|} Die Odenwaldbahn (auch Hessische Odenwaldbahn zur Unterscheidung von der Badischen Odenwaldbahn) ist eine größtenteils eingleisige Hauptbahn des Eisenbahninfrastrukturunternehmens DB InfraGO in Normalspur, die den Odenwald im südlichen Hessen und nördlichen Baden-Württemberg durchquert und mit zwei Ästen – einem von Darmstadt und einem von Hanau – nach Eberbach am Neckar führt. Regional wird die Eisenbahnstrecke gelegentlich auch Mümlingbahn genannt, da sie von Hetzbach bis Höchst dem Tal der Mümling folgt.
Geschichte Planung
Der Streckenführung wurde in den 1860er Jahren langjährig kontrovers und lokalpolitisch geprägt diskutiert.Odenwald-Eisenbahn. In: Anzeige-Blatt für die Kreise Dieburg u. Neustadt Nr. 43 u. 97/1862. Nr. 27, 58 u. 87/1864.Planungen für den Bau der Odenwaldbahn. In: Anzeige-Blatt für die Kreise Dieburg u. Neustadt, Nr. 40/1865.Die Odenwälder Eisenbahn. In: Starkenburger Provinzial-Anzeiger – Dieburger Kreisblatt Nr. 20 u. 38/1866. Die Landeshauptstadt Darmstadt des Großherzogtums Hessen wollte eine Strecke durch das Gersprenztal über Reinheim, Brensbach, Höllerbach und das Kinzigtal ins Mümlingtal. Die Gegenposition war eine auf Frankfurt am Main ausgerichtete Streckenführung über Dieburg. Als Kompromiss wurde die später ausgeführte Trasse gewählt. Sie führt von Eberbach am Neckar kommend durch den Odenwald über Wiebelsbach-Heubach, wo sie sich verzweigt – einmal nach Babenhausen und Hanau, zum anderen nach Reinheim und Darmstadt. So sollte der Verkehr aus dem Odenwald in die damalige Residenzstadt Darmstadt des Großherzogtums Hessen fließen und nicht an ihr vorbei.
Die Konzession wurde von der Regierung des Großherzogtums Hessen am 4. April 1868 der Hessischen Ludwigsbahn erteilt.Hessisches Regierungsblatt 1868, S. 601 (Nr. 22). Finanziert wurde das Vorhaben mit einer öffentlichen Anleihe über 4 Millionen Taler (in heutiger Währung 6,12 Millionen €).100 Jahre Odenwald-Eisenbahn, S. 17f.
Bau
Der Bau begann im Sommer 1868. Errichtet wurde eine eingleisige Eisenbahnhauptstrecke in Normalspur, die den Odenwald im südlichen Hessen und nördlichen Baden-Württemberg durchquert. Im September 1868 begannen die Bauarbeiten an dem 1205 Meter langen Frau-Nauses-Tunnel zwischen Wiebelsbach und Höchst im Mümlingtal. Diese kosteten elf Menschenleben und waren Weihnachten 1870 abgeschlossen. In Darmstadt begannen die Bauarbeiten am 1. Februar 1869, die in Richtung Reinheim ohne Schwierigkeiten zügig voranschritten. Die Strecke vom Darmstädter Ludwigsbahnhof bis Ober-Ramstadt konnte am 28. Dezember 1870 eröffnet werden.Die Bahnarbeiten in hiesiger Section. In: Starkenburger Provinzial-Anzeiger – Dieburger Kreisblatt Nr. 53 u. 57/1870.Die für den 1. April 1871 geplante Inbetriebnahme der Teilstrecke Ober-Ramstadt – Reinheim muss verschoben werden. In: Starkenburger Provinzial-Anzeiger – Dieburger Kreisblatt, Nr. 27/1871.Fritz Gevert: Vom Eisenbahnbau in Ober-Ramstadt. In: Glaube und Heimat, September – November 1935.Erwin Netscher: Der Bau der Odenwald-Eisenbahn. In: Odenwälder Nachrichten (Ober-Ramstadt) 25. März 1939.Karl-Heinz Schanz: Die Hessische Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft und der Bau der Odenwaldbahn. In: Beilage Nr. 14, Odenwälder Nachrichten, Juni 2000.Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 82f (Nr. 55). Am 15. Mai 1871 bis ReinheimDie deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 84f (Nr. 14). und zwei Monate später bis Wiebelsbach-Heubach.Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 84f (Nr. 22). Am 24. Dezember 1871 erfolgte die Einweihung des Streckenabschnitts bis Erbach (Odenw).Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 88f (Nr. 56). Der Abschnitt Darmstadt-Ost – Höchst wurde zwar nur eingleisig ausgeführt, aber von Anfang an zweigleisig trassiert. Darauf weisen die Profile von Engelberg- und Frau-Nauses-Tunnel, die Profile der Geländeeinschnitte, die Durchfahrtsweiten der durchfahrenen Brücken und die Breite der Brückenwiderlager hin.
Der Streckenzweig zwischen Hanau Hauptbahnhof und Wiebelsbach-Heubach wurde zwischen Babenhausen und Wiebelsbach-Heubach in zwei Segmenten, am 29. Juni 1870Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 80f (Nr. 25). von Babenhausen nach Groß-Umstadt und am 27. Dezember 1870 zwischen Groß-Umstadt und Wiebelsbach-Heubach, eröffnet.Mit dem 27. ds. Mts. werden weitere Teilstrecken der Odenwaldbahn und zwar von Groß-Umstadt bis Wiebelsbach-Heubach und von Darmstadt bis Ober-Ramstadt dem öffentlichen Verkehr übergeben. In: Starkenburger Provinzial-Anzeiger – Dieburger Kreisblatt, Nr. 108/1870.Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 82f (Nr. 54). Der Abschnitt zwischen Hanau und Babenhausen folgte erst zum 1. Mai 1882.Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 148f (Nr. 16). Die Odenwaldbahn kreuzt so in Babenhausen die Rhein-Main-Bahn.
Für die 31 Kilometer lange Strecke, die in ihrem südlichen Abschnitt auch im Großherzogtum Baden lag, erhielt die Hessische Ludwigsbahn am 3. August 1875 die hessen-darmstädtische Konzession,In: Hessisches Regierungsblatt 1875, S. 451 (Nr. 40). der badische Streckenteil war durch einen Staatsvertrag der beiden Großherzogtümer vom 19. Februar 1874 abgesichert.Staatsvertrag zwischen den Großherzogtümern Baden und Hessen abgedruckt in: Hessisches Regierungsblatt 1875, S. 344 (Nr. 29). Aufgrund der Topografie waren –, um die Wasserscheide zwischen Main und Neckar zu überwinden –, zwischen Erbach und Eberbach viele Kunstbauten, unter anderem das Himbächelviadukt und der Krähbergtunnel, sowie Steigungen von 1:70 erforderlich. Dazu bog die Trasse bei Hetzbach aus dem Mümlingtal in einem 90-Grad-Bogen nach Osten in den Pfeifersgrund ab, führte unter dem Krähberg () hindurch und erreichte so das Schöllenbachtal und dann das Ittertal. Am 1. März 1882 wurde der 7,23 Kilometer lange Abschnitt Erbach – Hetzbach, also die Strecke bis unmittelbar an die Baustelle des Krähbergtunnels, eröffnet.Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 148f (Nr. 14). Am 1. Mai folgte der Abschnitt Hetzbach – Kailbach, der auch den Krähbergtunnel einschloss.Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 148f (Nr. 15).
Das letzte Teilstück zwischen Kailbach und Eberbach wurde am 27. Mai 1882 zunächst für den Personenverkehr und fünf Tage später für den Güterverkehr eröffnet,Die deutschen Eisenbahnstrecken in ihrer Entwicklung 1835–1935. Berlin 1935 = Handbuch der deutschen Eisenbahnstrecken. ND Mainz 1984, S. 148f (Nr. 23). womit die Odenwaldbahn auf ihrer ganzen Länge befahrbar war. Ursprünglich war die Fertigstellung bereits für 1879, zeitgleich mit der Eröffnung der Neckartalbahn von Neckargemünd nach Jagstfeld geplant, was aber aufgrund der angespannten finanziellen Lage der Hessischen Ludwigsbahn-Gesellschaft nicht eingehalten werden konnte. Für die 56 Kilometer lange Strecke zwischen Darmstadt und Erbach benötigten im Jahre 1871 Personenzüge zwei Stunden.
Ausbau Anschlüsse Die Odenwaldbahn erhielt im Laufe der Zeit eine Reihe von Ergänzungen und Anschlüsse von anderen Strecken: Am 10. Oktober 1887 wurde die Gersprenztalbahn nach Reichelsheim in Reinheim an die Odenwaldbahn angeschlossen. Am 1. Oktober 1896 wurde die Rodgaubahn von Reinheim über Dieburg nach Offenbach am Main eröffnet. Die Überwaldbahn war ein Versuch, eine Querverbindung zwischen Bergstraße und Odenwaldbahn zu schaffen. Die Überwaldbahn wurde 1901 von Weinheim bis Wahlen eröffnet, wo dieser ambitionierte Versuch allerdings aufgrund der Kosten der Gebirgsquerung schließlich dauerhaft endete und die Odenwaldbahn nie erreichte. Am 1. Mai 1904 wurde die Stichbahn nach Beerfelden in Betrieb genommen. Zum 1. Dezember 1912 wurde zwischen Höchst und Aschaffenburg die Bachgaubahn in Betrieb genommen. In der Nähe des Bahnhofs Mainhausen wurde 1937 ein Anschlussgleis zur Versorgung des Militärflugplatzes mit dem Decknamen „Schafsweide“ eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente dieser Anschluss noch bis in die 1990er-Jahre dem örtlichen Industriegebiet.
Weitere Infrastruktur Zum 1. April 1898 wurde die Strecke mit einer in Fortsetzung von der Bahnstrecke Frankfurt–Hanau kommenden Telegrafen-Fernleitung versehen, betriebsintern als „Fernmeldeleitung Nr. 7“ bezeichnet.Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter. Jg. 1898, Nr. 15 vom 2. April 1898, S. 93, Bekanntmachung Nr. 154.
+ Telegraphen-Fernleitung Nr. 7Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter. Jg. 1898, Nr. 15 vom 2. April 1898, S. 93, Bekanntmachung Nr. 154. Bahnhof Rufzeichen Tag der Inbetriebnahme Frankfurt (Main) Ostbahnhof FoUrsprünglich: fs.Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter. Jg. 1898, Nr. 20 vom 7. Mai 1898, S. 155, Bekanntmachung Nr. 203. 1. April 1898 Hanau West Ha 7. Mai 1898Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter. Jg. 1898, Nr. 20 vom 7. Mai 1898, S. 155, Bekanntmachung Nr. 203. Hanau Ostbahnhof Han 1. April 1898 Seligenstadt (Hess) 27. August 1898Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter. Jg. 1898, Nr. 39 vom 27. August 1898, S. 267, Bekanntmachung Nr. 342. Babenhausen Ba 1. April 1898 Groß-Umstadt 27. August 1898Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter. Jg. 1898, Nr. 39 vom 27. August 1898, S. 267, Bekanntmachung Nr. 342. Wiebelsbach-Heubach W 1. April 1898 Michelstadt Mi 1. April 1898 Hetzbach 27. August 1898Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter. Jg. 1898, Nr. 39 vom 27. August 1898, S. 267, Bekanntmachung Nr. 342. Eberbach Ea 1. April 1898
Am 10. Februar 1914 wurden „mit Eintritt der Dunkelheit“ im Abschnitt zwischen Darmstadt und Wiebelsbach-Heubach neue „Doppellichtvorsignale“ in Betrieb genommen;Eisenbahndirektion Mainz (Hg.): Amtsblatt der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion in Mainz vom 24. Januar 1914, Nr. 5. Bekanntmachung Nr. 50, S. 33. die dem heute noch gebräuchlichen Modell des Formsignals entsprachen. Zum 1. April 1914 folgte der Abschnitt Hanau Ost–Eberbach.Eisenbahndirektion Mainz (Hg.): Amtsblatt der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion in Mainz vom 21. März 1914, Nr. 14. Bekanntmachung Nr. 158, S. 97.
Halte Zum 1. Oktober 1908 wurde der Haltepunkt Zellhausen eingerichtet.Eisenbahndirektion Mainz (Hg.): Amtsblatt der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion in Mainz vom 19. September 1908, Nr. 56. Bekanntmachung Nr. 747, S. 625. Ab dem 20. Januar 1935 war der Haltepunkt an den Eil- und Stückgutverkehr angeschlossen, beschränkt auf Frachtstücke bis zu 250 kg.Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (Hg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion Mainz vom 18. Januar 1936, Nr. 3. Bekanntmachung Nr. 26, S. 17.