Die Geschichte der Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus ist unter anderem geprägt von der Entscheidung, welche die freikirchlichen Institutionen zwischen Widerstand, der auch ein Verbot in Kauf genommen hätte, und relativer Freiheit in Organisation, Gemeindeleben und Mission trafen. Dabei entschied sich ein Großteil der Gemeinden für die Ergebenheit zum Regime und damit für die Anerkennung durch den Staat. Ein nicht unerheblicher Teil der Freikirchen sympathisierte mit den Ideen des Nationalsozialismus oder passte sich an. Im Krieg führte ein verbreiteter Patriotismus zur Solidarität mit der Regierung. Die Aufarbeitung der freikirchlichen Verantwortung nach Ende des Krieges in Schuldbekenntnissen dauert vielfach bis heute an.

Verhältnis der Freikirchen zum NS-Staat Der Vorschlag von Nationalsozialisten, nach ihrer Machtübernahme eine einheitliche Reichskirche zu bilden, beunruhigte die Leitungen von Freikirchen, da sie in solch einer Kirche lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt hätten.Karl Zehrer: Evangelische Freikirchen, 1986, S. 11. Einige Freikirchler standen der Idee jedoch auch positiv gegenüber oder befürworteten einen Zusammenschluss aller Freikirchen als dritte Säule neben katholischer und evangelischer Kirche. Die Machtübernahme selbst wurde allerorts positiv aufgenommen, nahezu alle Freikirchen zeigten ihre Ergebenheit in Stellungnahmen, Zeitungsartikeln und Grußadressen an die Regierung. Als sich abzeichnete, dass die Freikirchen unabhängig bleiben würden und die vorher lange erstrebten Körperschaftsrechte erhielten, kam es zu Anpassung und Zurückhaltung.Erich Geldbach: Freikirchen – Erbe, Gestaltung, Wirkung, S. 164. Den Freikirchen war es vor allem wichtig, die Möglichkeit zum Evangelisieren aufrechtzuerhalten, wie es der Baptist Paul Schmidt 1946 formulierte: „Immer wieder sahen wir den größeren Gewinn darin, den Evangeliumsdienst so lange wie nur möglich und so stark wie nur möglich zu tun, als ihn früh aufs Spiel zu setzen. Der sich daraus ergebende Gewinn erschien uns größer als der etwaige Gewinn eines zu früh herbeigeführten Verbotes.“ Das Regime sah in den Freikirchen auch Botschafter im Ausland, die in den Jahren vor dem Krieg die Befürchtungen, in Deutschland seien die Christen unfrei und ein neuer Krieg stehe bevor, entkräften sollten. Ein gutes Beispiel der Instrumentalisierung ist die Ökumenische Weltkonferenz in Oxford 1937. Landeskirchliche Vertreter wurden an der Ausreise gehindert, aber Vertreter der Freikirchen durften teilnehmen und verteidigten in einer Rede Hitlers Politik. Der Annexion des Sudetenlandes, der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem Anschluss Österreichs standen die Freikirchen größtenteils positiv gegenüber und feierten Hitler als „Erschaffer Großdeutschlands“. Auch der Einfall der Wehrmacht beim Überfall auf Polen wurde überwiegend gefeiert; als weitere militärische Siege folgten, setzte sich die Ansicht durch, Hitler sei von Gott beauftragt und der Krieg daher göttliches Handeln.

Einige Freikirchen kooperierten auf weiteren Ebenen mit dem NS-Regime. So war die Heilsarmee Teil der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und sammelte für diese Spenden. Generell fanden hier die Nationalsozialisten große Zustimmung.

Baptisten und Brüdergemeinden Auch unter den Baptisten nahm man den Machtwechsel 1933 hoffnungsvoll auf: Vom großen „Wendejahr in der Geschichte“ war die Rede.Günter Balders: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe – 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland, S. 90. Kurze Zeit später führte das Bundeswerk das Führerprinzip als vorbeugende Maßnahme zur Gleichschaltung des Regimes in Bund, Vereinigungen und Gemeinden ein, was 1936 aber teilweise zurückgenommen wurde. 1934 fand in Berlin mit ausdrücklicher Unterstützung der Nationalsozialisten der Baptistische Weltkongreß statt. Auch diesen Kongress nutzte die nationalsozialistische Propaganda, um sich als Staat mit absoluter Religionsfreiheit darzustellen. Die zunehmende Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben wurde auch in baptistischen Gemeinden sichtbar: Juden wurden aus den Gemeinden ausgeschlossen, in der Gemeinschaft isoliert, in Berlin wurde gar eine eigene Gemeinde für Baptisten jüdischer Herkunft geschaffen.

Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab es durchaus patriotische Stimmen. Im Verlauf der Kriegsjahre nahmen die Baptisten als Teil der deutschen Gesellschaft Verluste hin: Viele Mitglieder wurden zum Kriegsdienst eingezogen und starben an der Front; Tausende wurden aus ihren Heimatgebieten vertrieben; durch die Luftangriffe der Alliierten wurden viele Gebäude (u. a. das Seminar in Hamburg sowie Gemeindehäuser) zerstört. Ab Juni 1941 musste der Großteil der kirchlichen Presse eingestellt werden; die letzten vier Kriegsjahre sind also, kirchenhistorisch gesehen, besonders quellenarm. Hier könnte die Auswertung privater Quellen wie z. B. persönlicher Briefe besonders aufschlussreich sein. Das versuchte Uwe A. Gieske im Rahmen seiner eigenen baptistischen Verwandtschaft.Uwe A. Gieske (Hrsg.): Diabo & Lüllau: „Hoffentlich enttäuscht uns Hitler nicht“. Briefe, Bilder, Berichte einer Predigerfamilie. 1925–1960. WDL-Verlag, Berlin 1999. Dabei entsteht der Eindruck, dass die jeweiligen politischen Vorgänge nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit von Baptisten standen, sondern eher die eigene Lebenssituation sowie jene naher Verwandter; hierbei traten oft auch die Auswirkungen des Kriegsgeschehens ins Blickfeld.So Franz Graf-Stuhlhofer in seiner Rezension des Buches von Gieske (Hrsg.): Diabo & Lüllau: Hoffentlich enttäuscht …, 1999, in: Theologisches Gespräch. Freikirchliche Beiträge zur Theologie 28, 2004, S. 119–124. Dort auch methodische Hinweise zur Auswertung solcher Quellenbestände.

Ein großer Teil der deutschen Brüdergemeinden, die „Christliche Versammlung“, wurde 1937 verboten. Die Nationalsozialisten begründeten dies mit einer vermeintlich staatsfeindlichen Haltung; als weitere Ursachen wurden die Kontakte zu ausländischen Brüdergemeinden und eine fehlende Organisationsstruktur vermutet.Wilhelm Bartz: Freikirchen in Deutschland – Geschichte, Lehre, Ordnung, S. 107 f. Während einige Brüdergemeinden in den Untergrund gingen, traten die meisten in den 1937 gegründeten Bund freikirchlicher Christen ein, der sich 1941 mit Baptistengemeinden und Elim-Gemeinden zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zusammenschloss. 1942 wurde der neue Bund anerkannt.

Methodisten Viele Methodisten reagierten auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten positiv, weil sie in der neuen Regierung ein Bollwerk gegen Moralverfall und Kommunismus sahen. Da die Methodisten aufgrund ihrer amerikanischen Herkunft oft in dem Verdacht standen, „undeutsch“ zu sein, hatten viele Mitglieder Angst, verboten oder gleichgeschaltet zu werden. Daher zeigten sich die Kirchenoberen der Regierung gegenüber loyal und unkritisch. Kurz nach der Machtübernahme wurde in einer Grußadresse an den neuen Reichskanzler die Ergebenheit zum Ausdruck gebracht.Erich Geldbach: Freikirchen – Erbe, Gestaltung, Wirkung, S. 163. Eine besondere Rolle spielte der methodistische Bischof Friedrich Heinrich Otto Melle (1875–1947): Als Vorsitzender der Vereinigung Evangelischer Freikirchen nahm er an der vom 12. bis 26. Juli 1937 stattfindenden Ökumenischen Weltkonferenz in Oxford teil. In seiner Rede verteidigte er die nationalsozialistische Politik, sprach von der freien Religionsausübung der Freikirchen in Deutschland sowie von göttlicher Sendung Adolf Hitlers und beklagte die Uneinigkeit des Protestantismus im Kirchenkampf.Voigt: Freikirchen in Deutschland, 2004, S. 181 f. Damit ließ sich Melle von den Nationalsozialisten instrumentalisieren, die im Ausland durch die gut vernetzten Freikirchler einen positiven Eindruck hinterlassen wollten. Bei der Bekennenden Kirche sorgte die Rede zu einem Zerwürfnis mit den Freikirchen und nach dem Krieg zu einem angespannten Verhältnis und Vorwürfen. Nach dem Krieg, im Dezember 1945, rechtfertigte sich Melle und bezeichnete das blinde Vertrauen in Hitlers Politik als Fehler.Voigt: Schuld und Versagen, 2005, S. 82–86. Die Methodistische Kirche legte Ende 1945 ein Schuldbekenntnis ab.

Mennoniten Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 zeigten viele mennonitische Gemeinden und Einzelmitglieder Zustimmung und Sympathiebekundungen, da sie in die Nationalsozialisten ihre Hoffnung auf eine Deliberalisierung und Solidarisierung der Gesellschaft gegen den „Sittenverfall“ setzten. Auch die Agrarpolitik der neuen Machthaber fand bei vielen ländlich verwurzelten Mennoniten Anklang.Diether Götz Lichdi: Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart, S. 190 f. In den Jahren danach wich die Zustimmung oft dem Rückzug ins augenscheinlich unpolitische Gemeindeleben. Die Mennoniten lehnten die Deutschen Christen und das Führerprinzip ab und erhielten ihre Gemeindeordnung aufrecht, distanzierten sich aber nicht deutlich vom Nationalsozialismus.Diether Götz Lichdi: Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart, S. 192. Es ist kein Fall bekannt, dass ein Mennonit nach Einführung der Wehrpflicht den Wehrdienst verweigerte. Die Vertreibung aus dem Osten des Deutschen Reiches am Ende des Zweiten Weltkriegs traf die Mennoniten hart: Viele Mitglieder kamen auf der Flucht um oder mussten sich eine neue Heimat suchen, beispielsweise in der Bundesrepublik oder in Südamerika. 1995 veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden ein Schuldbekenntnis gegenüber den Kriegsopfern und Juden.Diether Götz Lichdi: Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart, S. 199.

Herrnhuter Brüdergemeine Wie andere Landeskirchen und Freikirchen begrüßte auch die Herrnhuter Brüdergemeine die neue Zeit unter den Nationalsozialisten mit großem Jubel. Bei Hitlers „Machtergreifung“ veranstaltete beispielsweise die NSDAP in der brüderischen Ortsgemeinde Neudietendorf (Thüringen) zusammen mit SA und Stahlhelm einen Fackelzug. „Der Appell des Reichskanzlers an das Deutsche Volk durch Rundfunk übertragen“, so die brüderische Zeitung Herrnhut, „beschloss unter Singen des Deutschlandliedes die erhebende Feier.“„Neudietendorf“, in: Herrnhut, 24. April 1933, S. 61. In der brüderischen Kolonie Kleinwelka (Sachsen) bot sich der Brüdergemeine nach dem Gottesdienst bei den Reichstagswahlen im März 1933 „ein eindrucksvolles Bild auf unserem Kirchplatz: Stahlhelm und Militärverein, die mit ihren Fahnen dem Gottesdienste beigewohnt hatten, waren aufgetreten“. Die brüderischen Bläser spielten. Das gute Wahlergebnis der NSDAP in Kleinwelka sei Grund zur Dankbarkeit, hieß es im Herrnhut.„Kleinwelka“, in: Herrnhut, 14. März 1933, S. 92 f. Bemerkenswert sei jedoch, so die Historikerin Hedwig Richter, die unkritische Nähe der Herrnhuter über diese Anfangseuphorie hinaus.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 56. 1941 hieß es beispielsweise im Wochenblatt Herrnhut zum „Geburtstag des Führers“: „Der Weg Adolf Hitlers zum Führer des deutschen Volkes und zum obersten Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht ist so eigenartig, dass es den Generationen, die nach uns kommen […] als ein kaum fassbares Wunder erscheinen wird.“„Zum 20. April“, in: Herrnhut, 20. April 1941. Die Mitgliedschaft in der NSDAP war in der Brüdergemeine vermutlich hoch. 1946 erklärte der Herrnhuter Historiker Hans Walter Erbe die weit verbreitete Mitgliedschaft in der NSDAP in der Brüdergemeine mit einem „vielfach geradezu rührend gute[n] Wille[n], der bei uns mit einer gewissen ernsthaften Naivität verbreitet ist. Ich denke etwa an die alten Schwestern im Schwesternhaus, die mit ehrlicher Überzeugung Parteimitglieder wurden“.Zitiert nach Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 53.

Rolle der Freikirchen im Kirchenkampf