mini|Joseph Stiglitz (2019)
Joseph Eugene „Joe“ Stiglitz (* 9. Februar 1943 in Gary, Indiana) ist ein US-amerikanischer, neukeynesianischer Ökonom, Politikberater und Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Columbia University. Er ist Empfänger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften (2001) und der John-Bates-Clark-Medaille (1979). Er ist außerdem ehemaliger Chefökonom der Weltbank. Daneben ist er ehemaliges Mitglied und Vorsitzender des Council of Economic Advisers des Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Stiglitz hat grundlegende Beiträge zur Wirtschaftswissenschaft geliefert, besonders in den Bereichen der Mikroökonomie und der Informationsökonomik. Seine Arbeiten haben geholfen, praktische Lösungen für verschiedene Formen von Marktversagen zu finden. Er ist ferner bekannt für seine Forderungen nach einem effizienteren Management der Globalisierung durch internationale Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank, sowie seine Kritik an Laissez-faire-Ökonomen, die er „Fundamentalisten des freien Marktes“ nennt.
Stiglitz hat mehr als 40 Ehrendoktorwürden erhalten, darunter Abschlüsse von Cambridge und Harvard und er wurde von mehreren Regierungen ausgezeichnet, darunter Bolivien, Südkorea, Kolumbien, Ecuador und zuletzt Frankreich, wo er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt wurde. 2011 ernannte Time Magazine ihn zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Dem Open Syllabus Project zufolge ist Stiglitz einer der am häufigsten zitierten Autoren in Lehrplänen für Universitätskurse in Wirtschaftswissenschaft.
Leben Herkunft/Ausbildung Stiglitz stammt aus einer jüdischen Familie; sein Vater war Versicherungsvertreter, seine Mutter Lehrerin. Zunächst studierte er Mathematik, dann Wirtschaftswissenschaften. 1964 erhielt er am Amherst College einen B. A., dann promovierte er am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er auf Robert M. Solow und Paul A. Samuelson traf.
Bei einem Forschungsaufenthalt an der University of Cambridge freundete er sich mit Joan Robinson und Nicholas Kaldor an.
Ein weiterer Forschungsaufenthalt in Nairobi machte ihn mit den wirtschaftlichen Problemen in Entwicklungsländern vertraut.Philip Plickert: Joseph Stiglitz: Kassandra der Finanzkrise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Oktober 2008.
Berufstätigkeit An der Yale University war er von 1970 bis 1974 Professor für Wirtschaftswissenschaft, danach an der Stanford University (1974–1976, 1988–2001), der University of Oxford (1976–1979) und der Princeton University (1979–1988).
1997 wechselte er als Chefökonom zur Weltbank. Meinungsverschiedenheiten über deren Kurs führten 2000 zu seinem Rücktritt.
Derzeit ist er Professor an der Columbia University im Norden ManhattansWebsite von Joseph Stiglitz: (PDF; 382 kB) und unterrichtet ebenso an den französischen Elitehochschulen École polytechnique und Sciences Po Paris.
Ehrungen Stiglitz wurde zum Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und KünsteEuropean Academy of Sciences and Arts: und u. a. der American Academy of Arts and Sciences (1983), der National Academy of Sciences (1988), der British Academy (1993) und der American Philosophical Society (1997) ernannt.
Zu den wissenschaftlichen Auszeichnungen für Stiglitz zählen unter anderem mehrere Ehrendoktorwürden, die John-Bates-Clark-Medaille und der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.CV Joseph E. Stiglitz, Columbia University 2002 erhielt er den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (Hauptpreis)https://buchmarkt.de/meldungen/auszeichnungen/bruno-kreisky-preis-2002-das-politische-buch-an-joseph-stiglitz/ für das Buch Die Schatten der Globalisierung. 2023 wurde er mit dem Premi Internacional Catalunya ausgezeichnet.
Wichtige Nebentätigkeiten 1993 wurde er Mitglied im Rat der Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton, dessen Ratsvorsitz er von 1995 bis 1997 innehatte.
1995 war er als Leitautor am Zweiten Sachstandsbericht des IPCC beteiligt.Nobel-Winning Economist to Testify in Children’s Climate Lawsuit. In: InsideClimate News, 11. Juli 2018. Abgerufen am 15. Juli 2018. Stiglitz leitet das Brooks World Poverty Institute der University of Manchester,Brooks World Poverty Institute: ist Vorsitzender des Committee on Global ThoughtCommittee on Global Thought: Committee Members an der School of International and Public Affairs der Columbia University und gründete die Initiative for Policy Dialogue im Juli 2000.Initiative for Policy Dialogue: IPD Key Individuals – Joseph Stiglitz. Siehe auch: Initiative for Policy Dialogue in der englischen Wikipedia
2008/2009 leitete Stiglitz die von Miguel d’Escoto Brockmann, dem Präsidenten der Generalversammlung der Vereinten Nationen, einberufene Commission of Experts on Reforms of the International Monetary and Financial System (kurz: Commission on Financial Reforms), die 2009 ihre Empfehlungen zu einer Reform des internationalen Finanzsystems vorlegte.United Nations Non-Governmental Liaison Service: NGO Consultation on the Commission of Experts on Reforms of the International Monetary and Financial System mit (PDF; 353 kB) und (PDF; 286 kB)
2008 übernahm Stiglitz den Vorsitz einer Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Messung wirtschaftlicher Leistung und gesellschaftlichen Fortschritts.Commission on the Measurement Of Economic Performance and Social Progress: Diese Arbeitsgruppe war eine Initiative von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Der Abschlussbericht der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission wurde im September 2009 vorgelegt und soll Impulse auf den Gebieten Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Umweltindikatoren sowie Messung von Lebensqualität und Nachhaltige Entwicklung geben.
Er ist Mitbegründer des Ende Oktober 2009 gegründeten Institute for New Economic Thinking (INET), um neue Denkansätze für die Volkswirtschaftslehre zu entwickeln.
Stiglitz war Mitglied eines Komitees zur Aufarbeitung der Panama Papers und zur Reform des Finanzsektors von Panama, hat seine Mitgliedschaft Anfang August 2016 jedoch beendet, nachdem bekannt wurde, dass die Regierung von Panama beabsichtigt, den Abschlussbericht wegen unerwünschter Ergebnisse nicht zu veröffentlichen.Prominente Experten verlassen Panama-Komitee, Zeit Online, 6. August 2016, abgerufen am 7. August 2016
Privatleben Stiglitz ist Vater von vier Kindern.Philip Plickert: Joseph Stiglitz 65 Jahre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Februar 2008, S. 18. Seit 2004 ist er in dritter Ehe verheiratet mit Anya Schiffrin, die in der School of International and Public Affairs der Columbia-Universität arbeitet und das dortige Journalismus-Programm leitet.
Werk Wissenschaft
Joe Stiglitz gilt als Vertreter des Neukeynesianismus und hat in diesem Rahmen mehrere grundlegende Beiträge zur ökonomischen Theorie geleistet.
Risikoaversion
Eine seiner frühesten Arbeiten ist auf dem Gebiet der Risikoaversion. Dabei baut er auf den Arbeiten von Robert Solow auf. Zusammen mit Michael Rothschild lieferte er eine formale Definition von Risikoaversion – außerdem zeigten sie die Effekte auf die Konsumentscheidungen von Haushalten und Investitionsentscheidungen von Unternehmen.
Informationsasymmetrie
Stiglitz hat verschiedene grundlegende Arbeiten auf dem Feld der Informationsökonomik geleistet. Er beschäftigte sich insbesondere mit Marktversagen infolge von Informationsasymmetrien und entwickelte Techniken, um diese zu lösen.
Viele Arbeiten von Stiglitz zur Informationsökonomie zeigen Situationen, in denen unvollständige Informationen Märkte daran hindern, ein Pareto-Optimum zu erreichen.
Zusammen mit Andrew Weiss arbeitete er zum Beispiel darüber, wie Banken aus Zinssätzen Informationen über die Art der Kreditnehmer ableiten. Dies kann zu negativen Selektionseffekten, oder unter bestimmten Bedingungen zu vermehrter Kreditaufnahme führen. In beiden Fällen ist die Kreditvergabe ökonomisch nicht optimal.
Stiglitz und Rothschild zeigten, dass Versicherungsunternehmen einen Anreiz haben, auf Versicherungsmärkten das Marktgleichgewicht zu verlassen. Dies betrifft zum Beispiel den Markt für Krankenversicherungen. So hätten Versicherungen einen Anreiz, Versicherungspolicen mit geringer Absicherung anzubieten, die besonders von jungen oder gesunden Menschen gekauft würden, während die Präferenzen von Alten oder Kranken nicht berücksichtigt werden. Daher würde ein Versicherungsmarkt mit Wettbewerb automatisch eine Versicherungslücke produzieren. Das bedeutet, dass Versicherungsmärkte sozial nicht optimale Ergebnisse produzieren.
Stiglitz und Grossman arbeiteten zu informationsökonomischen Problemen der Markteffizienzhypothese. Sie zeigten, dass trivial kleine Kosten für Informationsbeschaffung die Finanzmärkte daran hindern, vollständige Informationseffizienz zu erreichen. Ökonomische Agenten hätten damit einen Anreiz, die Informationsbeschaffung anderer Agenten zu nutzen und diese Informationen indirekt durch Beobachtung von Marktpreisen zu erwerben. Dieses Trittbrettfahrerproblem würde vollständige Markteffizienz unmöglich machen.
In seinem Buch Whither Socialism? (deutsch: Wohin Sozialismus?) nutzt er diese informationsökonomischen Theorien, um den Fehlschlag des Sozialismus in Osteuropa zu erklären. Außerdem zeigt er diverse Fehlannahmen über die Bedeutung des freien Marktes im Kapitalismus. mini|Stiglitz' Forschung hatte großen Einfluss, zum Beispiel in der Personalbeschaffung Seine bedeutendste Forschung betrifft das Screening – eine Technik, mit deren Hilfe ein ökonomischer Agent private Informationen von einem anderen Agenten extrahieren kann. Seine Arbeiten finden in verschiedenen Märkten Anwendung, um das Problem der adversen Selektion zu lösen. Zum Beispiel können Unternehmen verschiedene Formen der Personalbeschaffung und des Assessment verwenden, um sicherzustellen, dass Angestellte keine potentiell für das Unternehmen schädlichen Informationen privat halten. Dies kommt beiden Parteien zugute, da es dem Arbeitgeber ermöglicht, das Maximum aus der Beschäftigung des Einzelnen herauszuholen, und der Einzelne profitiert von einer effizienten und leistungsgerechten Bezahlung seiner Fähigkeiten.
Für seine Beiträge zur Theorie der Informationsasymmetrie erhielt er 2001 gemeinsam mit George Akerlof und A. Michael Spence den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.
Monopolistische Konkurrenz
Stiglitz hat zusammen mit Avinash Dixit das erste Modell für monopolistische Konkurrenz geschaffen. Das stellt eine Alternative zu traditionellen Modellen des vollkommenen Wettbewerbs des allgemeinen Gleichgewichts dar. Stiglitz und Dixit zeigten, dass bei steigenden Skalenerträgen der Einstieg von weiteren Unternehmen sehr schwierig ist. Das Modell wurde erweitert, um zu zeigen, dass der Eintritt neuer Firmen aber sehr groß sein kann, wenn Konsumenten Vielfalt bevorzugen.
Dieser Modellierungsansatz war sehr einflussreich in verschiedenen ökonomischen Bereichen, wie der Außenhandelstheorie und der Industrieökonomik. Paul Krugman verwendete das Modell zum Beispiel in seinen Arbeiten zu Handelsmustern, die nicht auf komparativen Kostenvorteilen beruhen.
Effizienzlohn