mini|Elke Erb (2014) Elke Erb (* 18. Februar 1938 in Scherbach (Rheinland); † 22. Januar 2024 in Berlin) war eine deutsche Lyrikerin und Übersetzerin.Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns – Ihre Spracherkundungen sind scharfsinnig, ihr flirrender Humor stets überraschend, ihre Aufsässigkeit einzigartig. Der Lyrikerin Elke Erb zum 80. Geburtstag. In: Die Zeit Online vom 18. Februar 2018, abgerufen am 18. Februar 2018. Für ihre herausfordernden Sprachexperimente, ihren poetischen Eigensinn und ihre kritische Haltung zu den Verhältnissen in der DDR bekannt; obwohl ihre Rolle als Lektorin sie in das staatlich kontrollierte Verlagssystem und somit in die Mechanismen der Zensur einband, war ihr persönliches Wirken durch Widerstand und Kritik geprägt. Im Jahr 2020 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis.

Leben und Wirken Elke Erb war eine der drei Töchter des Literaturwissenschaftlers Ewald Erb (1903–1978). Sie war die ältere Schwester der Schriftstellerin Ute Erb. Der Vater holte seine Familie 1949 aus dem Rheinland in die DDR nach Halle (Saale), wo die Töchter zunächst in den Franckeschen Stiftungen lebten. Von 1958 bis 1959 war Elke Erb Landarbeiterin. Sie studierte anschließend Germanistik, Slawistik, Geschichte und Pädagogik in Halle. 1963 machte sie ihr Lehrerexamen und arbeitete bis 1965 als Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag.

Von 1967 bis 1978 war sie mit Adolf Endler verheiratet, ihr gemeinsamer Sohn ist Konrad Endler.

Ab 1966 war sie freie Schriftstellerin. In Berlin wohnte sie ab 1968 in der Rheinsberger Straße im Bezirk Mitte dicht an der Grenze zum Prenzlauer Berg.Interview auf Planet Lyrik 1969 unternahm sie eine Reise nach Georgien. Als ihre erste umfangreiche Übersetzung erschienen 1974 Texte von Marina Zwetajewa. Sie trat als Verfasserin von Kurzprosa, Lyrik und prozessualen Texten hervor, mit Übersetzungen (unter anderem Romane von Oleg Jurjew und Gedichte von Olga Martynova) und mit Nachdichtungen vor allem aus dem Russischen (aber auch aus dem Englischen, Italienischen, Georgischen und anderen Sprachen) sowie als Herausgeberin (unter anderem Jahrbuch der Lyrik).

In einem Gespräch mit der Schriftstellerin Christa Wolf, publiziert am Ende ihres Bandes Der Faden der Geduld, beschreibt Erb ihren experimentellen literarischen Ansatz, der zugleich ein existenzieller ist:

Ihre Nähe zur unabhängigen Friedensbewegung, die Mitarbeit an einer inoffiziellen Lyrik-Anthologie und ihr Protest gegen die Ausbürgerung des Bürgerrechtlers Roland Jahn führten zur Überwachung durch die Staatssicherheit. Ein vom Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR unter Hermann Kant betriebener Versuch, sie aus dem Verband auszuschließen, konnte beim Bezirksverband Berlin nicht durchgesetzt werden.

1988 erschien ihr viel beachteter Lyrikband Kastanienallee, für den sie mit dem Peter-Huchel-Preis 1988 ausgezeichnet wurde. In diesem Band erweitert sie ihr prozessuales Schreiben erstmals um eine „unhierarchische, kollektiv-aktiv förderliche Textform“,Elke Erb: Der wilde Forst, der tiefe Wald, auf planetlyrik.de die Selbstkommentare mit einbezieht und ihre eigenen Produktionsbedingungen ausweist. In dem Band Kastanienallee sind erstmals in der DDR-Literatur deutliche Einflüsse der konkreten Poesie und der Wiener Gruppe spürbar, vor allem von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Zudem weisen Elke Erbs Texte aus dieser Zeit eine große Nähe zur jüngeren Literatur-Avantgarde in Prenzlauer Berg auf (Bert Papenfuß, Stefan Döring, Druckhaus Galrev).

Unmittelbar nach 1989 wurde Elke Erb zu einer Kritikerin auch der bundesrepublikanischen Verhältnisse, der neuen Medien, der Abwicklung von DDR-Betrieben und der Treuhand-Spekulationen:

Elke Erbs Bücher erschienen in kleineren Verlagen und Zeitschriften jenseits des Mainstreams. Seit 1998 publizierte sie vor allem bei dem auf Poesie spezialisierten Verleger Urs Engeler, zunächst in dessen Edition Urs Engeler Editor, dann in der Reihe roughbooks.

mini|hochkant=0.6|Grabstätte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Neben ihrem Schreiben arbeitete sie an neuen Lese- und Präsentationsformen von Literatur und engagierte sich für jüngere Autorinnen und Autoren. Zu den von ihr lektorierten und geförderten Nachwuchsautoren gehörten u. a. Monika Rinck, Ulf Stolterfoht, Steffen Popp und Christian Filips, mit dem sie ab 2006 in Berlin-Wedding in einer Wohngemeinschaft wohnte und neue Performance-Formate entwickelte (so das Format „Haushaltsfragen“ für das Prosanova-Festival 2011 in Hildesheim).Die Lesung macht Karriere. Auf taz.de 1994 erhielt sie die Rahel-Varnhagen-von-Ense-Medaille, als Lyrikerin und als Persönlichkeit, die sich um das literarische Leben in Berlin verdient gemacht hat.

Viel Beachtung fand der 2008 veröffentlichte Band Sonanz. 5-Minuten-Notate, in dem Elke Erb an die Tradition der écriture automatique des Surrealismus anschließt und diese fortschreibt.Elke Erb Sonanz, auf perlentaucher.de.

Im Mai 2012 wurde Erb als Mitglied in die Akademie der Künste in Berlin berufen.Neue Mitglieder der Akademie der Künste. Akademie der Künste, Pressemitteilung vom 18. Juni 2012. 2017 erschien eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk in der Edition Text & Kritik. 2018 hielt sie die Berliner Rede zur Poesie unter dem Titel Das Gedicht ist, was es tut. 2019 verlieh ihr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz mit der Begründung:

Für 2020 wurde Erb der Georg-Büchner-Preis zuerkannt. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung begründete die Preisvergabe damit, dass es der Autorin wie keiner anderen gelinge, „die Freiheit und Wendigkeit der Gedanken in der Sprache zu verwirklichen, indem sie sie herausfordert, auslockert, präzisiert, ja korrigiert“. Für Erb sei „Poesie eine politische und höchstlebendige Erkenntnisform“. Der Preis wurde ihr am 31. Oktober 2020 in Darmstadt verliehen.Preisträgerin 2020. In: deutscheakademie.de (abgerufen am 7. Juli 2020).

Elke Erb war Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und lebte in Berlin und Wuischke in der Oberlausitz. Ihre letzte Ruhestätte erhielt sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Werk

Hörbuch in: Dichtung des 20. Jahrhunderts: Meine 24 sächsischen Dichter. Hrsg. v. Gerhard Pötzsch, 2 CDs, Militzke Verlag, Leipzig 2009, ISBN 978-3-86189-935-8.

Übersetzungen (Auswahl) Wiktor Rosow: Bruder Aljoscha: Stück in 2 Akten (Nach einem Motiv aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“). Unverkäufl. [Bühnen-]Ms. Henschelverl., Abt. Bühnenvertrieb, Berlin 1972. Marina Zwetajewa: Sechs Gedichte von Marina Zwetajewa: = (S̆estʹ stichotvorenij Mariny Cvetaevoj) (1973): Suite f. A. u. Klav. ; op. 143. Part. (Hrsg. u. übers. v. Elke Erb), Leipzig: Ed. Peters, 1978. Boris Pasternak: Luftwege. Ausgewählte Prosa. Leipzig: Reclam, 1986. Marina Zwetajewa: Das Haus am Alten Pimen: eine Auswahl. Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 1247. Leipzig: Reclam, 1989. Oleg Jurjew: Die russische Fracht: Roman. Übersetzt von Elke Erb. Frankfurt, M: Suhrkamp, 2009. Oleg Jurjew: Halbinsel Judatin, Roman. Vom Autor neugeordnete und durchges. Fassung. Aus dem Russ. von Elke Erb unter Mitw. von Sergej Gladkich. Verlag Jung & Jung, Salzburg 2014, ISBN 978-3-99027-053-0. Oleg Jurjew: In zwei Spiegeln: Gedichte und Chöre (1984–2011). Übersetzt von Elke Erb u. a., Jung und Jung, 2012. Olga Martynowa: Von Tschwirik und Tschwirka: Gedichte. Übersetzt von Elke Erb und Olga Martynova, Literaturverl. Droschl, 2012.

Hommage Deins. Lesebuch. roughbooks, Holderbank und Berlin 2011.31 Lektüren zu Texten von Elke Erb: von Tobias Amslinger, Nora Bossong, Ann Cotten, Ulrike Draesner, Peter Enzinger, Christian Filips, Claudia Gabler, Guido Graf, Annett Gröschner, Martina Hefter, Norbert Hummelt, Jayne-Ann Igel, Birgit Kempker, Barbara Köhler, Ursula Krechel, Jan Kuhlbrodt, Bert Papenfuß, Steffen Popp, Kerstin Preiwuß, Ilma Rakusa, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Thomas Schestag, Ulrich Schlotmann, Tom Schulz, Daniela Seel, Christian Steinbacher, Hans Thill, Raphael Urweider, Ernest Wichner, Uljana Wolf; Hrsg. v. Urs Engeler und Christian Filips. Aus der Ferne, 22 Gedichte mit 15 Zeichnungen, Auswahl der Gedichte und Grafiken: Strawalde, handsigniertes Künstlerbuch, 40 Seiten, 43,5 × 32 cm, im Schuber, Edition Rothahndruck, Berlin 2015

Auszeichnungen

Literatur

Kurt Böttcher (Gesamtredaktion): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller von den Anfängen bis zur Gegenwart. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1974; Band 1, S. 191

Weblinks

Literatur von und über Elke Erb im Katalog des Deutschen Literaturarchivs Marbach

(Ulrich Goerdten) Elke Erb im Poetenladen Elke Erb im Verlag Urs Engeler Editor Elke Erb auf Lyrikline.org drei unveröffentlichte Gedichte, von Erb selbst gelesen Audioaufnahme der Lesung von Elke Erb zur Buchmesse Leipzig 2014 Elke-Erb-Archiv im Archiv der Akademie der Künste, Berlin

Einzelnachweise

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