Das Kölner Judenviertel war der älteste Wohnplatz einer jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen. Wahrscheinlich siedelten schon seit Ende des 1. Jahrhunderts Juden in der Provinzhauptstadt Niedergermaniens und bildeten dort bis zum 4. Jahrhundert eine auch überregional bedeutende Gemeinde, die ihre Häuser wie die übrigen Bewohner des städtischen Kernbereichs auf den Resten römischer Bausubstanz errichteten. Seine Existenz fand eine erste Erwähnung durch ein Dekret Kaiser Konstantins des Jahres 321 nach Christus.Hermann Keussen: Das Judenviertel mit einer Karte, in: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Band I., S. 30 ff und Schreinsbezirk St. Laurenz, Karte u. Straßenregister, S. 183 ff Die jüdischen Bewohner des Viertels wurden, nach einer durch den Rat im Jahr 1423 gesetzten Jahresfrist, 1424 der Stadt up ewige tzyden (auf alle Zeiten) verwiesen.Vogts, Witte: Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln, im Auftrage des Provinzialverbandes der Rheinprovinz und der Stadt Köln. Hrsg. von Paul Clemen, Bd. 7, Abt. IV: Die profanen Denkmäler der Stadt Köln, S. 263 ff

mini|hochkant=1.20|Römischer Ziegel der CCAA, mit Stempel des niedergermanischen Heeres, „EX(ercitus) GER(maniae) IN(ferioris)“. Fundort: Gelände des Kölner Rathauses 1950- oder 1960er Jahre mini|hochkant=1.20|Die 1956 wiederentdeckte Kölner Mikwe (11. Jahrhundert) unter dem Rathausplatz

Geschichte Ansiedlung im römischen Köln Das an die „decuriones“ der CCAA ergangene kaiserliche Dekret von 321, das auch den Juden die Berufung in die „curia“ erlaubte, bzw. diese nötigenfalls auch gegen ihren Willen in die Pflicht zu nehmen,Werner Eck, Band 1, 2004. S. 325. gilt als frühester Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in der Stadt Köln. Das Dekret ist im Codex Theodosianus überliefert und hatte in der Übersetzung folgenden Wortlaut:

Juden waren demnach schon vor der fränkischen Eroberung ein Bestandteil des städtischen Lebens und hatten, da sie ein Händlervolk und keine Ackerbauern waren, mit großer Wahrscheinlichkeit auch in der Folgezeit ihre Geschäftspartner sowie ihren Wohnsitz im Kernbereich der Stadt.Keussen, Band I. S. 31, Anm. 1). unter Verweis auf Julius Aronius: Regesten zur Geschichte der Juden im fränkischen und deutschen Reiche bis zum Jahre 1273. Bearbeitet unter Mitwirkung von Albert Dresdner und Ludwig Lewinski von Julius Aronius. Simion, Berlin 1902, Nr. 2.

Fortbestand in fränkischer Zeit Ob die spätantike Gesetzessammlung des Codex Theodosianus im nachrömischen Köln Bestand hatte, ist ebenso unbekannt wie der weitere Status der Judengemeinde in fränkischer Zeit. Allerdings belegen die jüngsten Grabungen auf dem Gelände des heutigen Rathausplatzes, einem Teilbereich der als Museumskomplex entstehenden Archäologischen Zone der Stadt, mit Sicherheit die Existenz der dortigen Synagoge in spätkarolingischer Zeit. Vorgängerbauten des jüdischen Gotteshauses sollen möglicherweise bis in die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts zurückgehen.Sven Schütte: Die Archäologische Zone Köln, S. 241 ff, in: Thomas Otten, Hansgerd Hellenkemper, Jürgen Kunow, Michael Rind: Fundgeschichten – Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Begleitbuch zur Landesausstellung NRW 2010

Erwähnung im Hochmittelalter Erst im 11. Jahrhundert wurden sie erneut als Jüdische Gemeinde in Köln urkundlich bezeugt, in dem das Judenviertel als „inter Judeos“ genannt wurde. Die ging aus einem von Erzbischof Anno an das Stift St. Andreas gerichteten Schreiben hervor, in dem dieser dem Stift ein Grundstück im Judenviertel schenkte. Es war das gleiche Grundstück, dessen Gebäude „iuxta domum Divium“ gelegen, von St. Andreas an den Juden Elyachim verkauft wurde.Keussen, Band I. S. 31, Anm. 1). unter Verweis auf Julius Aronius: Regesten zur Geschichte der Juden im fränkischen und deutschen Reiche bis zum Jahre 1273. Bearbeitet unter Mitwirkung von Albert Dresdner und Ludwig Lewinski von Julius Aronius. Simion, Berlin 1902, Nr. 2., und S. 33. Innerhalb solcher, zumeist als „inter Judeos“ bezeichneten und den Juden zur Ansiedlung zugewiesenen Bezirke, waren in vielen mittelalterlichen Städten wie auch in Köln Juden ansässig geworden.

mini|hochkant|1266 ließ Erzbischof Engelbert II. das „Judenprivileg“ in Stein meißeln. Den vornehmlich Handel treibenden Juden war anfänglich noch gestattet (wie auch in Frankfurt und anderen Städten), sich im Gegensatz zu den sich später im Viertel bei St. Gereon ansiedelnden friesischen Kaufleuten, innerhalb der Stadtmauer am Ostrand derselben ansässig zu werden. So distanzierte man sie auch räumlich weit von der sich westlich vor St. Aposteln gelegenen frühmittelalterlichen Allmende, deren Nutzung ihnen nicht gestattet war.

Eine bürgerliche Gemeinschaft von Juden und Christen war nur punktuell im Hochmittelalter vorhanden. Sie zeigte sich für kurze Zeit in einer gemeinsamen Gerichtsbarkeit,Klaus Dresmann, Seite 3, Verweis auf Ratjen F. A., Verfassung und Sitz der Gerichte in Köln im Gesamtbild der Stadt, S. 23 ff indem Auflassungen beider Gruppen in gemeinsamen Büchern eingetragen wurden. Ebenso verhielt es sich bei einer weiteren kommunalen Maßnahme, bei der sie quasi die gleichen Pflichten zu übernehmen hatten wie sie auch von anderen Gemeinden übernommen wurden. Als im Jahr 1106 die Erweiterung der Umwallung stattgefunden hatte, überwies der Rat den Juden das ihrem Viertel zunächst gelegene Stadttor zur Verteidigung und benannte es nach ihnen als Judenpforte. Anteilig wurde dem christlichen Bevölkerungsteil des Bezirkes St. Laurenz der Abschnitt „Ipperwaldgraben“ und die Würfelpforte zur Verteidigung übertragen. So hatten die Juden je nach Bedarf bürgerliche Pflichten zu erfüllen, Rechte wurden ihnen kaum zugestanden. Die Bestattung ihrer Toten hatte außerhalb der Stadtmauern zu erfolgen und war auch dort noch umstritten. Erst ein Privileg des Erzbischofs Engelbert brachte diesbezüglich 1266 eine vorläufige Regelung. Andererseits waren Juden zu allen Zeiten die Partner und Finanziers auch hochrangiger Herren der Bürgerschaft in diversen Geldgeschäften. Dieses ambivalente Verhalten der frühen Kölner Bevölkerung im Miteinander dieser beiden Bevölkerungsgruppen hatte Höhen und Tiefen und sollte sich bis zur Vertreibung der Juden im Jahr 1424 nicht ändern.

Viertel und Straßen nach Gruppenzugehörigkeit Anfänglich konnten die Juden fast allen Berufen nachgehen, sie beschränkten sich jedoch auf ihre traditionellen Fertig- und Fähigkeiten. In ihrem seit alters her entstandenen Viertel betätigten sie sich vornehmlich als Händler in Geld- und Viehhandel, waren anerkannt gute Silber- oder Goldschmiede und Mediziner, die sogar in schlimmsten Zeiten von den christlichen Bürgern in Anspruch genommen wurden.

In der Nachbarschaft des Judenviertels waren beispielsweise die Maler und Schilderer der Schildergasse angesiedelt, oberhalb des Viertels lag die Hochstraße, die in die Abschnitte der Schmiede, Sponmacher, Kannengießer und Panneschläger unterteilt war, während nordöstlich ihres Bereiches sich die Hut- und Taschenmacher, Seidensticker und sonstige Berufssparten dieser Zeit vertreten waren. Mitglieder dieser vielfältigen Handwerkerschaft organisierten sich später in mächtigen Zünften und nahmen so Einfluss auf das politische Leben der Stadt. Alle hatten sich einzeln oder in Berufsgruppen, jedoch überwiegend in einem bestimmten Viertel oder einer Straße angesiedelt, in der sie über Generationen lebten und arbeiteten.

In Köln war es die Volksgruppe an sich, die wie in fast allen mittelalterlichen Städten Europas, in einem separaten, nach ihnen benannten Viertel lebte. Auch im Kölner jüdischen Viertel wurde die größte Straße des Viertels als Judengasse bezeichnet. Weitere geschichtsträchtige Straßennamen hießen Jerusalemgässchen und Salomongasse, die Gold- und Silberschmieden des Kunstgewerbes prägten den Namen der Straße Unter Goldschmied. Die Straßenbezeichnung war im Gegensatz zu der in der Rheinvorstadt gelegenen Goldgasse (die später zur Strassburgergasse wurde), oder der Goldgasse im nördlichen Vorstadtbezirk Niederich gelegenen Goldgasse (platea auri), die im 12. Jahrhundert nach dort lebenden Grundbesitzern dieses Namens benannt worden war, rein auf das Handwerk der christlichen und jüdischen Goldschmiede bezogen.Adam Wrede, Band I, S. 301 b

mini|hochkant|Hängeschloss des Goldschmiedeamtes Zu den sich immer stärker etablierenden Zünften gehörten auch die Goldschmiede, die in der Rangfolge an vorderer Stelle standen und im Verbundbrief von 1395 an vierter Stelle angeführt wurden. Nach der Verabschiedung dieses „Grundgesetzes“ waren es nur noch wenige Jahre, bis die „goltsleigere“ genannten Goldschmiede (Gaffelhaus „Zum goldenen Horn“, 1401 bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit, Unter Goldschmied 1),Hermann Keussen, Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Bd. I. S. 143. als Hersteller von Blattgold und Goldschmuck ihre jüdischen Konkurrenten nicht mehr zu fürchten hatten.

Das in dieser Straße ansässige Handwerk konnte in jüngster Zeit durch typische Gerätschaften wie dem Fund eines in das 13. Jahrhundert datierten Schmelztiegels belegt werden. Die Gassen der Händler mit ihren Buden genannten Verkaufsständen gaben ihren Namen wohl der Kleinen- und Großen Budengasse, Straßen die auch noch nach der Vertreibung der Juden bis in die Neuzeit mit so genannten „Gaddenen“ bestanden waren.

An der Nordseite von Unter Goldschmied lag die „Botengasse“, die heutige Große- und Kleine Budengasse der Händler. Die in der Umgangssprache die „Jüddejas“ genannte Judengasse war die Begrenzung der Ostseite des Viertels.Adam Wrede, Band I, S. 393. Sie war beidseitig bebaut und wurde noch nicht von einer freien Platzfläche unterbrochen. Mittig von ihr lag an der dem Alter Markt zugewandten Straßenseite das „Haus der Bürger“, das heutige Rathaus. Es lag zwar im topografischen Kern der Stadt, war jedoch wie der Sitz des Vogtes im Norden des Viertels umgeben von den Anwohnern einer anderen Volks- und Religionszugehörigkeit. Für diese Anwohner wiederum lebten jenseits der angeführten Straßenzüge nicht etwa Kölner, sondern die Christen.

Vogtshof zur Stesse mini|hochkant|„Goldene Lade“ zur Sicherung der Stadtsiegel. Holz mit Eisenbeschlag um 1400 Das Viertel entlang der Judengasse hatte am Anfang die Fläche eines schmalen Rechtecks, welches nur an der Engen Gasse seine spätere Breite erreichte. An seiner Westseite befand sich, etwa über den Zeitraum eines Jahrhunderts der Hof des Stadtvogtes. Die neben der Kirche St. Laurenz gelegene Hofstatt wurde zwischen 1200 und 1230 dom. advocati in atrio s. Laurenti, später auch dom. cum ar. Hermani maioris advocati retro s. Laurentium und dann dom. et curia nobilis advocati genannt. Sie war 1263 zum Sitz der Kölner Vögte geworden und blieb dies offenbar bis zum Jahr 1370. Bis zu diesem Jahr wurde das zu sichernde Material des Stadtarchivs in den Vogtshof zur Stesse überführt.Hermann Keussen, Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Band I, Seite 210, Sp. a f, Bezirk St. Laurenz. Unter Verweis auf: Hoeniger, Schreinsurkunden I 235, und Lau, Köln 17. IV 1307. 38.60, und Lau, Köln 276; sowie Stein, Akten I 89 und Knipping, 1373 Stadtrechnungen II, 112 (domini nostri excuntes ad Stessam)

Anwachsen und Ausmaße des Viertels mini|hochkant|Grundbesitz der jüdischen Gemeinde bis 1349 im Bezirk St. Laurenz (mit Beschränkung auf die Lage und wichtigste Gebäude) mini|hochkant|Kölner Judenviertel bis 1424