Als Augustrevolution in Vietnam wird die Etablierung einer von der französischen Kolonialmacht unabhängigen vietnamesischen Regierung in Hanoi durch die Viet Minh ab August 1945 bezeichnet. Am 2. September 1945 rief Ho Chi Minh öffentlich in Hanoi die Demokratische Republik Vietnam (DRV) aus. Die Absicht Frankreichs, seine Kolonie wieder in Besitz zu nehmen, wurde durch die drohende Intervention nationalchinesischer Truppen, die in Nordvietnam stationiert waren, aufgeschoben. Infolgedessen kam es zu einem kurzlebigen Interimsabkommen zwischen Frankreich und den Viet Minh. Nach Abzug der chinesischen Truppen eskalierte die Lage Ende 1946 und mündete in den bis 1954 andauernden Indochinakrieg.
Hintergrund Kolonialherrschaft mini|Administrative Gliederung der Kolonie Indochina mit den mehrheitlich vietnamesischen Regionen Tonkin, Annam und Cochinchina Mitte des 19. Jahrhunderts begann Frankreichs ökonomische und militärische Einflussnahme in Indochina, 1857 die französische Landnahme in Cochinchina. Saigon wurde 1859 von französischen Truppen besetzt. 1882 bis 1897 wurden Zentral- und Nordvietnam sowie Laos der französischen Kolonie zugeschlagen. Die historisch tradierte vietnamesische Monarchie wurde durch Aushöhlung ihrer Souveränität in ein Werkzeug des Kolonialstaats umgewandelt.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 4, S. 15, S. 85–86.
Anfang des 20. Jahrhunderts bildete sich eine sehr kleine einheimische Bevölkerungsschicht mit moderner Schul- und Hochschulausbildung, welche in untergeordneten Funktionen dem Kolonialstaat diente. Diese Intellektuellen kritisierten die Kolonialmacht aus nationalistischer oder auch marxistischer Perspektive. Es wurden politische Parteien nach modernem Vorbild im Geheimen gegründet, um der Kolonialmacht organisierten Widerstand entgegensetzen zu können. Dabei fanden vor allem unter der jungen Generation marxistische Ideen einen hohen Zuspruch. 1930 orchestrierte die nationalistische VNQDD einen Aufstandversuch in Yen Bai. Die im selben Jahr gegründete Kommunistische Partei Indochinas beteiligte sich an Bauernunruhen mit der Einrichtung von kurzlebigen Dorfsowjets. Frankreich konnte die Aufstandsbewegungen mittels Kolonialtruppen rasch eindämmen und die Netzwerke der Unabhängigkeitsbewegungen zerschlagen. Im Rahmen der Repression wurden mehrere Tausend Menschen getötet und rund 10.000 Vietnamesen in Haft genommen.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 305–319.
Die französische Kolonialherrschaft bedeutete für die vietnamesische Mehrheitsbevölkerung der in Dorfgemeinschaften lebenden Bauern mit keinem oder geringem Landbesitz eine Verschlechterung der eigenen Lebensbedingungen. Von den 1830ern bis zu den 1930ern versechsfachte sich die Bevölkerung Indochinas aufgrund der Einführung moderner Hygiene- und Impfmaßnahmen, die Fläche kultivierten Landes nahm aber nur um den Faktor zwei zu. 1939 konnte sich die Mehrheit der Landbevölkerung in Tonkin außerhalb der Erntezeit nicht mehr als eine Mahlzeit am Tag verschaffen. Zu dieser chronischen Mangelernährung kam die Furcht vor immer wieder auftretenden Hungersnöten. Die Kolonialverwaltung verschärfte diese Not zusätzlich durch die Besteuerung der Bauern zwecks Entwicklung einer Kolonialwirtschaft. Besonders während der Weltwirtschaftskrise kam es wiederholt zu Hungersnöten im Norden des Landes.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 274, S. 263, S. 266, S. 269.
Niedergang der Kolonialmacht im Zweiten Weltkrieg
Das politische Gefüge Französisch-Indochinas wurde durch die Niederlage Frankreichs im Westfeldzug entscheidend erschüttert. Die dem kollaborierenden Vichy-Regime zugehörige Kolonialverwaltung und das dort stationierte Militär wurden auf eine Rolle der Machtlosigkeit reduziert, während die Kolonie im Kriegsverlauf mehr und mehr unter japanischen Einfluss geriet. Seit 1940 waren japanische Streitkräfte in der Kolonie stationiert, deren Marine und Luftwaffe die Einrichtungen des Landes im Kampf gegen die Alliierten nutzten. Im Sommer 1941 musste die französische Verwaltung rund 70.000 Quadratkilometer der Kolonie an Thailand abtreten, um den nach 1940 von Thailand begonnenen Französisch-Thailändischen Krieg zu beenden.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 337–338, S. 348. Ende 1944 plante die japanische Führung wegen einer zu erwartenden alliierten Landung in Indochina die Operation Meigo Sakusen (Heller Mond) zur Entwaffnung der verbliebenen französischen Kolonialtruppen und zur Machtübernahme in Indochina. Die Operation sollte einer Landung zuvorkommen oder im Hinterland guerillaartigen Widerstand leisten. Die Aktion wurde mehrmals verschoben, jedoch am 28. Februar vom Obersten Kriegsrat endgültig befohlen. Ausschlaggebend war die Argumentation des Außenministers Mamoru Shigemitsu, dass eine Invasion Indochinas weiterhin möglich sei und er von diplomatischer Seite garantieren könne, dass Indochina keinen Kriegsgrund für die Sowjetunion gegenüber Japan darstelle.Stein Tønnesson: The Vietnamese Revolution of 1945 – Roosevelt, Ho Chi Minh and de Gaulle in a World at War, Oslo, 1991, S. 206f, S. 220 f. Am 9. März 1945 besetzten schließlich japanische Truppen die Kolonie handstreichartig und stellten sie unter direkte japanische Verwaltung, die jedoch angesichts des Niedergangs Japans im Zweiten Weltkrieg vor allem Anarchie hinterließ. Am 11. März erklärte sich Bảo Đại auf japanischen Vorschlag zum Kaiser eines formal unabhängigen vietnamesischen Nationalstaats inklusive Südvietnams, blieb jedoch ohne internationale Anerkennung und politische Macht, die vor Ort de facto von japanischen Militärs ausgeübt wurde. Die Mehrheitsbevölkerung auf dem Land indes blieb von Bao Dais kurzlebiger Herrschaft gänzlich unberührt.Stein Tønnesson: The Vietnamese Revolution of 1945 – Roosevelt, Ho Chi Minh and de Gaulle in a World at War, Oslo, 1991 S. 281. Ebenso erlangten in Folge der japanischen Machtübernahme die Monarchien in Laos und Kambodscha eine zumindest formale Unabhängigkeit und wurden vom Einfluss der Kolonialmacht abgeschnitten.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 337–338, S. 348. Aufgrund des Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung verschlimmerte sich die Sicherheitslage insbesondere für die wenigen verbliebenen europäischen Kolonisten.David G. Marr: Vietnam. State, War And Revolution 1945–1946. 2013, S. 192–194. Mit dem japanischen Handstreich erlebte die Viet Minh erneut explosionsartig Zulauf, da deren Unterstützer nun keine Repressionen mehr seitens der bis dahin weiter tätigen französischen Sicherheitskräfte befürchten mussten.Stein Tønnesson: The Vietnamese Revolution of 1945 – Roosevelt, Ho Chi Minh and de Gaulle in a World at War, Oslo, 1991 S. 247.
Ökonomisch wurde das Land durch den Krieg isoliert. Die Produktion des schwach ausgeprägten Industriesektors des Landes kam 1944 zum Erliegen. 1945 mussten ärmere Landbewohner auf Grasmatten zu Bekleidungszwecken zurückgreifen, da kein Stoff mehr verfügbar war. Die wenigen verbliebenen Motorfahrzeuge wurden aus Mangel an Erdöl zur Treibstoffherstellung mit Holzvergasern oder Ethanol betrieben. Eine schlechte Reisernte sowie kriegsbedingt erzwungene Exporte nach Japan und der Mangel an Transportmitteln verursachten vom Herbst 1944 bis zum Mai 1945 eine Hungersnot, der laut Schätzungen der französischen Kolonialverwaltung rund eine Million Menschen zum Opfer fielen.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 337–338, S. 348.David G. Marr: Vietnam. State, War And Revolution 1945–1946. 2013, S. 192–194.
Die frei-französische Regierung unter Charles de Gaulle hatte sich in der Konferenz von Brazzaville 1944 festgelegt, die Souveränität über sämtliche kolonialen Besitzungen zu erhalten beziehungsweise wiederzuerlangen. Den kolonialisierten Gesellschaften wurde dabei ein humanisiertes, weniger ausbeuterisches Kolonialsystem versprochen. Bezüglich Indochina bekräftigte die französische Regierung dies nochmals kurz nach der Machtübernahme durch die Japaner im März 1945 mit einer eigenen Regierungserklärung.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 337–338, S. 353–354. Im August 1945 ernannte de Gaulle Georges Thierry d’Argenlieu zum Generalgouverneur von Indochina mit dem öffentlich verlautbarten Ziel, die französische Souveränität in der Kolonie wiederherzustellen.David G. Marr: Vietnam. State, War And Revolution 1945–1946. 2013, S. 183–184. US-Präsident Harry S. Truman hatte der französischen Regierung bereits im Mai 1945 zugesichert, dass die USA die Souveränität Frankreichs über Indochina anerkennen und unterstützen würden.David G. Marr: Vietnam. State, War And Revolution 1945–1946. 2013, S. 296. Im Rahmen der Potsdamer Konferenz im August 1945 legten die Siegermächte in Abwesenheit Frankreichs in einer Nebenabrede fest, dass Indochina nördlich des 16. Breitengrades von nationalchinesischen Truppen, der Südteil dagegen von britischen Truppen besetzt werden sollte, um so US-amerikanische Kräfte für die Besetzung der japanischen Hauptinseln freizumachen.Fredrik Logevall: Embers of War. The Fall of an Empire and the Making of America's Vietnam. 2013, S. 90.
Erstarken der kommunistischen Unabhängigkeitsbewegung mini|300px|1945 Bereits im Mai 1941 hatte die Kommunistische Partei Indochinas unter Führung Ho Chi Minhs auf dem 8. Plenum des Zentralkomitees beschlossen, der nationalen Unabhängigkeit gegenüber den sozialen und politischen Zielen der kommunistischen Revolution den Vorrang zu geben. Als Instrument dieser Politik wurde die Viet Minh als Sammlungsbewegung zur Erreichung der Unabhängigkeit unter Kontrolle der Partei gegründet, die ihrerseits mit der Nationalen Befreiungsarmee einen militärischen Flügel einrichtete, der in den unzugänglichen Regionen des Viet Bac in Tonkin einen militärischen Rückzugsraum aufzubauen begann. Dieses Wachstum der Viet Minh konnte auch durch mehrere französische Militär- und Geheimdienstoperationen nicht eingeschränkt werden.Pierre Brocheux, Daniel Hémery: Indochina. An ambiguous Colonization, 1858–1954. 2009, S. 349–351.
Die mit Japan im Krieg liegende Republik China unterstützte die Viet Minh durch Ausbildung ihrer Kader, und Planungen für eine chinesische Invasion Indochinas intensivierten ab Ende 1943 diese Zusammenarbeit weiter. Insbesondere zwangen die chinesischen Behörden die von ihr abhängigen, nicht-kommunistischen vietnamesischen Nationalisten durch politischen Druck zur Zusammenarbeit mit der Viet Minh.Stein Tønnesson: The Vietnamese Revolution of 1945 – Roosevelt, Ho Chi Minh and de Gaulle in a World at War, Oslo, 1991 S. 118. Seit mindestens 1944 rechnete die Viet Minh mit der kampflosen Übernahme der Macht in Vietnam im Zuge einer japanischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg.Stein Tønnesson: Vietnam 1946. 2010, S. 22. Bis 1945 überzog die Viet Minh ganz Vietnam mit hunderten lokaler Komitees der nationalen Rettung, mit denen mehrere zehntausend Unterstützer mobilisiert werden konnten. Bis zum März 1945 konnte die Guerilla ihren Aktionsradius bis nach Thai Nguyen, dem Tor zum Delta des Roten Flusses, ausdehnen. Seit Anfang 1945 befand sich auf Initiative des Office of Strategic Services ein kleines US-amerikanisches Team bei der Viet-Minh-Guerilla, das diese im Fall größerer Kampfhandlungen mit Japan unterstützen sollte.Fredrik Logevall: Embers of War. The Fall of an Empire and the Making of America's Vietnam. 2013, S. 82–86.
Siegeszug der Viet Minh und Unabhängigkeitserklärung Etablierung der Demokratischen Republik Vietnam mini|300px|Treffen in der Grand Opera von Hanoi am 17. August 1945