mini|hochkant=1.5|Eberhard Göschel im Atelier, Fotografie von Lothar Sprenger, 2008 Eberhard Göschel (* 28. März 1943 in Bubenreuth; † 28. Dezember 2022 in DresdenDer Dresdner Maler Eberhard Göschel ist tot. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 29. Dezember 2022, S. 9.) war ein deutscher Maler, Grafiker, Plastiker und Aktionskünstler. Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und war ab 1969 freiberuflich tätig. Er schuf überwiegend abstrakte Kunst und verweigerte sich konsequent der in der DDR propagierten Kunst des sozialistischen Realismus. Im Jahr 1978 gehörte er zu den Gründern der freien Druckwerkstatt Obergrabenpresse.
Leben und Wirken Jugend und Studium mini|Hochschule für Bildende Künste, Dresden Göschel wurde 1943 im bayerischen Bubenreuth geboren, doch zog die Familie – Göschel hatte zwei ältere Geschwister – im selben Jahr nach Königstein in der Sächsischen Schweiz. Der Vater, der als Porzellanmaler tätig war, diente im Zweiten Weltkrieg und galt ab 1943 als vermisst. Göschels Mutter betrieb in Königstein einen Kurzwarenladen.J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 87. Göschel legte 1961 sein Abitur ab und absolvierte eine Gebrauchswerberlehre in Pirna. Den Mauerbau erlebte er von Westberlin aus,Kurzbiografie auf obergrabenpresse.de wo sein Bruder, der spätere Künstler und Architekt Wolfgang Göschel (* 1940)Kirchenumbau Heilig-Kreuz-Kirche, abgerufen am 10. November 2022, studierte.
Göschel besuchte von 1962 bis 1963 Abendschulkurse bei Gerhard David an der Kunsthochschule Dresden. Seine Delegierung wurde zurückgezogen, als er sich gegen die in der DDR eingeführte Wehrpflicht aussprach. Er hatte jedoch die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bereits bestanden und konnte so ab 1964 Malerei studieren. Zu seinen Lehrern gehörte Herbert Kunze, in seinen beiden Abschlussjahren wählte Göschel Rudolf Bergander als betreuenden Professor.J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 88.
Im Jahr 1965 zog Göschel nach Dresden um. Wohnräume und Atelier befanden sich zunächst im Hinterhaus auf der Gostritzer Straße 92,Annechristin Bonß: Ärger um sanierte Denkmal-Villa. saechsische.de, 1. Oktober 2015. das bereits zuvor von einer Künstlerin bewohnt worden war.Mathias Bäumel: Was noch zu sagen wär’. Gostritzer Straße 92: Einst waren hier bedeutende Künstler zugange. In: Südhang, Nr. 2, 2023, S. 10. Göschel erwarb zudem 1968 ein Bauernhaus in Fürstenau, wo er ein Maleratelier einrichtete, das er bis zu seinem Tod nutzte. Günter Grass nahm auf seinen Aufenthalt in Göschels Fürstenauer Atelier 1987 in seinem Werk Totes Holz Bezug.Eberhard Göschel: Fürstenau. In: Günter Groß: Künstlerhäuser im Osterzgebirge. Lohgerber-, Stadt- und Kreismuseum, Dippoldiswalde 2003, S. 59.„Nach kurzem Aufklaren […] überraschten im Erzgebirge, wo wir in Göschels von Mäusen bewohnter Zuflucht hausten, heftige Regenschauer.“ In: Günter Grass: Totes Holz. Ein Nachruf. Steidl, Göttingen 1990. S. 107. Göschel beendete sein Studium 1969 mit dem Diplom als Maler/GrafikerTobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR. 2015, S. 346. und begann, als Künstler freiberuflich tätig zu sein. Er studierte von 1977 bis 1980 als Meisterschüler bei Theo Balden an der Akademie der Künste der DDR. Sein Atelier befand sich 1977 am Pariser Platz unweit der Berliner Mauer.
Künstlerischer Werdegang bis 1989 mini|Bautzner Straße 10, Oberlichtatelier Eberhard Göschels von 1978 bis ca. 2008 mini|Jochen Lorenz, Eberhard Göschel und Bernhard Theilmann (v. l. n. r.) 1993 mini|A. R. Penck, Mitbegründer der Obergrabenpresse mini|Peter Herrmann 2012
Noch während des Studiums wurde Göschel 1968Detlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 743. Teil des Künstlerkreises um A. R. Penck, zu dem unter anderem Peter Herrmann, Peter GrafDetlef Krell: Unabhängige Künstlerwerkstätten in Dresden. In: Günter Feist, Eckhart Gillen und Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945–1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. DuMont, Köln 1996, S. 742. und Jürgen Böttcher („Strawalde“) gehörten, die „unter Kunstfunktionären als Sonntagsmaler mit einem Hang ins Asoziale [galten], Autodidakten und Antiakademiker“. Mit Lyriker und Verleger Bernhard Theilmann war Göschel zudem seit Kindheitstagen befreundet, da beide in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander aufwuchsen. Ab 1968 wurde Göschel vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) „intensiv observiert“, so eröffnete das MfS 1969 gegen Graf, A. R. Penck, Herrmann, Böttcher und Göschel, die sich regelmäßig in Göschels Atelier auf der Gostritzer Straße trafen, den Operativen Vorgang Atelier. Ein Grund war unter anderem die „Verherrlichung der westlichen Dekadenz“ und das Ziel „die Einflußsphäre dieser Gruppierung unter Kontrolle zu bringen und Maßnahmen zu deren Liquidierung einzuleiten“.Zit. nach J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 88–89. Göschel war in der Folgezeit immer wieder Repressionen ausgesetzt.
Göschel, dessen Frau und Kinder 1972 auf die Gostritzer Straße 92 nachgezogen waren, bezog 1973 mit seiner vierköpfigen Familie eine Wohnung samt Atelier auf dem Obergraben 2 in der Dresdner Inneren Neustadt. Sein Haus auf der Gostritzer Straße diente zunächst 1976 dem aus der Haft entlassenen Schriftsteller Siegmar Faust, bis 1980 A. R. Penck sowie von 1980 bis 1984Mathias Bäumel: Was noch zu sagen wär’. Gostritzer Straße 92: Einst waren hier bedeutende Künstler zugange. In: Südhang, Nr. 2, 2023, S. 12. Künstler Reinhard Sandner (* 1951) als Unterkunft. Göschels Ateliers befanden sich in den Folgejahren unter anderem im Haus Obergraben 9 sowie auf der Bautzner Straße 10 in Dresden (Oberlichtatelier, 1978 bis ca. 2008). Von staatlicher Seite sollte die Zuweisung von Atelierräumen dabei im Einklang mit dem Operativen Vorgang KII 84/76 erfolgen, der die „Verhinderung der Vergabe von besonders günstig gelegenen Ateliers an Göschel […] im Zentrum der Dresdner Neustadt“ zum Ziel hatte.Zit. nach J. R. Bernhard Theilmann: Momente einer Landnahme. In: Ulrich Bischoff (Hrsg.): E. Göschel: Gemälde, Gouachen, Terrakotten. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dresden 1994, S. 89.
Göschels Werke waren gemeinsam mit Exponaten von Peter Graf und Peter Herrmann erstmals 1973 im Rahmen einer Ausstellung in der Kleinen Galerie Pankow zu sehen. Seine erste Personalausstellung erfolgte 1975 im Dresdner Leonhardi-Museum. Große Ausstellungen Göschels gab es in der DDR jedoch nie: Seine abstrakten Werke entsprachen nicht dem „Denksystem des sozialistischen Realismus“, konnten jedoch als „gegenstandsloses Bild“ auch nicht bewertet werden, „und so blieben dem Künstler zwar die großen Ausstellungssäle verschlossen, im kleinen konnte er sich hingegen relativ frei entfalten“.Jörg Trempler: Eberhard Göschel. Zur Ausstellung von Werken des Künstlers im Albertinum vom 17. Juli bis 9. Oktober 1994. In: Dresdnener Kunstblätter, Nr. 5, 1994, S. 151. Göschel war allerdings als Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR in der DDR und im Ausland neben Einzelausstellungen auf einer Anzahl wichtiger Gruppenausstellungen vertreten, u. a. 1974 in Helsinki auf DDR-Kunst und von 1977 bis 1988 auf der VIII. bis X. Kunstausstellung der DDR in Dresden.
Von 1975 bis 1982 gehörte Göschel mit Peter Herrmann, Thea Richter und Klaus Dennhardt zur Arbeitsgruppe Ausstellungen des Leonhardi-Museums,Angelika Weißbach: „Mit Kunsthonig auf dem Brot endet alle Not …“ Gruppenausstellungen im Leonhardi-Museum. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 284. die er von 1976 bis 1979 auch leitete. Gezeigt wurden unter anderem abstrakte Werke von Herbert Kunze, Claus Weidensdorfer, Jürgen Böttcher, Peter Makolies sowie im Rahmen der Ausstellung Gemeinschaftsbilder 1980 anonym auch zwei Werke von A. R. Penck.Angelika Weißbach: „Mit Kunsthonig auf dem Brot endet alle Not …“ Gruppenausstellungen im Leonhardi-Museum. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 289. Eine kurz zuvor geplante Ausstellung, die Werke von A. R. Penck zeigen sollte (Dezennien II), wurde verboten und das Leonhardi-Museum von 1982 bis 1986 schließlich von staatlicher Seite wegen vorgeblicher Renovierungsarbeiten geschlossen.Karl-Siegbert Rehberg: Verkörperungs-Konkurrenzen. Aktionskunst in der DDR zwischen Revolte und „Kristallisation“. In: Frank Eckhardt, Paul Kaiser (Hrsg.): Ohne uns! Kunst & alternative Kultur in Dresden vor und nach ’89. efau-Verlag, Dresden 2009, S. 275. Göschel habe den Ruf des Leonhardi-Museums „als Ort für innovative streitbare neue Kunst […] seit 1974 entscheidend mit begründet“, urteilte die Kritik rückblickend.Tomas Petzold: Metamorphosen eines Lebensentwurfs. Eberhard Göschel malt und malt und wird heute 75. In: Dresdner Neueste Nachrichten, 28. März 2018, S. 9. Er fungierte zudem als Gründungsmitglied der Galeriebeiräte der neuen Dresdner Galerie Nord (1974) und Galerie Mitte (1979).