Als Atomausstieg, auch Kernkraftausstieg oder Atomverzicht, wird die politische Entscheidung eines Staats, den Betrieb von Kernkraftwerken einzustellen und auf Kernenergie zur Stromerzeugung zu verzichten, bezeichnet. Einen vollständigen Ausstieg aus der Erzeugung von Kernenergie haben bisher Italien, Deutschland und Taiwan durchgeführt, weitere Staaten wie Spanien haben einen Atomausstieg angekündigt bzw. ihn in die Wege geleitet. Andere Staaten sind von Ausstiegsplänen wieder abgerückt, darunter Japan und Schweden.

Vorgeschichte Mit der zivilen Nutzung der Kernkraft in Kraftwerken wurde Mitte der 1950er-Jahre (1954 Kernkraftwerk Obninsk, Sowjetunion; 1956 Kernkraftwerk Calder Hall, Großbritannien) begonnen. Anfangs war die friedliche Nutzung der Kernenergie gesellschaftlich weitgehend akzeptiert und Kernkraftwerke wurden als eine sichere, wirtschaftliche und umweltfreundliche Art der Stromerzeugung beworben. Ab den 1970er-Jahren gewannen Anti-Atomkraft-Bewegungen zunehmend an Bedeutung. Sie weisen vor allem auf die Risiken und möglichen Folgen eines nuklearen Unfalls (GAU, Super-GAU), Gefahren für Menschen und Umwelt in der Umgebung von Kernkraftwerken (Radioaktivität, ionisierende Strahlung) und das Problem der radioaktiven Abfälle, die über Jahrtausende sicher endgelagert werden müssen, hin. Die Kernschmelze in Three Mile Island 1979 (USA) deckte Schwächen der sicherheitstechnischen Auslegung auf; der Unfall von Tschernobyl 1986 (UdSSR) wurde zur nuklearen Katastrophe und veranlasste viele Länder, keine neuen Kernkraftwerke zu bauen. Nachrichten über Pannen, Störfälle, Vertuschungen führten zu weiterem Vertrauensverlust. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hat die Sicht auf das verbliebene Restrisiko ebenfalls verändert.

Wenn Länder ihre Kernkraftwerke abschalten, müssen sie entweder mehr Energie importieren, mehr Strom auf alternative Weise herstellen und/oder ihren Stromverbrauch drosseln. Ein langsamer Atomausstieg wird gewählt, um in der Zwischenzeit andere Anlagen zur Energieerzeugung zu errichten. Neben fossiler Energie sind die am häufigsten in Betracht gezogenen Alternativen zur Kernenergie Windenergieanlagen, Wasserkraftwerke, Photovoltaik, Geothermie und Energie aus Biomasse sowie Energiesparen (also Maßnahmen, die die Menge verbrauchter Energie verringern). In Ländern wurde ein beschlossener Ausstieg verzögert oder Ausstiegsbeschlüsse vollständig revidiert.

Zu den Begriffen des Atomausstiegs und Atomverzichts Der Begriff kann zum einen die Entscheidung bezeichnen, beim Eintreten bestimmter Bedingungen oder zu einem bestimmten zukünftigen Zeitpunkt vorhandene Kernkraftwerke abzuschalten, oder den Prozess bzw. Zeitraum, in dem man diese Entscheidung in die Tat umsetzt, umschreiben. Der Begriff „Atomausstieg“ entstand als politisches Schlagwort in der Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland. Ein Atomausstieg wurde somit von entsprechenden Kreisen seit etwa Mitte der 1970er Jahre gefordert. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 forderten mehr Menschen – auch in anderen europäischen Ländern – Atomausstiege in ihren Ländern.

Speziell in Deutschland bedeutet der Ausdruck – als politischer Begriff: die im Jahr 2000 getroffene Vereinbarung der rot-grünen Bundesregierung mit den vier deutschen Kernkraftwerksbetreibern, die deutschen Kernkraftwerke nach dem Erzeugen bestimmter Strommengen abzuschalten (auch „Atomkonsens“ genannt) oder die Entscheidung des Deutschen Bundestages vom 30. Juni 2011, die im Herbst 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung rückgängig zu machen, acht Kernkraftwerke dauerhaft abzuschalten und die übrigen neun spätestens zu bestimmten Zeitpunkten dauerhaft abzuschalten (Dreizehntes Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes (AtG)). Diese atompolitische Kehrtwende beschloss die schwarz-gelbe Regierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Tag nach Beginn der Nuklearkatastrophe von Fukushima (Japan) im März 2011, später auch ihr Kabinett, der Bundestag und der Bundesrat.

Argumente und Auswirkungen Radioaktivität und Unfallrisiken

mini|hochkant=2|Was sind die sichersten und saubersten Energiequellen? mini|137Cs-Kontamination in Belarus, Russland und der Ukraine zehn Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

Befürworter des Atomausstiegs argumentieren meist mit der Vermeidung von radioaktiver Strahlung und Nuklearunfällen. Bei Unfällen, wie sie beispielsweise in Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) passiert sind, traten radioaktive Stoffe aus und kontaminierten weite Landflächen. Zugleich wurden in den betroffenen Gebieten viele Menschen in verschieden schwerem Ausmaß verstrahlt und erfuhren somit eine deutlich höhere Strahlenbelastung als in der Natur üblich. Als Langzeitfolge hoher Strahlenbelastung können Krebserkrankungen auftreten. Da es jedoch kaum zu beziffern ist, inwieweit die zusätzliche Strahlenbelastung durch kerntechnische Unfälle für zusätzliche Erkrankungen ursächlich ist, schwanken die genannten insbesondere bei den zivilen Opferzahlen sehr stark. Auch bei den Liquidatoren, wie sie nach der Katastrophe von Tschernobyl zu Hunderttausenden zum Bau des Sarkophages eingesetzt wurden, sind genaue Aussagen hierzu nur schwer möglich. Als gesichert gelten 63 tote Liquidatoren.62 Tote – oder Hunderttausende? In: Süddeutsche Zeitung, 22. April 2011. Abgerufen am 28. Februar 2012. Darüber hinaus klaffen die Zahlen sehr weit auseinander. Während z. B. IAEA und WHO langfristig von rund 4000 Toten ausgehen, nennt die Ukrainische Kommission für Strahlenschutz 34.499 verstorbene Rettungshelfer, das atomkritische Komitee der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) rechnet langfristig mit 50.000 bis 100.000 Toten.Tschernobyl-Opfer. Gezerre um die Strahlentoten. In: Der Spiegel, 18. April 2006. Abgerufen am 28. Februar 2012.Studie zu Tschernobyl. 93.000 statt 4.000 Tote. In: NTV.de, 18. April 2016. Abgerufen am 28. Februar 2012.

Forscher des Max-Planck-Institutes für Chemie um Johannes Lelieveld kalkulierten, dass etwa alle zehn bis zwanzig Jahre mit einer Kernschmelze in einem der 440 weltweit vorhandenen Reaktoren (Stand 2012) zu rechnen sei. Damit wäre die Eintrittswahrscheinlichkeit etwa um den Faktor 200 höher als Schätzungen der Nuclear Regulatory Commission (NRC) es 1990 annahmen. Das weltweit höchste Risiko einer radioaktiven Kontamination, die bei 40 Kilobecquerel Radioaktivität pro Quadratmeter als erfüllt gilt, trüge demnach Südwestdeutschland, aufgrund der dort sowie in Frankreich und in Belgien hohen Reaktorendichte. Bei einer Kernschmelze in Westeuropa wären durchschnittlich 28 Millionen Menschen von einer Kontamination mit mehr als 40 Kilobecquerel pro Quadratmeter betroffen, in Südasien sogar ca. 34 Millionen Menschen. Website Max-Planck-Instituts für Chemie. Abgerufen am 23. Mai 2012.Global risk of radioactive fallout after major nuclear reactor accidents (PDF; 10,7 MB), Seite 1 von 14. Studie des Max-Planck-Institutes für Chemie. Abgerufen am 23. Mai 2012.

Am 4. Oktober 2012 stellte der damalige EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger das Ergebnis eines Stresstests vor, der nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima für alle 143 in der EU vorhandenen Kernkraftwerke durchgeführt wurde. Insgesamt sei die Situation „zufriedenstellend“. Kein Kernkraftwerk in der EU müsse aus technischer Sicht abgeschaltet werden. Dennoch bestünden vielfach erhebliche Mängel und großer Verbesserungsbedarf. Auch in zwölf deutschen Kernkraftwerken wurden Mängel entdeckt, so fehlten z. B. hinreichende Erdbebenmesssysteme, manche Kernkraftwerke seien zudem konstruktiv nicht gut genug gegen Erdbeben ausgelegt. Insgesamt rangierten deutsche Kernkraftwerke aber in der ersten Hälfte der untersuchten Anlagen, hinter einigen osteuropäischen Kraftwerken. Am schlechtesten schnitten Kernkraftwerke in Frankreich ab; ebenfalls kritisiert wurden nordeuropäische Kraftwerke. So blieb z. B. den Bedienungsmannschaften im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark sowie im finnischen Kernkraftwerk Olkiluoto weniger als eine Stunde Zeit, um eine unterbrochene Stromversorgung zur Aufrechterhaltung der zwingend notwendigen Reaktorkühlung wiederherzustellen. Insgesamt schätzte die EU-Kommission, dass die Nachrüstung der Kernkraftwerke zwischen 10 und 25 Mrd. Euro kosten wird.

Umweltverbände kritisierten den Stresstest scharf und forderten die Abschaltung der beanstandeten Kraftwerke. So habe der Stresstest größtenteils auf dem Papier stattgefunden; nur wenige Kraftwerke seien tatsächlich untersucht worden. Zudem seien bestimmte Risiken wie die Gefahr von Terroranschlägen oder Flugzeugabstürze völlig unberücksichtigt geblieben; es seien nur die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Naturereignisse sowie die Beherrschung von daraus entstandenen Unfällen untersucht worden. Die ENSREG (European Nuclear Safety Regulators Group) wies bei der Planung des Tests allerdings darauf hin, dass die Untersuchungen auch für Notfälle relevant sind, die indirekt durch andere Ereignisse ausgelöst werden, wie beispielsweise Waldbrände oder Flugzeugabstürze. Im Hinblick auf schwere Unfälle wurden untersucht:

Notfallschutzmaßnahmen bei Komplettausfall der Kernkühlung Notfallschutzmaßnahmen bei Komplettausfall der Kühlung von Brennelement-Lagerbecken Notfallschutzmaßnahmen beim Verlust der Integrität des Containments

Als auslösende, naturbedingte Ereignisse wurden Erdbeben und Hochwasser untersucht. Als Folge dieser Auslöseereignisse war für die Anlage der Verlust von Sicherheitsfunktionen zu unterstellen. Dabei wurde untersucht:

Ausfall der Stromversorgung einschließlich Komplettausfall (Station Blackout SBO) Verlust der letzten verfügbaren Wärmesenke (Ultimate Heat Sink – UHS) das gleichzeitige Auftreten von SBO und Verlust der UHS

In Deutschland wurde 2012 auch ein Stresstest auf nationaler Ebene durchgeführt. Alle 17 deutschen Kernkraftwerke wurden einer Sicherheitsprüfung unterzogen (Atom-Moratorium). Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 14. März 2011, abgerufen am 25. März 2011. Die dafür verantwortliche Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) veröffentlichte am 16. Mai 2011 eine Stellungnahme, in der sie zu dem Schluss kam, dass deutsche Kernkraftwerke im Vergleich zum Kernkraftwerk in Fukushima besser auf Ereignisse wie Stromausfall und Hochwasser vorbereitet waren. Hinweise auf eine Notwendigkeit zur unverzüglichen Abschaltung deutscher Kernkraftwerke ergaben sich aus der Untersuchung nicht. Im deutschen Stresstest wurden konkret untersucht:

Naturbedingte Einwirkungen und Folgeereignisse Erdbeben Hochwasser „station blackout" (SBO) Langandauernder Notstromfall Ausfall Nebenkühlwasser Robustheit von Vorsorgemaßnahmen erschwerende Randbedingungen für die Durchführung von Notfallmaßnahmen Kernkühlung und Unterkritikalität Kühlung der Brennelemente in Nasslagerbecken Erhalt der Integrität des Sicherheitsbehälters und Begrenzung der Aktivitätsfreisetzung

Unter zivilisatorisch bedingten Ereignissen wurden untersucht Flugzeugabsturz Gasfreisetzung Explosionsdruckwelle brennbare Gase toxische Gase terroristische Einwirkungen Verletzung von vitalen Funktionen in Abhängigkeit vom Aufwand für die Zerstörung Angriffe von außen auf rechnerbasierte Steuerungen und Systeme

Dreifach gestaffelte Robustheitslevel bzw. -schutzgrade wurden den 17 deutschen Kernkraftwerken jeweils in den 6 Risikobereichen Erdbeben, Hochwasser, Station Blackout, Ausfall Nebenkühlwasser, Flugzeugabsturz thermisch und Flugzeugabsturz mechanisch zugeordnet. Im Risikobereich Erdbeben sahen diese beispielsweise folgendermaßen aus:

Basislevel: Die Sicherheit der Anlage ist für ein Erdbeben mit einer Überschreitungswahrscheinlichkeit nachgewiesen.