Talitha Kumi (; ; ) in Bait Dschala ist eine renommierte Schule im palästinensischen Autonomiegebiet. In Talitha Kumi werden derzeit ungefähr 900 Schüler vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse von über 50 Lehrern nach dem palästinensischen Lehrplan unterrichtet.
mini|Das 1866–1868 von Conrad Schick erbaute Schulhaus Talitha Kumis (Abriss 1967) Der Name der Schule verweist auf eine Begebenheit, die der Evangelist Markus erzählt: Bei der Auferweckung der Tochter des Jairus ergriff Jesus das Kind bei der Hand und sprach: „Talitha Kumi! - das heißt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!“ Unter dem gleichen Namen existierten früher auch in Deutschland zahlreiche diakonische Einrichtungen, z. B. das Magdalenenasyl „Talitha kumi“ in Niederlößnitz bei Dresden. Die Schule ist eine von 140 offiziellen Deutschen Auslandsschulen.
Geschichte Theodor Fliedner, im Jahr 1833 Gründer der Diakonissenanstalt Kaiserswerth und in Großbritannien erfolgreicher Spendensammler für diese Arbeit, traf 1846 in London Samuel Gobat, gerade zum zweiten anglikanischen Bischof von Jerusalem geweiht, wobei sie sich auch über das erfolgreiche diakonische Wirken in Kaiserswerth austauschten. Fliedner bot Gobat dann 1850 an, ein Diakonissenhaus in Jerusalem einzurichten.
Fliedner war auch Berater des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV. in Fragen des Ausbaus der Diakonissenarbeit in zentralen und östlichen Bereichen der Monarchie. Fliedner gewann den religiösen König, der aus dieser Haltung heraus das anglo-preußischen Bistum Jerusalem initiiert hatte, das 1841 gegründet worden war, die Niederlassung der Diakonissen in Jerusalem im Sandschak Jerusalem des osmanischen Vilayets Syrien finanziell zu unterstützen.
Zur weiteren Verwendung durchs Bistum Jerusalem wurden 1842 auf Betreiben des Königs aus Mitteln des preußischen Kollektenfonds für das Bistum Jerusalem zwei Häuser (Haus Ǧirǧīs und Haus Matūk) in der Jerusalemer Altstadt erworben, welche die ersten vier Diakonissen Adelheid Bleibtreu (* 1816), Katharine Evers (1813–1851), Pauline Keller (1826–1909) und Henriette Zenke (1809–1855) und Fliedner als ihre Reisebegleitung nach ihrem Eintreffen am 17. April 1851 in der Heiligen Stadt wegen Feuchtigkeit als völlig ungeeignet für das zu gründende Diakonissenhaus ablehnten.
Der preußische Konsul in Jerusalem Ernst Gustav Schultz musste schnell Abhilfe schaffen, daher räumte er den Diakonissen ein Quartier im Haus Chalil Aġa ein, das ebenfalls der preußische Kollektenfonds am 3. November 1846 erworben hatte,Thorsten Neubert-Preine, „Diakonie für das Heilige Land – Die Gründung der Kaiserswerther Orientarbeit durch Theodor Fliedner“, in: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem! Festschrift zum 150jährigen Jubiläum von Talitha Kumi und des Jerusalemsvereins, Almut Nothnagle (Hrsg.) im Auftr. des Jerusalemsvereins im Berliner Missionswerk, Leipzig: Evangelische Verlags-Anstalt, 2001, S. 31–43, hier Seitenzahl wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. ISBN 3-374-01863-7. um darin auf königlichen Wunsch ein Preußisches Hospiz für protestantische Pilger einzurichten. Der Bau erhielt seinen Namen von seinem früheren Eigentümer as-Sayyid und hatte bis 1845 William Tanner Young, erster britischer Konsul zu Jerusalem, als Domizil gedient.Ejal Jakob Eisler (), Das deutsche Johanniter-Hospiz in Jerusalem, Köln: Böhlau, 2013, Seitenzahl wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. ISBN 978-3-412-20571-3.
Der im Jahr 1849 eingetroffene erste österreichische diplomatische Vertreter in Jerusalem, Vicekonsul Graf Giuseppe PizzamanoGf., Pizzamano, Josef (Giuseppe) Gf. von (ca. 1809–1860), Diplomat, auf: Österreichisches Biographisches Lexikon; abgerufen am 4. Mai 2023. hatte das noch ungenutzte künftige Hospiz gemietet und ausgebaut und Schultz kündigte ihm nun umgehend den Vertrag, wobei die Diakonissen Teile der Einrichtung erwarben. Am 1. November 1850 hatte der König 1.000 Reichsthaler aus seinem Legationsfonds gewährt, das Hospiz einzurichten, das am 10. September 1851 im Haus Chalil Aġa die Tore öffnete, die vier Diakonissen sorgten für die Gäste. Zunächst hatten die Diakonissen das komplette Obergeschoss für ihre Zwecke hergerichtet und bezogen es ab 30. April 1851 als Diakonissenhaus, Pizzamano räumte in der Folgezeit auch das Erdgeschoss.
Evers und Zenke, ausgebildete Krankenschwestern, nahmen am 2. Mai 1851 in Räumen des Diakonissenhauses das Diakonissenkrankenhaus Jerusalem in Betrieb, erster Patient war tags darauf der bergische Schreiner Friedrich Großsteinbeck (1821–1858; Großonkel John Steinbecks). Am 4. d. M. weihte Gobat in Gegenwart vieler Gäste offiziell das Diakonissenkrankenhaus ein und zwei Tage später übernahmen Bleibtreu und Keller ihre Aufgabe als Lehrerinnen an der anglophonen Bishop-Gobat-School, am 10. November 1847 gegründet. Die Gehälter der beiden Diakonissen im Krankendienst zahlte das Bistum, die Lehrerinnen bezahlte Deutschlands ältester reiner Frauenverein die Morgenländische Frauenmission. Die Erziehungsarbeit an der weiblichen Jugend des Heiligen Landes, um die speziell sich bisher niemand kümmerte, begann.
mini|Gräber von Bertha Harz und Charlotte Pilz, Zionsfriedhof (Jerusalem) Der Unterricht für die Schülerinnen wurde ab Ende 1852 im Diakonissenhaus erteilt, die Knaben bezogen 1856 ein neues Schulgebäude, das seit 1967 das Jerusalem University College nutzt. Im Sommer 1853 kam als dritte Lehrerin Charlotte Pilz (1818–1903) hinzu, die in über 50 Jahren im Dienst als Diakonisse in Jerusalem prägend wurde. Inzwischen Vorsteherin der Jerusalemer Diakonissen überzeugte sie Bischof Gobat Mitte März 1856, die bereits räumlich getrennte Mädchenschule als selbständige deutschsprachige Diakonissenschule auch organisatorisch von der anglophonen bischöflichen Schule zu lösen.Ejal Jakob Eisler (), „Talitha Kumi – Geschichte und Gegenwart“, in: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem! Festschrift zum 150jährigen Jubiläum von Talitha Kumi und des Jerusalemsvereins, Almut Nothnagle (Hrsg.) im Auftr. des Jerusalemsvereins im Berliner Missionswerk, Leipzig: Evangelische Verlags-Anstalt, 2001, S. 78–95, hier Seitenzahl wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. ISBN 3-374-01863-7.
Die drei Einrichtungen der Diakonissen drängten sich in einem Gebäude. Das Preußische Hospiz zog 1854 auf Drängen der Diakonissen in ein eigenes Domizil und der Johanniterorden übernahm es 1858, das seither als Johanniterhospiz besteht. Mit Spenden, 13.000 Taler von Friedrich Wilhelm IV. und 1.000 Taler von der Morgenländischen Frauenmission sowie weiteren Zuwendungen, konnten die Diakonissen das Haus Chalil Aġa 1856 aus Händen des Kollektenfonds erwerben. Pilz gewann im April 1857 Fliedner dafür, der zum zweiten Mal in Jerusalem weilte, durch einen Neubau der räumlichen Enge Abhilfe zu schaffen.
Zu diesem Zweck starteten sie eine Sammelaktion und mit den eingehenden Spenden kauften die Diakonissen 1858 ein Grundstück nordwestlich vor den Stadtmauern Jerusalems etwas südlich der Landstraße nach Jaffa, das sie Gottfriedshöhe nannten, weil nach alter Überlieferung die anrückenden Kreuzfahrer unter Gottfried von Bouillon auf jener Höhe innehielten, um Jerusalem zu erblicken. Im Juli 1858 berichtete Pilz, dass sie eine Spende über 500 Taler des Johanniterordens nutzen konnte, um den Neubau dort zu beginnen. Im Jahr 1859 kauften die Diakonissen ein anliegendes Nachbargrundstück von Johannes Frutiger hinzu. Pauline Keller heiratete 1858 den Afrikamissionar Johann Martin Flad und verließ die Schule.
mini|Talitha Kumi 1905 mit Schülerinnen und Diakonissen Die begrenzten Geldmittel des Diakonissenhauses zwangen, zunächst dessen Ausbau in der Altstadt vorzunehmen, bevor 1861 der Neubau fortgesetzt werden konnte. Im August 1861 logierte mit Pilz erstmals jemand einige Wochen im ersten Bauabschnitt von 1858, um den Fortgang der Bauarbeiten zu begleiten. Der Architekt Conrad Schick begann 1866 im Auftrag der Diakonissen auf der Gottfriedshöhe den Neubau eines Kinderkrankenhauses.
Der Nachfolger des im Jahr 1864 verstorbenen Fliedners, sein Schwiegersohn Julius Disselhoff machte sich 1866 selbst ein Bild der Diakonissenanstalt in der Altstadt Jerusalems, wobei er sich der Enge der im Schnitt 90 Personen, die täglich das Diakonissenhaus frequentierten (50 Schülerinnen, 30 Patienten und 10 Diakonissen und weitere Mitarbeiter), bewusst wurde und dann Ende des Jahres in Kaiserwerth beschloss, Schicks Neubau in der entstehenden Neustadt nicht als Krankenhaus zu nutzen, sondern darin die Mädchenschule der Diakonissen einzurichten. Im Jahr 1905 eröffneten die Diakonissen zudem ein Lehrerinnenseminar für arabische Frauen und eine Diakonissenschule für Probeschwestern orientalischer Herkunft.
mini|300px|Luftbild 1918: Die Landstraße nach Jaffa (oben rechts), Talitha Kumi (oben Mitte), Schmidtschule vor dem Jaffator mit hellen Dächern, Vorbau und Türmchen (unterhalb der Mitte, ab vom Rand rechts) und Monastère Ratisbonne (unten links) mini|300px|Rund um den Mamilla-Friedhof 1946: Talitha Kumi nordwestlich der Mitte angezeigt durchs Kürzel Sch. oberhalb des Straßennamens King George [St.], der Mitcham Schmidt ist mittig dargestellt durchs Kürzel Sch. (für Schmidt’s Girls’ College) über dem Namenszug Bezalel St., wie der Rechov Hillel damals noch hieß Charlotte Pilz weihte dann am 28. Januar 1868 den fertig gestellten Neubau als Mädchenschule ein, der man den neuen aramäischen Namen Talitha Kumi beilegte: „Wie der Herr die Tochter des Jairus durch dieses Wort aus dem leiblichen Totenschlummer erweckte, so will er ja so gern auch zu dem im geistlichen Todesschlummer liegenden weiblichen Geschlechte des heiligen Landes ein lebensschaffendes Talitha Kumi!“ entbieten, wie es die Zeitschrift Armen- und Krankenfreund im gleichen Jahr formulierte. Die Diakonissen unterrichteten schon im ersten Jahr am neuen Standort 89 Schülerinnen, neben Christinnen auch 16 Musliminnen. Zu Talitha Kumi gehörte ein Alumnat, aber auch Externe besuchten die Schule.
In der Umgebung Talitha Kumis, seit 1924 mit der Nr. 18 durch den neuen Rechov haMelech George (, ) erschlossen, nahmen auch andere europäische christliche Werke ihr Tätigkeit auf, wie 1873 das Aussätzigen-Asyl Jesus-Hilfe (von Talitha Kumi 850 Meter Wegs südostwärts im Rechov Agron 20, seit 1887 Kloster der LazaristenDas Aussätzigen-Asyl Jesus-Hilfe hatte 1887 inzwischen selbst seinen Neubau bezogen.), 1874 kaufte Alphonse Ratisbonne das 450 Meter südwestlich gelegene Grundstück für das künftige Waisenhaus Orphelinat Saint-Pierre de Sion (heute Monastère Ratisbonne der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion im Rechov Schmu'el ha-Nagid 26) und die 1877 gegründete Deutsch-katholische Niederlassung vor dem Jaffator (heute Mitcham Schmidt, 350 Meter Fußweg südöstlich im Rechov Hillel 25/27).Chaim Goren (), , in: The Italian Jewish Cultural Centre in the Heart of Jerusalem, Ruhama Bonfil (; Hrsg.), Jerusalem: , 2014, S. 15–40, hier Seitenzahl wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. Keine ISBN.
Seit 1868 belegte das Diakonissenkrankenhaus den gesamten Bau des Hauses Chalil Aġa, bevor es im Juli 1894 einen modern ausgestatteten Neubau in der Prophetenstraße 49 bezog, ebenfalls in der nordwestlichen Jerusalemer Neustadt nur 450 Meter nördlich Talitha Kumis. Ihre bisherige Anstalt verkauften die Diakonissen 1895 an das Maronitische Patriarchat von Antiochien, das darin seit 1899 ein Pilgerhospiz unterhält, das die maronitischen Schwestern von der Kongregation der Heiligen Therese vom Kinde Jesus betreiben. Es liegt in der Nr. 25 des nach dem Konvent der Nonnen benannten Rechov Minsar haMaronitim () nordöstlich der Christuskirche.NN, „Foyer Mar Maroun Jerusalem“, auf: Christian Guest Houses Jerusalem; abgerufen am 4. Mai 2023.
mini|200px|Talitha Kumi 1911, abseits südlich der Landstraße nach Jaffa, bevor 1924 der neue Rechov haMelech George einen modernen Anschluss schuf