mini|Altägyptischer Papyrus mit Text in demotischer Schrift (ca. 170 v. Chr.)

Papyrus bezeichnet seit der Neuzeit neben dem aus den Fasern des Echten Papyrus (Cyperus papyrus) hergestellten BeschreibstoffOtto-Friedrich-Universität Bamberg. Ehemalige Professur für Historische Hilfswissenschaften: Beschreibstoffe. der Schriftkultur des Altertums oft auch den auf Papyrus überlieferten Text. Zunächst im Alten Ägypten und später dann im gesamten antiken Mittelmeerraum erfüllte der Papyrus als Grundlage der Schriftlichkeit eine ähnliche Funktion, wie sie dem Papier zuerst in der Schriftkultur Chinas (ab 12. Jahrhundert), dann der Islamischen Kultur und schließlich der Westlichen Welt zukommt. Dagegen waren im Alten Orient, abgesehen von Ägypten, mit der Keilschrift beschriftete ungebrannte Tontafeln die wichtigste Grundlage der Schriftlichkeit.

Gemäß der von Plinius dem Älteren überlieferten Beschreibung der Herstellung in Naturalis historia zeichnete sich dieser Beschreibstoff durch die vier Qualitäten tenuitas, densitas, candor, levor aus, also den Parametern Dicke, Flächengewicht, Weißgrad und Oberflächenrauheit. Aufgrund der Eigenschaft des Marks der Papyruspflanze war er weiß und wurde erst durch Alterungsprozesse (Oxidation der Lignine) bräunlich verfärbt. Besonders empfindlich reagiert Papyrus durch Schimmelbildung auf Feuchtigkeit, so dass nur trocken aufbewahrte Papyri erhalten blieben.

Bezeichnung Aus der Sprache des Alten Ägypten sind verschiedene Begriffe überliefert:

T-w-f:y-Hn:Z2ssin der modernen Ägyptologie [] ausgesprochen, als Adjektiv mit der Bedeutung „grün“, „frisch“ in der Aussprache rekonstruiert zu altägyptisch [], mittelägyptisch [], bzw. spätes ägyptisch []Die zu den Sauergräsern zählende Papyrus-Staude beziehungsweise das PapyrusdickichtM13„djit“ (ḏ(j)t), in der modernen Ägyptologie [] ausgesprochen, rekonstruiertes spätes ägyptisch: []Der einzelne Stängel mit Blattwirtel

Der für das Schreiben bearbeitete Papyrus wurde „djema“ (ḏmˁ) genannt, ein einzelnes Blatt „qahet“ (q3ḥt), altgriechisch σελίς, Plural: σελίδες (selis, pl. selides), lateinisch plagula, und eine Rolle „aret“ (ˁrt), griechisch βίβλος (bíblos), βιβλίον (biblíon), τεῦχος (teuchos) oder χάρτης (chártēs), lateinisch liber, libellus, volumen oder charta.

Das griechische Wort geht möglicherweise auf ein rekonstruiertes ägyptisches Wort „pa-en-per-aa“ (p3-n-pr-ˁ3) zurück, das etwa „das des Pharaos“ bedeutet. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Herstellung von Papyrus während der Ptolemäerzeit unter königlichem Monopol stand.R. Drenkhahn: Papyrus. In: Lexikon der Ägyptologie Band IV, S. 669. Von stammt über lateinisch papyrus (Nebenform papyros) und früh-neuhochdeutsch papyr das mittelniederdeutsche papîr und das deutsche Wort Papier ab.

Herstellung und Formate mini|links|hochkant=0.6|Echter Papyrus (Cyperus papyrus) mini|hochkant|Querschnitt durch einen Papyrus-Staudenstängel mini|hochkant|Verschiedene Schnittarten durch einen Papyrus-Staudenstängel für die Blatt- bzw. Rollenherstellung

Im antiken Ägypten wurden vermutlich bereits seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. die ersten Papyri als Beschreibstoff hergestellt. Den Rohstoff lieferte der Echte Papyrus (Cyperus papyrus), eine Art aus der Gattung Zypergräser (Cyperus), die Wuchshöhen von bis zu 5 Metern erreichen kann.

Die Herstellung des Beschreibmaterials Papyrus findet sich bei Plinius dem Älteren im 1. Jahrhundert n. Chr. im 13. Buch seiner Naturgeschichte.Plinius der Ältere, Naturalis historia 13, 11f./ Plinius Naturgeschichte. übersetzt von Johann Daniel Denso. Band 1, Rostock/Greifswald 1764 (bei Google-books). Das Mark des Pflanzenstängels wird in bis zu 4 Zentimeter breite Streifen geschnitten, die leicht überlappend aneinandergelegt werden. Zwei einander kreuzweise überlagernde Schichten dieser Streifen werden zu einem festen Blatt gepresst und geklopft, das von der Klebekraft des stärkehaltigen Pflanzensafts zusammengehalten wird. Dann wird die so entstandene Platte getrocknet und poliert. Danach kann das Material bemalt oder beschrieben werden.

Mit einem Spezialleim, dessen Rezeptur Plinius überlieferte, werden die Blätter satiniert und in einheitlicher Faserrichtung zu Bahnen von unterschiedlichen Formaten verklebt, die zu Rollen gewickelt aufbewahrt wurden. Dabei rollte man eine lange Papyrusbahn stets so, dass die waagerechten Streifen des Staudenmarks auf der Innenseite oben lagen. Anschließend konnten deshalb die Papyrusrollen mit den Streifen und nicht gegen sie beschrieben werden.Ulrich Viktor, Carsten Peter Thiede, Urs Stingelin: Antike Kultur und Neues Testament. Brunnen-Verlag, Basel / Gießen 2003, ISBN 3-7655-1324-5, S. 42.

In späterer Zeit wurden geheftete Papyrusblätter auch zu Kodizes verarbeitet. Die Bahnen der Rollen, die für griechischeKarl Sudhoff: Ärztliches aus griechischen Papyrus-Urkunden. Bausteine zu einer medizinischen Kulturgeschichte des Hellenismus (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 5). Barth, Leipzig 1909 (Volltext online). und lateinische literarische Texte verwendet wurden, haben eine Höhe von durchschnittlich ca. 30 Zentimetern, sie schwankte aber zwischen 12 und ca. 48 Zentimetern. Die Bahnlänge beträgt für praktische Zwecke meist 5 bis 6 Meter, kann für literarische Texte bis 16 Meter, ausnahmsweise sogar bis über 40 Meter (P. Harris I) erreichen. Die Breite der verklebten Blätter ging allmählich von bis zu 66 Zentimetern im Alten Reich über ca. 40 Zentimeter im mittleren Reich auf ca. 20 Zentimeter im Neuen Reich zurück.Rodney Ast u. a.: Papyrus. In: Thomas Meier, Michael R. Ott, Rebecca Sauer: Materiale Textkulturen. Konzepte – Materialien – Praktiken (= Materiale Textkulturen. Band 1). De Gruyter, Berlin / Boston 2015, ISBN 978-3-11-037128-4, S. 308. Plinius unterscheidet sechs Qualitätsstufen des Papyrus: von der feinen hieratica („Heilige“) oder Augusta („Kaiserliche“) bis zur groben emporitica (Packpapier). Einzelblätter wurden für Briefe, Urkunden und archivalische Aufzeichnungen verwendet. Im Zuge der Archivierung wurden solche einzelnen Dokumente zuweilen nachträglich zu Bahnen zusammengeklebt, um sie als Rollen lagern zu können.

Noch im 6. Jahrhundert fügte Cassiodor dem amtlichen Schreiben an einen Steuerbeamten (canonicarius) im Büro des Prätorianerpräfekten ein Enkomion des Papyrus bei.Cassiodor: Variae XI 38,2–6. In:

Später wurde der Name auf den in China erfundenen Beschreibstoff – eben das Papier – übertragen, das vermittelt durch die Kulturkontakte zum byzantinischen Reich und zur arabischen Welt in Palästina, Sizilien und Süditalien sowie auf der iberischen Halbinsel seit dem 14. Jahrhundert auch in Europa seinen Siegeszug antrat.

Papyrus als Schreibstoff Altertum und Antike Auf Papyrus wurde anfangs nur mit schwarzer und roter Farbe geschrieben. Die schwarze Farbe bestand aus Ruß und einer Lösung von Gummi arabicum, die rote Farbe wurde auf Ocker-Basis hergestellt. Als Schreibgerät diente ein Pinsel aus Binsen, in griechisch-römischer Zeit ein Schreibrohr, (), d. h. ein schräg abgeschnittenes Schilfrohr.

Moderne mini|Unbeschriebener Papyrus (modern)|208x208px

Heute wird Papyrus vorrangig als Souvenir für Touristen produziert. In größeren Orten haben sich Papyrus-Manufakturen etabliert, in welchen den Besuchern die Herstellung des Grundmaterials gezeigt wird und wo Papyri vor allem nach Vorlagen aus altägyptischen Tempeln bemalt werden. Zusätzlich werden preiswerte Papyri mit gedruckten Bildern hergestellt, beispielsweise Jahreskalender. In der Farbe gleicht dieses kommerzielle Papyrus unserer Zeit beigen Papierbögen, die als Elefantenhaut verkauft werden. Es verfügt über einen Weißgrad von 34,5 ± 4,6 gemäß ISO 2460 von 2016. Dem gegenüber beschreibt Plinius der Ältere den Weißgrad des Papyrus seiner Zeit als Qualitätsmerkmal. Blätter, die in Übereinstimmung mit seinen Beschreibungen hergestellt werden, erreichen einen Weißgrad von 58,2 ± 1,6, was in etwa dem von einigen heutigen Recycling-Druckerpapiersorten entspricht.

Kommerziell angebotener Papyrus wird meist mit einer stark alkalischen Lösung (z. B. Natronlauge) sowie Chlorbleiche nachbehandelt, um „gelbliche Papyrusblätter zu erhalten, die den optischen Erwartungen moderner Betrachter“ entsprechen. Dies äußert sich in höheren pH-Werten, veränderten Ligninstrukturen und chlorierten Ligninverbindungen, die in antiken Papyri nicht nachweisbar sind. Diese Nachbehandlung glättet zudem die Oberfläche.

Geschichte Papyrus als Beschreibstoff lässt sich in Ägypten für den Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. nachweisen. Für Griechenland ist die Verwendung von Papyrus spätestens seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts vor Chr. durch Funde nachweisbar.Athena A. Alexopoulou, Ioanna Karamanou: The Papyrus from the ‘Musician’s Tomb’ in Daphne: MΠ 7449, 8517-8523 (Archaeological Museum of Piraeus). In: Greek and Roman Musical Studies. Band 2, Nr. 1, 2014, S. 23–49. Von dort ausgehend fand der Papyrus im Römischen Reich eine weite Verbreitung. Die ältesten griechischen Papyri, die datiert werden können, stammen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Als ältestes in Ägypten gefundenes Stück gilt der 1902 bei Abusir entdeckte Timotheus-PapyrusP. Berlin P 9875. Auf: berlpap.smb.museum, zuletzt abgerufen am 4. Januar 2021. aus der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums zu Berlin mit bedeutenden Teilen (ca. 250 Verse) der Dichtung Die Perser des Timotheos von Milet (* um 450 v. Chr. in Milet; † um 360 v. Chr. in Makedonien).Timotheos von Milet: Die Perser. In: James H. Hordern (Hrsg.): The Fragments of Timotheus of Miletus (= Oxford classical monographs). Oxford University Press, Oxford 2002, ISBN 0-19-924694-7. Aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. soll der Derveni-Papyrus stammen, der 1962 außerhalb Ägyptens in den Derveni-Gräbern in Makedonien gefunden wurde und seit Oktober 2015 als ältestes erhaltenes Buch Europas zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt. Die ältesten nicht als Bodenfunde geborgenen, sondern als Bibliotheksbestand kontinuierlich überlieferten Papyri sind die ravennatischen Urkunden auf Papyrus aus der Zeit von Mitte des 5. bis ins 10. Jahrhundert, die sich im Archiv der Kanzlei des Erzbistums Ravenna befinden.Vgl. einstweilen den Artikel Ravenna Papyri in der englischen Wikipedia. Frühmittelalterliche Urkunden auf Papyrus, zumeist Papsturkunden und Urkunden der germanischen Reiche der Völkerwanderungszeit, sind auch andernorts überliefert, die meisten in der Abtei St. Denis.Jürgen Baurmann, Hartmut Günther, Otto Ludwig: Schrift und Schriftlichkeit: ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung / Writing and its use; an interdisciplinary handbook of international research (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 10.2). De Gruyter, Berlin u. a. 1994, ISBN 3-11-014744-0, S. 124 und 540.Carlrichard Brühl: Studien zu den langobardischen Königsurkunden (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Band 33). De Gruyter, Berlin u. a. 1970, ISBN 3-11-166352-3, Anmerkung 55, S. 11, Anm. 69, S. 13, und Anm. 792, S. 149.Jan Olof Tjäder: Die nichtliterarischen lateinischen Papyri Italiens aus der Zeit 445-700. Band 1–3. Gleerup & Åströms, Lund / Stockholm, 1954–1955 (Band 1 und 3) und 1982 (Band 2). Außer an der päpstlichen Kurie war Papyrus im Mittelmeerraum und nördlich der Alpen weitgehend von Pergament abgelöst worden.Hedwig Röckelein: V.23a und b Papyrusurkunde für das Frauenstift Neuenheerse von 891 (JL 3468). in: Holger Kempkens, Christiane Ruhmann (Hrsg.): Corvey und das Erbe der Antike. (Ausstellungskatalog), Petersberg 2024, S. 530 ff. (531).