Die Schlacht um das Fort Tua Hai war die erste nennenswerte Auseinandersetzung des Vietnamkrieges. Die vietnamesischen Rebellen der 1960er Jahre sahen die Schlacht im Allgemeinen als Beginn des Krieges an, als ersten größeren Kampf, typisch für viele andere Kämpfe, die noch kommen sollten. Während der Schlacht gelang es einer Gruppe Guerillas der Provinz Tây Ninh, das Hauptquartier des 32. Regiments der ARVN[Spector, After Tet, S. 73] zu überfallen, zahlreiche gegnerische Soldaten zu töten, große Mengen von Nachschub zu erbeuten und das Lager niederzubrennen. Obwohl sie ein durchaus bedeutendes Ereignis war, ist die Schlacht heutzutage, vor allem außerhalb Vietnams, weitgehend in Vergessenheit geraten. Über die Anzahl der Opfer gibt es widersprüchliche Angaben, die Folgen waren vor allem psychologischer Natur.
Beginn des Aufstandes Vietnam 1959/1960 links|miniatur|Lageentwicklung in Indochina von 1957 bis 1960 Zu dem Zeitpunkt der Schlacht war Ngô Đình Diệm bereits seit fast sechs Jahren Führer der Republik Vietnam. Während dieser Zeit kam es in dem Land zu großen Umwälzungen und Unruhen. Am 25. Juni 1954 wurde Diệm von Kaiser Bảo Đại als Premierminister akzeptiert. Nicht einmal ein Jahr später kam es in Sàigòn bereits zu den ersten Kämpfen, als Diệm versuchte, die Macht der drei großen Sekten des Landes einzuschränken. Diệm musste drei Divisionen aufbieten, um deren Widerstand zu brechen.[Knöbl, Victor Charlie: Viet Cong, S. 266] Doch durch die Zerschlagung der Cao Dai, Binh Xuyen und Hoa Hao handelte er sich die Feindschaft der Sektenmitglieder ein, als deren Fürsprecher plötzlich die Kommunisten auftraten.
Nachdem die Macht der Sekten zurückgedrängt war und die meisten Việt Minh nach Nordvietnam geflohen waren, versuchte Diệm die verbliebenen Strukturen der kommunistischen Partei im Süden zu zerschlagen. Im Jahre 1955 lief eine "Denunziationskampagne" an, die Vietnam in Aufruhr versetzen sollte. Zehntausende von Menschen wurden in Gefängnisse und Lager geworfen. Nicht allein Việt Minh waren davon betroffen, sondern auch Sektenführer, Studenten, kritische Journalisten, Mitglieder kleiner Parteien und Gewerkschafter. Eine Verordnung, die Mitte 1956 bekannt gegeben wurde, drohte jedem mit Haft, der dem Staat gefährlich werden konnte. Verwaltungs- und Provinzchefs nutzten die Verordnung, um private Gegner loszuwerden und die Landbevölkerung einzuschüchtern. Im Mai 1959 erließ Diệm das berüchtigte Gesetz 10/59, das die Einrichtung von Militärtribunalen vorsah. Den Angeklagten wurde das Recht auf einen unabhängigen Verteidiger abgesprochen, die einzigen Urteile, die gefällt wurden, waren Todesurteil oder lebenslange Haft. Zwischen 1955 und 1960 soll es etwa 150.000 Inhaftierte und weit mehr als 12.000 Todesopfer gegeben haben.[Frey, Geschichte des Vietnamkriegs, S. 60]
Auf Druck der Amerikaner wurde eine Bodenreform eingeleitet, doch auch diese führte nicht gerade zu einer Identifizierung der bäuerlichen Bevölkerung mit dem Diệm-Regime. Vielen Bauern wurde das Land abgenommen und an Großgrundbesitzer zurückgegeben. Die Regierung kassierte dadurch insgesamt 650.000 Hektar Land, doch nur 244.000 wurden wieder verteilt. Der Anteil der landbesitzenden Bevölkerung ging dadurch stark zurück. Auch die Verringerung der Pachtabgaben von 50 auf höchstens 25 % des Ertrages verbesserte kaum die Lage der Bauern. Zahlreiche Großgrundbesitzer hielten sich nicht daran und die Abgaben mussten unabhängig von der tatsächlichen Ernte geleistet werden. In Jahren mit schlechter Ernte bedeutete das für viele Bauern eine Katastrophe. Ein weiterer Faktor, der zu Diệms Unpopularität beitrug, war die Abschaffung der dörflichen Selbstverwaltungsorgane. Durch dieses paternalistische System hatte die Bevölkerung Einfluss auf die kommunalen Belange und konnte beispielsweise über Deich- und Straßenarbeiten entscheiden. Diệm jedoch überführte die Aufgaben der Großgrundbesitzer in die Hände auswärtiger Regierungsbeamter. Diese stammten oftmals aus dem Norden und waren mit den lokalen Gegebenheiten nicht vertraut. Diese Maßnahmen untergruben das traditionelle Beziehungsgeflecht zwischen Landbesitzern und Bauern und führten zu einer rapide abnehmenden Identifikation mit der Landbevölkerung.[Frey, Geschichte des Vietnamkriegs, S. 61]
Die auf Grund der Denunziationskampagne, der Verfolgungen, der praktisch wirkungslosen Landreform und gewaltsamer Umsiedlungsaktionen entstehende Unzufriedenheit in der Bevölkerung, war der ideale Nährboden für einen Aufstand. Es sollte nur noch eine Frage der Zeit sein, wann und wo es zu den ersten bewaffneten Auseinandersetzungen kommen würde.
Tây Ninh Die vietnamesische Provinz Tây Ninh, die direkt an der kambodschanischen Grenze liegt, war 1959 noch weitgehend unter Kontrolle der Sàigòner Regierung. Das Hauptproblem der ARVN waren weniger die Rebellen, sondern vor allem kambodschanische Banden, die immer wieder die Grenze überschritten und örtliche Bauern ausraubten. Um die Einfälle der Banden und die Entstehung einer Rebellenbewegung zu unterbinden, besetzte das Hauptquartier des 32. Regiments und ein Bataillon der 21. Division der ARVN das verlassene französische Fort Tua Hai. Es lag etwa 5 km nördlich von Tây Ninh, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und ca. 90 km nordwestlich von Sàigòn. Die alte Grenzfestung war rechteckig angelegt. Der Erdwall, der es umgab, war rund zweieinhalb Meter hoch, davor hatte man 4–5 m hohe Stacheldrahtverhaue angelegt. An jeder der vier Ecken des Forts befanden sich Maschinengewehrstellungen, entlang der Mauern gab es befestigte Bunker. Doch die Befestigungsanlagen waren teilweise schon verfallen, da man es nicht für notwendig gehalten hatte, sie wieder instand zu setzen. An einigen Stellen waren die Stacheldrahtverhaue bereits eingestürzt. Trotzdem war das Fort noch immer ein achtungsgebietender Vorposten der Regierung.
mini|Tempel der Cao Dai in Tây Ninh
Doch auch in Tây Ninh wuchs die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Oftmals durchstreiften Soldaten der ARVN die Dörfer und nahmen Bauern gefangen, die im Verdacht standen, mit den ehemaligen Việt Minh zu sympathisieren. Im Grunde ging es den Soldaten jedoch nur darum, möglichst hohe Gefangenenzahlen an ihren Provinzkommandeur weitergeben zu können. Denn je mehr Zahlen dieser nach Sàigòn melden konnte, desto zufriedener waren die Führer mit dem Kommandeur und den Soldaten. Doch die Terrorisierung der Bevölkerung nahm immer größere Ausmaße an.
Quyet Thang berichtete: "...Wir beschlossen, den Angriff kurz vor dem Mondneujahrsfest, Ende Februar 1960, zu starten. Die Terroraktionen des Gegners hatten in den vorangegangenen Wochen ihren Höhepunkt erreicht. Das in Tua Hai stationierte Regiment war gerade von einem Großeinsatz zurückgekehrt, in dessen Verlauf Hunderte von Bauern in Tây Ninh ermordet worden waren...Ihre größte Operation hatten sie Ende Januar begonnen. Das Ziel war nicht nur alle ehemaligen Mitglieder der Widerstandsbewegung aufzuspüren, sondern auch junge, kräftige Männer für die Armee auszuheben. Die jungen Leute flohen zu Tausenden in die Wälder. Die Truppen des Gegners plünderten daraufhin die Hütten, schleppten alle Nahrungsmittel und das lebende Inventar fort und nahmen auch die Geschenke für das Mondneujahrsfest mit...Die Bevölkerung wurde entnervt, demoralisiert, aber insgeheim kochte sie vor Wut...Es gab für uns nur zwei Wege: Entweder wir griffen zu den Waffen oder wir ließen uns wie Hühner abschlachten."[Burchett, Partisanen contra Generale, S. 18–19]
Noch ein weiterer Faktor kam den Widerstandskämpfern zugute. In der Provinz Tây Ninh befand sich das Hauptquartier der Cao Dai. Dabei handelte es sich um eine Sekte, die von dem französischen Kaufmann Van Trung gegründet wurde. In der gleichnamigen Provinzhauptstadt Tây Ninh baute der clevere Geschäftsmann dem allerhöchsten Wesen seiner Sekte eine Kirche. Er ernannte Christus, Buddha, Mohammed und Konfuzius zu Propheten seiner neuen Religion. Sie kämpfte im ersten Indochinakrieg mal für und mal gegen die Franzosen, je nachdem, wer ihr Stammesgebiet Tây Ninh kontrollierte. Die Cao Dai verfügten über eine gut ausgerüstete Armee von 20.000 Mann, die sich in allen Gefahren erbittert schlug und ihre Feinde mit besonderer Mordlust verfolgte. Ihr höchstes Wesen ‚Aa’ versprach seinen Gläubigen umso größere Seligkeiten nach dem Tod, je mehr Ungläubige sie zuvor ins Jenseits befördert hatten. Nach Ende des ersten Indochinakrieges versuchte die Sekte ihre Macht in den benachbarten Provinzen auszudehnen und verbündete sich mit dem südvietnamesischen Regierungschef Diệm. Nachdem dieser jedoch begann, die Cao Dai zu verfolgen, schlossen sie sich der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams (englisch: National Liberation Front (NLF), vietnamesisch Mặt Trận Giải Phóng Miền Nam Việt Nam) an und wurden Ende 1960 als ‚patriotische Kraft’ in die Nationale Befreiungsfront aufgenommen. Noch im Jahre 1959 schätzte man die Zahl der bewaffneten Cao Daiisten auf etwa 4.000.[Knöbl, Victor Charlie: Viet Cong, S. 42]
Die Rebellen Schon im Juli 1959 kam es in Tây Ninh zu Angriffen einiger kleinerer Guerillagruppen. Diese ersten Überfälle waren oft mit äußerst primitiven Waffen durchgeführt worden. Oftmals kämpften die Aufständischen mit selbst gebauten Armbrüsten und Rohrbomben. Eine Kompanie der Rebellen, also 120 bis 140 Mann, hatte anfangs oft nicht mehr als zehn bis fünfzehn Gewehre und nur wenige hundert Schuss Munition.[Knöbl, Victor Charlie: Viet Cong, S. 44] In der Provinz standen Ende 1959 etwa 1000 Guerillas unter Waffen.
Eine dieser Gruppen wurde von Quyet Thang angeführt, einem ehemaligen Việt Minh-Kämpfer der schon im Ersten Indochinakrieg niedere Kommandoposten besetzt hatte. Nach dem Ende des Krieges war er nach Tây Ninh zurückgekehrt und führte sein altes bäuerliches Leben weiter. Die Einheit unter seinem Kommando umfasste 260 Mann, die immerhin schon 170 Feuerwaffen hatten, etwa 100 Soldaten stellte die Cao Dai. Es ist falsch, bei diesen Soldaten von Viet Cong zu sprechen. Weder waren es Kommunisten, noch waren sie Mitglieder der Nationalen Befreiungsfront, die erst Ende 1960 gegründet wurde. Bei ihnen handelte es sich um alte Widerstandskämpfer, junge Leute, die vor den Rekrutierungsbanden geflohen waren, einige desertierte Soldaten der ARVN und Mitglieder der Cao Dai. Quyet Thang hatte schon seit zwei Jahren versucht, Guerillas auszubilden und zu schulen. Doch auf Grund der blutigen Säuberungsaktionen der ARVN war ihm das oft misslungen. Nun jedoch hatte er eine größere Gruppe Rebellen um sich geschart und hoffte mit ihnen das Fort überfallen und erobern zu können.
mini|ARVN-Soldaten in Mekongdelta 1961
Tua Hai war aus mehreren Gründen bedeutsam für die Guerillas. Von dort aus konnten die Streitkräfte der ARVN die halbe Provinz kontrollieren. Außerdem wurde den Partisanen der Weg in die kambodschanischen Gebiete zwar nicht versperrt, zumindest jedoch erheblich erschwert. Schon damals war Kambodscha ein beliebtes Rückzugsgebiet für vietnamesische Widerstandskämpfer, die mit der Hilfe Prinz Sihanouks rechnen konnten. Dieser unterstützte jede Bewegung, die gegen das ihm verhasste Regime in Sàigòn kämpfte. Doch der wichtigste Grund für einen Überfall waren die in Tua Hai gelagerten Vorräte. Die Regierung hatte dort nämlich, in der Erwartung kommender Konflikte, große Versorgungslager mit Waffen und Munition angelegt, und nichts benötigten die Guerillas mehr als bessere Waffen.[Knöbl, Victor Charlie: Viet Cong, S. 44] Quyet Thang hoffte, wenigstens 300 Gewehre mit der passenden Munition erbeuten zu können, um seine Einheiten damit auszurüsten.
Kampf um das Fort Vorbereitungen