Die Communist Party of Great Britain (kurz CPGB; Kommunistische Partei Großbritanniens) war eine von 1920 bis 1991 im Vereinigten Königreich aktive, politische Partei. Ihr Wirkungsbereich beschränkte sich auf England, Schottland und Wales, da die nordirischen Kommunisten in der Communist Party of Ireland bzw. der Communist Party of Northern Ireland organisiert waren. Die CPGB war jahrzehntelang die größte politische Organisation links von der Labour Party; sie konnte deren strukturelle Hegemonie innerhalb der Arbeiterbewegung trotz großer Organisationsanstrengungen und mitunter regional bzw. inhaltlich durchaus nennenswerter Einflussmöglichkeiten niemals ernstlich gefährden. Ein Höchstmaß an Akzeptanz bei Bündnispartnern und Zugang zu nichtkommunistischen Arbeitern erzielte die CPGB etwa zwischen 1935 und 1950; trotzdem gelang ihr der Durchbruch zur Massenpartei – den andere kommunistische Parteien in Europa und weltweit in diesem Zeitraum erreichten – nicht einmal ansatzweise. Als die Gesamtpartei nach 1970 bereits in einen nach und nach existenzbedrohenden Verfallsprozess eingetreten war, gelangten einzelne Parteimitglieder in zuvor für Kommunisten nahezu unerreichbare gewerkschaftliche Führungspositionen – prominent vor allem Michael McGahey in der National Union of Mineworkers – und spielten bei den Auseinandersetzungen zwischen dem britischen Staat und der Gewerkschaftsbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren eine sichtbare Rolle.
Geschichte Gründung und erste Jahre miniatur|Arthur MacManus, der erste Vorsitzende der CPGB Die CPGB wurde auf einem am 31. Juli/1. August 1920 in London tagenden, als Communist Unity Convention angekündigten Delegiertentreffen gegründet.Schumacher, Horst (u. a.), Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung in Daten, Berlin 1986, S. 189. Sie ging nicht – wie die meisten anderen kommunistischen Parteien Europas – als linke Abspaltung aus einer bereits existierenden sozialdemokratischen Partei hervor, sondern entstand aus einer Fusion sozialistischer Organisationen, die der Labour Party nie angehört hatten oder ihr allenfalls als selbständige Gliederungen affiliiert waren. Von den etwa 160 Delegierten gehörten 96 der British Socialist Party (BSP) und 22 der Communist Unity Group an, den Rest stellten kleinere sozialistische Gruppen, Zirkel und Klubs, etwa die ausschließlich im Londoner East End aktive Workers' Socialist Federation.Siehe Klugmann, James, History of the Communist Party of Great Britain. Vol. 1: Formation and early years, 1919–1924, London 1968, S. 20, 38 f. Im Vorfeld waren monatelange Verhandlungen über eine Beteiligung der Socialist Labour Party (SLP) und der Shop Steward Committees gescheitert, da sich diese de leonistisch bzw. syndikalistisch orientierten Gruppen gegen den in erster Linie von der BSP – und von Lenin, der mehrfach in die Debatte eingriffSiehe Lenin, W. I., Werke, Band 31, Berlin 1959, S. 190 sowie Klugmann, Formation, S. 72 f. – gewünschten Anschluss der neuen Partei an die Labour Party und die Teilnahme an Wahlen bzw. parlamentarischer Arbeit aussprachenSiehe Siegfried Bünger, Hella Kaeselitz, Geschichte Großbritanniens von 1918 bis zur Gegenwart, Berlin 1989, S. 29 f.; letztendlich nahm nur je ein Vertreter der Shop Stewards und der SLP an der Gründung der CPGB teil.Siehe Klugmann, Formation, S. 39. Zum Vorsitzenden der Partei wählten die Delegierten das SLP-Mitglied Arthur MacManus; erster (General-)Sekretär wurde das BSP-Mitglied Albert Inkpin. Mit Cecil L’Estrange Malone trat auch das einzige Unterhausmitglied der BSP zur CPGB über, wodurch diese ihr erstes und bis 1922 einziges Mandat erlangte.Malone war ein hochdekorierter Offizier, der sich – geprägt durch die Kriegserfahrung und eine Reise ins revolutionäre Russland – auf einer mehr emotionalen als politischen Grundlage der radikalen Arbeiterbewegung angeschlossen hatte. Kurz nach seinem Eintritt in die CPGB wurde er wegen „Aufwiegelung zum Aufruhr“ angeklagt und saß sechs Monate im Gefängnis. 1922 trat er aus der CPGB wieder aus. Siehe Klugmann, Formation, S. 181 f. Als zentrales Parteiblatt erschien zunächst The Communist, dann von 1923 bis 1930 Workers' Weekly und anschließend der Daily Worker.
miniatur|William Gallacher, MP für den Wahlkreis West Fife von 1935 bis 1950 Ende Januar 1921 schlossen sich auf einem Kongress in Leeds weitere Organisationen der CPGB an, insbesondere in der Communist Labour Party zusammengeschlossene schottische Shop Stewards aus dem Raum Glasgow um William Gallacher sowie eine halbsyndikalistische Gruppe, die zuvor als Communist Party (British Section of the Third International) aufgetreten war.Siehe Klugmann, Formation, S. 67 f. Den anschließend – und bis 1923 mehrfach – beantragten Anschluss an die Labour Party lehnte deren Führung (unter Verletzung des Labour-Statuts von 1918, das die Affiliation durch einfachen Beschluss der beitretenden Organisation erlaubte) regelmäßig mit dem Argument ab, dass die CPGB keine originär britische, sondern eine durch „Moskau“ ferngesteuerte politische Kraft sei.Siehe Klugmann, Formation, S. 166 ff., 230 ff. sowie Bünger, Geschichte, S. 31. Die wenig wirksame Agitation innerhalb der Labour Party verschuldete die CPGB durch eine zumindest in den ersten zehn bis fünfzehn Jahren ihres Bestehens bemerkenswert rigide Auslegung der leninistischen Parteidoktrin zum Teil auch selbst. Oft wurden an einem Beitritt oder loser Zusammenarbeit interessierte „normale“ Arbeiter und Gewerkschafter abgewiesen, da sich die Partei als weitgehend exklusiver Zusammenschluss von Berufsrevolutionären verstand. Dieses spezifisch britische, noch aus der Vorkriegszeit stammende und leninistisch modifizierte Erbe der „worst sectarian traditions of the socialist sects“Klugmann, Formation, S. 70 f. gab die Partei erst nach 1935 auf, als sie im Zuge der Volksfront-Politik die in anderen westeuropäischen kommunistischen Parteien längst übliche Rekrutierungspraxis adaptierte. Vorerst wurde das Wachstum der Partei auf diese Weise „künstlich“ gebremst.
Bei ihrer ersten Wahlteilnahme – anlässlich der Unterhauswahlen 1922 – schlugen sich die wenigen Kandidaten der Partei durchaus beachtlich. Von den beiden direkt als CPGB-Vertreter antretenden Kandidaten konnte J. T. Walton Newbold den Wahlkreis Motherwell gewinnen; William Gallacher unterlag in Dundee deutlich, fuhr aber gegen die hier antretenden politischen Schwergewichte (darunter Winston Churchill) ein respektables Ergebnis ein. In Greenock und Bethnal Green North East unterlagen die beiden KP-Kandidaten – unterstützt von der lokalen Labour Party – nur sehr knapp. In Battersea North wurde das KP-Mitglied Shapurji Saklatvala als offizieller Labour-Kandidat gewählt.Siehe Klugmann, Formation, S. 190 ff., 234 f.
Trotz ihres – verglichen mit der Labour Party – geradezu verschwindend kleinen Mitgliederbestandes (noch 1922 waren weniger als 3.000 Mitglieder erfasstSiehe Bünger, Geschichte, S. 31 sowie Klugmann, Formation, S. 226.) wurde die CPGB vom politischen Establishment sofort als ernstzunehmende Kraft, ja als Bedrohung wahrgenommen. Das lag einerseits an der irrationalen, durch die Oktoberrevolution und die politischen Krisen in Mittel-, Ost- und Südeuropa ausgelösten antikommunistischen Hysterie der Nachkriegsjahre, beruhte aber andererseits auf der durchaus realistischen Einschätzung, dass ein echter organisatorischer Durchbruch der Partei angesichts der starken Labour-Linken, der anfänglich sehr weit verbreiteten Sympathien für das revolutionäre Russland (vgl. Hands-Off-Russia-Bewegung) und vor allem mit Blick auf das ausgeprägte Klassenbewusstsein der meisten britischen Arbeiter keineswegs völlig auszuschließen war.Siehe Röder, Karl-Heinz (Hrsg.), Das politische System Großbritanniens. Von der englischen bürgerlichen Revolution bis zur Gegenwart, Köln 1982, S. 407. Die Partei stand sofort nach ihrer Gründung im Zentrum der Aufmerksamkeit des Inlandsgeheimdienstes und der entsprechenden Polizeibehörden; laut einer neueren Studie „wurden zwischen den Kriegen zur Überwachung und Durchleuchtung der CPGB mehr geheimdienstliche Mittel eingesetzt als für jedes andere Ziel.“Andrew, Christopher, MI 5. Die wahre Geschichte des britischen Geheimdienstes, Berlin 2010, S. 164. Die wichtigsten Leitungskader wurden permanent beobachtet, das Gebäude der Parteiführung in der Londoner King Street wurde mit Abhörgeräten versehen, beinahe jede lokale Parteigruppe war mit Spitzeln durchsetzt. Zusätzlich erfasste MI5 nahezu alle Mitglieder und aktiven Sympathisanten in einem „Vorbeugenden Index“, der bereits 1925 auf 25.250 Namen angewachsen war.Siehe Andrew, MI 5, S. 165. Das Missverhältnis zwischen der tatsächlichen organisatorischen Schwäche und dem von Anhängern wie Gegnern gleichermaßen unterstellten beträchtlichen Entwicklungspotential definierte den Standort der CPGB im politischen System Großbritanniens bis in die 1950er-Jahre.
1924 stand die Partei im Mittelpunkt einer orchestrierten Kampagne von Conservative Party, Presse und Justiz, die sich zumindest anfänglich auch gegen die Regierung MacDonald richtete. Im August 1924 wurde John Ross Campbell, der leitende Redakteur der Parteizeitung, unter Anwendung eines Gesetzes aus dem Jahr 1797 verhaftet; es hieß, er habe in einem Artikel Militärangehörige zur „Meuterei“ aufgefordert (vgl. Campbell case).Siehe Klugmann, Formation, S. 342 ff. Die Labour-Minderheitsregierung sah sich angesichts der Proteste zahlreicher linker Abgeordneter und Gewerkschafter nach einigen Wochen gezwungen, in den Fall zu intervenieren und das Verfahren niederzuschlagen. Daraufhin wurde sie durch ein Misstrauensvotum der konservativ-liberalen Parlamentsmehrheit gestürzt. Wenige Tage vor den anschließend anberaumten Neuwahlen berichteten die konservativen Blätter Times und Daily Mail in sensationeller Aufmachung über einen (angeblich) von Gregori Sinowjew und Arthur MacManus unterzeichneten, an das Zentralkomitee der CPGB gerichteten Brief, in dem eine Annäherung von CPGB und Labour Party sowie der Austausch von Delegationen zwischen britischen und sowjetischen Arbeiterorganisationen empfohlen wurde; derart, so hieß es in diesem als Zinoviev Letter zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten Dokument, könne die revolutionäre Arbeit entscheidend vorangebracht werden.Siehe Klugmann, Formation, S. 346 ff. Der Brief löste einen der folgenreichsten politischen Skandale der britischen Geschichte aus: Er kompromittierte den bis dahin einflussreichen linken Flügel von Labour, zog eine diplomatische Krise nach sich und führte zu einem Erdrutschsieg der Konservativen bei den Parlamentswahlen am 29. Oktober 1924. Erst 1999 räumte die britische Regierung nach einer von Robin Cook veranlassten Untersuchung offiziell ein, dass der Brief eine vom Auslandsgeheimdienst MI6 fabrizierte oder zumindest im passenden Moment der Presse zugespielte Fälschung war.Zinoviev letter was dirty trick by MI6, The Guardian, 4. Februar 1999, abgerufen am 26. September 2011. Siehe auch Klugmann, Formation, S. 369 ff.
Generalstreik, Weltwirtschaftskrise und faschistische Gefahr mini|Parteilogo (1930er-Jahre) Bereits 1924 hatte die Partei mit dem National Minority Movement einen festen Organisationszusammenhang kommunistischer und sympathisierender Gewerkschaftsfunktionäre innerhalb des Trades Union Congress (TUC) geschaffen. Das NMM erwies sich als eine der erfolgreichsten Initiativen der Partei überhaupt; am 21. März 1926 nahmen an einem Kongress dieser Organisation fast 900 Delegierte teil, die annähernd eine Million Gewerkschaftsmitglieder vertraten.Siehe MacFarlane, Leslie John, The British Communist Party. Its Origin and Development until 1929, London 1966, S. 161 sowie Klugmann, James, History of the Communist Party of Great Britain. Vol. 2: 1925–1927. The General Strike, London 1969, S. 101 ff.