*þeudiskaz [] (*þeudō urgermanisch für „Volk, Gruppe“, *-iskaz adjektivbildendes Suffix, wörtlich: „volklich“ bzw. „zum Volk gehörig“Heinz Thomas: Der Ursprung des Wortes Theodiscus. In: Historische Zeitschrift. Band 247, Nr. 1, 1988, S. 297–310.) ist ein rekonstruiertes urgermanisches Wort, aus dem unter anderem das Wort deutsch hervorgegangen ist. Ursprünglich bedeutete *þeudiskaz, in seiner nordwestgermanischen Form *þeudisk, die bis zum 11. Jahrhundert ausschließlich in lateinischen Texten als theodiscus überliefert wurde, „volkstümlich“ oder „nicht-Latein“. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus die Bedeutung „(west)germanisch“. Die spätere Begriffsentwicklung führte zur Herausbildung mehrerer moderner Morpheme, darunter das deutsche Endonym „Deutsch“, die niederländischen Wörter Duits und Diets, das englische Wort Dutch sowie zahlreiche weitere historische und zeitgenössische Formen in unterschiedlichen Sprachen.Wolfgang Haubrichs: Theodiscus, Deutsch und Germanisch – drei Ethnonyme, drei Forschungsbegriffe. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 34). De Gruyter, Berlin 2004, S. 199–228.

Der entsprechende urgermanische Gegenbegriff war *walhaz („fremd“ oder „Fremder“).

Etymologie Wolfgang Haubrichs geht aufgrund der Lautform von *þeudisk- davon aus, dass das Wort theodiscus (und eine Vielzahl an Varianten wie theud/t-, teud/t-, teod/t-, thiud/t- und diut-) spätestens im 7. Jahrhundert ins Lateinische übernommen wurde. Es ist nicht klar, ob diese Wortentlehnung nördlich oder südlich der Alpen erfolgte. Nach den beiden am häufigsten vertretenen Hypothesen handelt es sich entweder um ein allgemeines germanisches Wort, das an verschiedenen Orten entlehnt wurde, oder um ein Wort, das erstmals im Kontext der lateinisch-germanischen Sprachlandschaft in Norditalien übernommen wurde. Unabhängig von seinem genauen geografischen Ursprung ist die Form, in der es in erhaltenen lateinischen Texten erscheint, altwestfränkisch, die eigentliche Wortgeschichte von theodiscus beginnt erst mit der Rezeption durch die karolingischen gebildeten Schriftsteller und der durch sie begonnenen Verbreitung.Wolfgang Haubrichs, Herwig Wolfram: Theodiscus. Germanische Altertumskunde Online, herausgegeben von Sebastian Brather, Wilhelm Heizmann und Steffen Patzold. De Gruyter, Berlin/New York 2010.Peter von Polenz: Geschichte der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 36–53.

Es ist in diesem Zusammenhang unklar, ob theodiscus die lateinische Transkription eines einheimischen germanischen Begriffs war oder ob es als germanisch basierter Neologismus in der frühmittelalterlichen karolingischen Kanzlei entstand. Beide Hypothesen gehen davon aus, dass die Grundlage des Wortes theodiscus das altfränkische oder gemeinwestgermanische *þeodisk ist, das letztlich vom urgermanischen Wort *þeudō abstammt und „Volk, Gruppe, Menge“ bedeutet. Die erschlossene indogermanische Wurzel *teuta trug die Bedeutung „Volk, Leute“. Derzeit vertritt die Mehrheit der Wissenschaftler die Ansicht, dass *þeudō im frühen Mittelalter das Bedeutungsspektrum vom Lateinischen populus („Volk“, gens oder anderweitige öffentlich, oft rechtlich, handelnde Menschengruppen) übernommen hat und später, als theodiscus, in das mittelalterliche Latein aufgenommen wurde.

Eine kleinere Gruppe von Wissenschaftlern vertritt die These, dass die Wurzeln von theodiscus zwar letztlich germanischen Ursprungs seien, es sich jedoch um eine wörtliche Übersetzung eines bereits existierenden lateinischen Begriffs handele. Diese Forscher behaupten, dass Adjektive mit dem Suffix „-isk“ hauptsächlich mit dem Bereich theologischer Wissenschaft und der christlichen Mission verbunden sind. Im Fall der frühesten bezeugten germanischen Form von *þeudiskaz, dem gotischen Wort þiudiskō, besteht Einigkeit darüber, dass diese Adjektivform wissenschaftlichen Ursprungs ist, als Äquivalent zum bibelgriechischen Wort „ethnikós“ (), beide mit der Bedeutung „heidnisch“ oder „nichtjüdisch“. Zusammen mit der Tatsache, dass ein volkssprachliches *þeodisk in den Quellen der Zeit nicht bezeugt ist und erst um das Jahr 1000 in der althochdeutschen Gestalt diutisk aufgeschrieben wurde, führte dies bei den Vertretern dieser These zu der Schlussfolgerung, dass das Wort als Kunstwort entstand und erst viel später in der germanischen Volkssprache gebräuchlich wurde. So glaubte Eugen Lerch, dass das künstliche lateinische Wort theodiscus sich nach 786 habe durchsetzen können, während das ebenso künstliche volkssprachliche Analogon zunächst scheiterte und sich erst später zu einem gebräuchlichen Begriff entwickelte.Eugen Lerch: Der Ursprung des Wortes „Deutsch“. In: Welt als Geschichte. Band 8, 1942, S. 14–31; derselbe: Ist das Wort „Deutsch“ in Frankreich entstanden? In: Romanische Forschungen. Band 56, 1943, S. 158–178.

Eine Form von *þeudō wurde nach der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert sowohl ins Altkirchenslawische als auch ins Ungarische mit der Bedeutung „(fremdes) Volk“ entlehnt. So werden diejenigen Slawen, die keinen Sondernamen entwickelt haben (das heißt Slowenen und Slowaken) im Ungarischen tót (plural tótok) genannt.

Wortgeschichte Frühe und allgemeine semantische Entwicklung Zwischen dem späten 8. und 11. Jahrhundert ist das lateinische Wort theodiscus in rund 50 offiziellen Texten belegt.Ingo Reiffenstein: Bezeichnungen der deutschen Gesamtsprache. In: Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 2). 2., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. 3. Teilband. De Gruyter, Berlin / New York 2003, S. 2191–2205. Die Bezeichnung war, von der Zeit der Karolinger bis in die Neuzeit, kein ethnischer Volksname. Stattdessen wurde sie als übergreifender Sprachname verwendet, der als adjektivische Bezeichnung die Dialekte der kontinentalgermanischen Stämme umfasste und eine sprachliche Gemeinsamkeit gegenüber dem Lateinischen sowie den romanischen, slawischen und nordgermanischen Sprachen ausdrückte. Die Bezeichnung war unabhängig von der Unterscheidung zwischen Hochdeutsch, Niederdeutsch und Niederländisch sowie von politischen Gegebenheiten, die oft nicht mit den sprachgeografischen Gegebenheiten übereinstimmten.Peter Polenz: Vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Deutsch: Kontinuität und Diskontinuität. In: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band I: Einführung · Grundbegriffe · 14. bis 16. Jahrhundert. De Gruyter, Berlin/Boston 2021, S. 99–116.

In der frühesten Zeit ist die Bedeutung des Adjektivs durchweg auf die Volkssprache im Kontrast zum Lateinischen und zu den romanischen Volkssprachen bezogen. Die kontrastierende lingua Theodisca bezog sich hier nicht auf ein einziges Volk, sondern auf alle Völker, deren Sprachen man heute als „germanisch“ bezeichnen würde. In mehreren frühen Quellen beschränkte sich der Begriff noch nicht auf die in der karolingischen Welt bekannten kontinentalen westgermanischen Stämme, wie den Franken, Thüringern, Baiern, Langobarden, Sachsen und Friesen, sondern konnte auch die Angelsachsen, Goten und Normannen umfassen. Die früheste bekannte Erwähnung des Begriffs theodiscus ist in einem Brief des päpstlichen Nuntius Georg von OstiaZu Georg von Ostia siehe Wilhelm Levison: England and the Continent in the Eighth Century. Clarendon Press, Oxford 1946, S. 127–129; Salvatore Cosentino: Prosopografia dell’Italia bizantina (493–804). Band 2. Lo Scarabeo, Bologna 2000, S. 48–49.Wolfgang Haubrichs, Jörg Jarnut, Dieter Hägermann und Claudia Giefers: Akkulturation: Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frühem Mittelalter (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 41). De Gruyter, Berlin/Boston 2004, S. 88. an Papst Hadrian I. über eine Synode zu finden, die 786 in England stattgefunden hatte. In dem Brief teilt er mit, dass in einer Synode unter König Offa von Mercia die Konzilsbeschlüsse tam latine quam theodisce („auf Latein wie auch in der Volkssprache“, wörtlich „sowohl lateinisch als auch volkssprachlich“) mitgeteilt wurden,Monumenta Germaniae Historica. Abteilung: Epistolae. Band 4: Alcvini sive Albini epistolae, Nr. 3, S. 28 Zeile 15 (Digitalisat). „damit alle es hätten verstehen können“ (quo omnes intellegere potuissent).Hagen Schulze: Kleine deutsche Geschichte. 7. Auflage, dtv, München 2005, S. 19; Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 21. Auflage, Berlin/New York 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 129. Im Zuge der sich anbahnenden Christianisierung von Normannen entdeckten karolingische Gelehrte die Sprachverwandtschaft der bereits christlichen Franken mit den Skandinaviern und sprachen in diesem Zusammenhang von den nationes theodicae. In der drittältesten Bezeugung des Begriffs, aus dem Jahr 801, schreibt Karl der Große dem Papst, dass die Langobarden das Wort „was wir in unserer germanischen Sprache herizlis (Fahnenflucht) nennen“ (quod nos teudisca lingua dicimus „herisliz“ fecerit) verstehen werden. Dies ist der erste bekannte Nachweis, dass sich theodiscus ausdrücklich auf eine germanische Sprache bezieht und nicht auf „(nicht)-lateinisch“ oder „volkssprachlich“.

Die semantische Entwicklung von theodiscus innerhalb der westgermanischen Sprachen ist eng mit dem germanischen Begriff *walhisk (eine germanische Bezeichnung für Römer und romanisierte Kelten) und *winidisk, was sich auf slawische Völker bezog, verbunden. Von großer Bedeutung für die Entwicklung von theodiscus als Antonym zu „romanisch“ sind die Entwicklungen im Westfrankenreich. Die Franken nannten ihre Sprache anfangs frenkisk, die ihrer romanischen Nachbarn *walhisk (vlg. neuniederländisch Waal „Wallone“ und mittelniederländisch walen „unverständlich reden, plappern“). Als aber später der politische und der sprachliche Begriff „fränkisch“ sich nicht mehr deckten, seit sich auch die Romanen als „Franken“ bezeichneten (vgl. französisch France, français „Frankreich, Franzose“), setzte sich im zweisprachigen Westfrankenreich das Wort *þeudisk / theodiscus für den sprachlichen Gegensatz zu *walhisk durch. Da im Ostfränkischen Reich kein Anlass für einen Bezeichnungswandel bestand, stellte sich dieser hier, vielleicht nach westfränkischem Vorbild, erst später ein. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte wandelte sich allmählich die Bedeutung von ‚volkssprachlich‘ über ‚(nicht-)lateinisch‘ zu den Sprachen der germanischen Stämme des Ottonenreiches, das heißt Deutsch, Plattdeutsch und Niederländisch.Lutz Mackensen: Ursprung der Wörter. Das etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache. Bassermann, München 2014, S. 102.Wilhelm Schmidt: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. 7., verbesserte Auflage. Stuttgart/Leipzig 1996, S. 80 f. Bis in die Neuzeit hinein wurden „Deutsch“ und seine Varianten häufig im Plural verwendet, wobei Autoren von verschiedenen „deutschen Sprachen“ sprachen und den Begriff „Deutsch“ vor allem mit einer großen sprachlichen Vielfalt assoziierten, anstatt damit ein einheitliches Sprachkonzept zu verbinden. Ein gutes Beispiel dafür ist Sebastian Helber, der 1593 „viererley Teütsche Sprachen“ unterscheidet, „in denen man Büecher druckt (die Colnische oder Gülichische, die Sachsische, die Flammisch oder Brabantische vnd die Ober oder Hoch Teütsche. Vnsere Gemeine Hoch Teütsche wirdt auf drei weisen gedruckt: […] die Mitter Teütsche, […] die Donawische, die […] Heochst Reinische)“.Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann und Stefan Sonderegger: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 3. Teilband. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2003, S. 2211.