mini|hochkant|Utz Claassen bei Markus Lanz (2011)
Utz Claassen (* 7. Mai 1963 in Hannover) ist ein deutscher Manager, Investor, Hochschuldozent und Publizist. Seit Januar 2018 ist er Vorstandsvorsitzender des Medizintechnikunternehmens Syntellix, Hannover. Der Öffentlichkeit bekannt wurde Claassen durch eine Vielzahl von Mandaten in Unternehmen, unter anderem als Vorstandsvorsitzender der Sartorius, der EnBW und der Solar Millennium, als Aufsichtsratsvorsitzender der Mifa sowie als Präsident der von ihm selbst gegründeten Medizintechnikfirma Syntellix. Außerdem war er kurzzeitig Präsident des Fußballvereins Hannover 96 und Besitzer des spanischen Fußballclubs RCD Mallorca.
Ausbildung Claassen wuchs in SchöningenKick für Chefs, 6. Teil: Rolf Eckrodt, Utz Claassen. Wolfgang Hirn, manager magazin online, 4. Juli 2006. und Hannover-Linden auf.Mut zur Wahrheit. Utz Claassen, Murmann Verlag, 2007, S. 15, ISBN 3-938017-83-X Er übersprang die erste Klasse und legte mit 17 Jahren nach 11 Jahren Schulzeit vorzeitig an der Helene-Lange-Schule das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 0,7 ab.Mann ohne Grenzen In: Die Zeit, 5. Juli 2007.Die Bunte/Der Liebling aller Lehrer/1981 Da Claassen sein Abitur mit diesem Ergebnis abgelegt hatte, lud ihn der damalige Moderator Joachim Fuchsberger in die ARD-Sendung Auf Los geht’s los vom 20. Juni 1981 ein.Karriereauftakt in Rateshow. Jörg Isert, Focus Online, 25. Juni 2007.Der Claassen-Beste In: Financial Times Deutschland, 26. Juni 2007.
Anschließend studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover und vorübergehend zusätzlich Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Studium der Wirtschaftswissenschaften schloss er 1985 mit Bestnoten im Alter von 22 Jahren als Diplom-Ökonom ab. Seine Diplomarbeit zum Thema „Großhirnforschung, Unternehmer und Wirtschaftspolitik“ wurde 1987 als Buch veröffentlicht.
Von 1987 bis 1989 war Claassen Michael Wills Scholar des Magdalen College an der University of Oxford. Für die Zeit von 1986 bis 1987 wurde er zum Präsidenten aller postgraduierten Studenten des Magdalen College und der Universität Oxford gewählt.Unbequem: Konsequent erfolgreicher als andere. Utz Claassen, Ariston Verlag, 2013, S. 70 ff. 1989 erhielt Claassen im Alter von 26 Jahren mit der Note magna cum laude den Doktortitel der Staatswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover. Leibniz Universität Hannover, Institut für Controlling.
Berufliche Laufbahn Beginn der Karriere Von 1987 bis 1989 war Claassen bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company in der Funktion eines Projektleiters tätig (als Associate, später als Senior Associate). Von 1989 bis 1992 arbeitete er bei Ford of Europe, unter anderem als verantwortlicher Controller und Mitglied des ersten Simultaneous-Engineering-Teams mit bereichsübergreifenden Maßnahmen. Am 16. Juni 1992 wechselte er als Hauptabteilungsleiter Funktionales Controlling zu Volkswagen. Ab dem 1. Dezember 1992 war er Hauptabteilungsleiter im Bereich Controlling, Forschung und Entwicklung. Ab dem 1. Juni 1993 leitete er den neu geschaffenen Bereich Controlling Produktlinien. Am 10. Juni 1993 wurde er Vertreter des Markenvorstandes Controlling und Rechnungswesen. Mit Wirkung zum 1. Juli 1993 wurde Claassen zum Bereichsleiter im Geschäftsbereich Controlling und Rechnungswesen ernannt und am 1. September 1993 in den oberen Führungskreis berufen. Zwischen 1994 und 1997 war Claassen Finanzvorstand und Vertreter des Präsidenten der VW-Tochter Seat.„Mir geht es um Wahrheit und Rechtmäßigkeit“ Interview auf handelsblatt.com, 9. September 2011 Die während seiner Amtszeit eingeführten durchgreifenden Sanierungsmaßnahmen führten dazu, dass das Unternehmen innerhalb von drei Jahren wieder in die Gewinnzone gebracht werden konnte, nachdem es noch das Geschäftsjahr 1993 mit einem Verlust von 151 Milliarden Peseten (1,8 Milliarden DM) abgeschlossen hatte.
Von 1997 bis 2003 war er Vorstandsvorsitzender des Biotech- und Mechatronik-Unternehmens Sartorius. In Claassens Amtszeit verdoppelte Sartorius den Umsatz, verbesserte die Ertragspotenziale und es erfolgten sechs Übernahmen. Während einige Eigentümer ihm nach seinem Ausscheiden Misswirtschaft vorwarfenHeide Neukirchen: Starker Widerstand gegen Utz Claassen Manager Magazin, 17. September 2003, sagte Karin Sartorius-Herbst anlässlich seiner Verabschiedung „Wir haben ihm einfach zu danken, dass wir noch existieren“. Mitarbeiter äußerten sich ebenfalls positiv über Claassens Führungsstil.
EnBW 2003 folgte er Gerhard Goll als Vorstandsvorsitzender der EnBW, die er 2007 wieder verließ. Während seiner Amtszeit bei EnBW war er Mitglied des Vorstandsrates des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft e. V. und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Verbundunternehmen und Regionalen Energieversorger in Deutschland (VRE e. V). Von 2006 bis 2007 war er als erster Deutscher Mitglied des Comité Exécutif der Electricité de France.
Laut Jahresabschlussbericht durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC fand Utz Claassen bei seinem Einstieg bei EnBW im Mai 2003 ein defizitäres Unternehmen vor. 2003 hatte der Versorger einen Milliardenverlust (minus 1,193 Mrd. Euro) vor allem durch Abschreibungen auf Firmenwerte eingetragen; die Dividende war ausgefallen. 2004 kehrte das Unternehmen durch Kostensenkungen und Beteiligungsverkäufe mit einem Nettogewinn von 308 Millionen Euro unter dem Strich in die Gewinnzone zurück.
Claassen wurde vorgeworfen, nach seinem Amtsantritt die Lage des Konzerns schlechtgerechnet haben zu lassen, um sich anschließend als erfolgreicher Sanierer darstellen zu können. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, nachdem er im August 2003 in seiner ersten Halbjahresbilanz Abschreibungen von einer Milliarde Euro auf Beteiligungen gebildet hatte. Diese Abschreibungen dienten nach Claassens Angaben jedoch dazu, „Altlasten“ seines Vorgängers Gerhard Goll zu bereinigen, der in der Vergangenheit einen aggressiven Akquisitionskurs eingeschlagen und gegen den die Staatsanwaltschaft seit 2003 wegen der Beschönigung der Bilanz ermittelt hatte. Ferner seien Abschreibungen neuen internationalen Bilanzregeln und diversen Altlasten geschuldet, so Claassen. Bei den Vorwürfen ging es unter anderem um eine 29,9-Prozent-Beteiligung an den Stadtwerken Düsseldorf, die 2001 für knapp 450 Millionen Euro erworben worden war. Nach seinem Amtsantritt bewertete Claassen die Beteiligung bilanziell um 208 Millionen Euro geringer. Damit wollte er der noch von Goll entschiedenen Umstellung der Bilanzierung von HGB auf IFRS entsprechen. 2006 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Utz Claassen gemäß StPO ein, da die Ermittlungen nicht genügenden Anlass zur Erhebung einer Klage ergeben hatten. Die Ermittlungen gegen Goll wurden ebenfalls eingestellt.Ermittlungsverfahren gegen Prof. Dr. Utz Claassen eingestellt, Pressemitteilung der EnBW
Weil Claassen sechs Mitglieder der baden-württembergischen Landesregierung sowie den Staatssekretär im Bundesumweltministerium Matthias Machnig, die sämtlich im Amt mit der EnBW in Kontakt standen, persönlich zu Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 eingeladen hatte, erhob die Staatsanwaltschaft Karlsruhe gegen ihn Anklage wegen Vorteilsgewährung. Das Landgericht Karlsruhe sprach Claassen am 28. November 2007 frei, nachdem dieser sich anders als zwei der von ihm bedachten Regierungspolitiker nicht auf den von der Staatsanwaltschaft vorgeschlagenen Handel eingelassen hatte, das Verfahren gegen eine Geldbuße einzustellen: „Ich kann nicht einer Einstellung gegen Geldauflage zustimmen, wenn ich zu hundert Prozent von meiner Unschuld überzeugt bin“. Die von der Staatsanwaltschaft eingelegte Revision wurde im Oktober 2008 vom Bundesgerichtshof verworfen. Am Ende des Verfahrens bezeichnete Claassen das Urteil als einen Sieg für den Sport, für das Sportsponsoring und dafür, dass auch künftig noch ein angemessener Kontakt und Diskurs zwischen Politik und Wirtschaft im gesellschaftlichen Rahmen möglich sei. Die Verfahren gegen die beiden Politiker, die das Angebot annahmen, wurden gegen Zahlung von jeweils 2500 Euro eingestellt.
Utz Claassen verließ EnBW am 30. September 2007 auf eigenen Wunsch vor dem Ende der Vertragslaufzeit. Sein hohes Übergangsgeld wurde in der Öffentlichkeit kritisiert und führte schließlich zu einer Kürzung künftiger EnBW-Übergangsgelder und Pensionszahlungen auf ein Drittel des an Claassen zu zahlenden Betrages. Kritik an Claassens Führungsstil drang von Seiten seiner Mitarbeiter und Geschäftspartner wiederholt an die Öffentlichkeit. So wurde behauptet, er habe eine Kultur des Misstrauens und der Intrige entstehen lassen und sich zu Unrecht mit den Erfolgen seines Vorgängers Gerhard Goll geschmückt. Erst nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung verzichtete er auf eine Frührente in Höhe von 400.000 Euro pro Jahr gegen eine Einmalzahlung in Höhe von 2,5 Millionen Euro.Einigung mit EnBW: Claassen verzichtet teilweise auf millionenschwere Frührente. Spiegel Online (böl/ddp/Dow Jones Newswires/Reuters), 22. Oktober 2009. Im Jahr 2004 hatte Claassen eine Vergütung in Höhe von 4,17 Millionen Euro erhalten.Machtmensch ohne Macht - "Macht nichts". Karsten Kammholz, Hamburger Abendblatt, 29. Juli 2009.
Syntellix 2008 gründete Claassen den Medizintechnik-Hersteller Syntellix AG und agierte zunächst als dessen Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender. Das Hauptprodukt des Unternehmens ist Magnezix, ein im Humangewebe abbaubares Material für osteosynthetische Implantate zur Behandlung von Knochenbrüchen aus einer speziellen Magnesium-Legierung.Marc Beise: Krieg unter Gold-Jungs. In: Süddeutsche Zeitung, 20. Mai 2021, abgerufen am 23. Mai 2021.
Bis Ende 2016 war auch Claassens langjähriger Freund Carsten Maschmeyer an der Syntellix AG beteiligt, bis er infolge eines Rechtsstreits zwischen den beiden Aktionären ausschied. Als Ausgangspunkt gilt u. a. eine Strafanzeige Maschmeyers gegen Claassen wegen des Verdachts der Untreue. Zum Anlass nahm Maschmeyer einen 2015 geschlossenen Sponsorenvertrag zwischen der Firma Syntellix und dem spanischen Fußballclub RCD Mallorca, bei dem Claassen neben seiner Tätigkeit bei Syntellix als Präsident und leitender Geschäftsführer agierte. Maschmeyers Anwalt Gerhard Strate warf Claassen vor, er hätte den Syntellix-Aufsichtsrat über den durch seine Doppelfunktion entstehenden Interessenkonflikt unterrichten müssen. Entgegen den Beschuldigungen durch Maschmeyer erkannte die Staatsanwaltschaft Hannover jedoch keine zureichenden Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten. Sie begründete diese Entscheidung damit, dass derartige Werbeverträge ein branchenübliches Mittel von umsatzorientierten Unternehmen seien. Auch zivilrechtlich blieb Maschmeyer gegen Claassen vor dem Landgericht Hannover erfolglos. Claassen selbst widersprach den Vorwürfen bereits auf einer Aktionärsversammlung von Syntellix und leitete ebenfalls rechtliche Schritte gegen Maschmeyer ein. Schließlich einigten sich die beiden Unternehmer bei einer Aktionärsversammlung kurz vor Weihnachten 2016 außergerichtlich. Wie eine im Bundesanzeiger veröffentlichte Meldung bestätigte, übertrug Maschmeyer im Zuge dessen seine gesamte Beteiligung auf Claassen, der daraufhin 77,7 % der Anteile auf sich vereinigte.
Im Januar 2018 wechselte Claassen vom Aufsichtsratsvorsitz an die Spitze des Vorstands der Syntellix, um die operative Entwicklung zu beschleunigen und international zu expandieren. Seither widmet sich Claassen schwerpunktmäßig seiner Vorstandstätigkeit bei Syntellix, seit 2020 von der neuen Unternehmenszentrale in Singapur aus. Von Maschmeyer, mit dem er seit den Streitigkeiten um Syntellix verfeindet ist, und einem früheren Mitarbeiter, der Maschmeyers Investmentfirma im Aufsichtsrat von Syntellix vertrat, versucht Claassen vor dem Münchener Landgericht I Schadensersatz in Höhe von sechs Millionen Euro wegen Imageschädigung des Unternehmens zu erlangen.