miniatur|James Elroy Flecker, in seinen Räumen in Cambridge, um 1905 James Elroy Flecker (* 5. November 1884 in London; † 3. Januar 1915 in Davos) war ein englischer Diplomat, Dichter, Schriftsteller und Dramatiker. Als Dichter wurde er zunächst am meisten von der französischen Dichtergruppe der ParnassiensTimothy Rogers: Georgian poetry 1911-22: the critical heritage. Routledge 1997, S. 402.Edward B. Shanks: Second Essays on Literature. Ayer Publishing, New York 1937, S. 90. der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeinflusst, die dem Prinzip der L’art pour l’art () (frz. wörtlich: Die Kunst für die Kunst, sinngemäß: Die Kunst um der Kunst willen) verpflichtet war. In seinem Vorwort zu The Golden Journey to Samarkand von 1913 erklärte er sich ausdrücklich deren Kunst gegenüber verpflichtet. Während seines mehrjährigen Aufenthalts als Diplomat im Nahen Osten beeinflussten die dortige Kultur und von ihm vorgenommene Übersetzungen aus den dortigen Sprachen seinen Stil maßgeblich.Richard Bevis: Images of Liberty: The Modern Aesthetics of Great Natural Space. Trafford Publishing 2010, S. 92.Relativ singulär steht dabei David Perkins, der ihm jeden individuellen Stil abspricht und Fleckers Hintergrund völlig ignoriert: David Perkins: A history of modern poetry: from the 1890s to the high modernist mode. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1976, S. 194.
Leben
James Elroy Flecker wurde am 5. November 1884 im Londoner Stadtteil LewishamDigitale Bibliothek Band 13: Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur, S. 4269 (vgl. Wilpert-LdW, Autoren, S. 468–469, Alfred Kröner Verlag). als Sohn des Reverends William Hermann Flecker und seiner Frau Sarah geboren. Manche Biografen merken dabei an, dass von den Seiten beider Eltern eine Abstammung von osteuropäischen Juden zu belegen sei.J. R. Smart: Tradition and modernity in Arabic language and literature. Routledge 1996, S. 161. Flecker wurde eigentlich auf den Namen Herman Elroy Flecker getauft und nahm den Namen James an, weil er eine Verwechslung mit seinem Vater scheute. Im Familienkreis nannte man ihn Roy. James Elroy Flecker genoss eine Schulbildung an der Dean Close School, Cheltenham, in Gloucestershire, wo sein Vater ein auch von ihm gefürchteter Schuldirektor war,Edward Marx: The idea of a colony: cross-culturalism in modern poetry. University of Toronto Press, Toronto 2004, S. 16. und an der Uppingham School in Rutland. miniatur|Neville Court, Trinity College, Oxford, Zeichnung, 1915 Flecker studierte zunächst am Trinity College in Oxford von 1902 bis 1906 die klassischen Fächer und Sprachen. Dort engagierte er sich jedoch weniger im Studium. Stattdessen zog er es vor Gedichte, wie ClerihewsE. C. Bentley: Complete Clerihews. House of Stratus 2008, S. V. und anti-religiöse SketcheBei deren Inszenierung beriet ihn 1905 tatsächlich der schottische Dichter John Davidson, der ihn laut Fleckers Bekunden dazu angeregt hatte. Vgl. John Sloan: John Davidson, first of the moderns: a literary biography. Clarendon Press, Oxford 1995, S. 227. zu verfassen sowie in den entsprechenden Clubs zu debattieren.John D. Gordan: Letters to an Editor: Georgian Poetry. An Exhibition from the Berg Collection. Ayer Publishing, New York 1967, S. 22. Da er mit seinem Bachelor allenfalls einen Third class honour in classical greats in Oxford erreichen konnte und ihn schon immer die Sprachen interessiert hatten, war ihm die akademische Laufbahn versperrt geblieben. Aus Interesse an den modernen Sprachen wechselte er ans Caius College in Cambridge von 1908 bis 1910, wo er orientalische Sprachen, wie Arabisch, Persisch und Türkisch, aber auch Russisch u. a. bei E. G. Browne lernte.J. R. Smart: Tradition and modernity in Arabic language and literature. Routledge 1996, S. 161. Überraschenderweise empfand er das Bildungsklima in Cambridge im Gegensatz zu seinen Freunden Rupert Brooke, Arthur Waley und Francis Birrell eher uncongenial.Priscilla Thouless: Modern Poetic Drama. Ayer Publishing 1977, S. 31. 1907 hatte er zwischenzeitlich als Lehrer gearbeitet.Thomas Marc Parrott, Willard Thorp: Poetry of the Transition, 1850-1914. Books for Libraries Press, Freeport, N.Y. 1972, S. 563. In Oxford kam er mit dem für ihn dann prägenden englischen Ästhetizismus und dabei besonders den Werken von John Addington Symonds in Kontakt. miniatur|Beirut, um 1905 Ab 1907 arbeitete Flecker im Diplomatischen Dienst für den Levant Consular Service J. R. Smart: Tradition and modernity in Arabic language and literature. Routledge 1996, S. 161. und wurde 1910 nach Konstantinopel überstellt. Außerdem arbeitete er im damaligen Smyrna und in Damaskus. Von 1911 bis 1913 fungierte er als Vize-Konsul in Beirut.. Aufgerufen am 16. September 2012. Bei seinen eigenen Karriereplänen im diplomatischen Dienst schien er jedoch ein regelrechtes Publikum für seine Ambitionen zu vermissen und wendete sich daher wieder verstärkt der Dichtkunst zu, wobei er damit kokettierte, eventuell der Rudyard Kipling des Nahen Ostens zu werden.Edward Marx: The idea of a colony: cross-culturalism in modern poetry. University of Toronto Press, Toronto 2004, S. 17. Dennoch schien er selbst auf seine verwaltungstechnischen Leistungen als KonsulSeine Berichte zur Wirtschaft des Osmanischen Reiches dienen bis heute als verlässliche Quelle, s. Huri İslamoğlu-İnan: The Ottoman Empire and the World-Economy. Cambridge University Press, Cambridge/Paris 1987, S. 279. stolz zu sein, wenn er auch als echter Träumer den zeitaufwendigen Briefwechsel verabscheute.Edward B. Shanks: Second Essays on Literature. Ayer Publishing, New York 1937, S. 85. Während einer Schiffsreise nach Athen im Verlauf eines Urlaubs lernte er die drei Jahre ältere Hellé Skiadaressi kennen, die er im Mai 1911 in Griechenland heiratete.Heather Walker: Roses and Rain. Melrose Books 2006, ISBN 1-905226-06-3. Die Tochter eines bekannten Arztes wurde als Angehörige des Griechisch-Orthodoxen Glaubens von seinen Eltern niemals akzeptiert, da sie darin eine für ihren eigenen Glauben gefährliche Nähe zur Römisch-katholischen Kirche sahen.Ramachandra Guha: Savaging the civilized: Verrier Elwin, his tribals, and India. University of Chicago Press, Chicago 1999, S. 9. Weitere Urlaubsreisen führten ihn nach Korfu.
1907 veröffentlichte Flecker seinen ersten Gedichtband The Bridge of Fire mit 35 Gedichten. Edward Marsh nahm Gedichte seines Buches Forty-Two Poems (1911), in denen Flecker 20 Gedichte aus The Bridge of Fire weitgehend überarbeitet hatte, in seine Sammlung Georgian Poetry 1911–12 (1912) und Werke aus dem Band The Old Ships (1913) und dem Band The Golden Journey to Samarkand in die Sammlung Georgian Poetry 1913–1915 (1915) auf. Die Gedichtsammlung The Golden Journey to Samarkand (1913) ist im englischen Sprachraum das am meisten geschätzte Werk Fleckers. Außerdem veröffentlichte einen Dialog über die Erziehung, The Grecians (1910), in dem er das englische Bildungssystem angriff, obwohl er selbst gut darin integriert worden war.Priscilla Thouless: Modern Poetic Drama. Ayer Publishing 1977, S. 30. The King of Alsander (1914) ist eine sehr experimentelle und individuelle Novelle Fleckers, die als romantisch in Verbindung mit seinem sardonischem Humor gerühmt wurde.Thomas Marc Parrott, Willard Thorp: Poetry of the Transition, 1850-1914. Books for Libraries Press, Freeport, N.Y. 1972, S. 563. Er veröffentlichte zwei erfolgreiche Versdramen mit Hassan (1922)Das Dundee Repertory Theatre eröffnete 1939 gar mit einer Inszenierung von Hassan. David Kemp: The pleasures and treasures of Britain: a discerning traveller's companion. Dundurn Press, Toronto 1992, S. 371. und Don Juan (1925), die beide erst nach seinem Tode aufgeführt wurden. Dabei wäre Hassan beinahe schon 1915 kurz nach seinem Tode uraufgeführt worden, als Basil DeanColin Chambers: Continuum Companion to Twentieth Century Theatre. Continuum Intl. Pub. Group, 1. Aufl. London 2002, S. 198. das Stück bereits zu diesem Zeitpunkt in seinen Spielplan am West End aufnehmen wollte. Aber der Erste Weltkrieg verhinderte die Aufführung. Priscilla Thouless: Modern Poetic Drama. Ayer Publishing, New York 1977, S. 30. Gerade Hassan behielt später aufgrund seines poetischen Orientalismus und der Verdeutlichung Fleckers Zweifel am Orient einen gewissen Nachhall. J. R. Smart: Tradition and modernity in Arabic language and literature. Routledge 1996, S. 162. Auch andere Autoren hatten in London mit orientalischen Stoffen in den 1920er Jahren Erfolg: William Somerset Maugham mit East of Suez, 1922,Brian Singleton: Narratives of Nostalgia. Oriental Evasions about the London Stage. In: Charlotte M. Canning, Thomas Postlewait (Hrsg.): Representing the Past: Essays in Performance Historiography. University of Iowa Press, Iowa City 2010, S. 351–377, hier: S. 364. Oscar Asche mit Chu Chin Chow und Eward Knoblock mit Kismet.Jeffrey Richards: Swordsmen of the screen, from Douglas Fairbanks to Michael York. Routledge, London 1977, S. 271. Im Gegensatz zu seinem Freund Lawrence betrachtete Flecker den Orient jedoch stets auch aus einer Außenperspektive.Priscilla Thouless: Modern Poetic Drama. Ayer Publishing 1977, S. 31.
James Elroy Flecker näherte sich seinen Themen zum Teil auf recht emotionale und sprunghafte Weise. Im Gespräch mit seinem Freund Frank Savery, das durch seine Frau überliefert ist, warf er ein, dass doch The Bridge of Fire ein schöner Titel für eine Gedichtsammlung sei. Er habe noch keine Ahnung, worum es sich in diesem Band thematisch drehen würde, daher müsse man das Gedicht, über das er ebenfalls keine Vorstellung habe, mitten in dem Band verstecken. Aber bei diesem Titel müsse ihm einfach etwas einfallen.Arthur Waugh: Tradition and change: studies in contemporary literature. Reprint von 1919, Books for Libraries Pr., Freeport 1969, S. 119.
Zu seinen engsten Freunden zählte seit seiner Studien-Zeit im Frühjahr 1904 der britische Klassische Archäologe John D. Beazley, mit dem er zusammen einen Lebensstil nach dem Vorbild von Oscar Wilde auslebte. Manche Biografen entdeckten in ihrem gemeinsamen Briefwechsel einen damals an den Colleges nicht unüblichen Hauch einer bisexuellen Beziehung.John Sherwood: No Golden Journey: A Biography of James Elroy Flecker 1973, S. 35. Beazley, der zu diesem Zeitpunkt weitaus lebenserfahrener als Flecker war, soll einen nicht unerheblichen Einfluss auf den aus puritanischen Verhältnissen stammenden Flecker gehabt haben.Philippe Rouet: Approaches to the study of Attic vases: Beazley and Pottier. Oxford University Press, Oxford 2001, S. 82. So ist es bezeichnend, dass Fleckers Eltern Beazley für Fleckers entschiedene Hinwendung zum AgnostizismusMyron Simon: The Georgian poetic. University of California publications, Berkeley, Calif. 1975, S. 34. verantwortlich machten und insbesondere seine Mutter später in den erschienenen Werken und Biografien jeden Hinweis auf Beazley zu tilgen suchte. miniatur|T. E. Lawrence in arabischer Tracht Auch T. E. Lawrence zählte zu seinen Kommilitonen und Freunden. In Damaskus und Beirut machte Lawrence erneut großen Eindruck auf Gertrude Bell und Flecker,Harold Orlans: T.E. Lawrence: biography of a broken hero. McFarland, Jefferson/London 2002, S. 21. der ihn aufgrund seiner einheimischen Kontakte als „amazing boy“ lobte.Harold Orlans: T.E. Lawrence: biography of a broken hero. McFarland, Jefferson, NC 2002, S. 234. So schrieb dieser im Juni 1914, nur um den schwerkranken Freund zu unterhalten, eine längere satirische Anekdote über eine Schlacht zwischen Circassischen Wachen der Deutschen Eisenbahnlinie sowie den Kurdischen und Arabischen Bahnarbeitern.John E. Mack: A prince of our disorder: the life of T. E. Lawrence. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1998, S. 96.