Einar Wilhelm Heinrich Schleef (* 17. Januar 1944 in Sangerhausen; † 21. Juli 2001 in Berlin) war ein deutscher Theater-Regisseur, Schriftsteller, Bühnenbildner, Maler, Fotograf, Grafiker und Schauspieler. Seit den 1970er Jahren setzten insbesondere seine Theaterarbeiten Maßstäbe und er wurde mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ein Charakteristikum seiner Inszenierungen war der Einsatz des Chores, der im nachantiken Theater kaum noch eine Rolle gespielt hatte. Besonders in seinen frühen Theaterarbeiten wurden die Sprechchöre häufig als ideologisches Zeichen missdeutet. Der Vorwurf, Schleefs Theater sei militant oder gar faschistoid, wurde sowohl von Regie-Kollegen wie Peter ZadekDoja Hacker und Urs Jenny: Theater ist feudalistisch. Dramatiker Heiner Müller über das Berliner Ensemble, DDR-Nostalgie und Rechts-links-Verwirrungen. In: Der Spiegel 12 / 1995, 20. März 1995, S. 225. als auch von etlichen Theaterkritikern erhoben.Wolfgang Behrens: Einar Schleef. Werk und Person. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2003, ISBN 3-934344-30-5. In seinem Essay-Band Droge Faust Parsifal entwickelte Schleef seine ästhetischen Anschauungen und beschrieb die Wiederbelebung des Chores als ein zutiefst inhaltliches Element, das auf den verloren gegangenen Zusammenhang von Individuum und Gesellschaft zielt, den es im Theater wiederzugewinnen gälte.Einar Schleef: Droge Faust Parsifal. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997.
Schleef wuchs in der DDR auf und war Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR. 1976 verließ er die DDR und blieb in der Bundesrepublik.
Seine Kunst ist in ihrer subjektiven Radikalität ein „singuläres“Hans-Thies Lehmann: Theater des Konflikts. In: Gabriele Gerecke, Harald Müller, Hans-Ulrich Müller-Schwefe (Hrsg.): Einar Schleef. Arbeitsbuch. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2002, S. 42–67, hier S. 46. Zeugnis seiner tiefgründigen und ästhetisch kompromisslosen Auseinandersetzung mit der Nachkriegsgeschichte des geteilten und wiedervereinigten Deutschlands. mini|Schleef-Autograph
Leben und Schaffen Kindheit und Jugend Einar Schleef wurde am 17. Januar 1944 als zweiter Sohn des Architekten Wilhelm Schleef und seiner Ehefrau Gertrud (geb. Hoffmann) in Sangerhausen geboren. Sangerhausen ist eine Provinzstadt am Südostrand des Harzes und war damals stark vom Kupferbergbau geprägt. Im Elternhaus war die Mutter Gertrud (der er später sein Opus magnum gleichen Namens widmet) die bestimmende Figur. Der Vater kehrte als kränklicher Mann aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Die Ehe der Eltern war schwierig und konfliktgeladen.Einar Schleef: Tagebuch 1953–1963. Hrsg. von Winfried Menninghaus, Wolfgang Rath, Johannes Windrich und Einar Schleef. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-41605-7. 1950 wurde Schleef eingeschult. Vom neunten Lebensjahr an sammelte er persönliche Aufzeichnungen in Heften, auf Zetteln und in Tagebüchern, die er später immer wieder überarbeitete.
Ein einschneidendes Erlebnis für den jungen Schleef war der Aufstand vom 17. Juni 1953. Auch in Sangerhausen kam es zu Unruhen und Festnahmen. Schleefs Mutter verbarg ihren Ehemann vor dem Zugriff der Sowjetischen Militäradministration. Schleefs Bruder, der sieben Jahre älter war, verschwand für mehrere Tage. 1957 flüchtete er aus der DDR.
In der Schule wurde Schleefs Talent zum Zeichnen und Malen früh bemerkt. Der Kunstmaler Wilhelm Schmied förderte ihn und wurde ihm eine wichtige Bezugsperson.Linn Settimi: Plädoyer für das Tragische: Chor- und Weiblichkeitsfiguren bei Einar Schleef. transcript Verlag, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8376-4630-6, S. 18 Der Vater hingegen verfolgte die künstlerischen Versuche des Sohnes mit Misstrauen: „im Aufspüren der guten Arbeiten, um sie zu vernichten, war er treffsicher und erfolgreich. Vieles wurde von ihm zerrissen, verbrannt, zertrampelt, was Mutter mühsam wieder zusammenklebte […], aber sie verteidigte auch die Strafaktionen meines Vaters, wie sie dauernd zwischen uns pendelte“.
Von Kindheit an stotterte Schleef. Nur bei Bühnenauftritten gelang es ihm später, die Sprachhemmung zu überwinden. In der Schule galt er als Eigenbrötler. Verstärkt wurde die Außenseiterrolle durch zwei längere krankheitsbedingte Abwesenheiten von der Schule: im siebten Schuljahr erkrankte er an Tuberkulose. Am 13. Februar 1960 erlitt Schleef im Alter von sechzehn Jahren einen schweren Unfall, als er bei voller Fahrt des Zuges aus einer ungesicherten Eisenbahntür stürzte. Fast ein Jahr musste er im Krankenhaus verbringen. Später pflegte Schleef die Legende, sein Stottern sei eine Folge des Unfalls gewesen. Wegen der Krankheiten musste er zwei Schuljahre wiederholen.
Im August 1961 bereiteten Schleefs Eltern ihre Flucht nach Westberlin vor. Schleef fuhr mit seinem Vater zu Bekannten nach Berlin-Siemensstadt, wo der Sohn vorübergehend untergebracht werden sollte, bis die Eltern nachkommen konnten. Er sträubte sich und wollte in der DDR bleiben, wo er – ermuntert durch seinen Förderer Wilhelm Schmied – Malerei studieren wollte. Wenige Tage später, am 13. August, begann der Bau der Mauer. Die Eltern gaben ihm die Schuld an der missglückten Flucht.
1962 gestaltete Schleef das Bühnenbild für die Schulaufführung einer Szene aus Die Mutter von Bertolt Brecht. 1963 schrieb er seine erste, von ihm selbst als solche bezeichnete Dichtung: es ist ein Prosatext mit dem Titel Traum. 1963 absolvierte er die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee mit Erfolg und erhielt – schon vor seinem Abitur – einen Studienplatz. Im Zusammenhang mit der Prüfung besuchte er erstmals das Berliner Ensemble und begann, sich für Brecht zu interessieren. 1964 legte er das Abitur an der Geschwister-Scholl-Oberschule Sangerhausen mit der Note 3 ab.
Studium Im selben Jahr begann er an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Malerei und Bühnenbild zu studieren. Nebenher arbeitete er 1964/65 als Comicszenarist und Colorist für die Zeitschrift Mosaik. Anfang 1965 wurde er wegen „Disziplinlosigkeit und mangelhaftem studentischem Gesamtverhalten“ relegiert. Er hatte einen Hochschullehrer beleidigt.
Er arbeitete dann unter anderem als Bühnenbildassistent am Berliner Maxim-Gorki-Theater sowie am Berliner Ensemble. Im Herbst 1967 wurde er erneut zum Studium zugelassen.Einar Schleef: Tagebuch 1964–1976. Hrsg. von Winfried Menninghaus, Wolfgang Rath, Johannes Windrich und Einar Schleef. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41758-4, S. 220 In der Bühnenbildklasse Heinrich Kilgers erwies er sich als sehr begabter Student, aber schwieriger Zeitgenosse. Er ließ Bühnenbild-Aufträge in der Provinz platzen und entging nur knapp einer zweiten Relegation. 1971 erwarb er das Diplom. Bestandteil des Diploms war ein Zyklus von Blättern zu Carlo Goldonis Il Campiello, der auf der 2. Prager Quadriennale gezeigt und mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde.
1971 wurde Schleef als Meisterschüler bei Karl von Appen an der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin aufgenommen. Von Appen wurde zum wichtigsten Lehrer für ihn.Friedrich Dieckmann: Meine Schleef-Mappe. Einar Schleefs Berliner Bühnenbildner-Jahre. In: Gabriele Gericke, Harald Müller und Hans-Ulrich Müller-Schwefe (Hrsg.): Einar Schleef. Arbeitsbuch. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2002, ISBN 3-934344-12-7.
Im DEFA-Film Der nackte Mann auf dem Sportplatz von 1973/1974, Regie: Konrad Wolf, Szenarium: Wolfgang Kohlhaase präsentiert die Fotografin Angela, dargestellt von Ursula Werner, eine Aufnahmeserie mit Porträts alter Frauen, die von Einar Schleef stammt, der im Vorspann als Urheber einer Fotoreportage genannt wird.
Erste Arbeiten für das Theater Der Goldoni-Zyklus hatte Folgen: der neue Intendant der Berliner Volksbühne, Benno Besson, wurde auf Schleef aufmerksam und übertrug ihm die Ausstattung für Don Gil von den grünen Hosen von Tirso de Molina. Das Debüt erregte Aufsehen, führte aber nicht zu einem dauerhaften Engagement. Nach dem Tod von Helene Weigel wurde Ruth Berghaus neue Intendantin des Berliner Ensembles. Sie verpflichtete den Regisseur B. K. Tragelehn ans Haus. Auf Anraten des Dramaturgen Friedrich Dieckmann holte Tragelehn Schleef als Bühnenbildner. Zwischen 1972 und 1975 entstanden drei gemeinsame Inszenierungen: Katzgraben – Szenen aus dem Bauernleben von Erwin Strittmatter (1972), Frühlings Erwachen von Frank Wedekind (1974) und Fräulein Julie von August Strindberg (1975). Schleef wurde im Laufe dieser Zusammenarbeit immer mehr zum Co-Regisseur für Tragelehn. In Frühlings Erwachen zeigten sich bereits wesentliche Elemente der Theaterästhetik, die später typisch für Schleefs Inszenierungen wurde: der leere Bühnenraum, in dem der einzelne Darsteller sich zu verlieren scheint; strenge Schwarz-Weiß-Kontraste; die Arbeit mit Laiendarstellern. Dirk Nawrocki und Johanna Schall, damals beide noch Teenager, spielten den Melchior bzw. die Ilse. mini|Berlin – Theater am Schiffbauerdamm (Berliner Ensemble), 2006
Die Premiere von Fräulein Julie (mit Jutta Hoffmann in der Titelrolle) im April 1975 rief einen kulturpolitischen Skandal hervor. Bereits während der Probenzeit deutete sich das Konfliktpotential an, und am Premierentag war vormittags nicht klar, ob sich abends der Vorhang für Fräulein Julie öffnen würde. Vermutlich auf persönliche Intervention des Komponisten und Ehemanns von Ruth Berghaus, Paul Dessau, der als „Sozialist der ersten Stunde“ Einfluss bei den Spitzen der Partei hatte, konnte die Premiere dennoch stattfinden. Es war, so der Theaterkritiker Christoph Müller, „das Verrückteste, was im Berliner Ensemble je über die Bühne ging.“Christoph Müller in Theater heute 5/1975. Friedrich Verlag, Velber 1975. Im „Zentralorgan der SED“, dem Neuen Deutschland, erschien eine negative Kritik von Rainer Kerndl – was einem Verdikt aus höchsten Kreisen der Partei gegen die Inszenierung gleichkam. mini|Ruth Berghaus Auch der schwelende Konflikt zwischen den Brecht-Erben und Ruth Berghaus über die inhaltliche Ausrichtung des Berliner Ensembles schwächte die Position der Intendantin. Nach nur zehn restlos ausverkauften Aufführungen wurde Fräulein Julie vom Spielplan abgesetzt. Das Macbeth-Projekt, das Schleef und Tragelehn nach Fräulein Julie in Angriff nehmen wollten, kam nicht mehr zustande. Heiner Müller konstatierte über die Arbeiten von Schleef und Tragelehn: „Das war die einzige Zeit nach Brecht, in der das Berliner Ensemble lebendig war.“Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1992, S. 248.
Im Dezember 1975 arbeitete Schleef mit dem Regisseur Wolfgang Heinz an Entwürfen zu Wassili Schukschins Stücken Der Standpunkt und Tüchtige Leute. Ihre künstlerischen Intentionen waren jedoch zu unterschiedlich; die Zusammenarbeit endete im Januar 1976. Im April 1976 inszenierte Schleef am Staatlichen Puppentheater in Dresden eine eigene Spielfassung des Grimmschen Märchens Der Fischer und seine Frau. Er ließ die Puppenspieler als Schauspieler agieren und bezog das Publikum in die Aufführung ein. Diese offene Form stieß auf Kritik bei Parteifunktionären und einigen Lehrern. Schleef war zu keiner Diskussion bereit; die Aufführung wurde nach der Premiere abgesetzt.