mini|Der Regieraum eines Tonstudios mit Mischpult und Monitorlautsprechern mini|Toningenieur am Mischpult des Dänischen Rundfunks (2007) Ein Tonstudio ist eine Einrichtung zur Aufnahme und Bearbeitung von Schallereignissen. Dabei kann es sich zum Beispiel um Musik jeglicher Art handeln, ebenso um Sprache und Geräusche für Hörfunk- und Fernsehbeiträge, Kinofilmton, um Klangkreationen für Computerspiele oder um Audiowerbung.
Zu einem Tonstudio gehört typischerweise ein Aufnahmeraum, in dem die aufzunehmenden Schallereignisse durch Künstler oder Schauspieler erzeugt werden. In einem davon akustisch weitgehend getrennten, aber optisch durch eine Glasscheibe verbundenen Regie- oder Kontrollraum für Toningenieure, Tonmeister, Regisseure oder Aufnahmeleiter befinden sich ein Mischpult und besonders präzise wiedergebende Studiolautsprecher (Monitore). Die heute fast immer digitalen Aufnahmegeräte sind meist in einem eigenen Technikraum untergebracht.
Allgemeines Tonstudios stehen in der Wertschöpfungskette der Musikindustrie ganz vorn, denn sie stellen mit einem fertigen Master- oder Mutterband die Grundlage für die massenweise Produktion der Tonträger her. Oft fertigen sie auch die Demobänder an, mit denen sich Interpreten bei Plattenfirmen vorstellen. Deshalb lag es nahe, dass Tonträgerunternehmen sich ihre eigenen Tonstudios zulegen; so hat es musikhistorisch auch begonnen. Neben diesen firmeneigenen Tonstudios begannen sich jedoch später auch unabhängige Tonstudios zu etablieren. Während firmeneigene Tonstudios meist ausschließlich für die zugehörigen Plattenfirmen aufnehmen, sind unabhängige Tonstudios auf die Auftragsproduktion angewiesen. Hier hat sich ein Mittler zwischen Tontechnik, Klangideen und kommerziellen Fähigkeiten entwickelt – der Musikproduzent. Während in unabhängigen Tonstudios der Engpass meist bei der Kapitalbeschaffung lag (und liegt), stehen firmeneigene Tonstudios wegen der Fixkostenkontrolle unter Auslastungsdruck. Beide gemeinsam beobachten stets die Entwicklung der Aufnahmetechnik, um den neusten technischen Stand anbieten zu können.
Geschichte mini|Emil Berliner (vorne links), Fred Gaisberg (hinten links) Das erste Tonstudio weltweit wurde durch den Pianisten Fred Gaisberg Anfang 1897 über einem Schuhladen auf der 12th Street in Philadelphia eröffnet.Ross Laird: Tantalizing Tingles. 1995, S. 66. Auch der erste Plattenladen entstand 1897 in Philadelphia.Walter Leslie Welch, Leah Brodbeck: From Tinfoil to Stereo: The Acoustic Years of the Recording Industrie 1877–1929. 1994, S. 98.
Gaisberg war Mitarbeiter des deutsch-jüdischen Emigranten Emil Berliner. Dieser konzentrierte sich auf Wiedergabetechnik (Grammophon, Schallplatte), doch mussten auch Anstrengungen unternommen werden, um die Vorstufe der Wiedergabetechnik, die industrielle Aufnahmetechnik, zu verbessern. Als Berliner am 16. Mai 1888 vor Mitgliedern des Franklin Institutes in Philadelphia die Tonträgerproduktion demonstrierte, war der Weg für die industrielle Tonträgerherstellung frei. Gaisberg kannte als Pianist die Perspektive des Interpreten und machte sich mit der Aufnahmetechnik vertraut. Zu jener Zeit war die Arbeitsteilung im Tonstudio gering, denn die Aufgaben des Toningenieurs, Musikproduzenten und Artists-and-Repertoire-Managers waren oft in einer Person vereinigt.Pekka Gronow, Ilpo Saunio: International History of the Recording Industry. 1999, S. 11. Das traf auch auf Gaisberg zu, denn er kümmerte sich auch um die Entdeckung von Interpreten. Ob der am 14. Mai 1897 in Philadelphia entstandene Titel Little Kicker (Berliner #254), ein Piano-Solo mit Fred Gaisberg,Ross Laird: Tantalizing Tingles. 1995, S. 66. die erste Aufnahme im ersten Tonstudio war, ist nicht überliefert. Denn von Gaisberg als Pianist datieren die ersten Aufnahmen bereits vom 17. November 1892 aus Philadelphia.
Im Juli 1898 errichteten Gaisberg und Joe Sanders im Londoner Cockburn-Hotel das erste europäische Tonstudio. Am 8. August 1898 entstand hier Gaisbergs erste Studioaufnahme in Europa. Dazu setzte er den Klarinettisten aus dem Orchester des Trocadero-Hotels ein. Fred Umsbach spielte Felix Mendelssohn Bartholdys Frühlingslied (Spring Song). Weitere Aufnahmen in London entstanden mit Syria Lamonte, einer australischen Sängerin, die in einem Londoner Restaurant arbeitete. Gaisberg selbst machte am 10. August 1898 Aufnahmen von seinen Piano-Soli (Berliner #5503).
Gaisberg nutzte seinen Aufenthalt in London, um ab Mai 1898 in Europa mit seinem Aufnahmegerät Stimmen aufzuzeichnen. So kam er im März 1902 nach Mailand, wo er den Tenor Enrico Caruso hörte.Marcus Felsner: Operatica: Annäherungen an die Welt der Oper. 2008, S. 23. Am 11. April 1902 entstanden im Mailänder Grand Hotel 10 Aufnahmen mit Caruso – der erste Plattenstar war geboren.
Mitte 1898 ließ Berliner das erste Tonstudio in New York errichten. Eine der ersten Aufnahmen im New Yorker Tonstudio war der Gladiator March der Sousa’s Band vom 1./2. September 1898 (Berliner #13). Die Plattenfirma Victor Talking Machine Co. wurde im Oktober 1901 gegründet und eröffnete ihr firmeneigenes Tonstudio im Februar 1900 im Johnson Factory Building in Camden (das gegenüber von Philadelphia auf der anderen Seite des Delaware River liegt). Es wechselte im September 1901 nach Philadelphia. Bis 6. November 1907 wurden hier die meisten Victor-Aufnahmen gemacht.Allan Sutton: auf: mainspringpress.com, 2008.
Die Anforderungen an Tonstudios stiegen in dem Maße, wie sich die Plattenumsätze verbesserten. Die Umsätze der Victor Talking Machine Co. mit wenigstens 1/3 Marktanteil in den USA stiegen von 1,696 Millionen Platten 1902 auf 18,6 Millionen im Jahr 1915. In Deutschland wurden 1908 insgesamt 6,2 Millionen Platten in Hannover hergestellt. Im September 1901 zogen die Victor-Aufnahmestudios von Camden nach Philadelphia, wo sie die ehemaligen Berliner-Büros an der 420 South 10 Street nutzten. Am 8. Oktober 1904 bezieht Victor in New York ein neues Tonstudio. Als am 1. Januar 1909 Harry O. Sooy bei Victor zum Leiter des Aufnahmeteams ernannt wurde, war die Funktion des Musikproduzenten geboren. Am 2. Oktober 1917 wird in Camden erstmals das 100 Mann fassende Großstudio mit Aufnahmen vom Boston Symphony Orchestra unter Leitung von Karl Muck eingeweiht. Am 27. Februar 1918 fanden erste Aufnahmen in der Camden Trinity Church statt, einer von Victor zum Tonstudio umgebauten Kirche. Am 26. Januar 1925 werden in Camden erste Vorbereitungen für elektrische Tonaufnahmen getroffen, am 9. Februar 1925 folgen Tests, am 25. Februar 1925 die erste kommerzielle elektrische Tonaufnahme. Am 24. Juni 1925 fand die erste elektrische Tonaufnahme in Europa statt, und zwar von Jack Hyltons Feelin Kind O Blue in den HMV-Tonstudios in Hayes/Middlesex.
1923 startete der Rundfunk. Die Rundfunkanstalten trennten schon wenig später den Kontrollraum vom Aufnahmeraum ab. Zuvor standen Schauspieler und Techniker in einem Raum um das Mikrofon herum. 1929 spricht die BBC in ihrem Hand Book erstmals von „‚Mixing‘ Studios“ und erklärt den noch in Anführungszeichen gesetzten Begriff so: In längeren Rundfunkproduktionen wie zum Beispiel Hörspielen, die damals live aufgeführt wurden, gab es zwei Typen von Klangquellen – die Sprechstimmen und die Geräusche. Ursprünglich waren beide in einem Raum untergebracht, aber die Hörer beschwerten sich, bei lauten Effektgeräuschen der Erzählung nicht mehr folgen zu können. Als Konsequenz lagerte der Londoner Sender die „Noise Effects“ (Gewitter durch große Metallfolien, Pferdegalopp durch Stein auf Stein usw.) in einen gesonderten Raum aus; die Effektemacher hörten über Kopfhörer mit, was im Sprecherraum geschah.
„Die Klänge beider Studios wurden über Leitungen an ein zentrales Schaltpult übermittelt, das der leitende Produzent bediente. Dieser war dadurch in der Lage, die beiden Tonquellen in den exakt benötigten Mengen zu ‚mischen‘.“BBC Hand Book 1929: The Problems of the Producer, S. 180. (aus dem Englischen übersetzt)
Das Konzept war so erfolgreich, dass der Sender große Produktionen Ende der 1920er Jahre mit mehr als drei Studios fuhr. In einem saß ein Orchester, in einem anderen eine Band; auch die Schauspieler wurden in Gruppen getrennt, um verschiedene Akustiken herzustellen. Das Mischpult hieß damals noch „Switchboard“, also Schaltpult.
Als um 1930 das Schneiden von Schallplatten Standardtechnik zum Konservieren von Klängen in guter Qualität war, schossen Plattenfirmen und damit zusammenhängend Musikstudios aus dem Boden, etwa am 12. November 1931 die Abbey Road Studios in London. Das erkennbar erste unabhängige, für kommerzielle Zwecke genutzte Tonstudio entstand 1933 unter dem Namen United Sound Studio in Chicago. Bill Putnam gründete 1946 sein erstes Tonstudio unter dem Namen Universal Recording Corporation und weitete sein Imperium an Tonstudios ab 1961 kontinuierlich aus.
In Deutschland wurden von Plattenfirmen anfangs Konzertsäle, Theater, Messehallen (Köln), Singakademie Berlin oder Kirchen für Aufnahmezwecke benutzt. Im Jahre 1900 entstand in Berlin-Mitte (Markgrafenstr. 76) ein erstes sogenanntes „Aufnahme-Atelier“ für die Deutsche Grammophon AG, aus dem die Emil Berliner Studios hervorgegangen sind. Die Aufnahmeräume waren für symphonische Aufnahmen sehr klein. Die DGG nimmt deshalb am 12. September 1913 im „Studio“ – einer kleinen DGG-Fabrikhalle in Berlin – mit den Berliner Philharmonikern unter Arthur Nikisch Beethovens Fünfte auf. Kurz nach Gründung richtete die Electrola ihr erstes Studio in Berlin ein. Fritz Kreisler spielte hier am 14. Dezember 1926 Felix Mendelssohn Bartholdys Lieder ohne Worte (Opus 62 Nr. 1) ein, Michael Raucheisen/Fritz Kreisler nahmen Robert Schumanns Romanze für Oboe und Piano (Op94) hier am 13. Dezember 1927 auf. Dem Umzug nach Köln folgte 1956 der Aufbau der Electrola-Studios auf dem Kölner Maarweg, in denen die großen Electrola-Schlager entstanden.
Die Erfindung und Einführung des Magnetophons löste in den 1940er Jahren das bis dahin praktizierte Direktschnitt-Aufnahmeverfahren für die Schallplatte ab. Kurz vor Ablösung der magnetisch-mechanischen Speicherung durch digitale Aufzeichnung, erlebte der Direktschnitt eine Renaissance.
Räumlichkeiten Klassische Tonstudios zur Aufnahme von Musik, speziell Studios für große Klangkörper (wie Orchester, Chöre und Big Bands), bestehen in der Regel aus mehreren Räumen oder Teilräumen, welche einerseits gegen Störgeräusche von außen gut abgeschirmt sind und andererseits mit entsprechenden akustisch-dämpfenden Raumelementen ausgestattet wurden, welche für die jeweils gewünschte Akustik sorgen.
Regieraum Benötigt wird zumindest ein Regieraum, bei Hörfunkstudios auch Kontrollraum genannt, in dem eine oder mehrere Personen (zum Beispiel inaktive Musiker, Tontechniker, Tonmeister oder ein spezialisierter Aufnahmeleiter) sitzen und die Aufnahme koordinieren. Von dort aus wird das aufgenommene Tonmaterial über Studiomonitore (Lautsprecherboxen) überwacht und beurteilt sowie später geeignet abgemischt und zusammengeschnitten. Er enthält den überwiegenden Teil der Technik, wie Mischpulte, Klangerzeuger, Effektgeräte, Tonbandmaschinen, Computer und Analog-Digital-Wandler. Von hier aus wird den Musikern und Sängern auch Tonmaterial zugespielt.
Der Regieraum benötigt eine unauffällige, möglichst neutrale Akustik. Die Nachhallzeit sollte über das gesamte Frequenzspektrum hinweg ca. 0,3 Sekunden nicht überschreiten, um eine Beurteilung der Aufnahme und der späteren Mischung zu erleichtern. Ein häufiges Einrichtungskonzept für Regieräume ist Live End Dead End (LEDE)-Prinzip; dabei wird der vordere Bereich des Regieraums stark absorbierend ausgeführt, während im hinteren Bereich Diffusoren und Reflektoren dominieren. mini|Aufnahmeraum für Schlagzeug mini|Aufnahmeraum mit Konzertflügel
Aufnahmeraum