Unter Zwangssterilisation versteht man die Herbeiführung von Unfruchtbarkeit (Zeugungsunfähigkeit) beim Menschen ohne dessen Einwilligung. In großem Umfang wurde sie vorgenommen im Rahmen der Eugenikprogramme der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Zusammenhang mit geschlechtsangleichenden Operationen bei intersexuell geborenen Kindern.
Bis 2011 war im Anwendungsbereich des deutschen Transsexuellengesetzes die Unfruchtbarkeit Voraussetzung für die Anpassung des Personenstandes an die empfundene Geschlechtszugehörigkeit. Kritiker bezeichneten dies ebenfalls als eine Form der Zwangssterilisation, auch wenn diese mit der Einwilligung der Betroffenen erfolgte.
Geschichte USA mini|Übersicht über die Sterilisationsgesetzgebung in den einzelnen US-Staaten (nach Harry H. Laughlin, 1926). Im 20. Jahrhundert kam es in den USA zu 70.000 Zwangssterilisierungen. Die Geschichte gesetzlicher Regelungen zur Sterilisationen beginnt 1907 mit dem weltweit ersten Gesetz in Indiana,Ruth Clifford Engs: The Progressive Era's Health Reform Movement. A Historical Dictionary. Westport 2003, S. 111. das jedoch für verfassungswidrig erklärt wurde. In anderen US-Staaten gab es nur freiwillige Sterilisationen, bestehende Gesetze wurden zum Teil auch nicht angewendet. In vielen US-Staaten gab es überhaupt keine entsprechenden Gesetze.
In den USA wurden Zwangssterilisationen bis 1981 erlaubt und offiziell durchgeführt.Julie Sullivan. (2002). State will admit sterilization past, Portland Oregonian, November 15, 2002. (Mirrored in Eugene Register-Guard, November 16, 2002, at Google News.) Regelmäßig wurden bis 2013 in den USA Zwangssterilisationen an Gefängnisinsassinnen durchgeführt.The Guardian: Belly of the Beast. California's dark history of forced sterilizationsThe Marshall Projekt: Sterilization of Women in PrisonJulia Naftulin (2020): Inside the hidden campaign to forcibly sterilize thousands of inmates in California women's prisons
mini|Werbung des Gesundheits-, Bildungs- und Wohlfahrtsministeriums der Vereinigten Staaten (HEW) für Geburtenkontrolle durch Sterilisation gegenüber Native Americans (mehr Wohlstand durch weniger Kinder), 1974. Insbesondere in den 1960/70er Jahren wurden an amerikanischen Ureinwohnern bzw. an indigenen Frauen Zwangssterilisationen vorgenommen;Sanjana Manjeshwar (2020): America’s Forgotten History of Forced SterilizationEncyclopedia of Race and Racism: Forced Sterilization of Native Americans nach einer Studie des damaligen U.S. General Accounting Office wurden zwischen 1973 und 1976 3.406 amerikanische indigene Frauen ohne Zustimmung sterilisiert.
Schweden 1921 beschloss der schwedische Reichstag die Einrichtung des weltweit ersten rassenbiologischen Institutes an der Universität Uppsala. „Zwischen 1935 und 1976 wurden in Schweden rund 62 000 Menschen zwangsweise sterilisiert.“Deutsches Ärzteblatt, Ernstwalter Clees (1997): Zwangssterilisationen in Skandinavien. Weitverbreitete Ideologie der Eugenik Offiziell wurde in den schwedischen Sterilisationsgesetzen (sowie in weiteren skandinavischen Ländern)Corinna Horban: Gynäkologie und Nationalsozialismus. Die zwangssterilisierten, ehemaligen Patientinnen der 1. Universitätsfrauenklinik heute - eine späte Entschuldigung. München 1999, S. 105. nicht von Zwangsmaßnahmen gesprochen, allerdings von solchen ohne Zustimmung und Ärzte waren in „relevanten“ Fällen angewiesen, Bedenken zu zerstreuen.Jean-Philippe Ernst: Zwangssterilisation. Ein aktuelles medizinethisches Thema? In: Medizin im Dienst der „Erbgesundheit“ Beiträge zur Geschichte der Eugenik und „Rassenhygiene“ (Hg. Westermann, Kühl, Groß). Berlin 2009, S. 254.
Großbritannien Innerhalb Großbritanniens wurde Zwangssterilisierung zumindest noch bis in die 1950er Jahre als gesetzliche Maßnahme des Strafrechtes gegen Homosexuelle angewandt. Einer der prominentesten Betroffenen war Alan Turing.
Die britische „Entwicklungshilfe“ (UKAID) unterstützt Indiens Sterilisationskampagnen finanziell offiziell aus Gründen des Klimaschutzes."Sterilization is the most common method of family planning used by India’s Reproductive and Child Health Programme Phase II, begun in 2005 with UK funding.", sowie: "The UK’s aid agency cited a need to address climate change by reducing population as a key reason to fund India’s abusive program, reports The Guardian." (Wendy Wright : UK Aid Pays for Forced Sterilizations in India).
Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus mini|Gedenktafel für die Opfer nationalsozialistischer Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Morde in Berlin-Buch Gesetzliche Grundlage Bereits in der Weimarer Republik war eine gesetzliche Regelung der Sterilisation rechtspolitisch diskutiert worden, aber nicht zustande gekommen.vgl. Udo Benzenhöfer: Zur Genese des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Verlag Klemm & Oelschläger, Münster 2006, ISBN 3-932577-95-7.
Zum 1. Januar 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (sog. Erbgesundheitsgesetz) in Kraft.Reichsgesetzblatt, 1933 I, S. 529–531Volker Zimmermann: Die Medizin in Göttingen während der nationalsozialistischen Diktatur. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 393–416; hier: S. 408–409. Dieses Gesetz lehnte sich über weite Strecken an einen 1932 vom Preußischen Landesgesundheitsamt ausgearbeiteten Entwurf an, ermöglichte jedoch – abweichend von diesem Entwurf – auch Sterilisationen gegen den Willen des Betroffenen, gegebenenfalls unter Anwendung polizeilichen Zwangs einschließlich einer Zwangseinweisung.BT-Drs. 13/10284 S. 3 f.
Aufgrund des Erbgesundheitsgesetzes wurden zwischen 1934 und 1945 etwa 400.000 Menschen, die sich im Zugriff des Deutschen Reichs befanden, auf Anordnung der dafür errichteten Erbgesundheitsgerichte auch ohne ihre Einwilligung durch einen chirurgischen Eingriff unfruchtbarReichsärztekammer (Hrsg.): Richtlinien für Schwangerschaftsunterbrechung und Unfruchtbarmachung aus gesundheitlichen Gründen. Bearbeitet von Hans Stadler. J. F. Lehmanns Verlag, München 1936 (mit Zitat aus Mein Kampf von Adolf Hitler auf dem Vorblatt: „Der völkische Staat hat das Kind zum kostbarsten Gut eines Volkes zu erklären. Er muß sich als oberster Schirmherr dieses köstlichsten Segens fühlen.“) gemacht. Seit einer Gesetzänderung von Februar 1936 waren auch andere Methoden zulässig.Zweites Gesetz zur Änderung des Gesetzes über die Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 4. Februar 1936, RGBl. I S. 119 So konnten zum Beispiel Frauen, die älter als 38 Jahre waren und bei denen ein chirurgischer Eingriff als zu riskant angesehen wurde, mittels Röntgen- oder Radiumbestrahlung sterilisiert werden.Hannelore Maria Schneider: Das nationalsozialistische „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ am Beispiel der 1939 an der Psychiatrie Tübingen durchgeführten Sterilisationsgutachten. Univ.-Diss. Tübingen 2014, S. 20. Betroffen waren geistig oder körperlich behinderte Menschen, Patienten psychiatrischer Heil- und Pflegeanstalten sowie Alkoholkranke. Etwa 5000 Menschen starben an den Folgen des Eingriffes.Eckhard Heesch: Nationalsozialistische Zwangssterilisierungen psychiatrischer Patienten in Schleswig-Holstein. Als Aufsatz erschienen in: Demokratische Geschichte. Jahrbuch zur Arbeiterbewegung und Demokratie in Schleswig Holstein. 9, 1995, S. 55–102.Alfred Möhrle: Der Arzt im Nationalsozialismus: Der Weg zum Nürnberger Ärzteprozeß und die Folgerungen daraus. In: Deutsches Ärzteblatt. 25. Oktober 1996, abgerufen am 27. Februar 2015.
Das sog. Gewohnheitsverbrechergesetz erlaubte ebenfalls seit dem 1. Januar 1934 die „Entmannung gefährlicher Sittlichkeitsverbrechern“ als Maßregel der Besserung und Sicherung.§§ 42a Nr. 5, 42 k des Gesetzes gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung vom 24. November 1933, RGBl. I S. 995 Nach damaliger Auffassung bestand kein Zweifel an der Erblichkeit krimineller Anlagen.Arthur Gütt et al.: Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Gesetz und Erläuterungen. München: J. F. Lehmanns Verlag, 1936, S. 62.Hannelore Maria Schneider: Das nationalsozialistische „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, S. 22.
Sterilisierungen ohne gesetzliche Grundlage Die in der Zeit der alliierten Rheinlandbesetzung während der Weimarer Republik geborenen deutschen Kinder einiger schwarzer Soldaten und deutscher Frauen wurden als „Schwarze Schmach“ und „Gefahr für die deutsche Rassenreinheit“ bezeichnet. 400 bis 800 sogenannte Rheinlandbastarde wurden nach der „Rheinlandbefreiung“ 1936 von den NS-Behörden erfasst und bis 1937 zwangssterilisiert, wobei dies nicht auf Grundlage des Erbgesundheitsgesetzes als eugenische Maßnahme erfolgte,Christine Knust: Kontinuität der Stigmatisierung von "Mischlingskindern" und "Farbigen" am Beispiel der Rheinlandbastarde. In: Medizin im Dienst der „Erbgesundheit“ Beiträge zur Geschichte der Eugenik und „Rassenhygiene“ (Hrsg. Westermann, Kühl, Groß). Berlin 2009, S. 120f. sondern von dem Reichsminister des Innern auf Grundlage eines geheimen Führerbefehls im Rahmen einer Sonderaktion der Gestapo aus rassischen Gründen angeordnet wurde.Reiner Pommerin: Sterilisierung der Rheinlandbastarde. Das Schicksal einer farbigen deutschen Minderheit 1918-1937. Düsseldorf: Droste Verlag, 1979.Gisela Tascher: NS-Zwangssterilisationen: Handeln auf Befehl des Führers. Deutsches Ärzteblatt 113(10): A 420–2.
Bei NS-Zwangsarbeiterinnen wurden teilweise Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen aus rassistischen und arbeitsökonomischen Gründen vorgenommen.Ute Vergin: Die nationalsozialistische Arbeitseinsatzverwaltung und ihre Funktionen beim Fremdarbeiter(innen)einsatz während des Zweiten Weltkriegs. Osnabrück 2008, Volltext, PDF. Im KZ Auschwitz wurden unter Umgehung des Erbgesundheitsgesetzes Methoden zur Massensterilisation an gesunden Häftlingen untersucht. Der Arzt Carl Clauberg experimentierte mit ätzenden Flüssigkeiten wie Formalin, die er in den Muttermund der Opfer spritzte, Horst Schumann setzte seine Opfer Röntgenstrahlungen auf den Unterleib bzw. bei männlichen Probanden auf die Hoden aus.Robert Jay Lifton: Die Mörder sind noch unter uns, Spiegel, 11. Juli 1988, abgerufen am 1. März 2015.
Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg Neben anderen Menschenversuchen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern waren auch die Sterilisationsversuche an Häftlingen Gegenstand verschiedener NS-Prozesse.Thomas Gerst: Nürnberger Ärzteprozess: Über die Zulässigkeit von Versuchen an Menschen. Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe 1/2007. Percival Treite wurde im Ravensbrück-Prozess zum Tode verurteilt, Günther K. F. Schultze verübte dagegen bei Kriegsende Suizid.Susanne Doetz: Alltag und Praxis der Zwangssterilisation. Die Berliner Universitätsfrauenklinik unter Walter Stoeckel 1942-1944. Univ.-Diss. Berlin 2010, S. 197 ff. 199, 200. Auch Clauberg und Schumann entgingen einem Prozess. Hans Hinselmann wurde in einem der Curiohaus-Prozesse im Dezember 1946 wegen der Sterilisierung sog. Zigeunermischlinge zu einer Haftstrafe und Geldbuße verurteilt.Zwangssterilisierungen und „Euthanasie“ vor Gericht. In: Edith Raim: Justiz zwischen Diktatur und Demokratie. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 1041 ff., 1053.Birgit Hofmann: Ausgerissen. Ausgeschnitten. Aufgehoben. Zeitungsartikel als Objekte. Teil 2: „Hamburger Ärzte vor Gericht“ 1946. September 2024. Von westdeutschen Strafgerichten wurde in den 1950er Jahren festgestellt, dass die auf Beschlüssen der Erbgesundheitsgerichten beruhende Sterilisierung geisteskranker oder erbkranker Personen nicht strafbar war, wenn erbbiologische oder medizinische Gründe ausschlaggebend waren. Schließlich waren auch in den USA und anderen europäischen Staaten eugenische Sterilisationsgesetze erlassen worden.Zwangssterilisierungen und „Euthanasie“ vor Gericht. In: Edith Raim: Justiz zwischen Diktatur und Demokratie. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 1041 ff., 1044.vgl. auch BT-Drs. 13/10284 S. 5.