Sant’Anna di Stazzema ist ein Dorf (Fraktion, italienisch frazione) in der Toskana (Italien) in der Gemeinde Stazzema (Provinz Lucca). International wurde es durch ein von Truppen der Waffen-SS an der Zivilbevölkerung verübtes Massaker am 12. August 1944 bekannt. Auch dessen mangelhafte juristische Aufarbeitung in Italien und Deutschland wird als Skandal wahrgenommen. Es gab vermutlich etwa 560 Tote, darunter ca. 130 Kinder.

Geographie Sant’Anna liegt zwischen 600Von Wolken umgeben. Sant’Anna, Teil der Gemeinde Stazzema bei santannadistazzema.org, abgerufen am 13. Oktober 2013 und 650 HöhenmeternTouring Club Italiano: Toscana. Mailand 2003, ISBN 88-365-2767-1, S. 120. (Istituto Nazionale di Statistica) zu den statistischen Daten der Provinz Lucca, abgerufen am 11. Oktober 2012 (ital.) am Südrand der Apuanischen Alpen. Der Ort liegt 5 km südlich vom Hauptort und 24 km nordwestlich der Regionalhauptstadt Lucca. Das Dorf mit etwa 30 Einwohnern (Stand: 2006) ist nur von Süden her über eine Straße von Camaiore aus erreichbar, die sich als Panoramastraße über die Hügel der Versilia windet. Von den Nachbarorten Farnocchia (östlich), Capezzano (westlich) und Valdicastello (südwestlich) ist Sant’Anna über Saumpfade zu erreichen. Das Dorf ist ein „offenes Dorf“ ohne einen richtigen Ortskern. Um die kleine St.-Anna-Kirche aus dem 16. Jahrhundert gruppieren sich 17 über die Hügel verstreute Häuser, von denen jedes einen eigenen Namen hat. Umrahmt ist Sant’Anna von den Bergen Gabberi, Lieto, Rocca und Ornato.

Geschichte Sant’Anna hat seinen Ursprung als Hirtensiedlung im 16. Jahrhundert, als die umliegenden Hügel als Weideland von Farnocchia genutzt wurden. Über lange Zeit war die Landwirtschaft mit den Produkten Milch, Käse, Schweinemast, Kastanienmehl sowie Brennholzgewinnung und Holzkohleerzeugung die Haupterwerbsquelle. Ein weiteres wirtschaftliches Standbein bot der seit der Etruskerzeit und mit Unterbrechungen bis Ende der 1980er-Jahre in der Region betriebene Bergbau. Abgebaut wurden Pyrit, Kupferpyrit, Bleiglanz, Limonit, Magnetit, Hämatit sowie Baryt und Eisenerz. Zudem wurde in Kalköfen Kalk gebrannt.

Um 1750 zählte das Dorf 174 Einwohner in 30 Familien, 1784 dann 192 Einwohner. Das Steueraufkommen von Sant’Anna betrug 1784 gerade mal 150 Lire. In den 1930er-Jahren lebten an die 400 Menschen im Dorf. Auf Initiative des Carabinieri-Unteroffiziers Severino Bottari wurde eine Schule gebaut, die den bis dahin üblichen Heimunterricht ablöste. In der Schule wurden erstmals auch Mädchen unterrichtet, ihnen war zuvor die Schulbildung verwehrt worden. Das Schulhaus diente auch als Wohnung für den Lehrer, als Versammlungssaal für das Dorf und als Sanitätsstation.

Massaker Politische Ausgangslage Nachdem die Alliierten im Sommer 1944 die deutschen Streitkräfte an den Arno zurückgedrängt hatten und auf die dahinter liegende Gotenstellung drückten, befahlen die Deutschen der Bevölkerung von Sant’Anna di Stazzema, das bergige Gebiet zu räumen. Diesen Befehl befolgte die Bevölkerung nicht. Zum Widerstand rief auch die Resistenza auf, die sich durch das Zurückweichen der deutschen Truppen gestärkt sah.

In Sant’Anna di Stazzema mit seinen weit verstreuten Weilern und Bauernhöfen lebten in Friedenszeiten etwa 300 Personen. Im Verlauf des Krieges waren in die Berge zahlreiche Flüchtlinge vor den alliierten Bombenangriffen aus den nahen Küstengebieten geflohen. Ferner hielten sich dort auch Partisanen auf. Ein Teil der Bevölkerung sympathisierte mit ihnen und ein anderer Teil mit den italienischen Faschisten. Selbst die politisch unterschiedlich orientierten Partisanengruppierungen waren untereinander zerstritten. Erschwerend kam zu dieser Lage hinzu, dass sich auch geflohene Sträflinge aus dem Gefängnis von Massa sowie deutsche Deserteure bei den Partisanen um Sant’Anna di Stazzema aufhielten.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 217

Anfang August 1944 informierte ein bei den Partisanen sich als Deserteur ausgegebener Spitzel die Deutschen über die Lage in und um Sant’Anna. Darauf entschied man sich zu einem „Bandeneinsatz“ im Gebiet des südöstlich von Sant’Anna gelegenen Monte Gabberi und im Dorf Farnocchia. In dieser Operation fand man Farnocchia am 8. August 1944 verlassen vor. Der Ort wurde in Brand gesetzt. Am Monte Gabberi kam es zu Gefechten mit Partisanen, dabei fielen einige Partisanen und fünf Soldaten wurden verwundet. Daraufhin wurde ein erneuter und umfangreicherer Gegenschlag am 12. August 1944 vorbereitet.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 219

Beteiligtes Militär Ein Großteil der deutschen Kriegsverbrechen in Italien im Jahr 1944 wurde von Einheiten der 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ verübt, beispielsweise an den Massakern von Fivizzano, Marzabotto und Bergiola Foscalina. Der Historiker Carlo Gentile geht davon aus, dass die Anhäufung von Kriegsverbrechen dieser Division in ihrer besonderen Brutalität auf eine ideologische Fanatisierung und rassistische Einstellung gegenüber der Bevölkerung zurückzuführen ist, weil sich auf der Kaderebene Personen durchgesetzt hatten, die bereits vorher besonders brutalisierende Erfahrungen im Vernichtungskrieg gemacht und nicht nur einen flüchtigen Eindruck darin gewonnen hatten. Diesem Führungskader waren junge, wenig ausgebildete, unerfahrene und leicht zu beeinflussende Rekruten unterstellt, deren Lebenserfahrungen, Überzeugungen und Prägungen jederzeit in todbringende Aktionen umschlagen konnten.Carlo Gentile: Politische Soldaten. Die 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer-SS“ in Italien 1944. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken. Hrsg. v. Deutschen Historischen Institut in Rom (PDF online), 2001, S. 529–561, hier S. 555 f.

Beteiligt war mit Sicherheit das II. Bataillon des SS-Panzergrenadier-Regiments 35, geführt von SS-Hauptsturmführer Anton Galler. Dieses Regiment war am 5. August 1944 – wegen schwerer Verluste – aus der Front herausgelöst und wenige Kilometer von Stazzema stationiert worden. Die Kampfstärke betrug nur noch etwa 300 Mann und die Führungsebene war ausgedünnt. Die Beteiligung der 5., 6., 7. und 8. Kompanie des Regiments 35 ist nachgewiesen.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 218

Beteiligt könnten auch weitere Angehörige der 16. SS-Panzergrandier-Division gewesen sein, die im Raum Valdicastello Reparaturwerkstätten betrieben. Gleiches gilt auch für das SS-Feldersatz-Bataillon 16 der 16. SS-Panzergrenadier-Division, das im Raum Ripafratta, Valleccchia und Seravezza im Norden von Stazzema disloziert war.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 220

Angenommen wird, dass auch einige Kampfgruppen der Wehrmacht das Kampfgebiet absichern halfen, möglicherweise das Lehr-Bataillon der Gebirgsschule Mittenwald, ein Teil des Hochgebirgsjäger-Bataillon 3, das im Vezza-Tal lag.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 219

Es soll ferner eine Besprechung eines Gebirgsjäger-Leutnants mit dem SS-Obersturmbannführer Helmut Looß gegeben haben, den der Waffen-SS-General Max Simon als Divisionskommandeur der 16. SS-Panzergrandadier-Division mit der Partisanenbekämpfung im rückwärtigen Raum der Gotenstellung beauftragt hatte.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. 219/220

Durchführung Am Morgen des 12. August 1944 erreichten Kampftruppen Sant’Anna di Stazzema, die aus vier Richtungen den Ort einschlossen. Das II. Bataillon des SS-Panzergrenadier-Regiments 35 unter Führung von Galler bildete die Haupttruppe und kam aus der Richtung von Pietrasanta um 5:00 morgens in Sant’Anna an. Auf dem Weg dorthin zwangen sie die Einwohner der beiden Weiler Morconi und Argentiera, ihnen zu folgen.

Als die Kampfeinheiten ihre Ausgangspositionen erreicht hatten, schossen sie rote Leuchtraketen ab. Viele jüngere Männer flüchteten aus Sant’Anna, weil sie annahmen, dass dies das Zeichen für eine erzwungene Arbeiterrekrutierung war. Anschließend feuerten die Soldaten auf Fenster und Türen der Häuser von Vaccarceccia und trieben etwa 100 Menschen in Stallgebäude und hielten sie dort fest, darunter waren auch die Bewohner von Morconi und Argentiera. In diese Gebäude wurden Handgranaten geworfen und mit Handfeuerwaffen die darin befindlichen Zivilisten erschossen. Anschließend zündete die Waffen-SS die Leichen an. Gleiches geschah in Franchi und Colle.

In der Siedlung Coletti wurden weitere Menschen in den Häusern erschossen. 19 Menschen sollen nach Valdicastello gebracht werden. Auf dem Weg wurden sie in eine Mulde im Gelände gestellt und erschossen.

In Coletti trieben SS-Männer auf einem Bauernhof 22 Menschen zusammen und erschossen sie. Es waren ausschließlich Frauen und Kinder. Die Häuser von Coletti wurden in Brand gesetzt und die Leichen verbrannt.

Auf dem Platz vor der Dorfkirche von Sant’Anna fand die größte Erschießung von 120 bis 140 Menschen statt. Auf diesem Platz trieb die Waffen-SS die Einwohner von Sant’Anna, Pero und Vinci zusammen, baute zwei Maschinengewehre auf und schoss auf die Menschenmenge. Die Leichen wurden anschließend mit Benzin übergossen und angezündet. Um den Verbrennungsprozess zu beschleunigen, wurden Möbel und Holz aus den Häusern auf das Feuer geworfen.

Noch am Vormittag verließen die Truppen den Ort, den sie auch geplündert hatten. Gegen 13:00 Uhr erreichten sie Valdicastello. 14 Personen, die auf diesem Weg für sie Gegenstände tragen mussten, wurden dort erschossen. Im Anschluss daran wurden die 260 Personen, die bis dorthin gebracht worden waren, in zwei Gruppen aufgeteilt. 200 brachte man nach Lucca, die anschließend zum Arbeitseinsatz nach Deutschland transportiert wurden. 60 Männer brachte man ins Divisions-Sammellager nach Nozzano, wo sie vernommen werden sollten. Dort wurden sie drangsaliert und gefoltert. Die 60 Zivilisten hatte ein deutscher Deserteur der Wehrmacht als Helfer der SS-Männer aussortiert. Er hatte sich mit den Partisanen in den Bergen aufgehalten und war von der Waffen-SS verhaftet worden. Von den 60 Männern wurden 53 im späteren Verlauf des Massakers von Bardine di San Terenzo in einer sogenannten Vergeltungsmaßnahme für Partisanenangriffe erschossen.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 220–227

Das Verhalten des deutschen Militärs im Verlauf des dreistündigen Massakers war in einigen Fällen derart widersprüchlich, dass es kaum erklärbar ist. Es scheint so zu sein, dass die östlich gelegenen Weiler und Bauernhöfe von den Massakern ausgenommen waren. In Merli befahlen die Soldaten gefangenen Zivilisten zum Sammelplatz nach Valdicastello zu gehen, der für die Zivilisten vorgesehen war. Ein Soldat eskortierte sie und erschoss sie nicht, sondern über ihre Köpfe hinweg. In Colle befahlen Soldaten Zivilisten den Weg zum Sammelplatz einzuschlagen, als sie jedoch an einer anderen Kompanie vorbeimarschierten, wurden sie von dieser erschossen.Carlo Gentile: Wehrmacht und Waffen-SS im Partisanenkrieg: Italien 1943–1945. Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-76520-8. S. 224

Opferzahl