Das Kernkraftwerk Leibstadt, kurz KKL, mit einem Siedewasserreaktor BWR-6 von General Electric mit 1233 MW elektrischer Nettoleistung, befindet sich auf dem Gebiet der Gemeinde Leibstadt (Kanton Aargau, Schweiz) am Rhein nahe der Aare-Mündung und der deutschen Grenze bei Waldshut-Tiengen gegenüber der Ortschaft Dogern. Es ging Ende 1984 in Betrieb und ist damit der jüngste der vier aktiven Kernreaktoren in der Schweiz. Es erzeugt einen Sechstel des in der Schweiz erzeugten Stroms. Ein sechzig Jahre währender Betrieb gilt (Stand: 2014) laut ENSI als denkbar.Viel Zeit für den Atomausstieg; Bericht in der NZZ Die Kernkraftwerk Leibstadt AG gehört zu den 500 grössten Unternehmen in der Schweiz.
Anlage
Betrieben wird das Kraftwerk von der Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL). An der Gesellschaft sind sechs Schweizer Energieunternehmen beteiligt: die Alpiq AG mit 27,4 Prozent, die Axpo Power AG mit 22,8 Prozent, die Axpo Solutions AG (ehemals EGL) mit 16,3 Prozent, die BKW Energie AG mit 14,5 Prozent, die CKW AG mit 13,6 Prozent und die AEW Energie AG mit 5,4 Prozent. Die Geschäftsführung hatte ursprünglich die EGL inne, durch die Gründung der Axpo Holding wurden innerhalb der Axpo-Gruppe die Aufgabengebiete konsolidiert, wodurch heute die Axpo Power AG die Geschäftsführung innehat. Sie besorgt auch die Energieübertragung nach Laufenburg und Beznau auf der 380-kV-Spannungsebene (siehe Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg).
Der konische Schlot ist fast weiss gefärbt, mit einer schachbrettähnlichen roten Kontrastmarkierung im oberen Bereich. Die schmale, graue Süd-Front des Maschinenhauses, die der Freiluftschaltanlage zugewandt ist, zeigt in Orange eine nach rechts progressiv ansteigende Kurve aus 6 Rechteckelementen, deren einzelne (aber auch addierte) Höhen der Fibonacci-Folge entsprechen. kkl.ch, abgerufen am 19. Februar 2017. Die Längsseiten des Maschinenhauses und der angeschlossenen Baukörper sind türkis gestrichen.
Im 144 m hohen Naturzug-NasskühlturmGröße und Aufbau des Kühlturms rauschen pro Sekunde 33 Kubikmeter Wasser 12 Meter nach unten um sich im Gegenstrom aus Luft auch durch Verdunstung abzukühlen.kkl.ch
Geschichte mini|Das Kernkraftwerk im Bau
Die Planung des Kernkraftwerkes Leibstadt begann 1964 auf der Basis einer 600-MW-Anlage mit Flusswasserkühlung. Mit dem Verbot der Flusswasserkühlung durch den Bundesrat 1971 wurde eine Lösung mit Kühlturm benötigt. Im weiteren Planungsverlauf erhöhte man die Leistung von 600 auf 900 MW.
Infolge des Reaktorunfalls im Kernkraftwerk Three Mile Island im Jahr 1979 waren neue Sicherheitsbestimmungen erlassen worden, die die Fertigstellung um mehrere Jahre verzögerten. Statt der budgetierten zwei Milliarden Franken kostete das Kraftwerk am Ende über 4,8 Milliarden.
1984 konnte die Anlage nach elfjähriger Bauzeit den Betrieb aufnehmen. Am 15. Dezember 1984 nahm es als fünftes Schweizer Kernkraftwerk den Dauerbetrieb auf. Nach Beznau I, Beznau II, Mühleberg und Gösgen ist Leibstadt das jüngste und leistungsstärkste Kernkraftwerk der Schweiz. Seit 1984 produziert es rund ein Sechstel des in der Schweiz verbrauchten Stroms. Das entspricht zirka 29 Millionen Kilowattstunden jeden Tag.
Die Geschichte der Fertigstellung des KKL reflektiert die zunehmend kritische Haltung gegenüber der Kernenergie in der Schweiz während der 1970er- und 1980er-Jahre, die in der Auseinandersetzung um das Projekt Kernkraftwerk Kaiseraugst kulminierten.
Im Herbst 2010 wurden Legionellen im Hauptkühlwasser festgestellt, welche seit 2011 hauptsächlich mit Javelwasser und Wasserstoffperoxid behandelt werden.
Im Jahr 2021 stand das Werk während 195 Tagen still, da die Jahresrevision länger dauerte als geplant. Infolgedessen musste sich die BKW am Spotmarkt mit teurem Strom eindecken. Ende 2021 wurden Mitarbeiter im Umfang von 497,5 Vollzeitäquivalenten beschäftigt.
Darstellung der Geschichte durch die KKL AG Die Website des Kraftwerks berichtet auf der Unterseite Chronik mit Einträgen bis zum jeweiligen Vorjahr.https://www.kkl.ch/unternehmen/ueber-uns/chronik abgerufen am 19. Februar 2017.
1973 wurde eine Standortbewilligung vom Bund auf 940 MW Bruttoleistung erteilt. Am 26. November 1973 wird die KKL AG gegründet. Der Auftrag zum Bau wird am 1. Dezember 1973 erteilt und geht für die Hauptanlagen (Reaktor und Maschinenhaus) an ein Konsortium von Brown Boveri & Cie. (BBC), Baden, Schweiz und General Electric (GE), USA. Den Bau der Nebenanlagen (u. a. Kühlturm, Werkstatt, Bürogebäude) leitet die Elektrowatt AG. 1977 beginnen Ausbildungen für Bedienpersonal in den USA und im Schwesterwerk Kernkraftwerk Cofrentes in Spanien. Bauverzögerung über den für 1978 geplanten Betriebsbeginn hinaus werden genützt, um aus dem Unfall in Harrisburg (1979) zu lernen. 1982 geht das Personal auf Schichtbetrieb über, am 15. Dezember 1984 wird der Dauerbetrieb der Stromerzeugung aufgenommen.
Wenige Monate nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl starten noch 1986 die Unterschriftensammlungen zu zwei neuen Antiatominitiativen. 1990 wird die Volksinitiative für einen Atomstromausstieg mit 52,9 % Nein verworfen, das Moratorium, keine weiteren Atomkraftwerke zu bewilligen, jedoch mit 54,5 % angenommen. Der Energieartikel in der Bundesverfassung wird mit 71,1 % Ja angenommen.
1994 ersetzt ein neues, interaktiv ausgestattetes Infozentrum mit zylindrischer Glasfassade und mittigem Reaktormodell das Besucherzentrum aus 1974. Kostenlose Betriebsführungen werden angeboten. 1995 erhält das Werk einen eigenen Schulungssimulator, der Reisen nach Spanien ersetzt. 1998 bis 2003 wird in zwei Schritten im Dialog mit der Kontrollbehörde die Nettoleistung von 960 auf 1165 MW erhöht. Die Atomausstiegsinitiative von 2003 wird im Kanton (Aargau) zu 77,6 % verworfen, noch stärker im Bezirk Zurzach mit 85,4 % und der Gemeinde Leibstadt. Auch die Moratoriumsinitiative 2003 erhält eine klare Absage. 2003 übernimmt die NOK (Axpo) die Geschäftsleitung des KKL von der EGL.
2004 gibt die KKL AG das Sinken der Gestehungskosten der Stromproduktion von ursprünglich 9,23 auf nunmehr 5 Rappen pro kWh an – inklusive 1 Rappen für Stilllegung der Anlage und die Entsorgung der Abfälle. 2005 steht das Werk wegen eines nichtnuklearen Defekts fünf Monate still; nach einem Erdschluss im Generator-Stator müssen Teile ausgetauscht werden. 3000 Besucher kommen zu den Infotagen im Mai 2006.
2008 wurde nach einem neuen Verfahren von GE der Kühlmittelkreislauf mit Wasserstoff und Platin dotiert, um den Reaktor und seine Einbauten vor Spannungsrisskorrosion zu schützen. 2009 gibt es 470 Mitarbeiter und 14 Lernende, 20 % von ihnen aus dem grenznahen Ausland. 2010 wird durch Doppelbesetzungen zum Know-how-Transfer der Generationenwechsel in der Belegschaft eingeleitet. 2010 steht die Anlage für eine mit 47 Tagen längere Revisionsperiode still, in der wichtige Grosskomponenten (Blocktransformator, 2 Niederdruckvorwärmer und 3 Niederdruckturbinen) getauscht werden, womit die Effizienz erhöht wird und die Ausbeute um 40 MW steigt. Nach dem Reaktorunglück in Fukushima 2011 erbringt das KKL vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) geforderte Sicherheitsnachweise. 2012 wird der EU-Stresstest überdurchschnittlich gut bestanden und die bisher umfangreichste Jahreshauptrevision durchgeführt, bei der der Generator getauscht wird und die Brutto-Nennleistung auf 1275 MW steigt. 2013 erzielte das Werk 93 % Verfügbarkeit und eine Jahresstromproduktion von 9'692 GWh.
Bei der Jahreshauptrevision 2016 wurden ausserordentliche Befunde an einzelnen Brennstäben festgestellt, was zu einer mehrjährigen Leistungsreduktion führte. Untersuchungen im Jahr 2018 von betroffenen Stäben am Paul-Scherrer Institut ergaben, dass es sich dabei um Ablagerungen handelt und nicht um Oxidation der Brennstäbe. Nach weiteren Abklärungen und betrieblichen Massnahmen wurde 2019 die Leistung wieder auf das ursprüngliche Niveau angehoben.
Die Wasserabscheider-Zwischenüberhitzer wurden 2017 erneuert und die Pumpen des Reaktorumwälzsystems 2021 modernisiert. Ausserdem wurde der Kondensator 2021 ersetzt. Dies ermöglichte eine Erhöhung der elektrischen Leistung auf 1'285 MW, bei gleichbleibender thermischer Leistung im Reaktor. Das Jahr 2022 stellte einen Betriebsrekord für die Stromproduktion mit 9'753 GWh dar; spätere Ergebnisse sind unbekannt (Stand Dezember 2024).
Vorkommnisse und Störfälle Am 11. August 1995 um 8.22 Uhr ereignete sich im KKW Leibstadt während der Revisionsarbeiten eine Wasserstoff-Verpuffung. Zwei Angestellte erlitten Verbrennungen dritten Grades. Die Monteure wollten im Maschinenhaus einen Teil der Hilfsdampfanlage überprüfen. Sie öffneten bei einem der Behälter einen Deckel; der austretende Wasserstoff entzündete sich. Im Normalbetrieb befindet sich im betroffenen System Frischdampf, der aus dem Reaktor kommt und demnach kontaminiert ist. Der Unfall fand im nicht-nuklearen Teil der Anlage statt.Susan Boos: Strahlende Schweiz. Handbuch zur Atomwirtschaft. Rotpunktverlag, 1999.
Am 28. März 2005 wurde das Kraftwerk auf Grund eines Erdschlusses im Generator heruntergefahren.ensi.ch Während der vorgezogenen Revision gab es einen Störfall der INES-Stufe 1.ensi.ch Am 2. September ging das Kraftwerk zurück ans Netz.
Im Jahr 2007 meldete das KKW Leibstadt der Bundes-Atomaufsicht drei Vorkommnisse. Während die Aufsichtsbehörde, die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK), zwei der Zwischenfälle als Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung einstufte, klassierte sie die Reaktorschnellabschaltung wegen fehlerhafter Auslösung des automatischen Druckabbausystems am 6. März 2007 auf der INES-Stufe 1 als Störung, d. h. einer Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Betrieb der Anlage.HSK: , abgerufen am 20. Februar 2008.HSK: , abgerufen am 20. Februar 2008.
Bei der Jahresrevision 2010 ereignete sich ein Störfall (INES-2), bei dem ein Mitarbeiter an der Hand verstrahlt und der Jahresdosisgrenzwert für Hände überschritten wurde.Zwischenfall im Atomkraftwerk Leibstadt. In: NZZ Online vom 1. September 2010.ensi.chmini|hochkant|links|KühlturmIm Juli 2014 wurde zufällig entdeckt, dass bereits im Jahr 2008 von Fremdpersonal zur Anbringung von Feuerlöschern insgesamt sechs wanddurchdringende Bohrungen durch das Primärcontainment vorgenommen worden waren. Sie wurden nach der Entdeckung zunächst provisorisch abgedichtet. Von der schweizerischen Atomsicherheitsbehörde ENSI wurde der Vorgang scharf kritisiert: Ein solches Vorkommnis dürfe nicht passieren und weise auf ein „bedeutendes Defizit im organisatorischen Bereich hin“. Der Vorfall wurde auf der INES-Skala mit Stufe 1 bewertet.Bohrlöcher im Primärcontainment des Kernkraftwerks Leibstadt. Pressemitteilung des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats. Abgerufen am 8. Juli 2014.Löcher in Sicherheitshülle gebohrt: Atomaufsicht kritisiert AKW Leibstadt heftig. In: Aargauer Zeitung. 7. Juli 2014. Abgerufen am 8. Juli 2014.AKW Leibstadt: Löcher in Reaktorhülle blieben sechs Jahre lang unbemerkt. In: Aargauer Zeitung, 10. Juli 2014. Die Reparaturen wurden von dem ENSI am 18. Juli akzeptiert, darüber hinaus will die Behörde die vom Kernkraftwerk festgelegten Massnahmen zur zukünftigen Verhinderung solcher Vorkommnisse überprüfen.ensi.ch 2014 kommt es an einem Hüllrohr zur Oxidation und Leckage von Radioaktivität in den Wasserkreislauf, was durch ENSI am 1. Februar 2017 publik wird.