mini|Kurt Blome als Angeklagter im Nürnberger Ärzteprozess, 1946/1947
Friedrich Ludwig Kurt Blome (* 31. Januar 1894 in Bielefeld; † 10. Oktober 1969 in Dortmund) war ein deutscher Arzt, Offizier, nationalsozialistischer und antisemitischer Politiker, Reichstagsabgeordneter der NSDAP und Reichsärzteführer. Er war Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Seine medizinischen Arbeitsgebiete waren auch Krebs und biologische Waffen.
Leben
Die frühen Jahre Nach dem Besuch von Volksschule und Realgymnasium in Dortmund machte Blome 1912 sein Abitur und studierte im Anschluss Medizin an den Universitäten in Göttingen, Münster, Gießen und Rostock.E. Kienast (Hrsg.): Der Großdeutsche Reichstag 1938, IV. Wahlperiode. R. v. Decker’s Verlag, G. Schenck, Ausgabe Juni 1943, Berlin. In Göttingen war er seit 1912 Mitglied der Burschenschaft Holzminda,Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 42. der er bis zu seinem Tode als Alter Herr angehörte.Unsere Toten. In: Burschenschaftliche Blätter, 85. Jg. (1970), H. 2, S. 49. Zum Sommersemester 1914 wechselte er nach Rostock,Siehe dazu die Erstimmatrikulation von Kurt Blome im Rostocker Matrikelportal. Eine zweite Immatrikulation erfolgte im Wintersemester 1919/20. wo er seinen Wehrdienst am 1. April 1914 als Einjährig-Freiwilliger beim Großherzoglich Mecklenburgischen Füsilier-Regiment „Kaiser Wilhelm“ Nr. 90 antrat und in Folge am Ersten Weltkrieg vom 2. August 1914 an bis 1918 teilnahm, überwiegend als Leutnant beim Infanterie-Regiment „Bremen“ (1. Hanseatisches) Nr. 75. Zuletzt war er Leutnant der Reserve und stellvertretender Bataillonsführer.Joachim Lilla: Statisten in Uniform – Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Düsseldorf 2004, S. 45–46. Für sein Wirken mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes, dem Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern sowie dem Goldenen Verwundetenabzeichen ausgezeichnet, erlebt er das Kriegsende in einem Lazarett in Bremen. Er setzte ab 1919 sein Medizinstudium vorübergehend in Münster und Gießen fort.
Die Zeit in Rostock 1918/1919 wurde er Freikorps-Mitglied in Rostock und Mitglied der Organisation Escherich, der Marinebrigade Ehrhardt und der Organisation Consul. Im März 1920 war er aktiv am Kapp-Putsch beteiligt, wobei er verwundet wurde. Weiterhin engagierte er sich als Zeitfreiwilliger in der Reichswehrbrigade 9. In Rostock legte er dann 1920 sein Medizinisches Staatsexamen ab. Blome wurde dort auch 1921 mit einer Arbeit Über das Verhalten von Bacterien im electrischen Strom zum Dr. med. promoviert. Nach dem Studium wurde er Medizinalpraktikant in Münster und Gießen, dann Assistenzarzt und Oberarzt am Dermatologischen Institut der Universität Rostock. Er war ein frühes Mitglied der NSDAP, der er 1922 beitrat.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 54. Nach dem Verbot der NSDAP im November 1923 wurde er wegen NS-Betätigung von der Universität Rostock entlassen. Er war auch Mitglied im Frontkriegerbund und im Tannenbergbund. Von 1924 bis 1934 führte er dann als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten eine eigene Praxis.
Im Jahr 1924 gehörte er der DVFP an und war Mitbegründer der Völkischen Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg. Im Rahmen der DNVP und der Völkischen Arbeitsgemeinschaft gehörte er von 1924 bis 1926 dem Landtag von Mecklenburg-Schwerin an.
Zum 1. Juli 1931 trat er wieder in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 590.233)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/3270117 und wurde Mitglied der SA, 1932 SA-Gausturmarzt, am 1. Juli 1932 SA-Sanitäts-Oberführer und dann Sanitätsbrigadeführer, später im NS-Gau Mecklenburg-Lübeck auch Gaureferent für das Medizinalwesen und Gauobmann des NSDÄB. 1934 wurde er dort Leiter des Amtes für Volksgesundheit.
Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Kurt Blome in der Zeit des Nationalsozialismus
Im Jahr 1934 wurde er in das Hauptamt für Volksgesundheit nach Berlin berufen und Beauftragter des Stellvertreters des Führers für die Ausnahmebestimmungen der künftigen Nürnberger Gesetze. Vom 1. März 1935 bis 29. Februar 1936 übernahm er weiterhin die Geschäfte des Gruppenarztes der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg (Berlin). In dieser Zeit war er auch Arzt der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte und als Adjutant im Hauptbüro des Deutschen Roten Kreuzes. Nachdem er im Januar 1935 vom „Reichsärzteführer“ Gerhard Wagner zum Beauftragten für ärztliche Fortbildung, und somit zum Leiter des ärztlichen Fortbildungswesens und der ärztlichen Schulung im Dritten Reich, ernannt worden war, gehörte Blome seit dem 8. Februar 1936 dem Reichsausschuss zum Schutze des deutschen Blutes an. Um diese Zeit wurde er auch Dozent an der Führerschule der Deutschen Ärzteschaft, wo im Herbst 1935 die ersten „Pflichtfortbildungskurse“Kurt Blome: Arzt im Kampf (1942), S. 276–290. begannen.Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse, Universität Hamburg, Hamburg 2007. Dissertationsschrift (pdf) Am 9. November 1937 wurde er zum SA-Sanitäts-Brigadeführer (OSAF) befördert. Er war ab 1938 auch Präsident des Ständigen Büros der Internationalen Akademie für das Ärztliche Fortbildungswesen. Vom 1. März 1938 bis 8. November 1940 war er daneben als Sanitätsverbindungsführer der OSAF zur Deutschen Arbeitsfront eingesetzt. Im April 1938 wurde er erfolglos zur Reichstagswahl vorgeschlagen. 1939 wurde Blome stellvertretender Leiter des NS-Ärztebundes und Generalarzt. Ab 20. April 1939 war er Stellvertretender Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit sowie ab 22. April 1939 Reichshauptamtsleiter der NSDAP und stellvertretender Reichsärzteführer.
In der letzten Wahlperiode war Blome als Nachrücker für den verstorbenen Abgeordneten Gerhard Wagner ab April 1939 Mitglied des Reichstags. Am 29. August 1939, zwei Tage vor dem Überfall auf Polen, wurde er als Nachfolger von Hans Deuschl bis August 1944 Stellvertreter des Reichsgesundheitsführers Leonardo Conti. Im Oktober 1939 übernahm er die Schriftleitung der Monatszeitschrift Ziel und Weg. Die Gesundheitsführung. Seit 1940 war Blome als Spartenleiter für Erb- und Rassenpflege im Reichsforschungsrat tätig. Er war von Januar 1942 bis 1945 auch Fachspartenleiter des Reichsforschungsrates für Krebsforschung. Vom 9. November 1940 bis 1945 wurde er als Verbindungsführer der OSAF zum Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP eingesetzt und am 30. Januar 1941 SA-Sanitäts-Gruppenführer (OSAF).
Im Jahr 1942 war Blome an einem Plan beteiligt, 35.000 an Tuberkulose erkrankte Polen in einer Vergasung zu ermorden, legte aber in einem Brief vom 18. November an Gauleiter Arthur Greiser aus Geheimhaltungsgründen Einspruch ein: „Wenn die Garantie einer restlosen Geheimhaltung gegeben wäre, könnte man Bedenken zurückstellen“.Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Fischer Taschenbuch 2005, S. 54.
Blome erhielt am 30. Januar 1943 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP.Kluas D. Patzwall: Das Goldene Parteiabzeichen und seine Verleihungen ehrenhalber 1933–1945. (= Studien zur Geschichte der Auszeichnungen), Band 4, Verlag PatzwallNorderstedt 2004, S. 64. Er wurde zum Oberdienstleiter der NSDAP befördert und 1944 Mitglied des wissenschaftlichen Beraterstabs von Karl Brandt, dem Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen.
Leitung einer Tarnorganisation für Biokriegsvorbereitungen Am 23. Mai 1942 hatte Hitler – wie der für chemische und biologische Kriegsführung zuständige General der Nebeltruppen Hermann Ochsner in einer Geheimen Kommandosache mitteilte – befohlen, „dass unsererseits Vorbereitungen für einen Bakterienkrieg nicht zu treffen sind. Der Führer fordert aber äußerste Bemühungen um Abwehrmittel und Abwehrmaßnahmen gegen etwaige Feindangriffe mit Bakterien“. Zur Koordinierung dieser Abwehrmaßnahmen gründete die Wehrmachtsführung ein Biowaffenschutz-Komitee, die „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“. Die Kriegsgegner erfuhren davon erst 1945, als die Experten der Alsos-Mission die entsprechenden deutschen Dokumente in der Sammlung von Oberkriegsarzt Heinrich Kliewe, dem Sekretär der Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter entdeckten. Vielmehr rechneten sie mit deutschen Biowaffenangriffen und trafen entsprechende Vorbereitungen für gleichartige Vergeltungsangriffe (retaliation in kind). Unter anderem wurde im September 1942 mit der Produktion von „cattle cakes“, mit Milzbranderregern kontaminiertem Rindertrockenfutter begonnen, von denen am 22. April 1943 fünf Millionen Stück abwurfbereit in Kartons vorlagen. Die Sorgen der Alliierten waren nicht ganz unbegründet, denn es gab ernsthafte Versuche, Hitlers Befehl zu verstärkten Abwehrmaßnahmen zum Anlass zu nehmen, unter dem Deckmantel des B-Schutzes doch entsprechend offensiv motivierte Biokriegsvorbereitungen zu betreiben.
Dem Geschäftsführer des Reichsforschungsrats (RFR) Rudolf Mentzel, Professor für Wehrchemie an der Technischen Universität Berlin, gelang es, Hermann Göring, der seit 1942 auch Präsident des RFR war, zur Gründung einer entsprechenden dual-use-Organisation außerhalb der Wehrmacht zu bewegen. Am 30. April verfügte Göring die Errichtung einer „Arbeitsgemeinschaft für Krebsforschung“ und beauftragte Kurt Blome mit dessen Leitung, Heinrich Kliewe registrierte sofort, Blome habe damit „den Auftrag erhalten, im Rahmen des Reichsforschungsrates die biologischen Kampfverfahren erforschen zu lassen“. Als wichtigstes Projekt begann Blome, der tatsächlich an Krebsforschung interessiert war und schon 1940 die Gründung eines zentralen Krebsforschungsinstituts vorgeschlagen hatte, in einem in Nesselstedt bei Posen gelegenen Kloster ein Zentralinstitut für Krebsforschung einzurichten. Auf Betreiben Mentzels erklärte sich der Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) sehr widerwillig dazu bereit, das Institut der KWG verwaltungsmäßig zu unterstellen. Dass in der neuen Einrichtung nicht nur Krebsforschung, sondern auch Biokriegsvorbereitung betrieben werden sollte, wusste man in der KWG offenbar nicht. Beispielsweise sollten dort von Heinrich Himmler angeregte „Methoden zur Verbreitung der Pest“ untersucht werden.
Der Auf- und Ausbau des Instituts schritt allerdings nur sehr langsam voran, zumal er nicht mit besonders hoher Priorität gefördert wurde. Zudem war Blome wenig einflussreich. Zu den führenden deutschen Krebsforschern zählte er nicht und war daher auch kein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Krebsforschung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Besonders qualifizierter Biowaffenexperte war er auch nicht: In die Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter war er nicht berufen worden, an deren Sitzungen nahm er nur ein einziges Mal teil, nachdem ihn Göring eingesetzt hatte. Nachteilig war wohl auch, dass Blome neben dem neuen Institut zahlreiche andere Projekte zu koordinieren hatte. Dazu gehörten unter anderem sowohl Themen der biologischen Kriegsforschung („Entwicklung eines Flugzeugstreugerätes“, „Bekämpfung des Kartoffelkäfers“, „Entwicklung eines rohstoffarmen Versandbehälters für Bakterienkulturen“, „Ermittung von Ackerbauschädlingsbekämpfungsmitteln“) als auch der Krebsbekämpfung („Einfluß bakterieller Stoffwechselprodukte auf das cancerogene Wachstum“ und „Röntgen-Frühdiagnose des Magenkrebses“). Selbst eine – bisher in Berlin-Dahlem lokalisierte – Tumorfarm übernahm Blome als Abteilung in sein Nesselstedter Institut ARSENALE 520. Als die Rote Armee Mitte Januar 1945 in den Raum Posen vorrückte war die Einrichtung noch unvollendet. Nach intensiven Recherchen stellte ein polnischer Untersuchungsrichter 1951 fest, dass „in diesem Institut noch keine Experimente begonnen haben können“. Er bestätigte damit entsprechende Aussagen Blomes im Nürnberger Prozess.