mini|Die Gesamtanlage, Blick nach Süden vom Petersdom (offiziell – Friedhof der Deutschen und der Flamen, auch geschrieben) heißen der „deutsche Friedhof“ und die zugehörigen Gebäude in Rom. Obwohl der Friedhof der einzige innerhalb der Mauern der Vatikanstadt ist und direkt neben dem Petersdom liegt, gehört er nicht zum vatikanischen, sondern zum italienischen Staatsgebiet. Der Zugang ist jedoch nur über vatikanisches Territorium möglich. Durch die Lateranverträge von 1929 wurde das Gelände ein exterritoriales Gebiet des Heiligen Stuhls.
Neben dem vollständig von Mauern umschlossenen Gräberfeld befinden sich auf dem Gelände die Kirche Santa Maria della Pietà, Sitz der Erzbruderschaft zur schmerzenhaften Muttergottes (Mater Dolorosa) der Deutschen und Flamen, die Eigentümerin des Campo Santo Teutonico ist, sowie das deutschsprachige Priesterkolleg Päpstliches Deutsches Priesterkolleg beim Campo Santo Teutonico und das Römische Institut der Görres-Gesellschaft.
Wegen seiner historischen Wurzeln schließt der Begriff „Teutonico“ nicht nur die heutigen Deutschen (italienisch tedeschi, Singular tedesco) ein, sondern alle, die im historischen deutschsprachigen Kulturraum leben, also auch Österreicher, Südtiroler, Elsässer, Deutschschweizer, Liechtensteiner, Luxemburger und deutschsprachige Belgier; „Fiamminghi“ umfasst die Flamen und Niederländer.
Geschichte mini|Das Gelände des Friedhofs vom Eingang gesehen Auf dem Gelände des heutigen Friedhofs, der sich im Frühmittelalter wesentlich weiter nach Norden ausdehnte, lag in der römischen Kaiserzeit wahrscheinlich der Circus von Caligula und Nero, in dem laut den Schriften des Tacitus während der Christenverfolgung Hunderte als Märtyrer starben – der Überlieferung nach auch der Apostel Petrus.
Unsichere Gründung Die in Rom bereits bestehenden Xenodochien und Diakonien als soziale Einrichtungen waren zwar geeignet, Pilger zu versorgen, die sich für eine kurze Zeit in der Stadt und an den Apostelgräbern aufhielten, jedoch keine „Langzeitpilger“, die sich am Ziel ihrer Wallfahrt niedergelassen hatten. Dafür entstanden nach Debra J. Birchs Meinung vier scholae peregrinorum, die sich um die Peterskirche gründeten:Debra J. Birch: Pilgrimage to Rome in the Middle Ages. Continuity and Change. Woodbridge 1998, S. ?. die schola saxonum, die schola langobardorum, die schola frisiorum und die schola francorum. Sie lagen zwar in der Nähe der Peterskirche, jedoch außerhalb der Stadtmauer. Erst nach dem Sarazenensturm im Jahr 846 wurden auch sie durch eine Mauer geschützt und waren fortan Teil der Leostadt. Albrecht Weiland charakterisiert die scholae als Pilgerkolonien, die sich als separate, von einer Mauer umgebene Ansiedelungen um eine Kirche gruppierten.Albrecht Weiland: ?.
Sie entstanden im Laufe des 8. Jahrhunderts, eine genaue Datierung ist mangels exakter Quellen schwierig. Eine – allerdings gefälschte – Urkunde gibt an, Karl der Große habe die schola am 22. Dezember 797 gegründet. In seinem Aufsatz über Karl den Großen und die schola macht Rudolf Schieffer das Jahr 787 als wahrscheinlichstes Gründungsdatum aus: In der Schilderung der Vita Papst Leos III. existiert 799 die schola bereits und eine Würzburger Handschrift aus dem 9. Jahrhundert bestätigt Karl den Großen als Gründer. Daraus schließt Schieffer, die Gründung müsse zu einer der drei vorangegangenen Romreisen Karls 774, 781 oder 787 erfolgt sein. Das letzte dieser drei möglichen Daten wählte er deshalb, weil Karls Vertrautem, dem Abt Fulrad, 757 ein „hospitale“ bei St. Peter geschenkt worden war, die Schenkung 781 erneuert wurde und Fulrad 784 starb. Schieffer nimmt nun das „hospitale“ Fulrads als Vorläufer der schola francorum an, der bei Karls erstem Rombesuch nach Fulrads Tod in einer Art Ratifizierungsakt als schola der Franken „gegründet“ wurde.
Blüte im 9. Jahrhundert Letzte Gewissheit über die Gründung wird man vermutlich nie gewinnen können, aber die weitere Entwicklung der schola ist besser dokumentiert. Die scholae peregrinorum waren ausgestattet mit einem Hospital zur Aufnahme Fremder, in dem auch Kranke versorgt werden konnten, einer Kirche zur Feier der Gottesdienste und Totenmessen sowie einem Friedhof zum Begräbnis der Toten. Es ist noch nicht geklärt, ob in allen vier scholae alle drei Komponenten vorhanden waren, jedoch ist dies sehr wahrscheinlich.
mini|Der Friedhof Betrachtet man die gefälschte Gründungsurkunde (auch wenn die Urkunde eine objektive Fälschung ist, so bedeutet dies noch nicht, dass ihre referierten Inhalte ins Reich der Fabel verwiesen werden müssen. Schieffer nimmt an, dass die schola-Kleriker eine echte Urkunde eventuell beim Sarazenensturm 846 verloren haben könnten), so kann man daraus schließen, dass auf dem Gebiet der schola francorum alle Komponenten vorhanden waren: Sie besagt, dass Papst Leo die Salvatorkirche nahe der Peterskirche errichtet und Karl dem Großen geschenkt habe. Der Zweck der schola sei die Sorge um ein ordentliches Begräbnis für die „ultramontanes“ und der Dienst an Pilgern aus Francia, Aguittania und Gallia, den drei Reichsteilen Karls. Über die genaue Ausgestaltung des Dienstes an den Pilgern und Toten und die Frage, ob andere Arme und Kranke versorgt wurden usw., können wir aus den Quellen nichts Genaues erkennen.
Um die weitere Entwicklung der schola zu verfolgen, ist man vielfach auf Vermutungen und Rückschlüsse aus den relativ spärlich überlieferten Quellen angewiesen. Birch spricht davon, dass die scholae eine beachtliche Größe („considerable size“) erlangten und eher sesshafte landsmannschaftliche Pilgergemeinden waren, als lediglich ein Komplex mit Kirche, Hospital und Friedhof. Noch für das 9. Jahrhundert ist ein florierender Pilgerbetrieb für die scholae überliefert, danach sind die Berichte dünner. Aus dem Jahr 854 ist eine päpstliche Bulle bekannt, die die Salvatorkirche dem Martinskloster zuschlägt und dadurch die schola-Kleriker mediatisiert. Die gefälschte Gründungsurkunde datiert Schieffer auf die zwei Jahrzehnte um die Jahrtausendwende, Birch etwas später in die Zeit zwischen 1031 und 1053, auch zu dieser Zeit muss also die schola in Betrieb gewesen sein, ebenso wie in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Unsichere weitere Entwicklung In zwei päpstlichen Bullen wird die schola nochmals Thema. 1053 bestätigt Leo IX. dem Martinskloster seinen Besitz und weist den scholae Begräbnisaufgaben zu. Die Frankenschola solle die Pilger aus dem Gebiet nördlich der Alpen begraben, die Sachsenschola die Pilger aus England und die Langobardenschola die Pilger der italienischen Halbinsel. Schließlich nimmt Gregor VII. nochmals Bezug auf die schola francorum, als er 1081 verfügt, die in der Gründungsurkunde der schola zugesagten Geldleistungen aus dem nördlichen Alpenraum künftig zum allgemeinen Nutzen des Apostolischen Stuhls zu verwenden.
Es ist nicht klar, in welchem Umfang diese Geldleistungen tatsächlich vorher der schola zugutekamen, jedoch könnte dieser Entzug der finanziellen Basis der Anfang vom Niedergang der schola gewesen sein. Letztmals taucht die schola indirekt 1141 auf; in diesem Jahr wird die Gründungsurkunde kopiert, also ist davon auszugehen, dass auch zu dieser Zeit noch Aktivität in der schola herrschte. Das letzte Zeugnis, das Kirche, schola und Friedhof als eine Einheit betrachtet, ist die Bulle Papst Innozenz’ VI. aus dem Jahr 1360, in der wie schon 1053 Papst Leos Bulle von 854 bestätigt wird. mini|Die Mauern der Anlage mini|Der Friedhof
Niedergang und Neugründung Bald nach der letzten Nachricht über den Komplex der schola francorum aus dem Jahr 1360 setzte wohl der Verfall des Anwesens ein. Außer einer Anmerkung in den Censuali des Kapitels von St. Peter aus dem Jahr 1390, wonach die Kirche sehr vernachlässigt sei, setzt die Überlieferung erst wieder Mitte des 15. Jahrhunderts ein.
Hier wird das Jahr 1454 bedeutend, denn wir erfahren aus einer Bulle Nikolaus’ V. von Gottfried von Waya, der bis 1452 auf eigene Kosten die Salvatorkirche wieder aufbauen hatte lassen. Im selben Jahr, 1454, beginnt die institutionalisierte Geschichte des heutigen Campo Santo mit der Gründung der „Bruderschaft der christgläubigen Seelen und armen Christen“. Am 29. Dezember 1454 trafen sich auf dem Gebiet der ehemaligen schola die deutschstämmigen Petrus Licht, Bartholomäus Dinstman und Johannes Lichtenfelser und gründeten die Bruderschaft zusammen mit neun anderen deutschsprachigen Kurialen.
In der Gründungsurkunde halten sie ausführlich die unmittelbare Vorgeschichte des Gebietes der ehemaligen schola fest: Der Magdeburger Friedrich Frid hatte sich aus eigenen Mitteln auf dem Friedhof ein kleines Haus gebaut und die Totengräberfunktion übernommen. Aus den Resten des verfallenen Hospitals, das zur Unterstützung der Armen und Pilger gedient hatte, bauten er und andere Deutsche um 1440 auch eine kleine Marienkapelle, die so genannte „secunda capella“, wieder auf. Daneben tat sich auf geistlicher Seite der Weihbischof Johann Goldener hervor, der bereits um 1450 private Bittprozessionen auf das schola-Gebiet initiierte.
Mit der erfolgreichen Gründung der Campo-Santo-Bruderschaft war es allerdings nicht getan. In den nächsten Jahrzehnten mussten einige Widerstände überwunden werden, bevor die Bruderschaft tatsächlich etabliert und Herrin des Campo Santo war. Die rechtliche Situation auf dem Gebiet des Campo Santo war mehr als kompliziert: Die alte Salvatorkirche bestand weiterhin, daneben war die von Frid in den 1440ern erbaute, bereits erwähnte Marienkapelle errichtet. Anstelle älterer Gebäude hatte Papst Eugen IV. nach seiner Rückkehr nach Rom 1443 ein Frauenhospital mit Personalhaus errichtet. Schließlich stand seit etwa 1446 auf dem eigentlichen Friedhof eine kleine Kirche, die „prima ecclesia“, die dem heiligen Gregor geweiht war.
Die Salvatorkirche trat in eine allgemeine Konkurrenz zu den anderen Institutionen um die Zuständigkeiten für Begräbnisse und Seelsorge auf dem Campo Santo. Die Marienkapelle wurde von der Bruderschaft und deren Kaplan geleitet. Das Frauenhospital (zu dem um 1455 ein Almosenhaus kam) unterstand einer Subpriorin, die Santo Spirito in Sassia stellte, und die prima ecclesia sowie der eigentliche Friedhof blieben weiterhin in der Zuständigkeit des Kapitels von St. Peter.
Etablierung der Bruderschaft mini|Campo Santo Teutonico (Bildmitte ganz vorne, links des Platzes am vorderen Eingangstor unmittelbar hinter der Mauer gelegen) und Petersdom 1593 Die ersten Jahrzehnte, um genau zu sein: bis 1513, war die Bruderschaft des Campo Santo nun bemüht, die verschiedenen Rechte abzulösen und für sich selbst die Kapazitäten zu schaffen, ihren selbst gewählten Aufgaben gerecht zu werden: Es ging darum, erstens gegen Santo Spirito durchzusetzen, dass die Bruderschaft auf dem Campo Santo die Betreuung von Armen und Kranken übernehmen konnte und zweitens gegen das Kapitel von St. Peter, dass die Zuständigkeit für Friedhof und Kirche der Bruderschaft übertragen wurde.
1472 gelang es der Bruderschaft, die Rechte von Santo Spirito zu erwerben, jedoch wird bis 1493 kein Hospital mehr erwähnt. Man geht davon aus, dass die Bruderschaft in dieser Zeit Hilfsbedürftige in anderen Hospitälern der Stadt unterbrachte und unterstützte. Erst 1511 ist in den Quellen von einem Neubau eines eigenen Hospitals auf dem Gebiet des Campo Santo die Rede.
Noch zwei Jahre länger dauerte es, bis die Bruderschaft neben den mildtätigen auch ihre geistlichen Ziele in Eigenregie durchführen konnte. Nachdem sich um Frids Marienkapelle ebenfalls ein Konflikt mit Santo Spirito anbahnte, beschloss die Bruderschaft 1476 den Bau einer eigenen Kirche, der aber bald darauf zum Erliegen kam. Erst nachdem Papst Alexander VI. 1495 einen Ablassbrief für Unterstützer des Baus ausgestellt hatte, kam der Neubau schnell voran. 1500 wurde die Marienkapelle abgerissen und die neue (heute noch bestehende) Kirche geweiht. 1513 schließlich wurden die Rechte des Kapitels von St. Peter endgültig abgelöst.