mini|hochkant|Gesamtansicht des Denkmals (2019) Das Walther-Denkmal in Bozen wurde 1889 von Heinrich Natter geschaffen und ist Walther von der Vogelweide gewidmet. Es befindet sich auf dem zentralen Walther-von-der-Vogelweide-Platz. Das in Laaser Marmor ausgeführte Standbild Walthers steht auf einem von Otto Hieser entworfenen Laufbrunnen, der als Sockel dient.

Entstehung mini|links|Festgruß zur Waltherfeier (Constitutionelle Bozner Zeitung, 14. September 1889) mini|hochkant|Standbild Walthers von der Vogelweide (2013)

Mit angestoßen von der Annahme, Walther von der Vogelweide stamme aus dem heutigen Südtirol und vor dem Hintergrund einer darauf verweisenden Gedenktafelenthüllung in Lajen im Jahr 1874 wurde in Bozen kurz hernach ein Komitee gegründet, das sich für die Errichtung eines dem Dichter gewidmeten Denkmals einsetzte. Mitglieder des Komitees waren insbesondere Vertreter des deutschgesinnten nationalliberalen Bozner Bürgertums,Hans Heiss: Dichterfürst und Bürgertum – Walthers Beitrag zur Konstituierung und Selbstrepräsentation des bürgerlichen Lagers in Südtirol. In: Oswald Egger, Hermann Gummerer (Hrsg.): Walther, Dichter und Denkmal. Edition per procura, Wien / Lana 1990, S. 45. die Erzherzog Rainer für die Übernahme der Schirmherrschaft gewinnen konnten.Reinhard Johler: Walther von der Vogelweide – Erinnerungskultur und bürgerliche Identität in Südtirol. In: Hanns Haas, Hannes Stekl (Hrsg.): Bürgerliche Selbstdarstellung. Städtebau, Architektur, Denkmäler. Böhlau, Wien 1995, ISBN 978-3-205-98439-9, S. 200.Abdruck des Komitee-Aufrufs vom Oktober 1874 bei Hannes Obermair: Bozen/Bolzano 1850–1950 (= Archivbilder). Sutton Verlag, Erfurt 2009, ISBN 978-3-86680-489-0, S. 50. Das Denkmal sollte deutlich deutsch-nationale Symbolkraft besitzen und durch den nach Süden blickenden Walther gewissermaßen das Grenzgebiet des deutschen zum italienischen Sprach- und Kulturraum markieren und verteidigen.Hans Heiss, Hannes Obermair: Erinnerungskulturen im Widerstreit. Das Beispiel der Stadt Bozen/Bolzano 2000–2010. In: Patrick Ostermann, Claudia Müller, Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Der Grenzraum als Erinnerungsort. Über den Wandel zu einer postnationalen Erinnerungskultur in Europa (= Histoire 34). Transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2066-5, S. 63–79, hier S. 66.

Bildhauer Heinrich Natter soll als Vorbild für seinen Walther eine Minnesängerfigur des 15. Jahrhunderts aus der Wiener Sammlung des Adalbert Freiherr von Lanna verwendet haben.Warin: Heinrich Natter, der Schöpfer des Walther-Denkmals in Bozen. In: Der Schlern, Jg. 20, 1946, Heft 5, S. 130–133, hier S. 132. Die Architektur des als Laufbrunnen gestalteten Denkmalunterbaus wurde von Architekt Otto Hieser aus Wien entworfen.Das Waltherdenkmalfest in Bozen [Teil 1]. In: Bozner Zeitung, 14. September 1889, S. 2–3, hier S. 3, Sp. 2. (Digitalisat auf digital.tessmann.it, abgerufen am 3. Mai 2026).Vermischtes. Ein Standbild des Minnesängers Walter von der Vogelweise. In: Deutsche Bauzeitung, Jg. 23, 1889, No. 77, S. 469. (Digitalisat auf opus4.kobv.de, abgerufen am 3. Mai 2026)

Am 14. und 15. September 1889 wurden Denkmal und Brunnen feierlich auf dem neben der Bozner Stadtpfarrkirche gelegenen Johannsplatz, der später in Waltherplatz umbenannt wurde, eingeweiht.Werner Telesko: Kulturraum Österreich: Die Identität der Regionen in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts. Böhlau, Wien 2008, S. 344.Abbildung der Einweihungsfeier bei Hannes Obermair: Bozen/Bolzano 1850–1950 (= Archivbilder). Sutton Verlag, Erfurt 2009, ISBN 978-3-86680-489-0, S. 51. Die Festrede hielt der deutsche Germanist Karl Weinhold.

Baubeschreibung

Diese Baubeschreibung aus dem Einweihungsjahr 1889 stimmt nicht mit der heutigen Ausstattung überein: Die beiden Löwen zeigen heute das Wappen von Walther von der Vogelweide und der Stadt Bozen. mini|Unterbau und Laufbrunnen des Walther-Denkmals (2024) Die Skulptur ist aus Laaser Marmor, das Säulenbündel darunter aus Ratschingser Marmor, die untere Umfassung bilden Stufen aus rotem Bozener Porphyr. Die Ausführung der Brunnenarchitektur besorgte die Union-Baugesellschaft Wien in ihren Werkstätten in Sterzing und Laas.

Rezeption Als Antwort auf das deutschnational gesinnte Walther-Denkmal wurde 1896 das irredentistisch aufgeladene Dante-Denkmal in Trient eingeweiht.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Annexion Südtirols durch Italien forderte Ettore Tolomei ab 1923 die Entfernung des Denkmals und seine Ersetzung durch ein Standbild von Drusus, dessen Aufstellung aber unterblieb, nachdem in der „Waltherfrage“ eine außenpolitische Kontroverse zwischen Benito Mussolini, Gustav Stresemann und Heinrich Held entstanden war. 1935 veranlassten die faschistischen Behörden eine Versetzung in den weniger zentral gelegenen Roseggerpark.Reinhard Johler: Walther von der Vogelweide – Erinnerungskultur und bürgerliche Identität in Südtirol. In: Hanns Haas, Hannes Stekl (Hrsg.): Bürgerliche Selbstdarstellung. Städtebau, Architektur, Denkmäler. Böhlau, Wien 1995, S. 186. Der Vorgang fand sogar Resonanz in der deutschen Satirezeitschrift Simplicissimus, die 1935 eine entsprechende Vignette von Karl Arnold brachte.Simplicissimus, Jg. 40, 1935, Heft 2, S. 24. Nachdem sich ein Bürgerkomitee seit 1976 für die Rückführung auf den Waltherplatz starkgemacht hatte, steht das Walther-Denkmal seit 1981 wieder an seinem ursprünglichen Standort.Walther kehrte vor 20 Jahren heim. In: Dolomiten, 31. Oktober 2001.

Literatur Warin: Heinrich Natter, der Schöpfer des Walther-Denkmals in Bozen. Zu seinem 100. Geburtstag am 16. März 1944. In: Der Schlern, Jg. 20, 1946, S. 130–133. (Digitalisat auf digital.tessmann.it, abgerufen am 3. Mai 2026.)

Joachim Albrecht: Limesfiguren. Denkmalkriege in Südtirol. In: Werner K. Blessing, Stefan Kestler, Ulrich Wirz (Hrsg.): Region – Nation – Vision. Festschrift für Karl Möckl zum 65. Geburtstag. Universitätsverlag Bamberg, Bamberg 2005, ISBN 978-3-933463-19-7, S. 151–166.

Weblinks

Die feierliche Enthüllung des Walther-Denkmals. In: Bozner Zeitung, 47. Jg., Nr. 213, vom 17. September 1889 (Online auf digital.tessmann.it)

Einzelnachweise

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