Die Swiss Krono Group AG ist ein in Familienbesitz befindliches Unternehmen der Holzwerkstoffindustrie mit Sitz in Luzern. Sie geht auf die österreichische Unternehmerfamilie Kaindl zurück und produziert Spanplatten, MDF- und HDF-Platten, OSB-Platten sowie Laminatböden. Im Geschäftsjahr 2022/23 erwirtschaftete die Gruppe einen Konzernumsatz von rund 1,8 Milliarden Schweizer Franken bei rund 5.000 Mitarbeitern an zehn Produktionsstandorten in acht Ländern. Mit der Übernahme der Argolite AG im Januar 2024 und des US-amerikanischen Werks Klamath Falls im August 2025 erhöhte sich die Zahl der Produktionsstandorte auf zwölf; nach Konzernangaben vom August 2025 beschäftigt die Gruppe rund 4.800 Mitarbeiter.
Das Produktangebot gliedert sich in die drei Geschäftsbereiche Interiors (Möbel- und Innenausbau), Building Materials (vor allem OSB-Platten für den Holzbau) und Flooring (Laminatböden).
Konzernobergesellschaft ist die Swiss Krono Holding AG mit Sitz in Luzern, die zu 100 % im Eigentum von Ines Kaindl-Benes steht, der Tochter des Unternehmensgründers Ernst Kaindl. Die Holding veröffentlicht keine geprüften Konzernabschlüsse; verfügbare Konzernzahlen stammen aus Pressemitteilungen und Branchenpresse. Geprüfte Einzel- und Teilkonzernabschlüsse liegen für die deutsche, französische, polnische und ungarische Tochter vor.
Die Swiss Krono Group ist nicht zu verwechseln mit den ebenfalls aus der Familie Kaindl hervorgegangenen Unternehmen Kronospan und M. Kaindl (beide Salzburger Raum), mit denen sie seit der Aufspaltung des Familienkonzerns 1987 nicht mehr verbunden ist.
Geschichte
Familienhintergrund und Gründung (1897–1966)
Die aus Österreich stammende Unternehmerfamilie Kaindl gründete 1897 in Lungötz bei Salzburg ein Sägewerk. Ab 1948 erzeugte das Sägewerk Sperrholz für die Möbelindustrie, 1959 folgten Spanplatten. Nach dem Tod von Matthias Kaindl wurde das Unternehmen gemeinsam von dessen Söhnen Ernst und Matthias Kaindl geführt.
Am 4. März 1966 fasste Ernst Kaindl in Menznau bei Luzern den Statutenbeschluss zur Gründung der AG für Holzindustrie Menznau; die Eintragung im Handelsregister des Kantons Luzern erfolgte am 14. April 1966. Aus dieser Gesellschaft ging die heutige Swiss Krono AG, das schweizerische Stammwerk der Gruppe, hervor. Sie firmierte später nacheinander als Kronospan AG für Holzindustrie Menznau und ab Mai 2004 als Kronospan Schweiz AG, bevor sie am 29. Januar 2016 in SWISS KRONO AG umbenannt wurde.
Aufspaltung der Familienunternehmen 1987
1987 wurde die Familiengesellschaft der Kaindls in drei eigenständige Linien aufgeteilt: die Krono-Gruppe Schweiz unter Führung von Ernst Kaindl, aus der die heutige Swiss Krono Group hervorging; die in Österreich beheimatete Kronospan-Gruppe unter Führung von Matthias Kaindl junior und dessen Sohn Peter Kaindl; sowie das Salzburger Stammhaus M. Kaindl als drittes, eigenständiges Unternehmen. M. Kaindl ist heute Teil der Kronospan-Organisation, tritt aber weiterhin unter der Marke Kaindl an den Standorten Lungötz und Wals-Siezenheim auf. Zu den Hintergründen der Aufspaltung gibt es keine veröffentlichten Stellungnahmen der beteiligten Familienzweige.
Internationalisierung (1988–2011)
Das erste Werk außerhalb der Schweiz wurde 1988 im französischen Sully-sur-Loire errichtet und unter der Firmierung Kronofrance in Betrieb genommen. Etwa zeitgleich – nach unterschiedlichen Konzernangaben Ende der 1980er Jahre – nahm im ungarischen Vásárosnamény eine Produktionsstätte den Betrieb auf (siehe Abschnitt Standorte/Ungarn). Am 21. November 1988 wurde in Luzern als Konzernobergesellschaft die Krono Holding AG ins Handelsregister eingetragen; Gründer und erster Verwaltungsratspräsident war Ernst Kaindl.
Der Spatenstich für ein integriertes Werk im brandenburgischen Heiligengrabe fand 1991 in Anwesenheit des damaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe statt; die Produktion wurde 1993 aufgenommen. Am 7. Januar 1994 wurde mit notariellem Vertrag in Zielona Góra der Erwerb einer Spanplattenfabrik im polnischen Żary beurkundet; die heutige SWISS KRONO Sp. z o.o. wurde am 16. Oktober 2001 in das polnische Landesgerichtsregister überführt (KRS 0000052023).
1999 wurde im US-amerikanischen Barnwell eine Vertriebsgesellschaft gegründet; der Vertrieb in den Vereinigten Staaten begann im Jahr 2000, die eigene Produktion in Barnwell im Jahr 2005 unter dem Namen KronotexUSA. Im Jahr 2000 begann die Produktion im ukrainischen Kamjanka-Buska (Oblast Lwiw), 2001 startete in Heiligengrabe die OSB-Produktion. 2002 wurde das Werk im russischen Sharya (Oblast Kostroma) in Betrieb genommen, im Oktober desselben Jahres in Heiligengrabe ein holzbefeuertes Blockheizkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von rund 20 MW. 2003 erweiterte sich die Ukraine-Präsenz um den Standort Broschniw-Ossada (Oblast Iwano-Frankiwsk), 2004 kam Solonyzivka bei Charkiw hinzu. 2011 wurde das ungarische Werk in Vásárosnamény stillgelegt.
Amoklauf Menznau 2013
Am 27. Februar 2013 ereignete sich im Stammwerk Menznau ein Amoklauf. Ein 42-jähriger Mitarbeiter der seinerzeit unter dem Namen Kronospan Schweiz AG firmierenden Tochtergesellschaft eröffnete im Bereich Werkstatt, Verbindungsgang und Betriebskantine das Feuer auf Arbeitskollegen und gab insgesamt 18 Schüsse aus einer Sphinx AT 380-Pistole ab. Zwei Personen wurden am Tatort tödlich verletzt; eine dritte erlag am Folgetag im Krankenhaus ihren Verletzungen, ein viertes Opfer verstarb über einen Monat nach der Tat. Sechs weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Der Täter starb nach einem Gerangel mit einem Mitarbeiter, der einen Stuhl gegen ihn warf, durch eine Schussverletzung im Kopf aus seiner eigenen Waffe; die Gesamtzahl der Toten einschließlich des Täters belief sich damit auf fünf.
Die Staatsanwaltschaft Sursee schloss eine Drittpersonenbeteiligung am Tod des Täters aus und stellte die vorsorglich gegen drei Mitarbeiter eingeleiteten Verfahren ein. Das Tatmotiv blieb ungeklärt; ein psychiatrisches Gutachten wurde in Auftrag gegeben. Der Kantinentrakt wurde wenige Tage nach der Tat abgerissen.
Markenrelaunch und Konsolidierung (2016–2021)
Im Januar 2016 stellte die Gruppe auf der Domotex in Hannover einen einheitlichen Markenauftritt vor. Zuvor hatten die nationalen Standorte unter eigenen Firmennamen wie Kronoswiss, Kronotex, Kronofrance, Kronopol, Kronostar und Krono-Ukraine agiert; mit dem Relaunch traten alle Werke unter dem Namen Swiss Krono und dem Claim „Holz in Bestform“ auf. Auch die zentrale Internetdomäne wurde von krono.com auf swisskrono.com umgestellt. Im Zuge dieses Markenrelaunchs wurde am 19. Januar 2016 die Konzernobergesellschaft in Swiss Krono Holding AG umbenannt, am 29. Januar 2016 das Schweizer Stammwerk in SWISS KRONO AG, am 1. März 2016 die deutsche Holding in Swiss Krono GmbH und am 30. September 2016 die polnische Tochter in Swiss Krono Sp. z o.o.
Im November 2016 nahm das Werk Vásárosnamény nach einem Komplettneubau die Produktion wieder auf. Es ist auf OSB-Platten spezialisiert und nach Unternehmensangaben für eine Jahresproduktion von rund 590.000 m³ ausgelegt. Die feierliche Eröffnung am 9. November 2016 fand in Anwesenheit der Verwaltungsratspräsidentin Ines Kaindl-Benes und des ungarischen Außenhandelsministers Péter Szijjártó statt.
Zum 1. Oktober 2016 übernahm Martin Brettenthaler den Vorsitz der Konzernleitung von Maciej Karnicki. Der Unternehmensgründer Ernst Kaindl starb im April 2017. Dessen Tochter aus zweiter Ehe, Ines Kaindl-Benes, hatte die Verwaltungsratspräsidentschaft der Holding bereits 2008 von ihrem Vater übernommen und führte das Gremium bis 2020. Nach der Bereinigung der Erbfragen wurde sie 2020 zur 100-prozentigen Eigentümerin der Gruppe und zog sich aus dem Verwaltungsrat zurück.
Aktuelle Entwicklung (seit 2022)
Mit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 musste Swiss Krono die Produktion in den ukrainischen Werken einstellen. Der nordostukrainische Standort Solonyzivka war bereits im Dezember 2021 wegen der politisch-militärischen Spannungen heruntergefahren worden. Die beiden westukrainischen Werke in Kamjanka-Buska und Broschniw-Ossada nahmen die Produktion nach rund zwei Monaten wieder auf.
Im April 2023 kündigte das Unternehmen Investitionsschwerpunkte in Westeuropa an. In Heiligengrabe wurde die OSB-Produktionskapazität 2022 von 450.000 auf 600.000 m³ pro Jahr erhöht; in Żary von 430.000 auf 480.000 m³ bis Ende 2023. Erweiterungen waren auch in Sully-sur-Loire und Vásárosnamény in Umsetzung. Geplant war zudem ein neues OSB-Werk im Südwesten Frankreichs als Greenfield-Investition unter dem Projektnamen ORPINIA.
Am 9. August 2023 brach im Stammwerk Menznau ein Großbrand auf einer Fläche von rund 12.000 m² aus, der das Holzlager und die Holzaufbereitungsanlage betraf. Die Löscharbeiten dauerten 3,5 Tage, im Einsatz waren rund 300 Feuerwehrleute. Personenschäden traten nicht ein; die Produktion konnte 36 Stunden nach Brandausbruch wieder aufgenommen werden. Das in die nahegelegenen Gewässer Seewag und Wigger abgeflossene Löschwasser führte zu einem Fischsterben und einem einwöchigen Folgeeinsatz der Zivilschutzorganisation Nord-West.
Im September 2023 entschied Martin Brettenthaler, sich beruflich neu zu orientieren. Auf Wunsch der Eigentümerin führte er die Geschäfte bis zum 31. Januar 2024 weiter. Zum 1. Februar 2024 übernahm Peter Wijnbergen, seit 2022 Mitglied des Verwaltungsrats und zuvor CEO des kanadischen OSB-Herstellers Norbord, die Führung der Gruppe.
Anfang Januar 2024 übernahm Swiss Krono die Argolite AG aus Willisau (Kanton Luzern). Argolite wurde 1937 als Sperrholzfabrik „Gebrüder Höchli“ in Buchs (Kanton Aargau) gegründet, firmierte 1961 in Argolite AG um und verlegte ihren Sitz nach Willisau. Sie fertigt mit rund 80 Mitarbeitern als einziges Schweizer Unternehmen High-Pressure-Laminate (HPL) nach EN 438 und wird als rechtlich selbständige Gesellschaft am Standort Willisau weitergeführt.
Am 5. September 2024 weihte Swiss Krono in Sully-sur-Loire das Green-Energy-Projekt ein, eine biomassebasierte Energieanlage mit Erweiterung der OSB-Produktion. Das Investitionsvolumen lag bei rund 120 Millionen Euro, ko-finanziert durch Swiss Krono und den französischen Infrastrukturinvestor Meridiam mit einer staatlichen Förderung von 20 Millionen Euro aus dem Programm France Relance. Mit dem Betreiber der Energieanlage besteht ein Stromliefervertrag mit 20 Jahren Laufzeit ab Inbetriebnahme; das daraus resultierende vertragliche Verpflichtungsvolumen wird im Konzernabschluss der Swiss Krono S.A.S. zum 30. September 2025 mit rund 157 Millionen Euro angegeben.
Am Abend des 5. November 2024 und erneut am Morgen des 9. September 2025 ereigneten sich am Standort Sully-sur-Loire Brände an den beiden OSB-Trocknern. Die OSB-Produktion wurde nach dem zweiten Brand vollständig eingestellt; eine Wiederaufnahme ist nach Konzernangaben ab Mitte März 2026 (Trockner Nr. 2) und Anfang Dezember 2026 (Trockner Nr. 1) vorgesehen. Der für das Geschäftsjahr 2024/25 bilanzierte Selbstbehalt der Versicherung beträgt 3 Millionen Euro.
Im Mai 2025 gab Swiss Krono den Verzicht auf das Greenfield-Projekt ORPINIA bekannt; das geplante OSB-Werk in Fargues-sur-Ourbise (Lot-et-Garonne) mit einem Investitionsvolumen von rund 340 Millionen Euro und etwa 130 Arbeitsplätzen wurde nicht weiterverfolgt. Sämtliche bis dahin angefallenen Projektkosten wurden im Konzernabschluss zum 30. September 2025 zurückgestellt.