Der Riefenschnabelani (Crotophaga sulcirostris) ist ein Vertreter der Gattung Crotophaga innerhalb der Familie der Kuckucke (Cuculidae). Der schwarze, auffallend langschwänzige Vogel kommt in einem ausgedehnten Gebiet von der südlichen texanischen Golfküste südwärts bis Nordwestargentinien vor. Seine Insektenbeute sucht er in Familiengruppen, die mehr als 20 Individuen umfassen können, vor allem am Boden. Riefenschnabelanis sind keine Brutschmarotzer, sondern vornehmlich Gemeinschaftsbrüter. Gewöhnlich legen mehrere Weibchen ihre Eier in ein gemeinschaftlich errichtetes Nest und ziehen gemeinsam mit den anderen Gruppenmitgliedern die Jungen auf. Die monotypische Art ist stellenweise häufig und gilt in ihrem Bestand als nicht gefährdet, wird jedoch in einigen Küstengebieten entlang der mittelamerikanischen und südamerikanischen Pazifikküste zunehmend vom nahe verwandten Glattschnabelani verdrängt.Robert B. Payne (2005) S. 180.

Aussehen mini|links|Riefenschnabelani mini|Riefenschabelani (Crotophaga sulcirostris) Der Riefenschnabelani ist die kleinste der drei Arten der Gattung Crotophaga. Der Größenunterschied zum Glattschnabelani, mit dem er in einigen Regionen seines Verbreitungsgebietes sympatrisch vorkommt, ist feldornithologisch jedoch nicht feststellbar. Mit etwa 32 Zentimetern Gesamtlänge, wovon gut die Hälfte auf den Schwanz entfällt, sind Riefenschnabelanis etwa so groß wie Türkentauben, jedoch bedeutend leichter als diese. Männchen dieser Art wiegen im Durchschnitt um die 80 Gramm, die etwas leichteren Weibchen 67 Gramm Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern sind unerheblich, ein Färbungsdimorphismus besteht nicht. Bestes, allerdings nur aus großer Nähe brauchbares Unterscheidungsmerkmal, ist die etwas größere Schnabelhöhe des Männchens.

Riefenschnabelanis sind im Gesamteindruck langschwänzige, einheitlich schwarze Vögel mit einem sehr langen Schwanz, der vor allem am Boden oft deutlich aufwärts gerichtet ist. Aus der Nähe sind verschiedene, vom Lichteinfall abhängige, bläuliche, bronzegrüne oder purpurne Schimmer erkennbar. Das Nackengefieder und Oberkopfgefieder kann, besonders bei großer Hitze oder bei sonnenbadenden Vögeln, strahlig abstehen, sodass darunter die ebenfalls schwarze Haut sichtbar wird. Der mächtige Schnabel ist schwarz, der Oberschnabel, von der Schnabelspitze an gleichmäßig bogenförmig erhöht, erreicht jedoch an seinem First nicht die Höhe des Kopfscheitels. Namensgebend ist der mehrfach annähernd parallel bogig gekerbte und gefurchte Oberschnabel; der Unterschnabel ist fast gerade und glatt, bei älteren Individuen auch leicht gefurcht. Wie bei allen Anis wirkt der Schnabel seitlich zusammengedrückt. Die Iris ist dunkelbraun oder schwarz. Auch die kräftigen Füße, Zehen und Krallen sind schwarz.

Immature Vögel ähneln sehr stark adulten, doch fehlt der Gefiederglanz, die bogenförmige Erhöhung des Oberschnabels ist erst in Ansätzen erkennbar und die Schnabelkerben sind nur angedeutet.

Riefenschnabelanis sind feldornithologisch schwer von Glattschnabelanis unterscheidbar, mit denen sie in einigen Gebieten gemeinsam vorkommen. Beste, und auch auf eine gewisse Entfernung brauchbare Unterscheidungsmerkmale sind die unterschiedlichen Vokalisationen der beiden Arten. Aus der Nähe können adulte Riefenschnabelanis auf Grund der Schnabelform und der Furchungen im Schnabel identifiziert werden. Das Nackengefieder schimmert bei Riefenschnabelanis grünlich, bei Glattschnabelanis bronze-bräunlich. Bei immaturen Individuen, bei denen sowohl der Gefiederglanz als auch die Schnabelkerbungen fehlen, ist eine sichere feldornithologische Identifikation sehr schwierig und oft kaum möglich.Bowen (2002) Distinguishing Characteristics

Wie alle Anis verströmen auch Riefenschnabelanis in Stresssituationen und während der nächtlichen Ruhe einen unangenehmen, stechend-scharfen Geruch, dessen biologische Bedeutung nicht ausreichend erforscht ist.Michael D. Sorenson und Robert B. Payne: A molecular genetic analysis of cuckoo phylogeny. In: Robert. B. Payne: The Cuckoos (2005) S. 6–7.

Stimme

Wie alle Anis sind auch Riefenschnabelanis sehr ruffreudig und verfügen über ein umfangreiches Repertoire an Rufen. Ihre überraschend hohen Rufe sind allerdings nicht sehr laut. Charakteristischer Ruf, der in der Kommunikation der Gruppenmitglieder ständig zu hören ist, ist ein zweisilbiges, gereihtes Ti-ju(u), wobei die zweite Silbe etwas gedehnt ist und auch moduliert sein kann.Riefenschnabelani Hörprobe (MP3; 425 kB) Häufig sind auch sehr hohe, langgezogene iiiiiije-Folgen zu hören, die mit einem Plosivlaut beginnen.

Verbreitung und Lebensraum

mini|hochkant=1.3|Riefenschnabelani – Brutgebiet – dunkeloliv: Zugvögel Das Verbreitungsgebiet der Art erstreckt sich von der Golfküste des südlichen Texas und den Golfregionen Mexikos über das gesamte Mittelamerika und ostwärts entlang der südamerikanischen Golfküste bis Guyana. Besiedelt sind auch die küstennahen Golfinseln Mexikos und Mittelamerikas wie Cozumel und die der südamerikanischen Golfküste vorgelagerten Inseln, zum Beispiel Trinidad. Einige dieser Inseln, etwa Bonaire, Curacao oder Aruba erreichte die Art erst im Laufe des vergangenen Jahrhunderts.Payne (2005) S. 180. Auf der Pazifikseite brüten Riefenschnabelanis von der mexikanischen Provinz Sonora südwärts über Mittelamerika und die südamerikanischen pazifiknahen Gebiete Kolumbiens, Ecuadors und Perus bis in den Norden Chiles und den äußersten Nordwesten Argentiniens.

Erloschen sind Brutvorkommen in Louisiana und in den südlichsten Bereichen Niederkaliforniens und einiger vorgelagerter Inseln.

Im Gegensatz zu den beiden anderen Arten der Gattung sind Riefenschnabelanis meist in nur mäßig feuchten Gebieten zu finden. Gebüschstreifen und Bauminseln an den Rändern von Weideland, Wiesen, Obstgärten oder Plantagen, Rodungsgebiete mit einzelstehenden Bäumen und Gebüschen, aber auch offene, nur locker baumbestandene oder buschdurchsetzte Graslandschaften bilden bevorzugte Bruthabitate. Verbreitet sind Riefenschnabelanis vor allem im Tiefland und in Höhenlagen bis 500 Metern. Unregelmäßige Brutvorkommen sind jedoch aus bedeutend größeren Höhen von bis zu 2700 Metern in Ecuador und Peru bekannt.

Raumbedarf

Riefenschnabelanis besetzen und verteidigen ein Brutterritorium. Die Territoriumsgrößen schwanken zwischen 3 und 11 Hektar. Territorien in Feuchtgebieten sind üblicherweise kleiner als solche in Weideland. Agonistische Verhaltensweisen lösen vor allem Gruppen von Artgenossen, andere Anis und potentielle Feinde, insbesondere Nesträuber, wie Schlangen, Affen, Greifvögel, Waschbären und Opossums aus.

Wanderungen

Riefenschnabelanis sind vor allem Stand- beziehungsweise Strichvögel. Die Mehrzahl der Brutterritorien wird nach der Brutzeit verlassen und die Vögel wechseln in feuchtere Gebiete, oft in Marschlandschaften, wo sich einige Familiengruppen vereinigen können und zuweilen Gesellschaften von 30 bis 40 Vögeln bilden. Ebenso wandern Brutvögel aus höher gelegenen Regionen in tiefere. Diese Wanderbewegungen sind im Allgemeinen kleinräumig und unregelmäßig. Soweit bekannt verlassen nur die Brutvögel der nördlichen Sonora ihre Brutgebiete vollständig. Wanderrouten, Entfernungen und Ziele sind bislang nicht bekannt.

Obwohl Riefenschnabelanis keine kraftvollen und ausdauernden Flieger sind, wurden außerhalb der Brutzeiten umherstreifende Einzelvögel oder kleine Gruppen in fast allen Staaten der USA und in Südkanada beobachtet. Eine Beobachtung eines verdrifteten Vogels stammt von Socorro, einer Insel des mexikanischen Revillagigedo Archipels.Payne (2005) S. 179.

Nahrung und Nahrungserwerb

Wie die beiden anderen Arten dieser Gattung ernähren Riefenschnabelanis sich und ihre Jungen überwiegend mit Insekten. Daneben spielen andere Wirbellose, wie etwa Spinnen und Zecken, sowie kleine Säugetiere, Vögel und Eidechsen eine gewisse Rolle. Gelegentlich scheinen auch Vogeleier Nahrungsbestandteil der Art zu sein.Luis Sandoval, Esteban Biamonte und Alejandro Solano-Ugalde: Previously Unknown Food Items in the Diet of Six Neotropical Bird Species. In: The Wilson Journal of Ornithology 120(1):214-216. 2008. Früchte, Beeren und Samen bilden eine saisonale Ergänzungsnahrung. Unter den Insekten überwiegen Heuschrecken, Käfer, Schaben, Zikaden, Ameisen und Termiten.

Riefenschnabelanis suchen und erbeuten ihre Nahrung fast immer im Gruppenverband vor allem auf dem Boden. Seltener sind sie in Büschen oder Bäumen auf Nahrungssuche. Hüpfend oder schreitend lesen sie Insekten vom Boden oder der Vegetation ab. Häufig folgen sie Herdentieren, von denen sie Zecken und blutsaugende Insekten abpicken, die aufgescheuchten Insekten auflesen, oder in deren Dung sie nach Käfern und anderen Wirbellosen suchen.

Verhalten

Riefenschnabelanis sind wie alle Kuckucke tagaktiv. Ihre Aktivitätszeit entspricht in etwa der Tageslänge. Die Nächte verbringen sie in Gruppen, bevorzugt in höheren dornbewehrten Büschen. Die Art ist häufig sonnenbadend und wasserbadend zu beobachten. Beim morgendlichen Sonnenbad spreizen sie nach Art einiger Neuweltgeier die Flügel, entsprechend werden sie in manchen mittelamerikanischen Regionen Zopilotillo – Geierchen genannt.Payne (2005) S. 181.

Wie alle Anis leben Riefenschnabelanis vornehmlich in Familiengruppen. Einzelbrütende Paare sind selten und zeigen die Tendenz sich Gruppen anzuschließen. Diese bestehen aus mehreren monogamen Paaren und zuweilen einigen unverpaarten adulten Individuen sowie den Nachkommen einer Brutsaison, an deren Ende eine solche Gruppe 20 Mitglieder und mehr aufweisen kann.Bowen (2002) Behavior Die Paarpartner bleiben zumindest saisonal weitgehend monogam, meist dauern Paarbindungen jedoch länger, oft lebenslang an. Paare bilden auch innerhalb der Gruppe Einheiten. Extra-Paar-Kopulationen kommen vor, sind aber selten. Alle Aktivitäten, wie Futtersuche, Nestbau, Brutpflege und Abwehr von potenziellen Feinden geschehen im sozialen Verband. Alle Gruppenmitglieder, besonders aber die Verpaarten, halten engen körperlichen Kontakt, ruhen nebeneinander, pflegen einander das Gefieder und kommunizieren ständig miteinander. Außerhalb der Brutsaison finden sich oft mehrere Familiengruppen zusammen und bilden lose Verbände. In dieser Zeit findet auch der Austausch von Gruppenmitgliedern und die Neuformierung von Familiengruppen statt.

Brutbiologie

Riefenschnabelanis werden als Jährlinge geschlechtsreif. Die Brutzeiten streuen entsprechend der sehr großen Breitenausdehnung des Verbreitungsgebietes sehr stark. Im mittelamerikanischen Hauptverbreitungsgebiet liegt die Hauptbrutzeit in der Regenzeit zwischen Juni und November. Meist kommt es zu zwei Jahresbruten, gelegentlich auch zu drei.

Das Gemeinschaftsnest wird von allen Familienmitgliedern in wenigen Tagen errichtet. Gelegentlich werden auch Nester anderer Vögel, insbesondere die der Dohlengrackel verwendet oder adaptiert. Neu errichtete Nester sind recht umfangreiche Gebilde aus Zweigen, Ranken und Dornen, innen mit weichen Materialien ausgelegt, außen mit Blättern und frischen grünen Ästen getarnt. Die Nester befinden sich in 3–5 Metern Höhe, gut versteckt in Büschen oder Bäumen.