mini|hochkant=2|Palenquero
Palenquero ist eine in Kolumbien gesprochene spanisch-basierte Kreolsprache. Sie wird in San Basilio de Palenque gesprochen, einem etwa 50 Kilometer im Landesinneren von Cartagena de Indias (im Departamento de Bolívar) gelegenen Dorf, das von entflohenen afrikanischen Sklaven um die Jahrhundertwende 16./17. Jahrhundert gegründet wurde. Ursprünglich gab es mehrere palenques (aus Holzpfählen errichtete Wehranlagen – palos) in der Region. Jedoch wurden die anderen von Milizen der Sklavenhalter angegriffen und zerstört.
Geschichte Der Begriff Palenquero ist abzuleiten von palenques. Palenques wurden Dörfer genannt, die von entflohenen afrikanischen Sklaven aus Cartagena de Indias, den sogenannten „cimarrones“, im 16. Jahrhundert gegründet wurden. Bis zum Zeitpunkt ihrer Anerkennung befanden sich die Dorfbewohner in ständigem Kampf mit den spanischen Autoritäten und der weißen Bevölkerung.Arrázola, Roberto, 1970, Palenque, primer pueblo libre de América. Cartagena: Ediciones Hernández, S. 177 Das erste Dokument, in dem das Dorf Palenque de San Basilio erwähnt wird, stammt aus dem Jahr 1713. Im gleichen Jahr versprach eine Abmachung mit dem damaligen Bischof von Cartagena den Bewohnern Freiheit auf ihrem Gebiet. Im Gegenzug durften sie jedoch weder weitere geflohene Sklaven noch Weiße aufnehmen. Damit erlangte Palenque de San Basilio den Status des primer pueblo libre de América.Patiño Rosselli, Carlos, Sobre origen y composición del criollo palenquero, in: Moñino, Yves, Schwegler, Armin 2002, Palenque, Cartagena y Afro-Caribe: historia y lengua. Tübingen, Max Niemeyer Verlag, S. 21 f In der postkolonialen Zeit lebten die Einwohner von San Basilio weiterhin in Isolation und das Dorf war schwer erreichbar.Patiño Rosselli, 2002, S. 22 f./ Holm, John, 1994, Pidgins and Creoles Volume II Reference Survey, Hunter College and Graduate Center, City University of New York, Cambridge University Press, S. 310 f. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Kontakt zwischen den Einwohnern des Palenques und der umliegenden Dörfer und Städte aufgrund von guten Verkehrsanbindungen, Elektrizität und damit einhergehenden neuen Kommunikationsmöglichkeiten verstärkt.Patiño Rosselli, 2002, S. 22 f. Während die jüngeren Dorfbewohner hauptsächlich Spanisch sprechen, sind es vor allem die älteren Bewohner, welche ausschließlich Palenquero beherrschen, was einige Wissenschaftler vermuten lässt, dass die Sprache über die nächsten Jahrzehnte hinweg aussterben wird.Holm, John, 1994, Pidgins and Creoles Volume II Reference Survey, Hunter College and Graduate Center, City University of New York, Cambridge University Press, S. 311 Dieser Gefahr ist sich die Bevölkerung aber selbst bewusst und kämpft gemeinsam mit einigen Sozialwissenschaftlern für die Erhaltung ihrer Gemeinschaft und ihrer Sprache.Patiño Rosselli, Carlos, 2000, Sobre Etnolingüística y otros temas, Santafé de Bogotá, Instituto caro y cuervo, S. 308 2005 wurde Palenquero de San Basilio von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.Lipski, John M., Génesis y evolución de la copula en los criollos afroibéricos, in: Moñino, Yves, Schwegler, Armin 2002, Palenque, Cartagena y Afro-Caribe: historia y lengua. Tübingen, Max Niemeyer Verlag, S. 23
Zur Entstehung der Sprache
Der Ursprung des Palenquero ist bis heute in der Wissenschaft umstritten und gibt Anlass zu gegensätzlichen Vermutungen – Vermutungen, da es nur sehr wenige Nachweise über die Sprechweise in der Provinz von Cartagena in der Kolonialzeit gibt.Patiño Rosselli, 2002, S. 23 Die Frage ist, ob das Palenquero etwas „Neues“ ist, d. h. eine Sprache, die sich primär in Kolumbien herausgebildet hat, oder etwas „Ausgeliehenes“ ist. Letzteres würde heißen, ihre Abstammung primär in einer nach Lateinamerika eingeführten bantu-portugiesisch basierten Kreolsprache zu finden. Ein Versuch, eine Abstammung aus allgemein-kreolischer Wurzel darzustellen, wurde mit der „monogenetischen“ Theorie gemacht. Nach dieser Theorie wurde ein portugiesisch basiertes Pidgin oder Kreol, das sich in den afrikanischen Kolonien Portugals herausgebildet hatte, durch den Sklavenhandel in die französischen, englischen und niederländischen Kolonien verbreitet. Die monogenetische Theorie versucht zu erklären, warum zwischen den Kreolsprachen verschiedener Orte einige Ähnlichkeiten festzustellen sind.Bickerton, Derek, Sobre los pretendidos portuguesismos de la lengua palenquera, in: Moñino, Yves, Schwegler, Armin 2002, Palenque, Cartagena y Afro-Caribe: historia y lengua. Tübingen, Max Niemeyer Verlag, S. 35 Demnach hätten Sklaven von den Inseln São Tomé und Annobón eine afro-portugiesische Kreolsprache in der „Neuen Welt“ eingeführt, welche sich mit dem Spanischen vermischte,Patiño Rosselli, 2002, S. 25 wodurch die Kreolsprachen Palenquero und Papiamentu entstanden.Bickerton, S. 35 Jedoch sind nicht alle Wissenschaftler mit dieser Theorie einverstanden, insofern manche betonen, das Palenquero sei als Lösung in einer Situation von Verständigungsschwierigkeiten in der Neuen Welt entstanden.Bickerton, S. 27 Während z. B. portugiesisches Vokabular auf den Sklavenhandel verweist, können andere Gemeinsamkeiten, die für Kreolsprachen gelten, auf gleiche Bedingungen der Sprachverwendung zurückgehen.
Beispiele für den Einfluss, den verschiedene Sprachen auf das Palenquero ausübten:
Beispiele aus dem Portugiesischen:
Das Personalpronomen der 2. Person Singular „bo“ (tú, du) könnte vom Portugiesischen „vos“ abstammen und „ele“ (él/ella, er/sie) vom Portugiesischen Êle.Bickerton S. 36 Die Form für „es gibt“ (im Spanischen „hay“) ist im Palenquero „ten“, das vom portugiesischen „tem“ („es gibt“) kommt.Bickerton S. 37 Das Verb „bae“ (ir, gehen) stammt von „vai“ ab, der 2. Person Singular des Verbs „ir“.Patiño Rosselli S. 30
Beispiele aus dem Spanischen:
Morpheme für den Superlativ (-ísimo) und die Verkleinerungsform (-ito)Patiño Rosselli S. 29 Unbestimmte Artikel und Demonstrativpronomen Die Kopula-Verben „se“ (spanisch „ser“) und „tar“ (spanisch „estar“)Lipski S. 67 Präpositionen, Adverbien und Bindewörter Großteil des WortschatzesPatiño Rosselli S. 31
Beispiele aus Bantusprachen:
Nominaler Plural mit der Partikel „-ma“ Personalpronomen: „enú“ und „ané“ NegationMegenney S. 152
Übliche Merkmale von Kreolsprachen, die auch das Palenquero aufweist:
Kein Genus und Numerus Häufige Weglassung der Präpositionen Benutzung von Partikeln vor dem Verb statt Suffixen, um Tempus und Aspekt auszudrücken Keine besonderen Konstruktionen für Passiv und Reflexiv
Grammatik
Wortstellung In den meisten Fällen ist die Satzreihenfolge im Palenquero SVO (Subjekt Verb Objekt).Patiño Rosselli, 2002, S. 29
Verbalsystem Das Verb bleibt im Palenquero unverändert und wird durch Partikel markiert.Meggeney, S. 139
Grundformen Die Grundform des Verbs basiert meistens auf dem spanischen Infinitiv und ist endbetont:
jablá (hablar-sprechen), kelé (querer-mögen), sindí (sentir-hören).
Vergangenheit Um die Vergangenheit auszudrücken, verwendet man im Palenquero die Partikel -ba, die normalerweise nach dem Hauptverb gestellt wird. Gelegentlich kann diese Partikel auch mit den Partikeln -a oder -ase kombiniert werden.
Bs: pa.: ele ya kumé ba spa.: Él ya comió dt.: Er hat schon gegessenMeggeney, S. 185
Gegenwart Die unmarkierte Grundform kann auch als allgemeines Präsens verwendet werden.
Bs: pa.: bo kaminá sp.: (tu) caminas dt.: du läufstBartens, S. 272
Zukunft Um die Zukunft auszudrücken, verwendet man im Palenquero die Partikel -tan, die der Grundform des Verbs vorangestellt wird.
Bs: pa.: i tan kantá sp.: (yo) cantaré dt.: ich werde singenMeneggey S. 186
Um die Zukunft auszudrücken, kann man im Palenquero auch die Form haber a + Grundform benutzen.
Bs: pa.: Ele a kusiná planda sp.: Él va a cocinar plátanos dt.: Sie wird Bananen kochenMeneggey S. 187
Weitere Möglichkeiten um das Futur auszudrücken, sind die Verwendung der Grundform in Verbindung mit Zeitausdrücken wie maana (morgen).Bartens, S. 275
Die Verneinung Die Verneinung wird im Palenquero durch das Morphem nu, welches häufig an das Satzende gestellt wird, ausgedrückt.
Bs: pa.: í kelé traje mu prieto nu sp.: no quiero un traje demasiado negro dt.: Ich möchte kein zu schwarzes KleidDieck, Marianne, Distribución y alcance de la negación en palenquero, in: Moñino, Yves, Schwegler, Armin 2002, Palenque, Cartagena y Afro-Caribe: historia y lengua. Tübingen, Max Niemeyer Verlag. S. 149–166
Nominalsystem
Genus und Numerus Als Kreolsprache weist das Palenquero kein Genus und Numerus auf, d. h. der Plural wird nicht am Wort markiert und das grammatische Geschlecht ist nicht vorhanden. Daher hat das Palenquero auch keine sogenannte „concordancia“ (Kongruenz).Meneggey, S. 156 f. Jedoch kann der Plural mittels der Partikel -ma syntaktisch ausdrückt werden, die dem Substantiv vorangestellt wird.
Bs: pa.: to ma ría bamo pa katahena sp.: Todos los días vamos para Cartagena dt.: Jeden Tag gehen wir nach CartagenaMeneggey, S. 190
Adjektive, Nomen, Pronomen
Bei den Nomen kann man im Palenquero aus dem Spanischen abgeleitete Morpheme feststellen, wie die Verkleinerungs- oder Vergrößerungsform (z. B. yen-ito, mujer-ón). Bei den Adjektiven bleibt der Superlativ erhalten (z. B. ngandísimo).
Die Personalpronomen müssen im Palenquero immer gesetzt werden und können nicht wie im Spanischen weggelassen werden.Bickerton, S. 39
+Personalpronomen Palenquero Deutsch i-yo ich bo-uté húte du-Sieele-e er und sie suto wir bo-utére-enú ihr-Sie ané sie
Die Possessivpronomen folgen immer dem Substantiv:Meneggey, S. 164
Bs: pa.: ngombe suto sp.: nuestro ganado dt.: unser Vieh
+ Possessivpronomen Palenquero Deutsch mi-mindo mein bo dein ele-lo sein-ihr suto unser bo-utére euer-Ihr ané ihr
Die Demonstrativpronomen stammen aus dem Spanischen.
+Demonstrativpronomen Palenquero Deutsch ete dies/e/er/es ese jene/r/s aké der/die/das dort
Artikel
Wie üblich bei Kreolsprachen wird der bestimmte Artikel auch im Palenquero oft weggelassen. Jedoch gibt es einige Ausnahmen wie z. B. bei den Zeitausdrücken: e sábaro (el sábado, der Samstag), el año pasao (el año pasado, das letzte Jahr). Die unbestimmten Artikel bleiben erhalten.
Phonetik
Die Grundsilbenstruktur des Palenquero ist CV. Diese Struktur ist eine sowohl für Bantusprachen als auch für Kreolsprachen übliche Struktur. Das Vokalsystem besteht aus den Vokalen /a e i o u/. Wie im Spanischen gibt es eine Tendenz zu der Aussprache von [ɛ], [ɔ]. Die Konsonanten entsprechen denen des Spanischen. Es herrscht eine Instabilität der Oppositionen /r/ ~ /l/ ~ /d/, die auf die afrikanische Substratsprache zurückgeht.Bartens, Angela, S. 269
Einige Beispiele, die sich vom Spanischen unterscheiden:
Vokale:
o > u, z. B. bei komé (comer) > kumé; kómo (como) > kúmo e > a, z. B. bei entónses (entonces) > antónse; yeßár (llevar) > laßá i > e, z. B. bei imahínate (imagínate) > imahéņde
Konsonanten:
r > d nach s, z. B. bei kombersár (conversar) > kombedsá r > l zwischen Vokalen, z. B. bei kerér (querer) > kelé l > r zwischen Vokalen und β, z. B. bei embolβér (envolver) > emborbé
Halbkonsonanten:
y > i, im Wort yo: yo (yo) > i y > l, zwischen Vokalen, z. B. bei la fwe a yeβár (lo fue a llevar) > ahwé laβá y > ñ, am Wortbeginn, z. B. bei yamár (llamar) > ñamá
Synkopen:
e nach y in Diphthongen, z. B. bei tambyén (también) > tamín
Konsonanten:
r nach b z. B. bei ómbre (hombre) > ómbe
Aphäresen:
ɛstá (está) > ta ɛstándo (estando) > tándo ɛskučaðo (escuchando) > kučá
Apokopen
dar (dar) > da por (por) > po kaminár (caminar) > kaminá
Aspiration wie z. B. nach s vor Konsonant, z. B. bei pɛskáðo (pescado) > pɛhkáo.Megenney, William W., 1986, El Palenquero, un lenguaje post-criollo de colombia, Bogotá, Biblioteca de Publicaciones del Instituto Caro y Cuervo, S. 101 ff.