mini|Stadtkirche Göppingen, Grundriss von Baumeister Heinrich Schickhardt, 1618, mit Parterre-Gestühl – Ostseite unten, innen mit Kanzel, außen mit Rest der abgebrochenen Kapelle mini|Stadtkirche Göppingen, Querschnitt von Baumeister Heinrich Schickhardt, 1618, rechts Westwand mini|Hanau, Alte Johanneskirche (früher Lutherische Kirche) von 1658–64 (Kupferstich aus Johann Wilhelm: Architectura Civilis, 1668) mini|Der Vorgängerbau des Berliner Doms (Abb. um 1830) war eine Querkirche: Eingang und Altar befanden sich nicht wie üblich an den Schmalseiten der Kirche, sondern an den Längsseiten.

Eine Querkirche ist eine Form des Kirchenbaus, in der entweder (bei üblichem geosteten Längs-Grundriss) das Querhaus erheblich größer ausgebaut ist als das Langhaus (Letzteres entfällt fast vollständig) oder in der sich die Inneneinrichtung (Gestühl, mehrseitige Emporen, teilweise auch Altar) der Kanzel auf einer Längsseite zuwendet – also quer zur räumlichen Längsausrichtung.

Mit der Querkirche kristallisierte sich die einzige rein protestantische Sakralbauform heraus. Wie bei der reformatorischen Zentralkirche, die ein katholisch-barockes Bauprinzip durch Zentralisierung des Altars abwandelte, verstand man sie als eine architektonische Umsetzung des Prinzips vom „Priestertum aller Gläubigen.“ Chöre und Schiffe galten damit nicht mehr als konstitutiver (grundlegender) Bestandteil des Kirchengebäudes. Erst in der Barockzeit wurden in größerer Zahl Querkirchen erbaut.

Geschichte mini|links|Grafik aus Leonhard Christoph Sturms Anweisung von 1718. Die Idealkirche ist mit zwei Emporen und zentraler Kanzel versehen. Die gestrichelten Linien deuten an, dass die Kanzel von jedem Platz aus sichtbar wäre. Mit der Querkirche kristallisierte sich die einzige rein protestantische Sakralbauform heraus, und zwar nicht erst im 18. Jahrhundert, wie es manche ansonsten hervorragende FachliteraturHarold Hammer-Schenk: Art. Kirchenbau III. In: Gerhard Müller (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 18, de Gruyter, Berlin/New York 1989, ISBN 3-11-017388-3, S. 456–498 [461.463] (zum Beispiel) Andreas Stiene: Die Stettener Querkirche – Ein frühes Beispiel ihres Bautyps; in: Andreas Stiene, Karl Wilhelm: Alte Steine – neues Leben. Geschichte und Geschichten der Evangelischen Dorfkirche in Stetten im Remstal; Stetten im Remstal 1998 und sogar noch im Reformationsjahr 2017 die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in ihrem Online-Magazin Monumente Ausgabe Februar 2017 (zuletzt abgerufen am 5. Februar 2019) meint. Sie entwickelte sich aus der spätmittelalterlichen unbestuhlten Langkirche, in süddeutschen Reichsstädten vor allem aus den Kirchen, in denen schon vor der Reformation für Predigtgottesdienste speziell Prädikanten angestellt waren,Eberhard Weismann: Die besondere Tradition des württembergischen Gottesdienstes. In: Evangelische Kirchenbautagung Stuttgart 1959; hrsg. vom Arbeitsausschuss des Evangelischen Kirchbautages; Berlin o. J., S. 23–32.Matthias Figel: Der reformatorische Predigtgottesdienst. Eine liturgiegeschichtliche Untersuchung zu den Ursprüngen und Anfängen des evangelischen Gottesdienstes in Württemberg. Epfendorf/Neckar 2013 – sowie: Matthias Figel: Predigtgottesdienst, in: Württembergische Kirchengeschichte Online (WKGO), 2014 (zuletzt abgerufen am 20. Juni 2022). und aus der in der Regel reichsstädtischen Predigerkirche der Dominikaner, in der die Kanzel meist seitlich an einem Mittelschiffspfeiler angebracht war. Vor dieser hatte sich die Gemeinde während der Predigt versammelt, ansonsten sich aber zum Messgottesdienst auf den geweihten Altar im Ostchor ausgerichtet. Mit der Reformation kam dieser Ort des sonntäglichen Messopfers in einem vom Kirchenschiff der Laien getrennten, dem Klerus vorbehaltenen Sakralraum, dem Chor, nicht mehr in Frage, als häufig dann freistehender Altartisch erhielt er jedoch neue Bedeutung: Tisch des Herrn, um den sich die Gemeinde zum priesterlichen Dienst aller Getauften, zum Abendmahl versammelt. Dem Gottesdienstverständnis Martin Luthers – zu Verkündigung, Gebet und Abendmahl ist jeder Ort und Raum recht –, das er in seiner Predigt zur Einweihung der Torgauer Schlosskapelle am 5. Oktober 1544 dargelegt hatte,D. Martin Luthers Werke, Weimarer Ausgabe; Kritische Gesamtausgabe Band 49, Weimar 1913, S. 588–615 – einsehbar auf Doct. Martinus Luther: Einweyhung eines Newen Hauses zum Predigampt Göttlichs Worts erbawet/ Im Churfürstlichen Schloss zu Torgaw. Wittenberg 1546. Neudruck zum 450. Kirchweihjubiläum der Schloßkirche im Oktober 1994; hg. Ev. Kirchengemeinde Torgau, 1994Martin Luther: Einweihung eines neuen Hauses zum Predigtamt göttlichen Worts, erbaut im kurfürstlichen Schloss zu Torgau (1546), Notger Slenczka, Übertragung: Jan Lohrengel; in: Martin Luther: Deutsch-Deutsche Studienausgabe (DDStA), Band 2, Herausgegeben von Dietrich Korsch und Johannes Schilling; Leipzig 2015, S. 851–891"Dass unser lieber Herr selbst mit uns rede...", auf archiv.ekd.de entsprach dann auch die Ausrichtung des Kirchengestühls und der Einbau von oft mehrseitigen Emporen mit Sitz-, Hör- und Blickrichtung vornehmlich auf die Kanzel, was der Gemeinde einen direkteren akustischen und visuellen Zugang zum Ausgangspunkt des verkündeten Evangeliums brachte. So finden sich – neben der auch traditionell im katholischen Raum verbreiteten Westempore – in protestantischen Kirchen vielfach zweiseitig gewinkelte, dreiseitig U-förmige Hufeisenemporen sowie vierseitige und auch das gesamte Kirchenschiff umziehende Rundemporen. Die Kanzel erhielt aus akustischen Gründen meist an einer Langseite des Kirchenraums ihren Platz. Mit dieser funktionalen Drehung nach Süden, Norden, teilweise sogar nach Westen, spielte die Ostung keine Rolle mehr, was auch an vielen nachreformatorischen Erweiterungen und Umbauten überkommener längsgerichteter Kirchen sowie an Kirchenschiff-Anbauten an gotische Chöre oder romanische Chortürme zu sehen ist. Bei kleinen Dorfkirchen konnte es sich nahelegen, den bisherigen Altar aus dem engen Chor in den neu gestalteten Predigtsaal zu holen, weil aus Platzgründen nur hier die Gemeinde sich zum Abendmahl versammeln konnte. So wurden alte Chorräume mitunter fast funktionslos, wenn sie sich nicht zum Einbau von besonderem Gestühl, zur Aufstellung von Epitaphien oder einer Orgel eigneten. Der protestantische Kirchenbau und seine Baumeister mussten – auch bautechnische – Lösungen für weite, möglichst stützenlose Kirchenräume finden, die die hörende Gemeinde in eher halbkreisförmige Anordnung zum „Predigtstuhl“ (die Kanzel) brachten.

Dass es sich beim nachreformatorischen Bau oder Umbau von Schlosskapellen zu Querkirchen nicht um eine exklusiv der Orts-, Gebiets- oder Landesherrschaft zugutekommende schlossinterne Maßnahme handelt, sondern im Geiste der Reformation „die Kirche“ als standesumfassende Gemeinschaft und Ortsgemeinde gesehen wird, spricht bereits Luther in seiner Torgauer Predigt an.Ausführlicher dazu und zur Sitzordnung: Andreas Rothe: Theologie in Stein und Bild; in: Die Schloßkirche zu Torgau – Beiträge zum 450jährigen Jubiläum der Einweihung durch Martin Luther. Hrsg. Torgauer Geschichtsverein e. V. und Ev. Kirchengemeinde Torgau. Torgau 1994, S. 13.Joseph Leo Koerner: Die Reformation des Bildes. Aus dem Englischen von Rita Seuß. München 2017, Kapitel 22: Kirchenbau, Anmerkungen 44–48. – Auch die anderen bis 80 Jahre später folgenden Kirchenbaumaßnahmen in Schlössern öffnen den herrschaftlichen Gottesdienstraum für die nicht-ständische Gemeinde: Aus der Schlosskapelle wird die Gemeindekirche. Standesunterschiede gab es beim Gottesdienstbesuch dennoch: die architektonisch und künstlerisch herausgehobene Empore, in der Regel direkt zugänglich von den herrschaftlichen Privatgemächern, wurde von der Herrschaft und ihrem Gefolge genutzt, im schmucklosen Erdgeschoss saßen oder standen die Schlossbediensteten und „die sonst herein gehen wollen“ (Luther).

Querkirchen als Neubauten entstanden nach der Torgauer Schlosskapelle zunächst vor allem in Süddeutschland.Erwin Rall: Die Kirchenbauten der Schwaben und Südfranken im 16. und 17. Jahrhundert. Maschinenschriftliche Dissertation Technische Hochschule Stuttgart 1922, S. 8, 13 ff., 43.Ilse-Käthe Dött: Protestantische Querkirchen in Deutschland und der Schweiz. Maschinenschriftliche Dissertation, Münster 1955, S. 71–141. – Die Auflistung früher württembergischer Querkirchen entspricht allerdings nicht mehr dem gegenwärtigen Forschungsstand. Im Herzogtum Württemberg und seinen benachbarten und teilweise verwandtschaftlich verbundenen Grafschaften und späteren Fürstentümern Hohenlohe,Walther-Gerd Fleck: Die ev. Kirche in Ohrnberg (Krs. Öhringen). Das ländliche Beispiel eines frühen protestantischen Predigtraumes. In: Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Stuttgart 1966, Heft 3/4, S. 101–107 – als PDF einsehbar in: – Der letzte Absatz des Artikels sowie die vorausgehende Kirchen-Aufzählung ist wegweisend für den Typus der protestantischen Querkirche.Walther-Gerd Fleck; Lutherkirche Fellbach. Selbstverlag der Lutherkirche, Fellbach o. J. , S. 12–16.Günther Memmert: Die Stadtkirche in Aalen und die Stephanuskirche in Alfdorf. Zum Typus der protestantischen Quersaalkirche im schwäbischen Barock. Dissertation, Universität Stuttgart, 2010. doi:10.18419/opus-5361 – Die Bewertung der Aalener und Alfdorfer Kirchen als seltene Beispiele württembergischer Querkirchen (S. 97 ff und 146 ff.), ihre Einordnung in die Kirchbaugeschichte und die Auflistung früher württembergischer Querkirchen entspricht allerdings nicht mehr dem gegenwärtigen Forschungsstand. Brandenburg-Ansbach und Brandenburg-Bayreuth hing dies mit dem eigenständigen theologischen und liturgischen Profil zwischen Luthertum und Calvinismus und den engagierten Kirchbau-Bestrebungen der Landesherren und ihrer Baumeister zusammen: „Anders als in Wittenberg knüpfte die liturgische Grundentscheidung der Reformation in Württemberg nicht an der mittelalterlichen Tradition der römischen Messe an, sondern an jenen Prädikantengottesdiensten, die in den Städten Südwestdeutschlands verbreitet […] waren.“Gottesdienstbuch für die Evangelische Landeskirche in Württemberg – elektronisch; CD-ROM. Hrsg. Evangelischer Oberkirchenrat Stuttgart. Stuttgart 2005, Ergänzungsband, S. 2.Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche, Kapitel 2.4, Die reformatorische Erneuerung des Gottesdienstes; im Auftrag des Rates der EKD 2009 herausgegeben vom Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-05910-5 – als PDF einsehbar auf , zuletzt abgerufen am 21. Dezember 2018. Schon früh wurden daher Predigtsaalkirchen – bewusst ohne Chorraum zur Ausübung der Sakramente – für evangelische Gottesdienste als vorbildlich angesehen. Eine Trennung von geistlichem und weltlichem Kirchenraum war ja nach der Reformation nicht mehr notwendig.