mini|Ein Graffito in Tutuala mit dem Wort für „Mörder“ klagt die Verbrechen von 1999 an
Operation Donner () war eine Vergeltungsaktion des indonesischen Militärs (TNI) gegen die Bevölkerung Osttimors anlässlich des positiven Ergebnisses des Unabhängigkeitsreferendums in Osttimor am 30. August 1999. Ziel dieser bereits im Juli unter dem Namen Operasi Wiradharma geplanten Aktion war es, dass das indonesische Parlament (MPR) angesichts der Gewalt das Referendum kippen würde.James Dunn: Crimes Against Humanity in East Timor, January to October 1999: Their Nature and Causes, 14. Februar 2001, abgerufen am 29. August 2018. Die Operation soll unter dem Kommando der indonesischen Generalmajore Zacky Anwar Makarim und Adam Damiri gestanden haben.Hamish McDonald et al.: Masters of Terror: Indonesia's military & violence in East Timor in 1999, S. 66, Strategic and Defence Studies Centre, Australian National University, Canberra 2002, ISBN 0-7315-5419-1.
In dieser letzten Gewaltwelle der indonesischen Besatzung Osttimors starben nach Untersuchungen der Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission von Osttimor (Comissão de Acolhimento, Verdade e Reconciliacão de Timor-Leste CAVR) etwa 1400 bis 1500 Menschen.„Chapter 7.2 Unlawful Killings and Enforced Disappearances“ (PDF; 2,3 MB) aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch) Erst eine internationale Eingreiftruppe der Vereinten Nationen sorgte wieder für Ruhe und Ordnung.
Vorgeschichte
Seit 1975 hielt Indonesien die ehemalige portugiesische Kolonie besetzt. Nach dem Fall des indonesischen Diktators Suharto und durch zunehmenden Druck der internationalen Gemeinschaft erklärte sich Indonesien am 11. März 1999 schließlich bereit ein Referendum durchzuführen, bei dem die Bevölkerung die Wahl zwischen einer Autonomie innerhalb Indonesiens oder der völligen Unabhängigkeit hatte.
Bereits im Vorfeld des Referendums begannen Milizen (sogenannte Wanra), wie Besi Merah Putih und Aitarak, unterstützt von indonesischer Armee und Polizei, mögliche Unabhängigkeitsbefürworter und die Bevölkerung einzuschüchtern. Am 6. April 1999 verübten pro-indonesische Milizen zusammen mit indonesischem Militär das Kirchenmassaker von Liquiçá, bei dem zwischen 61 und über 200 Menschen starben. Am 17. April kam es zu einem Massaker im Haus des Politikers Manuel Carrascalão, bei dem mindestens 14 Personen getötet wurden. Menschenrechtskommissarin Mary Robinson äußerte große Besorgnis über die angespannte Lage.Human Rights Watch: 1999
Am 11. März 1999 verfasste der Milizenführer Lafaek Saburai einen Brief an João Tavares, dem obersten Milizchef in Osttimor. Lafaek Saburai bezeichnete darin die verschiedenen Milizen in ihrem bisherigen Kampf als zu schwach, weswegen er eine „Operation Säuberung“ (, ) plane. Alle Unabhängigkeitsbefürworter sollten gefangen und eliminiert werden, nachdem pro-indonesische Osttimoresen aus der Hauptstadt Dili nach Westen in den Distrikt Bobonaro „in Sicherheit gebracht“ worden wären. Der Brief wurde öffentlich bekannt und sorgte für eine weitere Verunsicherung unter der Bevölkerung vor dem anstehenden Unabhängigkeitsreferendum in Osttimor.Hamish McDonald et al.: Masters of Terror: Indonesia's military & violence in East Timor in 1999, S. 124, Strategic and Defence Studies Centre, Australian National University, Canberra 2002, ISBN 0-7315-5419-1. Experten kamen schnell zu dem Schluss, dass es konkrete Pläne der indonesischen Armee geben müsse, die als Vergeltungsmaßnahme von indonesischen Sicherheitskräften und Milizen gegen die Bevölkerung ausgeübt werden sollten, nachdem sie sich im Referendum für die Unabhängigkeit von Indonesien entschieden hat und auf diese Weise das erste Mal in die Öffentlichkeit lanciert wurden.Geoffrey Robinson: East Timor 1999 Crimes against Humanity – A REPORT COMMISSIONED BY THE UNITED NATIONS OFFICE OF THE HIGH COMMISSIONER FOR HUMAN RIGHTS (OHCHR) (PDF; 1,7 MB), Anhang 1 aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch) Lafaek Saburai war bekannt für seine Beziehungen zu Generalmajor Zacky Anwar Makarim, Chef des Militärgeheimdienstes Badan Intelijen ABRI (BIA).Geoffrey Robinson: East Timor 1999 Crimes against Humanity – A REPORT COMMISSIONED BY THE UNITED NATIONS OFFICE OF THE HIGH COMMISSIONER FOR HUMAN RIGHTS (OHCHR) (PDF; 1,7 MB), Anhang 1 aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch) Allerdings war die Miliz von Lafaek Saburai relativ klein und die Bezeichnung „Operation Säuberung“ taucht später auch nicht mehr auf, weswegen es umstritten ist, inwieweit Pläne schon konkret bei der Armee existierten. Am 1. Mai selbst blieb es noch ruhig. Erstmals wurden auf diese Weise Pläne öffentlich gemacht, die als Vergeltungsmaßnahme von indonesischen Sicherheitskräften und Milizen gegen die Bevölkerung ausgeübt werden sollten, nachdem sie sich im Referendum für die Unabhängigkeit von Indonesien entschieden hat.
Herminio da Costa, der Stabschef des Dachverbands der Milizen, drohte das Ergebnis zu annullieren. Als sich nach dem Wahltag abzeichnete, dass die Bevölkerung sich für die Unabhängigkeit entschieden hatte, kündigte er an:Masters of Terror, S. 119–121.
Von Kupang im indonesischen Westtimor aus drohte Costa, die PPI werde Osttimor dem Erdboden gleichmachen (). „Es ist kein Krieg zwischen Indonesien und Osttimor, sondern ein Krieg zwischen Autonomie und Unabhängigkeit“.
Ablauf mini|In Höhlen wie dieser in Lamegua fanden Osttimoresen Schutz vor den Milizen mini|Zerstörungen in Dili im Oktober 1999 mini|Zerstörungen in Manatuto im Oktober 1999
Generalmajor Zacky Anwar Makarim begann bereits am Tag der Abstimmung mit den konkreten Planungen zur Zerstörung von Osttimor, als klar wurde, wie das Ergebnis des Referendums ausfallen würde. Laut Zeugenaussagen war Zacky bei einem Treffen zwischen Agenten des Militärgeheimdienstes und Milizenchefs anwesend, als der Befehl erteilt wurde, alle Gebäude zu zerstören und alle Unabhängigkeitsbefürworter zu ermorden, wenn das Ergebnis zugunsten der Unabhängigkeit ausfiele. Am 1. September fiel auf einer Sitzung, an der unter anderem auch Generalmajor Sjafrie Sjamsoeddin teilnahm, der Beschluss für Operation Donner.Hamish McDonald et al.: Masters of Terror: Indonesia's military & violence in East Timor in 1999, S. 173–177, Strategic and Defence Studies Centre, Australian National University, Canberra 2002, ISBN 0-7315-5419-1.
Die Volksabstimmung vom 30. August 1999 brachte schließlich eine eindeutige Mehrheit mit 344.580 Stimmen (78,5 %) für die Unabhängigkeit Osttimors gegen 94.388 Stimmen (21 %) für die Autonomie, bei einer Beteiligung von über 98 %. Das Ergebnis wurde am 4. September bekannt gegeben.BBC, 4. September 1999, Timor chooses independence Wenige Stunden nach der Bekanntgabe startete das indonesische Militär die Operation Donner. Zusammen mit den Wanras begann es die Infrastruktur der Region zu zerstören, Unabhängigkeitsaktivisten zu jagen und die Bevölkerung aus ihren Häusern zu vertreiben.Samuel Totten, William S. Parsons, Israel W. Charny (Hrsg.): Century of Genocide: Critical Essays and Eyewitness Accounts, S. 294 ff., 2013, ISBN 978-0-415-87191-4.
Etwa 280.000 Osttimoresen, ein Viertel der Bevölkerung,Monika Schlicher: Osttimor stellt sich seiner Vergangenheit, abgerufen am 22. November 2024. wurden nach dem Tag der Stimmabgabe von indonesischen Sicherheitskräften nach Westtimor zwangsevakuiert, ein Teil von ihnen war auch selbst geflohen. Sie sollten nach den Plänen der Hintermänner im Militär weiter in ganz Indonesien zerstreut werden. 200.000 Osttimoresen waren innerhalb des Landes auf der Flucht.Congressal Research Service: Timor-Leste: Political Dynamics, Development, and International Involvement. S. 7. (PDF; 683 kB), abgerufen am 26. August 2012.
mini|Zerstörungen in Dili im Oktober 1999
Die enttäuschten Gegner der Unabhängigkeitsbewegung, die Wanra und die indonesische Armee massakrierten in vielen Landesteilen Menschen und hinterließen nach ihrem Abzug verbrannte Erde. Ein besonders schlimmer Vorfall war das Kirchenmassaker von Suai, bei dem am 6. September 1999 bis zu 200 Personen getötet wurden. Am 8. September starben beim Massaker in der Polizeistation von Maliana und im Nachgang mindestens 28 Menschen. Am 25. September wurden in Lautém neun Menschen ermordet (Lospalos-Fall). In Passabe wurden 64 Menschen mit Macheten und Schusswaffen getötet. Das indonesische Infanteriebataillon 745 aus Lospalos hinterließ, auf seinem Rückzug in das indonesische Westtimor, eine Spur von Gewalt und Tod.
Ziel der Morde des indonesischen Militär und der Milizen waren vor allem junge Männer, die für die UNAMET gearbeitet hatten. 70 % der Bevölkerung musste aus ihren Häusern fliehen oder wurden von den Indonesiern nach Westtimor zwangsdeportiert, Häuser und Infrastruktur zerstört. Verwaltungsunterlagen, wie Grundbücher, Heiratsregister, Steuer- und Gerichtsunterlagen, wurden komplett vernichtet. Die gesamten Bestände an antiken Artefakten des Osttimormuseums wurde nach Indonesien verbracht.Braithwaite, Charlesworth, Soares 2012, S. 99. Geheimunterlagen nach, die den Vereinten Nationen und der FALINTIL zugegangen waren, hatte Milizenführer João da Costa Tavares am 17. Juli 1999 sogar den Befehl erteilt, im Falle des Erfolgs des Unabhängigkeitsreferendums jeden Osttimoresen, der älter als 15 Jahre ist, Männer und Frauen, ohne Ausnahme zu töten.Braithwaite, Charlesworth, Soares 2012, S. 100.
Noch während noch die Gewaltwelle über Osttimor rollte, verkündete Herminio da Costa, dass seine Untergebenen einen Waffenstillstand erklärt und „alle Sicherheitsfragen den indonesischen Streitkräften überlassen“ hätten. Dann behauptete er, er sei nicht für die Zerstörung Osttimors verantwortlich, da seine Kommandeure „seit dem 4. September, dem Tag der Bekanntgabe des Wahlergebnisses, die Kontrolle über die Jungs verloren“ hätten.
Entsendung der Eingreiftruppe mini|Zerstörungen in Dili im Oktober 1999 mini|Zerstörungen in Dili im Oktober 1999
Am 6. September erklärte der indonesische Verteidigungsminister General Wiranto den militärischen Notstand für Osttimor. In derselben Nacht verhängte Indonesiens Präsident Habibie mit dem Präsidialdekret Nr. 107 von 1999 das Kriegsrecht für das Gebiet.Tirto.id: 19 Oktober 1999 Merdeka dari Pendudukan Indonesia, 19. Oktober 2017, abgerufen am 1. August 2019. Generalmajor Kiki Syahnakri wurde am 7. September zum Administrator und neuen Territorialkommandeur ernannt. Die Angriffe auf die Bevölkerung erreichten daraufhin ihren Höhepunkt.Masters of Terror, S. 120.
Taur Matan Ruak, nach Gusmão die Nummer zwei in der FALINTIL und mit den anderen Guerilleiros in den Sammellagern, erklärte am 7. September, er könne seine Leute nicht mehr zurückhalten, auszubrechen und ihre Familien schützen. Dies hätte den Bürgerkrieg ausgelöst, den die indonesische Militärführung wollte, um eine internationale Intervention zu verhindern. Eigentlich sollten nach dem Abkommen, bereits nach dem Referendum UN-Truppen in Osttimor stationiert werden, doch Indonesiens Außenminister Ali Alatas verweigerte noch am 8. September den Friedenstruppen die Zusage.