mini|Schilddrüse und Nebenschilddrüsen beim MenschenUnter Hypothyreose oder Hypothyreoidismus versteht man eine mangelnde Versorgung des Körpers mit den Schilddrüsenhormonen Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4). Meist ist eine Unterfunktion der Schilddrüse (Schilddrüsenunterfunktion) dafür verantwortlich. Bei dieser Hormonsituation laufen zahlreiche Stoffwechselfunktionen des Körpers langsamer ab als normal. Die Folgen sind geringere körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Die Erkrankung wird in der Regel anhand von Blutuntersuchungen nachgewiesen und ist gut behandelbar. Das Gegenteil, eine Überversorgung mit Schilddrüsenhormonen, wird als Hyperthyreose bezeichnet.

Bei Kindern kann eine sehr früh erworbene oder eine angeborene Hypothyreose zu körperlichen und geistigen Entwicklungsverzögerungen führen, deren Vollbild bei fehlender Behandlung als Kretinismus bezeichnet wird.Gerd Herold: Innere Medizin. 2007.Hans Bankl: Arbeitsbuch Pathologie III. maudrich, 1998, ISBN 3-85076-536-9, S. 361.

Definitionen Es existieren zwei unterschiedliche Definitionen von Hypothyreose, wobei die Fachliteratur in der Regel jeweils nur eine der beiden anführt. Nach der ersten produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone (Schilddrüsenunterfunktion),Andreae, Susanne (Mitwirkende): Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-13-142962-9, S. 475.Heiner Greten, Tim Greten, Franz Rinninger (Hrsg.): Innere Medizin. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-162183-2, S. 510.Baenkler, Hanns-Wolf (Mitwirkender): Innere Medizin: 299 Synopsen, 611 Tabellen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-13-128751-9, S. 804. nach der zweiten besteht eine Minderversorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen.G.K. Stalla (Hrsg.): Therapielexikon Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-30033-5, S. 541.Walter Siegenthaler (Hrsg.): Siegenthalers Differenzialdiagnose: innere Krankheiten - vom Symptom zur Diagnose. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-13-344819-6, S. 493.Waltraut Kruse, Gotthard Schettler (Hrsg.): Allgemeinmedizin. Walter de Gruyter, Berlin 1995, ISBN 3-11-087915-8, S. 209. Auch die englische Literatur nennt entweder nur die Schilddrüsen-UnterfunktionJürgen Floege, Richard J Johnson, John Feehally: Comprehensive clinical nephrology, Saunders/Elsevier, Philadelphia (USA) 2010, ISBN 978-0-323-08133-7, S. 484.Pauline M Camacho, Hossein Gharib, Glen W Sizemore: Evidence-based endocrinology, Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-7817-7154-2, S. 37.Fabrizio Monaco: Thyroid Diseases, CRC Press, Boca Raton (USA) 2012, ISBN 978-1-4398-6839-3, S. 172. oder den mangelnden Hormoneinfluss auf die Körperzellen;Pauline Camacho: Clinical Endocrinology and Metabolism. Manson Publishing, London 2011, ISBN 978-1-84076-585-4, S. 20.William D. Carey (Hrsg.): Current Clinical Medicine E-Book. Expert Consult - Online. Elsevier Health Sciences, Philadelphia 2010, ISBN 978-1-4377-3571-0, S. 416.Anthony P. Weetman (Hrsg.): Autoimmune Diseases in Endocrinology. Springer Science & Business Media, 2007, ISBN 978-1-59745-517-6, S. 137. ein einziges Fachbuch erwähnt beide Definitionen:

Geschichte mini|Historische Darstellung der „Drüsenblasen der Thyroidea mit Colloid“ (1867)Albert Kölliker: Handbuch der Gewebelehre des Menschen. 1867, S. 480.

Das Verständnis für die Funktion der Schilddrüse entwickelte sich erst langsam. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde sie als „Nebendrüse der Respirationsorgane“ betrachtet, deren Funktion unklar war.J. Hyrtl: Lehrbuch der Anatomie das Menschen. Braumüller Hofbuchhändler, Wien 1863, S. 666. 1895/1896 fand Eugen Baumann organisch gebundenes Jod in der Schilddrüse, das sogenannte Jodothyrin (oder auch Thyreojodin) und charakterisierte es als den wirksamen Bestandteil der Schilddrüse.Eugen Baumann: Über das Thyrojodin. In: Münchner Medizinisch Wochenschrift. Band 43, 1896, S. 309.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 46. Über seine Wirkung war jedoch noch 1898 kaum etwas bekannt (Robert Hutchison);R. Hutchison: Further Observations on the Chemistry and Action of the Thyroid Gland. In: J Physiol., 26. Juli 1898, 23(3), S. 178–189. es diente bis ins 20. Jahrhundert zu Versuchszwecken.Otto v. Fürth, Karl Schwarz: Über die Einwirkung des Jodothyrins auf den Zirkulationsapparat. In: Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, Volume 124, Numbers 3-5 / August 1908, Verlag Springer Berlin / Heidelberg 1911 beschrieb Harry E. Alderson die Entstehung des Myxödems bei Hypothyreose als subkutane Infiltration einer schleimähnlichen Substanz, die im weiteren Verlauf durch eine überschießende Bildung von Bindegewebe ersetzt wird. Zusätzlich fand er, dass die Ichthyose damit einhergeht, und setzte erfolgreich Schilddrüsenextrakte und Jodothyrin zur Therapie ein.H. E. Alderson: The Skin as Influenced by the Thyroid Gland. In: Cal State J Med. Band 9, Nummer 6, 1911, S. 240–243.

Die Entdeckung des Schilddrüsenhormones Thyroxin wird Edward Calvin Kendall 1914 zugeschrieben. Er hatte aus Jodothyrin einen aktiven Anteil herauskristallisiert und ihn Thyroxin genannt.R. B. Welbourn: The History of Endocrine Surgery. Greenwood Publishing Group, 1990, ISBN 0-275-92586-2, S. 36. Als beste Möglichkeit zur Feststellung einer Hypothyreose mittels Untersuchung des Blutes werden in dieser Zeit als Parameter eine beschleunigte Blutgerinnung sowie eine Abnahme der Neutrophilen und eine Zunahme der Lymphozyten erachtet.An Epitome Of Current Medical Literature. In: Br Med J., 20. Juni 1914, 1, 2790, S. E97–E100. Die direkte Messung vom Thyroxin im Blut ist seit den 1960er Jahren möglich.

François-Emmanuel Fodéré (1764–1835) ging von jodarmer Luft als Ursache der kindlichen Hypothyreose aus, deren unbehandelter Verlauf als Kretinismus bezeichnet wird.E. Werner u. a.: Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, 2004, ISBN 3-11-015714-4, S. 407. Emil Theodor Kocher (1841–1917) beschrieb 1883 bei der Nachuntersuchung von schilddrüsenoperierten Patienten das Auftreten einer „kretinartigen Veränderung“.Th. Kocher: Über Kropfexstirpation und ihre Folgen. In: Arch Klin Chir. Band 29, 1883, S. 2541. In den 1890er Jahren führte Julius Wagner-Jauregg (1857–1940) grundlegende Studien über den Kretinismus in der Steiermark durch und behandelte ihn mittels Schilddrüsenextrakten.E. Werner u. a.: Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, 2004, ISBN 3-11-015714-4, S. 1463. Die ab 1918 im Nikolaital durch Otto Bayard (1881–1957) und dann ab 1922 in Appenzell Ausserrhoden durch Hans Eggenberger (1881–1946), später gesamtschweizerisch durchgesetzte Vorsorge mit Jodsalz hatte weltweiten Pioniercharakter. In der Folge wurden in der Schweiz keine Kretine mehr geboren.

Grundlagen Beim gesunden Menschen gibt die Schilddrüse bedarfsgerecht die Schilddrüsenhormone – Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) – ins Blut ab. Die Produktion dieser Hormone wird durch den thyreotropen Regelkreis gesteuert. In der Schilddrüse bewirkt eine Verminderung des in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) gebildeten Hormons Thyreotropin (TSH) eine Verminderung der Produktion von Schilddrüsenhormonen.

Zum Aufbau von Thyroxin und Trijodthyronin benötigt die Schilddrüse Jod. Der Bedarf des Erwachsenen liegt bei etwa 200 μg pro Tag. Eine ausreichende Zufuhr mit der normalen Ernährung ist in Deutschland nicht immer gewährleistet.A. Gottschalk: Schilddrüse. In: Frank Wappler, Hartmut Bürkle, Peter Tonner (Hrsg.): Anästhesie und Begleiterkrankungen. Georg Thieme Verlag, 2011, ISBN 978-3-13-159522-5, S. 219.

Die Menge der produzierten Hormone schwankt innerhalb der Gruppe schilddrüsengesunder Personen (Normalpopulation) erheblich, das heißt, dass der Referenzbereich der laborchemischen Ergebnisse relativ groß ist. Die Schwankungen bei Messungen bei derselben Person sind wesentlich geringer.K. Miehle, R. Paschke: In: Forschungsbericht 2004. Universität Leipzig

Die aus der Schilddrüse ins Blut abgegebenen Schilddrüsenhormone (T3 und T4) werden dort größtenteils an unterschiedliche Proteine (hauptsächlich TBG, TBPA und Albumin) gebunden und dabei biologisch inaktiv. Nur etwa 1 ‰ der im Blut befindlichen Schilddrüsenhormone zirkuliert frei (fT3 und fT4). Nur die freien Schilddrüsenhormone sind biologisch aktiv.

Die Schilddrüsenhormone steigern physiologisch den Grundumsatz, die Empfindlichkeit des Herzens für Katecholamine, den Calcium- und Phosphatumsatz sowie die Erregbarkeit von Muskel- und Nervenzellen und hemmen die Protein- und Glykogenneubildung.

Einteilung und Ursachen

mini|Sechs Wochen altes Kind mit verlängerter Neugeborenengelbsucht aufgrund einer angeborenen Hypothyreose. Man beachte auch die große Zunge und die Nabelhernie.

Eine angeborene Hypothyreose – statistisch sind etwa 0,2 ‰ aller Neugeborenen betroffenSchilddrüsenerkrankungen im Kindesalter. (PDF; 8,1 MB) Uniklinik Saarland; abgerufen am 12. Februar 2008 – entsteht durch eine fehlende oder insuffizient angelegte Schilddrüse (Aplasie oder Dysplasie), eine nicht ausreichende Hormonbiosynthese oder -ausschüttung, sehr selten auch durch eine Hormonresistenz aufgrund von T3-Rezeptordefekten. Eine vorübergehende Hypothyreose des neugeborenen Kindes kann iatrogen durch eine vermehrte Jodexposition nach der Geburt (zum Beispiel durch Desinfektionsmittel wie Povidon-Jod) oder Jodmangel bei der Mutter ausgelöst sein. In letzterem Falle ist begleitend eine Struma (beziehungsweise ein Kropf) typisch.K. Middendorf: Geburtshilfe Basics. Springer, Berlin/Heidelberg 2006, S. 79–82.A. Grüter-Kieslich: Angeborene Hypothyreose und Struma. In: Differentialdiagnose Pädiatrie. Elsevier, 2004, ISBN 3-437-22530-8.

Die erworbene Hypothyreose kann schon im Kindesalter auftreten. Ihre Inzidenz in Deutschland beträgt etwa 0,25–1 % und ist mit zunehmendem Lebensalter ansteigend. In: Journal Med., 7. April 2002. Man unterscheidet dabei auch die primäre, sekundäre und tertiäre Form. Von der primären Hypothyreose wird allgemein gesprochen, wenn die Schilddrüse selbst ursächlich für die Hypothyreose ist, das heißt wenn die Sekretionsleistung der Schilddrüse zu gering für die Anforderungen des Organismus ist. Zu dieser Form werden Schilddrüsenunterfunktionen gerechnet, die sich nach einer Schilddrüsenoperation, oder einer Radiojodtherapie entwickeln. Des Weiteren kann sie sowohl iatrogen durch Medikamente, die die Funktion der Schilddrüse hemmen (Thyreostatika) oder extremen Selen- beziehungsweise Jodmangel (bei Kindern weltweit die häufigste vermeidbare Ursache für Retardierung) als auch durch eine atrophische Thyreoiditis (z. B. Autoimmunthyreopathie, Typ Morbus Hashimoto) ausgelöst werden. Bei der seltenen sekundären Hypothyreose mangelt es am schilddrüsenstimulierenden Hormon TSH, welches in der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) produziert wird (Hypopituitarismus). Eine Rarität ist die tertiäre Hypothyreose, die entweder durch Mangel an thyrotropin releasing hormone (TRH), oder durch eine Unterbrechung des Portalgefäßsystems zwischen Hypothalamus und Hypophyse (Pickardt-Syndrom) gekennzeichnet ist.

Klinisches Bild Wie auch bei der Hyperthyreose gibt es unterschiedliche Schweregrade der Hypothyreose: Sie reichen von latent beziehungsweise kompensiert (Schilddrüsenhormonspiegel normal, aber TSH-Wert erhöht) über subklinisch (Schilddrüsenhormonspiegel zwar erniedrigt, aber symptomlos) und manifest (erniedrigter Schilddrüsenhormonspiegel begleitet von entsprechenden Symptomen) bis hin zum lebensgefährlichen Mangel.

Angeborene Hypothyreose