mini|Die 1978 wiedererrichtete Fassade der Celsus-Bibliothek mini|Die Celsus-Bibliothek nach der 1905 abgeschlossenen Ausgrabung Die Celsus-Bibliothek war eine öffentliche antike Bibliothek römischer Zeit in Ephesos (nahe der heutigen Stadt Selçuk in der Türkei). Ihre Überreste wurden 1903 bei Ausgrabungen entdeckt. Erbaut wurde sie zwischen 117 und 125 durch die Familie des Suffektkonsuls Iulius Celsus, die dem Ritterstand angehörte. Wie lange die Bibliothek in Betrieb war, ist unbekannt. Spätestens im 3. oder 4. Jahrhundert wurde das Gebäude in ein Wohnhaus integriert.
Die Celsus-Bibliothek wurde zu einer Zeit errichtet, als es im Römischen Reich bereits zahlreiche öffentliche Bibliotheken gab. Diese wurden oft von reichen oder einflussreichen Personen gestiftet, so auch die Celsus-Bibliothek, die zugleich als Denkmal und Mausoleum für Iulius Celsus diente. Teile des Gebäudes konnten in den Jahren 1903 bis 1904 freigelegt werden. Der Wiederaufbau der eingestürzten Fassade erfolgte von 1970 bis 1978; er machte die Bibliothek auch über die Fachwelt hinaus bekannt.
Informationen zu Ausstattung, Organisation und Geschichte der Bibliothek sind nur inschriftlich überliefert.
Name und Überlieferung mini|Inschrift an der Celsus-Bibliothek Zur Bibliothek des Celsus gibt es keine literarischen Quellen. Die schriftliche Überlieferung beschränkt sich auf Inschriften in Stein, die an der Bibliothek angebracht waren und später in ihrer Nähe gefunden wurden. Eine der Inschriften bezeichnet das Gebäude als die Celsus-Bibliothek.Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81 Inschrift Nr. 13, Zeile 3 f.
Die Bauinschrift ist am Architrav des Untergeschosses lesbar. Ebenfalls an der Fassade, über der Statue der Sophia (Weisheit), berichtet eine längere Inschrift von der Stiftung. Weitere teils ausführliche Inschriften in lateinischer und altgriechischer Sprache befanden sich an anderen Stellen der Fassade, an deren Rückseite sowie zu beiden Seiten der Treppe.Die Inschriften sind ediert bei: Josef Keil: Die Inschriften. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 61–80; danach Jenö Platthy: Sources on the Earliest Greek Libraries with the Testimonia, Hakkert, Amsterdam 1968, S. 154–157.
Archäologischer Befund Lage und Ausrichtung mini|Grundriss Die Bibliothek befand sich im antiken Stadtzentrum südlich von der unteren Agora, einem der beiden Marktplätze der Stadt. Hier endete ein alter, heute Kuretenstraße genannter Prozessionsweg, der seine nördliche Fortsetzung in einer marmorgedeckten Prachtstraße fand. An deren Beginn stand auf der westlichen Straßenseite die Bibliothek. Entlang der Kuretenstraße waren schon zuvor Grab- und Ehrenmonumente für herausragende Persönlichkeiten der Stadt errichtet worden, weitere Monumente folgten.Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 81.
Wie es der römische Architekt Vitruv im 1. Jahrhundert v. Chr. für Bibliotheksbauten verlangt hatte, öffneten sich Türen und Fenster nach Osten. Als Grund gab er an, die Bücher könnten auf diese Art vom Morgenlicht getrocknet und vor Schimmel geschützt werden.Vitruv: Über Architektur 1, 2 und 6, 7; Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1). 1953, S. 81–84, hier: S. 81.
Eingangsbereich und Fassade mini|Ausschnitt der wiedererrichteten Fassade Die Bibliotheksfassade ist 21 Meter lang und über 16 Meter hoch. Zum Eingang führt eine monumentale, neunstufige Freitreppe, links und rechts von großen Statuensockeln gefasst. Acht Säulen kompositer Ordnung gliedern die aus Marmor errichtete, zweigeschossige Fassade und tragen vorspringende, verkröpfte Gebälke. Zwischen der Fassade und der Bibliothekshalle ergibt sich hierdurch eine zweieinhalb Meter tiefe „Vorhalle“. Oberhalb der Türen öffnen sich sowohl im Unter- als auch im Obergeschoss Fenster. Die Wandflächen des Untergeschosses nehmen vier Statuennischen auf. Ihnen entsprechen vier freistehende Statuensockel zwischen drei ädikulaähnlichen Gliederungselementen im Obergeschoss. Diese „Ädikulä“ werden abwechselnd von Rund- und Dreiecksgiebeln gekrönt.Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 82; Wilhelm Wilberg: Das Gebäude. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 1–42, hier: S. 2.
Der Bibliothekssaal mini|Der Bibliothekssaal heute, deutlich sichtbar die Nischen für die Regale Nach Durchschreiten einer der drei Türen gelangten die Besucher in den Bibliothekssaal. Dieser hat mit 10,9 m Tiefe und 16,7 m Länge eine Größe von rund 178 Quadratmetern. Die Rückwand der Bibliothek ist bis auf eine Höhe von 7 Metern erhalten. Beim Betreten sah sich der Besucher einer 4,5 Meter breiten, halbrunden Apsis gegenüber. In dieser stand nicht – wie sonst oft üblich – eine Statue, möglicherweise aber ein Altar oder Ähnliches.Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 82; Friedmund Hueber, Volker Michael Strocka: Die Bibliothek des Celsus. Eine Prachtfassade in Ephesos und das Problem ihrer Wiederaufrichtung. In: Antike Welt, Band 6, Heft 4, 1975, S. 3. Zu Seiten der Apsis befanden sich je zwei Nischen, je drei weitere in den beiden seitlichen Wänden. Pro Geschoss gab es folglich zehn dieser Nischen, welche die Regale (Armaria) für die Schriftrollen aufnahmen. Die noch heute erhaltenen Reste der Nischen belegen wenigstens ein zweites Geschoss für die Unterbringung der Regale. Anhand eines Balkenloches an der Apsis ist eine Höhe des Untergeschosses von etwa 4 Metern zu ermitteln.Wolfram Hoepfner: Die Celsus-Bibliothek in Ephesos. Eine kaiserzeitliche Bibliothek mit zentralem Lesesaal. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. Mainz 2002, S. 123–126, hier: S. 125. Die Apsis selbst umfasste ebenfalls mindestens zwei Geschosse.
Die Regalnischen haben eine Höhe von 2,6 Meter, eine Breite von über einem Meter und sind bis zum zweiten Stock nachweisbar – möglicherweise gab es sogar ein drittes Stockwerk.Wilhelm Wilberg: Das Gebäude. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 1–42, hier: S. 35f. Da die Bibliothek keine Zwischendecken hatte, konnte ein Besucher von unten die Regale des zweiten und des möglichen dritten Stockwerks sehen. Von Säulen getragene Gänge verliefen entlang der Wände und ermöglichten den Zugang zu den Schriftrollen der oberen Stockwerke. Die überwiegend aus Ziegeln errichteten Wände – die Celsus-Bibliothek ist eines der ältesten Beispiele dieser römischen Mauertechnik in Kleinasien –, Regale und der Fußboden waren mit Marmor verkleidet. Diese Marmorverkleidung, von der nur Reste erhalten sind, wurde später abgetragen.Wilhelm Wilberg: Das Gebäude. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 1–42, hier: S. 36–38.
Zwischen der Innenmauer mit den Regalen und der Außenmauer der Bibliothek befinden sich schmale Gänge. Sie dienten dazu, den Raum mit den Schriftrollen vor der Feuchtigkeit der Außenmauer zu schützen.Wolfram Hoepfner: Die Celsus-Bibliothek in Ephesos. Eine kaiserzeitliche Bibliothek mit zentralem Lesesaal. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. Mainz 2002, S. 123–126, hier: S. 123; Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 81. Man nimmt an, dass sich in diesen Gängen Holztreppen oder Leitern befanden, über die die Obergeschosse erreicht werden konnten.Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 81; Wolfram Hoepfner: Die Celsus-Bibliothek in Ephesos. Eine kaiserzeitliche Bibliothek mit zentralem Lesesaal. In: Wolfram Hoepfner (Hrsg.): Antike Bibliotheken. Mainz 2002, S. 123–126, hier: S. 125.
Statuen und Inschriften
Die Fassade ist mit zahlreichen Ornamenten und Skulpturen ausgestattet. Die Originale der vier Statuen des unteren Geschosses befinden sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien.Dokumentiert sind die Statuen bei Fritz Eichler: Die Skulpturen. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 47–60. Sie stellen nach den Inschriften in vier Nischen der Fassade die antiken Tugenden Sophia (Weisheit), Arete (Tapferkeit, Heldentum), Episteme (Erkenntnis, Wissen) und Ennoia (Schönheit, Schönheitsideal) dar. Auf den Statuensockeln links und rechts der Freitreppe standen laut den Inschriften Reiterstatuen des Iulius Celsus.Wilhelm Wilberg: Das Gebäude. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 1–42, hier: S. 2f. Die Ornamente und Figuren entsprechen dem Stil trajanischer Zeit, bei den vier Statuen der Tugenden könnte es sich um allegorische Darstellungen der Haupttugenden des Iulius Celsus handeln.Josef Keil: Bibliothek und Heroon. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 81–84, hier: S. 83. Drei der vier für das obere Fassadengeschoss inschriftlich erwähnten Statuen stellten den Stifter Iulius Celsus dar, die vierte seinen Sohn Iulius Aquila. Den Statuen des Iulius Celsus waren an dessen Geburtstag laut Inschrift Kränze aufzusetzen.
Grabkammer und Sarkophag des Celsus Einer der Gänge führt schräg hinab zu einer kleinen Krypta, der mit einer Tür versehenen Grabkammer des Celsus. Sie befindet sich genau unter der Apsis und enthält den Sarkophag. Die Kammer ist knapp acht Quadratmeter groß, ihre Wände waren verputzt, die Decke weist zwei Fensterchen zur Apsis auf.Wilhelm Wilberg: Das Gebäude. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 1–42, hier: S. 40 f. Wegen der Enge der Kammer und des Zugangs muss der Sarkophag durch die noch offene Decke hinabgelassen worden sein.
Der Sarkophag des Celsus zählt zur Gattung der Girlandensarkophage. Er wurde aus Marmor gefertigt und besteht aus einem Kasten und einem Deckel. Die den Kasten verzierenden Girlanden sind an Niken aufgehängt, der Giebel des Deckels trägt einen Medusenkopf. Die künstlerische Ausgestaltung sehen Forscher als für die Zeit üblich an, dennoch handelt es sich um einen vergleichsweise kostbaren Sarkophag. Bei seiner Öffnung 1905 fanden Archäologen die Gebeine des Celsus sowie kleinere Beigaben.Max Theuer: Der Sarkophag des Celsus. In: Wilhelm Wilberg u. a.: Die Bibliothek. (= Forschungen in Ephesos Bd. 5, 1), 1953, S. 43–46.
Wiedererrichtung mini|Inschrift zur Wiederaufbaugeschichte der eingestürzten Fassade