mini|hochkant|Clemens von Alexandria mini|hochkant|Fragmentarischer Brief des Clemens aus dem Kloster Mar Saba Clemens von Alexandria (* um 150 vielleicht in Athen; † um 215 vielleicht in Kappadokien) war ein frühchristlicher, griechisch schreibender Philosoph und theologischer Autor. Er gilt in einigen christlichen Konfessionen als Kirchenvater, in der römisch-katholischen Patristik dagegen als Kirchenschriftsteller. Clemens bemühte sich, das Christentum und die Philosophie der Antike in Übereinstimmung miteinander zu bringen. Aus seinen Werken ist vieles über christliche Gnostiker zu erfahren. Mit seinen Schriften leistete Clemens einen entscheidenden Beitrag zur – damals noch umstrittenen – christlichen Rezeption paganer Philosophen und zur Übernahme platonischer Elemente in das sich zu dieser Zeit formierende dogmatische System der Orthodoxie.
Name Die frühesten Erwähnungen des Clemens in der antiken christlichen Literatur bezeichneten ihn nach seinem Hauptwerk, den „Teppichen“ (Stromateis), als . Eusebius von Caesarea nannte ihn dann, wie es heute üblich ist, Clemens von Alexandria (). Er schrieb außerdem, als er die Werke des Clemens referierte, dieser habe mit vollem römischem Namen Titus Flavius Clemens geheißen.Eusebius: Kirchengeschichte 6,13,1. Daraus wird manchmal geschlossen, der Vater oder eher Großvater sei Freigelassener der römischen Senatsaristokratie gewesen. Ein Einfluss lateinischer Kultur im Werk des Clemens ist allerdings nicht erkennbar.Martin Pujiula: Körper und christliche Lebensweise. Clemens von Alexandria und sein Paidagogos, Berlin u. a. 2006, S. 24.
Leben Die älteste Quelle für das Leben des Clemens ist, neben dem, was sich aus seinen Werken erschließen lässt, die Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea.Eusebius: Kirchengeschichte 5.11; 6.6; 6,11–14. Hieronymus schreibt in De viris illustribus, Clemens von Alexandria habe während der Regierungszeit von Septimius Severus und Caracalla seine größte Bekanntheit erreicht. Daraus wird auf ein ungefähres Geburtsdatum zwischen 140 und 150 n. Chr. rückgeschlossen.Martin Pujiula: Körper und christliche Lebensweise. Clemens von Alexandria und sein Paidagogos, Berlin u. a. 2006, S. 15.
Clemens stammte entweder aus Alexandria oder (wahrscheinlicher) aus Athen.Epiphanios von Salamis: Panárion 32,6. Angenommen wird, dass er in seiner Jugend kein Christ war, in die Mysterien von Eleusis eingeweiht wurde, hier S. 101. und eine sehr gute klassische und philosophische Ausbildung erhielt (Platonismus/Mittelplatonismus). Dann unternahm er eine Bildungsreise nach Griechenland, Süditalien, dem Osten des Reichs, Palästina und Ägypten. Von seinen Lehrern ist nur der als „sizilische Biene“ bezeichnete Pantaenus in Alexandria klar identifizierbar. Clemens, der zum Christentum konvertiert war (die genaueren Umstände sind unbekannt), ließ sich in der Nähe des Pantaenus in Alexandria nieder. Über Person und Lehre des Pantaenus ist kaum etwas bekannt, er scheint aber von der Stoa beeinflusst gewesen zu sein, wie das dann auch für Clemens feststellbar ist.Martin Pujiula: Körper und christliche Lebensweise. Clemens von Alexandria und sein Paidagogos, Berlin u. a. 2006, S. 29.
Ob und wie weit Clemens’ Tätigkeit in Alexandria in vorhandene kirchliche Strukturen integriert war, ist Gegenstand der Diskussion. Eusebius zufolge lehrte er (seit etwa 175) an der bischöflichen Katechetenschule von Alexandria, seit etwa 200 als Nachfolger des Pantaenus auch als ihr Leiter. Aber auch andere Szenarien sind denkbar: Leitung eines freien Schulkatechumentats (Adolf Knauber), Privatvorlesungen als weltlicher Lehrer (Adolf von Harnack und andere), oder Katechese für die breite Bevölkerung und daneben auch Vorlesungen für ein gebildetes Publikum (André Méhat)., hier S. 102. Vielfach wird vermutet, dass Origenes sein Schüler war.
Er blieb während des Großteils seines restlichen Lebens in Alexandria. Kurz vor seinem Tod verließ er die ägyptische Metropole, sei es, dass er vor den Christenverfolgungen um 202/203 floh,Das Problem hierbei ist, dass es sich um lokale Maßnahmen gegen Christen handelte. Das Martyrium von Felicitas und Perpetua 202/203 in Karthago kann deshalb nicht herangezogen werden, um Verfolgung von Christen in Alexandria zu datieren. Vgl. Martin Pujiula: Körper und christliche Lebensweise. Clemens von Alexandria und sein Paidagogos, Berlin u. a. 2006, S. 19f. sei es, dass andere Gründe vorlagen, zum Beispiel die Gegnerschaft des Bischofs von Alexandria.Dies ist die These von Pierre Nautin, der damit allerdings Probleme des Origenes mit seinem Ortsbischof auf Clemens rückprojiziert. Vgl. Martin Pujiula: Körper und christliche Lebensweise. Clemens von Alexandria und sein Paidagogos, Berlin u. a. 2006, S. 21. Clemens zog nach Palästina und wurde zu einem engen Berater des Bischofs Alexander von Jerusalem., hier S. 102. Vgl. Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte 6,11. Zwei Briefe Alexanders, die durch Eusebius überliefert sind, legen einen Aufenthalt in Palästina und Kappadokien nahe; da der zweite Brief bereits auf seinen Tod zurückblickt, ergibt sich ein Todesdatum zwischen 211/212 und 215.
Werke Etwa die Hälfte der Schriften des Clemens sind verloren oder nur mehr fragmentarisch erhalten. Hier eine Übersicht der erhaltenen Werke:
In der „Mahnrede an die Griechen [resp. Heiden]“ () setzt sich Clemens mit griechischen Philosophemen auseinander, um die heidnischen gebildeten Schichten zum Christentum zu bekehren. Das Werk knüpft an die Gattung der philosophischen Mahnrede an (vgl. Aristoteles, Protreptikos), ebenso an die jüdisch-christliche Apologie. In dem daran anschließenden Werk „Der Erzieher“ () wird die Vorstellung einer göttlichen Pädagogik entwickelt. Es wendet sich an neubekehrte Christen, vielleicht in der Taufvorbereitung. Der göttliche Logos übernimmt die Rolle eines Haussklaven, der den Kindern gutes Benehmen beibringt und wird dann später zum Lehrer, der den erfahreneren Christen Erkenntnis (Gnosis) vermittelt. Das Werk enthält nach Art einer Diatribe Ratschläge zum Verhalten in Alltagssituationen. In seinem Hauptwerk, den sieben Büchern der Stromateis (Plural von ‚Teppich‘ [im Sinne von ,Tagesdecke‘], ‚Flickwerk‘), versucht Clemens, die grundsätzliche Vereinbarkeit von griechischer Philosophie und christlichem Glauben und die epistemologische Überlegenheit des letzteren zu erweisen. Die Philosophie wird als noch defiziente Vorstufe der wahren Erkenntnis () dargestellt, die Möglichkeit für diese sei erst durch die Parusie Christi eröffnet worden. Genau darin aber liege der Nutzen der heidnischen Schriften, da derjenige, der sie auf der Grundlage des christlichen Glaubens benutze, in ihnen Hinweise zur Erlangung der Wahrheit finden könne. Die einzelnen Bücher beziehen sich locker aufeinander und haben folgende Inhalte: I Nutzen der griechischen Kultur für Christen; II Glauben, Buße, Tugenden; III Maßvolle Enthaltsamkeit; IV Martyrium, Askese und Emotionslosigkeit (ἀπάθεια). V. Allegorische Schriftauslegung, VI. und VII. Der Christ als wahrer Gnostiker. In seinem kurzen Abriss über die philosophischen Anschauungen außerhalb der griechisch-römischen Welt erwähnt er auch den Buddhismus und liefert das älteste Zeugnis für diese Weltdeutung in der westlichen Literatur.Clemens, Stromata 1,15,71,6; Oliver Freiberger, Christoph Kleine: Buddhismus: Handbuch und kritische Einführung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-50005-7, S. 11. Clemens bedient sich in dieser Schrift laut eigener Aussage eines verschlüsselnden, anspielungsreichen und sprunghaften Stils (daher der Titel), um Häretikern den Zugang zur Erkenntnis zu verwehren. Das Verhältnis von Protreptikòs, Paidagogós und Stromateis ist umstritten. Wenn man sie als eine Trilogie betrachtet, würde man erwarten, dass in den Stromateis dem vom Paidagogós vorbereiteten Leser die Erkenntnis des wahren Gnostikers mitgeteilt wird; das geschieht aber nicht, vielmehr befassen sich die Stromateis mit praktischer und theoretischer Ethik. Man hat vermutet, dass verlorene Teile der Stromateis diesen Inhalt hatten oder aber das ganz verlorene Werk Hypotyposeis. Quis dives salvetur (‚Welcher Reiche gerettet werden wird‘) ist eine kunstvolle, stilisierte Predigt (Homilie) über .
Drei Schriften des Clemens haben den Charakter von Zitatsammlungen und Notizen. Es handelt sich wohl eher um Arbeitsmaterial denn um Texte, die Clemens zur Veröffentlichung vorgesehen hatte:, hier Sp. 417. Ein Werk, das als achtes Buch der Stromateis tradiert wurde, enthält Notizen zur Logik, die unausgeführt wirken. Obwohl die Manuskripttradition das suggeriert, schließt diese Schrift nicht an Buch VII der Stromateis an. Excerpta ex Theodoto: Clemens stellt die Lehre des Gnostikers Theodotos untermischt mit eigenen Kommentaren vor. Eclogae prophetae: Notizen verschiedenen Inhalts.
Darüber hinaus sind Fragmente weitere Schriften des Clemens bekannt. Die Zitate, die Cassiodor in Adumbrationes in Epistulas Canonicas anführt, könnten aus dem verlorenen Werk Hypotyposeis stammen. Morton Smith veröffentlichte 1973 einen fragmentarischen Brief des Clemens, den er 1958 im Kloster Mar Saba entdeckt hatte; der Briefautor zitiert ein geheimes Markusevangelium. Die Echtheit des Briefs wurde zunächst stark bezweifelt, wird inzwischen aber von Fachleuten bestätigt., Sp. 396.
Lehre Kulturgeschichtlich sind besonders die Schriften Paidagogós und Quis dives salvetur interessant: Sie zeigen, wie das Christentum in der gebildeten alexandrinischen Oberschicht Fuß fasste. Seine (eklektische) Philosophie ist dem Mittleren Platonismus zuzurechnen, beispielsweise darin, dass das Gott-Ähnlichwerden als höchstes Ziel benannt wird. Der Logos des Clemens ähnelt der zweiten Hypostase bzw. dem νοῦς des Mittel- und Neuplatonismus. Aussagen zur Ethik, Physik und Medizin sind stark von der Stoa beeinflusst. Ein pythagoräischer Einfluss ist ebenfalls feststellbar. Clemens kannte die griechisch verfassten Werke alexandrinischer jüdischer Gelehrter. Vor allem Philon von Alexandria zitierte er häufig. Sein Werk bezeichnete Clemens selbst als „Auswahl“ (ἐκλογή); damit war zeitgenössisch der Anspruch verbunden, über den einzelnen Schulbildungen zu stehen und von dieser höheren Warte aus das jeweils Wertvollste aufnehmen zu können.Ulrich Schneider: Theologie als christliche Philosophie. Berlin u. a. 1999, S. 49f. Clemens beherrschte anscheinend weder Hebräisch noch Latein: das Alte Testament las er in griechischer Übersetzung, die lateinische Literatur war ihm nicht bekannt.Martin Pujiula: Körper und christliche Lebensweise. Clemens von Alexandria und sein Paidagogos, Berlin u. a. 2006, S. 26.
Die hierarchisch verfasste Kirche spielt im Werk des Clemens kaum eine Rolle; dieses Schweigen kann unterschiedlich gedeutet werden, nicht unbedingt als Unkirchlichkeit. Clemens lag daran, Häresien zu entdecken und sie zu widerlegen: Montanismus, Enkratismus, Marcionismus, Gnostizismus unterschiedlicher Art (Karpokratianer, Basilides, Valentinianer)., hier S. 103f.
Wenn Clemens nach dem Vorbild jüdischer und christlicher Apologeten behauptete, die griechischen Philosophen hätten bei Mose abgeschrieben, so begegnet er damit dem Vorwurf, es handle sich bei Judentum und Christentum um neue und barbarische Lehren. Andererseits ist die griechische Philosophie, als angebliche Bibelrezeption, damit auch christlich akzeptabel geworden. Clemens’ Kritik galt den paganen Kulten, Mysterien und Mythen, die teils lächerlich gemacht, teils mit moralischer Empörung abgewiesen werden., hier S. 104.