dann achtern an dem Schiff vorbeiführen, das die Flugabwehrübung durchführte.
Die Leitsysteme an Bord der Tarantul-Klasse Korvette RK-42 ließen eine solche Programmierung aber nicht zu, sondern zwangen die Operateure, einen erkannten Kontakt direkt anzupeilen. Durch die abgeschalteten Suchsysteme im Seezielflugkörper bestand jedoch trotzdem kaum eine Möglichkeit, dass der Flugkörper die angepeilte Musson auch wirklich traf.Artikel auf kreisers.narod.ru, gesichtet am 17. Januar 2011 Selbst wenn die geschätzte Position des Ziels zum Zeitpunkt des Starts seiner tatsächlichen Position bei der Ankunft des Flugkörpers entsprechen sollte, würde durch das abgeschaltete Suchsystem kein Befehl zum Zielanflug gegeben werden, so dass der Seezielflugkörper sein Ziel überfliegen würde.
Die Korvette RK-42 änderte ihren Kurs in Richtung des Zielpunktes und startete um 18:42 Uhr Ortszeit einen Seezielflugkörper vom Typ P-15M (П-15М). Die Entfernung zur Korvette Musson betrug zu diesem Zeitpunkt rund 21 Kilometer, der simulierte Angreifer RK-42 lag von der Musson aus gesehen in 340°. Die Musson lief mit einer Geschwindigkeit von nur 9 Knoten.
Nachdem sein Feststoffbooster ausgebrannt war, beschleunigte der Seezielflugkörper auf 320 Meter pro Sekunde und begann, seinen Flüssigtreibstoff zu verbrennen. Seine Flughöhe lag zwischen 25 und 50 Metern, ständig überprüft durch das eingebaute Höhenradar. Die Zeit bis zum Erreichen der Musson betrug etwa eine Minute.
Die Besatzung der Musson erfasste das anfliegende Ziel mit den Radarsensoren ihres Schiffes und startete zwei der 9M33-Flugabwehrraketen in Folge, um es abzufangen. Von der Musson aus per Funksignal gesteuert, beschleunigten die Raketen auf über 420 Meter pro Sekunde und flogen dem Ziel entgegen. Trotz der Fernlenkung durch die Spezialisten auf der Korvette und der radargestützten Abstandszünder in den Luftabwehrraketen konnte keine der beiden 9K33 den anfliegenden Seezielflugkörper zerstören.
Korvettenkapitän Wiktor Rekisch ließ auch den AK-725-Geschützturm achtern mit seinen beiden 57-mm-L/75-Kanonen das Feuer auf den SS-N-2C eröffnen. In den 22 Sekunden, die der Seezielflugkörper benötigte, um die Distanz zu überwinden, während der er sich in Reichweite der Geschütze befand, wurden nur fünf 57-mm-Granaten verschossen, aber auch sie konnten das Ziel nicht zerstören.AK-725 bei navweaps.com, gesichtet am 10. November 2010
Der Seezielflugkörper änderte rund 2,5 Kilometer vor dem Schiff abrupt seinen Kurs nach Backbord in Richtung der Musson und begann an Höhe zu verlieren, bevor er die Korvette traf.
Einschlag Der Seezielflugkörper traf die Aufbauten der Musson unterhalb der Brücke, etwa auf Höhe des Funkraums an der Backbordseite ungefähr sieben bis acht Meter über der Wasserlinie. Der Flugkörper durchbrach die Wand des Brückenaufbaus und zerbrach auf seinem Weg durch den Aufbau. Seine Trümmer durchschlugen die Wand an Steuerbord. Die noch vorhandenen 75 % seines Raketentreibstoffs verteilten sich dabei brennend in und um den Aufbau. Die verbliebenen rund 480 kg des Oxidators und rund 160 kg Treibstoff aus dem Flugkörper zerstörten den Funkraum, die Brücke und Teile des Wetterdecks.
Die Kombination aus dem Feuer und der Erschütterung beim Einschlag löste einen Kurzschluss in der Energieversorgung aus und verzog Teile des Aufbaus, so dass sich manche Schotten nicht mehr öffnen ließen und, in Kombination mit zerstörten Leitungen, das automatische Feuerlöschsystem ausfiel. Der Stromausfall blockierte den Mechanismus für die Flugabwehrraketen, so dass sich der Lademechanismus nicht mehr vollständig in das Magazin absenkte, sondern in der Abwärtsbewegung anhielt. Der Steuerbordstartbehälter mit den SS-N-9-Siren-Raketen der Musson ging durch die Wucht des Einschlags über Bord, der Backbordcontainer brannte aus und ging später ebenfalls über Bord. Die Masse der Rettungsmittel wurde durch Feuer beschädigt, oder sie befanden sich in Bereichen des Schiffs, die nicht mehr erreichbar waren, so dass nur wenige Rettungswesten verfügbar waren. Der Kommandant der Musson, Korvettenkapitän Rekischкапитан 3 ранга Рекиш, der Flottillenchef der 192. Division, Fregattenkapitän Kimassowкапитан 2 ранга Кимасов, der stellvertretende Kommandeur der Küstenverteidigungsflotte, Kapitän zur See Timirchanowкапитан 1 ранга Тимирханов und 36 weitere Seeleute wurden getötet.
Das Feuer begann, die Aluminiumteile der Aufbauten in Brand zu setzen, so dass diese zum Teil einstürzten und nach Steuerbord über Bord gingen. Aluminium-Magnesium-Komponenten waren beim Bau des Schiffes in all den Bereichen verwendet worden, in denen keine hohe Belastung zu erwarten war, was sich nun als besonders verhängnisvoll erwies, da die entsprechenden Teile mit so hohen Temperaturen brannten, dass sie mit den noch vorhandenen Bordmitteln von der Schiffssicherung nicht zu löschen waren.