mini|hochkant=1.5|Das faschistische Italien mit seinen afrikanischen Kolonien (1934) mini|hochkant=1.5|Das faschistische Italien mit seinem Kolonialreich in Europa und Afrika (1939) Die Italienischen Kolonien wurden vom Königreich Italien nach dessen Einigung im Risorgimento im späten 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erworben. Den durch die Industrialisierung erhöhten Bedarf an Rohstoffen und einem Auswanderungsdruck versuchten die damaligen italienischen Regierungen in Richtung eigener Kolonien zu kanalisieren, erlitten dabei aber immer wieder Rückschläge. Italien orientierte sich dabei vor allem in Richtung Nordafrika und Ostafrika. Nach dem Ersten Weltkrieg fielen Italien kleinere Gebiete im Mittelmeerraum zu, die teilweise von alteingesessenen italienischen Minderheiten bewohnt waren (Italia irredenta). Diese wurden direkt in das Mutterland eingegliedert und hatten nicht den Status von Kolonien, doch die überwiegend nichtitalienische Bevölkerung dieser Gebiete unterlag einer intensiven Italianisierungspolitik.
In Europa Vor der Vereinigung
Schon im Mittelalter hatten die italienischen Seerepubliken Venedig (ab 1206) und Genua (ab 1261) im Ergebnis des Vierten Kreuzzuges Kolonien in der Ägäis und im Schwarzen Meer erworben. In der Adria ergriff Venedig Besitz von Dalmatien. Während die übrigen Besitzungen Genuas und Venedigs schon bis 1475 wieder verloren gingen (Modon bis 1500 und nochmals 1699 bis 1718 venezianisch), blieb Dalmatien bis 1797 venezianisch und war 1805 bis 1809 dem von Napoléon Bonaparte im Norden der Halbinsel geschaffenen Königreich Italien eingegliedert worden. Nach der Einigung Italiens (1861/1870) erhobene Irredenta-Ansprüche wurden damit begründet.
Protektorate Den Status italienischer Protektorate hatten: Albanien (bereits 1917 bis 1920 und wieder 1939 bis 1943); Montenegro (1941 bis 1943). Italienische Konzession von Tientsin (1901 bis 1943/1947)
Besetzte Gebiete Italien besetzte während des Zweiten Weltkrieges: den Kosovo, Teile Mazedoniens und den Großteil Griechenlands (1941 bis 1943); Teile Südfrankreichs (1940–1943) und Korsika (1942 bis 1943).
In Afrika Italienisch-Libyen (1934–1943/47) Italienisch-Tripolitanien (1911–1934) Italienisch-Cyrenaika (1911–1934) Aouzou-Streifen (1935–1943) Italienisch-Ostafrika (1935–1941) Italienisch-Eritrea (1889/90–1941) Italienisch-Assab (1882–1889) Italienisch-Massaua (1885–1889) Kassala (1894–1897 und 1940–1941 besetzt) Italienisch-Somaliland (1888–1941/1947, als UNO-Treuhandgebiet erneut 1950–1960) Oltre Giuba (1924–1926, danach Teil Italienisch-Somalilands) Äthiopien (1935–1941) Britisch-Somaliland (1940–1941 besetzt) Französisch-Tunesien (1942–1943 besetzt)
Von 1928 bis 1940 und nochmals von 1948 bis 1956 zählte Italien außerdem zu jenen acht bzw. neun Vertragsstaaten, die eine gemeinsame Verwaltung über die Internationale Zone von Tanger (Nordmarokko) ausübten.
Erwerb der Kolonien mini|Nach der Angliederung Roms (1870) zog die Società Geografica Italiana dorthin
Wie das Deutsche Reich hatte auch Italien sehr spät, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu einer tragfähigen gesamtstaatlichen Ordnung gefunden. Nach der italienischen Einigung (1861) bzw. dem Nichterreichen der Irredenta-Ziele (vor allem Trient, aber auch Istrien mit Triest) im Preußisch-Österreichischen Krieg (1866) begannen italienische Unternehmer Forschungsreisen in Afrika zu finanzieren, die neben der geographischen vor allem auch die kommerzielle Erschließung zum Zwecke hatten und durch den Handel eine spätere koloniale Durchdringung fördern sollten. 1867 war in Florenz die Società Geografica Italiana (dt. Italienische Geographische Gesellschaft) gegründet worden, später ebenda auch die Gesellschaft für geographische und koloniale Studien sowie die Afrikanische Gesellschaft in Neapel und die Gesellschaft für geographische und kommerzielle Forschung in Mailand.Croce, S. 123
Am 15. November 1869 unterzeichnete Giuseppe Sapeto im Auftrag der genuesischen Handelsgesellschaft Rubattino mit den Sultanen von Assab den Konzessionsvertrag über den Hafen Assab am Südende des Roten Meeres. Zwei Tage danach wurde der Suezkanal feierlich eröffnet. Von der Konzession versprach man sich gute Geschäfte an dieser neuen wichtigen Handelsroute. Allerdings gelang es nicht, sich gegenüber der britischen Handelsdominanz durchzusetzen und die erhofften Gewinne blieben aus.Francesco Filippi: Noi però gli abbiamo fatto le strade: Le colonie italiane tra bugie, razzismi e amnesie. S. 18–20.
Darüber hinaus hatten italienische Politiker 1862 und 1869 erfolglos mit Portugal, 1865 mit Dänemark und 1868 mit den Niederlanden über den Kauf einiger Inseln im Atlantischen und Indischen Ozean verhandelt.Nikolaos Mavropoulos: The Japanese expansionism in Asia and the Italian expansion in Africa – A comparative study of the early Italian and Japanese colonialism, S. 57f. Dissertation an der Universität Rom 2019 (PDF)Awkir: History of Eritrea Italien lag es damals allerdings fern ein Kolonialreich aufzubauen, dazu war das in den 1860er Jahren noch im Entstehen begriffene Königreich in vielerlei Hinsicht zu schwach. Vielmehr sollten diese Erwerbungen als Strafkolonien für Kriminelle und Oppositionelle dienen.Nicola Labanca: Oltremare: storia dell’espansione coloniale italiana. S. 32.
Nachdem Italien auch auf dem Berliner Kongress (1878) weder Trient noch eine Kompensation in Albanien hatte erwerben können, wurde ab 1878 die Forderung nach Kolonien auch öffentlich erhoben.Croce, S. 122 Der mit der Einigung einsetzende Aufschwung im industriellen Sektor führte in Italien, ebenso wie im Deutschen Kaiserreich, zu einem enorm erhöhten Bedarf an Rohstoffen, der durch die Ausbeutung von Kolonien befriedigt werden sollte. Gleichzeitig gab es einen großen Auswanderungsdruck, ca. 14 Millionen Italiener verließen ihre Heimat und suchten zwischen 1876 und 1915 ihr Glück in Nord- und Südamerika.
Bereits 1882 hatte Großbritannien Italien eingeladen, sich an der Besetzung Ägyptens zu beteiligen – anstelle Frankreichs, dessen Einfluss auf die ägyptischen Angelegenheiten Großbritannien mit der Besetzung auszuschalten gedachte. Italien sollte dem britischen Angebot zufolge jene entfernten ägyptischen Besitzungen am südlichen Ufer des Roten Meeres okkupieren, die Ägypten wegen des sudanesischen Mahdi-Aufstands (1881–1899) räumen wollte (z. B. Massaua),Croce, S. 111 doch Finanzminister Agostino Magliani hatte zunächst abgelehnt.Croce, S. 308 Frankreich wiederum hatte Italien 1884 und 1888 als Kompromiss vorgeschlagen, sich statt des zwischen beiden Staaten umstrittenen Tunesiens doch Tripolitaniens zu bemächtigen. Im 1887 erneuerten Dreibundvertrag stimmten auch das Deutsche Kaiserreich und Österreich-Ungarn der Möglichkeit einer italienischen Besetzung Tripolitaniens zu,Croce, S. 175 und mit dem Verzicht seiner Ansprüche auf Somaliland machte Deutschland 1888 auch dort den Weg für Italien frei.
Italienisch-Ostafrika
Im Jahr 1882 übernahm Italien die von der Rubattino-Gesellschaft erworbene Hafenstadt Assab, doch erst 1885 folgte Italien einer erneuten britischen Einladung und annektierte Massaua. Erst zwei Jahre nach ihrer Niederlage gegen äthiopische Truppen besetzten italienische Truppen dann 1889 schließlich auch Keren und Asmara. Die 1890 daraus gebildete Kolonie Eritrea blieb zunächst auf das von diesen drei Städten gebildete Dreieck beschränkt.Croce, S. 191 An der Somaliküste hatte Italien 1888 und 1889 zudem Protektoratsverträge mit den somalischen Majerteen-Sultanaten von Hobyo und Bargaal geschlossen. Zusammen mit den ab 1892 vom Sultanat Sansibar erworbenen somalischen Hafenstädten wurde daraus die Kolonie Italienisch-Somaliland. Die Unterwerfung auch Äthiopiens scheiterte 1896 zunächst mit der italienischen Niederlage bei Adua.
Nach einem erneuten Italienisch-Äthiopischen Krieg wurde 1936 aus den drei Kolonien Italienisch-Somaliland, Eritrea und dem besetzten Äthiopien ein neues Kolonialgebiet, das die Bezeichnung Italienisch-Ostafrika bekam. Der Kolonie Eritrea und Italienisch-Somaliland (einschließlich Oltre Giuba) wurden die vormals äthiopischen Regionen Tigray und Ogaden zugeschlagen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Italienisch-Ostafrika von britischen Truppen besetzt. Äthiopien wurde bereits 1941 wieder unabhängig. Eritrea wurde unter ein britisches UNO-Mandat gestellt und 1951 mit Äthiopien vereinigt. Italienisch-Somaliland jedoch wurde 1950 nochmals als UNO-Mandat unter italienische Verwaltung gestellt (bis 1960).
Italienisch-Libyen
mini|Gebietsentwicklung Libyens unter italienischer Kolonialherrschaft (1912–1943)
Die Länder Tripolitanien und Kyrenaika bildeten als Vilâyet Tripolitanien die letzte Provinz des Osmanischen Reichs auf afrikanischem Boden, die durch die britische Herrschaft über Ägypten vom Mutterland getrennt war. Das Osmanische Reich hatte im 19. Jahrhundert weitgehend an Macht und immer mehr an territorialen Besitzungen verloren. Wegen der Lage am Mittelmeer und der Nähe zu Italien kamen die afrikanischen Provinzen ins Visier des italienischen Kolonialbestrebens. Um von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, plante der damalige Premierminister Italiens Giovanni Giolitti im Sommer 1911 einen Feldzug in Nordafrika.
Als Kriegsgrund nannte Italien die schlechte Behandlung der italienischen Bürger in Tripolis. Am 27. September 1911 stellte Italien ein Ultimatum an das Osmanische Reich, indem die Provinzen bedingungslos an Italien übergeben werden sollten. Sultan Mehmed V. wies dies zurück, darauf antworteten die Italiener mit einer Kriegserklärung und es kam zum Italienisch-Türkischen Krieg.
Das zunächst siegreiche Italien unterschätzte seinen Gegner, der heftige Gegenwehr leistete. Die Italiener setzten daraufhin ihre überlegene Flotte ein und eroberten 1912 den Dodekanes. Die osmanischen Festungen in Beirut und auf den Dardanellen wurden unter Beschuss genommen und der antitürkische Aufstand in Asir wurde unterstützt.
Beim Friedensschluss am 18. Oktober 1912 in Lausanne musste das Osmanische Reich die Kyrenaika und Tripolitanien im Frieden von Ouchy an Italien abtreten. Als Entschädigung sollte Italien sich anschließend vom zuvor besetzten Dodekanes zurückziehen, woran sich Italien jedoch nicht hielt. Die Osmanen wiederum unterstützten vor allem im Ersten Weltkrieg den auch nach der Abtretung andauernden Widerstand der libyschen Senussi. Vor 1919 beherrschte Italien daher nur fünf Hafenstädte an der Küste, erst 1931 wurde mit einem Panzervorstoß auf Kufra auch das restliche Landesinnere erobert.
Im Jahr 1934 erklärte Italien seine libyschen Besitzungen zu einer Kolonie. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Libyen 1943 von französischen und britischen Truppen besetzt. Bereits 1942 waren die italienischen Kolonisten in die Heimat evakuiert worden.Munzinger-Archiv/Internationales Handbuch – Zeitarchiv 36/83 Libyen, S. 1 Italien trat Libyen im Frieden von 1947 auch formal ab, die UNO übergab es Frankreich und Großbritannien als UNO-Treuhandgebiet (bis 1951). Der Bevin-Sforza-Plan, Libyen zu teilen und zumindest Tripolitanien als UNO-Mandat nochmals an Italien zurückzugeben, scheiterte am Widerstand der USA, der Sowjetunion und vor allem der Libyer selbst.
Weitere Kolonialpläne Tunesien