An der Biegung des großen FlussesV. S. Naipaul, An der Biegung des grossen Flusses. Roman. Frankfurt am Main, S. Fischer Taschenbuchverlag 2012, ISBN 978-3-596-19016-4, zitiert als: An der Biegung, Fischer-Ausgabe (englischer Titel A Bend in the River) ist ein 1979 erschienener Roman von V. S. Naipaul. Er erzählt die Geschichte des jungen Kaufmanns Salim aus einer indischen Familie, der sich in einer in die Unabhängigkeit entlassenen afrikanischen Kolonie Anfang der sechziger Jahre eine Existenz aufzubauen versucht. Wegen der alles durchdringenden Unsicherheiten und Unruhen der nachkolonialen Situation kann auch der findige Salim nach zehn Jahren letztlich nur durch Flucht sein Leben retten.
Robert McCrum führt das Werk in seiner für den Guardian nach Erscheinungsjahr geordneten Liste der 100 besten englischsprachigen Romane an; in der BBC-Liste der 100 wichtigsten britischen Romane wird von V. S. Naipaul nur Ein Haus für Mr. Biswas an 78. Stelle genannt.
Übersicht mini|Transport zwischen den Dörfern auf einem Nebenfluss des Kongo (Foto 2003)mini|Logistik per Flussdampfer, hier mit einer Palmölladung auf einem Nebenfluss des Kongo (Foto ca. 1942)Die erzählte Zeit umfasst etwas mehr als zehn Jahre, vom Anfang der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre. Salim, Spross einer seit langem an der Ostküste Afrikas siedelnden indischen Kaufmannsfamilie, reflektiert schon in frühen Jahren, dass die mit den Anrainern des Indischen Ozeans verbundenen Händler nur unter europäischen Flaggen sicher leben könnten. Mit der Dekolonisierung Afrikas und einem neuen Nationalismus entwickelt er Zukunftsängste.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 25. Um sich aus der exponierten Stellung seiner Familie auf ihrem Anwesen an der Küste zu befreien,Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 31. Anant Kumar versteht das Interesse der westlichen Welt an dem Roman insofern, als einmal nicht die üblichen Minderheiten auf der Flucht vor Verfolgung sind, sondern eine indische Händlergeneration vor afrikanischen Ureinwohnern zuerst ins Innere Afrikas fliehe. kauft er von Nazruddin, einem Freund der Familie, dennoch einen Kramladen in einer Stadt mitten im Kontinent.Ein Roman, „dessen Handlung in einem nicht näher bezeichneten zentralafrikanischen Staat spielt, der aber nach dem Modell Zaires gezeichnet ist.“ Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, Band 12 Hp-Pa, siehe Literatur, S. 200. Allein auf sich gestellt lässt er sich dorthin neue Waren liefern und baut das verwüstete kleine Geschäft in der Stadt „an der Biegung des großen Flusses“ wieder auf. Obgleich er mehrere meist nicht afrikanische Bekannte findet, bleibt Salim letztlich ein seiner Umgebung gegenüber misstrauischer Einzelgänger.
Als der neue Machthaber nahe der Stadt für die Ausbildung seines Verwaltungsnachwuchses einen Universitäts-Campus bauen lässt, ist Salim von dieser europäischen Exklave,Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 206. einem Laboratorium zur Erschaffung der „neuen Afrikaner“, fasziniert, ahnt aber in diesem Stückchen „Afrika der Worte und Ideen“ ein romantisches und auch gefährliches Potenzial.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 174 ff., 182 ff., 316. Bei einer Party dort lernt Salim auch den Leiter des Betriebs Raymond und seine dreißig Jahre jüngere Frau Yvette kennen. Salim hatte bisher nur sexuelle Erfahrungen mit Prostituierten gesammelt und erlebt mit Yvette zum ersten Mal eine erotische Beziehung.
Neben anderen Figuren werden zwei Jugendliche bzw. junge Erwachsene wichtig: der eine ist Ali, später Metty genannt, Sklavensohn aus Salims Familie, der ihm nachreist und sein Gehilfe wird; der andere ist Ferdinand, Sohn der schwarzen Händlerin Zabeth, eine seiner ersten Kundinnen, die die bei Salim erworbenen Waren mit Frauen aus ihrem Dorf per Einbaum im Busch weiterverkauft. Zabeth bittet Salim, ein Auge auf ihrem Sohn zu haben, der in der Stadt zuerst das Gymnasium, dann das Polytechnikum in der Domäne besucht und dort zu einem Beamten des neuen Machthabers ausgebildet wird. Zwar unterschiedlich in ihrem sozialen Status, repräsentieren Metty und Ferdinand schließlich die Hoffnungslosigkeit auch der neuen Generation.
Dann brechen in der Stadt wieder Unruhen aus und Salim reist für sechs Wochen nach London. Dort verlobt er sich mit einer Tochter Nazruddins, des Freundes der Familie, von dem er den Laden gekauft hatte. Salim fliegt in die afrikanische Stadt zurück, um sein Geschäft zu verkaufen, aber der Machthaber hat inzwischen eine weitere nationalistische „Radikalisierung“ der einheimischen Bevölkerung gegenüber Ausländern initiiert: Salims Gemischtwarenladen ist inzwischen verstaatlicht worden und er wird verhaftet. Ferdinand, Sohn von Zabeth der Händlerin und inzwischen zum Regierungskommissar aufgestiegen, befreit Salim und rät ihm zur sofortigen Flucht. Nahezu mittellos entkommt Salim auf dem letzten Flussdampfer aus der Stadt „an der Biegung des großen Flusses“.
Erzählweise Der Roman ist in vier größere Abschnitte und siebzehn Kapitel durchgliedert. Während die mittleren Abschnitte mit den Überschriften „Das neue Reich“ und „Der große Mann“ eine gewisse Konsolidierung andeuten, weisen der erste und der letzte Abschnitt mit „Die zweite Rebellion“ und „Krieg“ auf die sich wiederholende Zerstörung der Gesellschaft hin. Diese Struktur des letztlichen Scheiterns wird gefüllt mit einer Reihe von Episoden, in denen auf inspirierende Anfänge – teils gewaltsame – Auflösungen folgen, die immer wieder einen „Blick hinter die Kulissen“ offenbaren:Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 252. Der an indigener Kultur interessierte Pater Huismans, der menschlichen Reichtum dort entdeckte, „wo wir anderen nur Wildheit sahen“, wird im Dschungel erschlagen;Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 88 ff. 121 f. der Universitäts-Campus als Menschenlabor und zivilisatorischer Keim beginnt schon bald zu verfallen;Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 176 f., 184, 190, 252 ff., 384 ff. der an diesem Experiment beteiligte Gastdozent und Freund Indar sowie der Leiter des Campus ahnen die Wirkungslosigkeit ihrer Aufklärung;Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 182, 185, 206, 208, 232, 254, 275, 358 ff. die Befriedung und Demokratisierung des Kongo durch den „großen Mann“ und Präsidenten, den „Apostel der Moderne“, enden in neuer Gewalt.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 196 ff., 204, 237, 310 ff.
Im Fortgang der Erzählung wird deutlich, dass das Scheitern der Zivilisierung Afrikas von den letztlich romantischen SichtweisenNaipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 171, 174, 176 f. und einer profunden Ahnungslosigkeit der weißen Experten verursacht wird: „Was für Illusionen Afrika Menschen von außerhalb eingab!“Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 342; 192 f., 228, 268. Pater Huismans bezahlt seine Naivität mit dem Leben; der Campus im Dschungel ist ein „Schwindel“, eine „Fiktion“, ein „Konstrukt“;Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 184, 190, 229. die Balladen von Joan Baez liefern den Dozenten-Partys im zivilisatorischen Projekt der Domäne die passende stimmungsvolle Süße;Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 188 f., 203, 273. Raymonds umfassende Afrikakenntnisse stellen sich als oberflächlich herausNaipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 191 ff., 265 ff., 281. und die ach egoistischen Illusionen der Europäer in Afrika führen in viele Sackgassen.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 203, 229 ff., 269, 273, 277, 301, 338, 358 ff.
Der Ich-Erzähler empfindet schon in seiner Jugend die Lage der Araber, Europäer und Inder in der beginnenden Entkolonisierung in Ostafrika als überlebt, unsicher und schutzlos.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 24 f., 29 f., 37, 41, 82 f., 96, 104, 112 ff., 127 f., 152. Naipaul war „aus Erfahrungsgründen misstrauisch geworden gegenüber dem Fetisch ´nationale Unabhängigkeit ´, dessen ausgrenzenden Repressionscharakter er besonders am Beispiel Pakistan und Indien immer wieder beschrieben hat.“ Martin, siehe Weblinks. Mit diesem Gefühl der Bedrohung und latenten Fluchtbereitschaft sei Naipaul „der Chronist zeitgenössischer Heimatlosigkeit und Entwurzelung, der rastlos wandernde Rhapsode der Dritten Welt.“Ortlepp, siehe Weblinks. Da ethnische Konflikte, Stammeskriege und Zerstörung außerhalb der Kolonialzeit in Salims Perspektive ein Dauerzustand sind,Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 7 ff., 15, 52, 72, 78 f., 98 ff., 105, 299, 316 f. bleibt als individueller Ausweg nur eine umfassende Vorsicht nicht aufzufallen und das für die Afrikaner wie auch für Salims Freunde geltende „Weitermachen“.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 100, 102 f., 104, 107, 112, 144, 173, 202, 264, 295, 312, 317.
„Ohne uns dessen bewusst zu sein (wir dachten, wir wären eben schlau, zögen die Köpfe ein, wahrten unsere Interessen), waren wir so geworden wie die Afrikaner, über die der Präsident herrschte. Wir spürten nur das Gewicht seiner Macht. (...); es war nicht an uns, die Dinge zu hinterfragen oder zu genau hinzusehen.“Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 172, 267, 284. mini|Die im Roman erwähnten Reusenfischer hoch über den gefährlichen Stromschnellen (Foto 2007) Die Leitmetapher dieses Ausgeliefertseins ist der titelgebende „große Strom“, der für den „Strom der Geschichte“ steht, der „uns hierher getragen“ hat und alle Individuen zu seinem „Treibgut“ macht. Für den unter den nachkolonialen Wirren leidenden Ich-Erzähler ist auch die Biegung des großen Flusses samt seinen vor der Stadt liegenden Stromschnellen eine Allegorie auf die politische Geschichte des Kongo und das Schicksal Afrikas. Naipaul leiht z. B. die Stimme den im Strom treibenden und die Nebenwege verstopfenden Wasserhyazinthen, „unterwegs aus dem fernen Herzen des Kontinents“, „ein[en] Feind mehr“, der „von Blut“, von Ende und Neubeginn, von „Erfahrung ohne Würze“ erzählt.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 234, 370; 29, 31, 68 f., 163, 205, 244 f., 411. „Erfahrung ohne Würze“ bedeutet Erlebnis ohne Sinn - auch hier schon eine rassistische Mikroaggression Naipauls.
Im Unterschied zu seinen schreibenden Kollegen in Europa und Amerika, die sich in ihre „privaten Mikrokosmen“ oder in Detektivgeschichten „um eines kleinen Rätsels willen“ flüchteten, habe Naipaul damit seine großen Themen gefunden: „Was ist Geschichte? Was ist Zivilisation? Was Desaster?“Ortlepp, Wunderlich – siehe Weblinks. Schon mit dem ersten Satz klärt Naipaul über die Perspektive auf, in der er seine Antworten suchen wird:
„So ist die Welt; wer nichts ist, wer es geschehen lässt, dass aus ihm nichts wird, hat keinen Platz darin.“
Sowohl die individuelle Verantwortung für den eigenen Lebensweg als auch der individuelle Aufstieg sind als Maßstäbe gesetzt, mit denen gesellschaftliche Systeme als Bedingungen der Möglichkeit beurteilt werden, „das Leben zu meistern.“Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 175; 211, 225. Salims Weltanschauung ist daher von einer Mischung aus Selbstverantwortung und Fatalismus bestimmt. Salims väterlicher Freund Nazruddin verkörpert diesen modernen Sisyphos der Mittelklasse, der erst an der ostafrikanischen Küste, dann im Inland, dann in Uganda, Kanada und England mit immer neuen Initiativen sein Leben zu meistern versteht.Naipaul, An der Biegung, Fischer-Ausgabe, S. 31 ff., 317, 347 ff. Salims Weg durch das Chaos erzählt Naipaul episodisch in einer fortwährenden Erweiterung der Situationen mit immer neuen Herausforderungen, von der Küste Afrikas ins Innere, von seinem Laden in die Stadt, von dort in die Domäne des Universitäts-Campus, nach London und schließlich zurück in die sich in der Stadt spiegelnden politischen Wirren.
Zur Geografie mini|Das Kongo-Becken mit Kisangani im Nordosten vor den Stromschnellen