Medizintheorie oder Theorie der Medizin bezeichnet allgemein den Versuch, die Medizin auf philosophisch-theoretischem Niveau zu reflektieren. Seltener verwendete Begriffe dafür sind auch Philosophie der Medizin oder Iatrologie ().
Sie beschäftigt sich mit den ontologischen, erkenntnistheoretischen, methodologischen, begrifflichen und sprachlichen Grundlagen und Fragestellungen der Medizin in der Forschung und Praxis. In einem weiteren Sinn gehören zur Medizintheorie auch die Gebiete der praktischen Philosophie mit der Medizinethik, handlungstheoretischen Themen und Teilen der Bioethik.
Obwohl die Grundfragen der Medizin schon immer in der Philosophie thematisiert wurden – und umgekehrt – besteht ein größeres Interesse an einer systematischen Reflexion erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts etabliert sich die Medizintheorie als Teilgebiet der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen und Anfang des 20. Jahrhunderts als eigenständiges philosophisches Fach etablierte WissenschaftstheorieJosef N. Neumann: Medizintheorie. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 957. mit eigenständigen Themen und Fragestellungen. Eine allgemein anerkannte Definition und Abgrenzung der Medizintheorie hat sich noch nicht durchgesetzt. Unterschiedliche Ansichten bestehen dabei über die Themen und Inhalte, die Methoden und den Stellenwert der Medizintheorie innerhalb der Philosophie und der Medizin. Dabei befinden sich weite Teile der Medizin in einem wissenschaftstheoretischen Reflexionsdefizit.
Aktuelle medizintheoretische Diskussionen und Veröffentlichungen beschränken sich fast ausschließlich auf die sogenannte westliche Medizin, sowie ihre Tradition, Pluralität und Weiterentwicklung.
Medizin und Philosophie
Die Medizintheorie thematisiert in mehrfacher Hinsicht die Sonderstellung der Medizin. So kann die medizinische Praxis als idiosynkratische (den Einzelfall betreffende) Heilkunst oder als nomologische (gesetzmäßige) Wissenschaft beschrieben werden. Zwar können allgemeine Gesetze und Regeln gebildet werden, aber die praktische Anwendung bezieht sich immer auf einen spezifischen Einzelfall. Weiterhin gehört die Humanmedizin zu den anthropologischen Wissenschaften, in denen der Mensch gleichzeitig Subjekt und Objekt der Betrachtung ist. Somit werden neben dem naturwissenschaftlichen Paradigma auch subjektivistische Erkenntnisweisen und Methoden in der Medizintheorie diskutiert. Da zur Humanmedizin viele existentielle Lebenserscheinungen wie Geburt, Krankheit, Leiden und Tod gehören, waren auch Wert-, Sinn- und Ethikfragen schon immer Inhalt jeder philosophischen Reflexion zur Medizin. Im Sinne des positivistischen Drei-Stadien-Gesetzes wurden ab dem 19. Jahrhundert allerdings viele weltanschaulichen Fragestellungen verdrängt.Dietrich von Engelhardt, Heinrich Schipperges: Die innere Verbindung zwischen Philosophie und Medizin im 20. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, S. 19. Zu weiteren Themenfeldern, die sowohl Gegenstand der Medizin als auch der Philosophie sind, gehören das Bewusstsein, das Verhältnis von Körper und Psyche, Wahrnehmung und Sprache.
Jede Heilkunde benötigt im Umgang mit kranken und leidenden Menschen ein besonders hohes Maß an Rechtfertigung und Legitimation ihrer therapeutischen Handlung. Diese erfolgt einerseits durch gesellschaftliche und politische Akzeptanz. Eine sorgfältige Rückführung auf ihre wissenschaftstheoretische Grundlagen durch die Medizintheorie soll diese Akzeptanz weiter erhöhen. Der Fokus auf den therapeutischen Handlungsaspekt in der Medizin hat aber auch zur Folge, dass ihre theoretischen Grundlagen nicht frei von Mängeln sein müssen, um trotzdem eine gute Heilkunst zu praktizieren.Wolfgang Wieland: Diagnose. Überlegungen zur Medizintheorie. Berlin 1975, S. 88f.
Vertreter einer kulturrelativistischen Medizinkonzeption betonen, dass die grundsätzliche Einstellung einer Gesellschaft und Kultur zu Krankheit, zu Gebrechlichkeit und Tod und zu ihrem Umgang damit auch die Ausprägungen sowie die Erkenntnis- und Handlungsweisen ihrer Heilkunde beeinflusst. Todesvorstellungen und Krankheitskonzepte bestimmen den Umgang der Menschen mit Krankheit und Tod und die Intensität, mit der in einer Gesellschaft um Gesundheit und Überleben des einzelnen Menschen gekämpft wird, und den ökonomischen Preis, den sie dafür zu zahlen bereit ist. Während beispielsweise in der griechischen Antike und im christlichen Mittelalter der individuelle Tod im Verhältnis zu Gemeinschaft, seelischem Heil und ewigem Leben stand, ist es in der säkularen Neuzeit zu einem weitgehenden Verlust der Thanatologie (Wissenschaft vom Tod und vom Sterben), zu einer Individualisierung des Sterbens und der Todesrituale sowie zu einer Tabuisierung von Todesvorstellungen gekommen.Dietrich von Engelhardt, Heinrich Schipperges: Die innere Verbindung zwischen Philosophie und Medizin im 20. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, S. 25ff insb. S. 27.
Große Themenbereiche, die sich zwischen der Philosophie und Medizin überschneiden, können auch unter dem Leib-Seele-Problem oder dem Naturbegriff diskutiert werden. Beispielsweise stimmen Vertreter eines substanzdualistischen Ansatzes (Materie und Geist existieren selbstständig) Lebensverlängerungen nicht um jeden Preis zu oder sie versuchen eine körperliche Krankheit mit rein geistig-seelischen Therapieformen zu heilen. Im 19. und 20. Jahrhundert hat sich in der westlichen Welt sowohl in der Philosophie als auch in der Medizin weitgehend der materialistische Monismus durchgesetzt. Damit sind aber mehrere ungelöste Probleme verbunden, wie die Frage nach der Naturalisierung intentionaler und phänomenaler Zustände.
Philosophie der Medizin Welche Rolle die Philosophie der Medizin genau im akademischen Bereich einnehmen soll, ist Teil der Diskussionen in der Medizintheorie. Am verbreitetsten ist eine Definition, die sich schon in den 1980er Jahren etabliert hat, wonach die Philosophie Methoden bereitstellen soll, um philosophische Themen in der Medizin zu artikulieren, zu klären und kritisch zu hinterfragen (E. D. Pellegrino, D. Thomasma, 1981)James A. Marcum: An Indroductory Philosophy of Medicine. Springer, 2008, S. 3. Dagegen verneint Arthur Caplan Anfang der 1990er Jahre die eigenständige Existenz eines solchen Fachgebietes wegen einer noch fehlenden Verbundenheit zu anderen Fachgebieten und einem ebenso fehlenden festen Themenkern aus Standardwerken und Aufgabenstellungen. Ein Streitthema ist die Frage, ob die Philosophie der Medizin thematisch eng oder weit gefasst werden soll. So sieht Edmund D. Pellegrino die Gefahr, dass das Fachgebiet mit einer weiten Definition seine Identität verliert, und plädiert für eine Medizintheorie, die als Hilfswissenschaft der etablierten Medizin und ihrer Methoden fungiert. Dagegen fordert Kenneth Schaffner die Einbeziehung aller philosophischen Themen, die eine Beziehung zur Medizin haben, wobei sowohl naturwissenschaftliche als auch humanwissenschaftliche Themen behandelt werden sollen.
Medizinische Philosophie Vereinzelt wird auch eine medizinische Philosophie (oder „klinische Philosophie“ bei Karl Hermann Spitzy) als ärztliche Praxis vorgeschlagen. Grundlage dabei ist im Wesentlichen eine Diätetik, eine Lehre über eine Lebensführung, die zur Gesunderhaltung und zur Heilung beiträgt. In der griechischen Antike umfasste eine diätetische Lebensführung Regeln sowohl für eine körperlich als auch für eine seelisch gesunde Lebensweise. Neben der Ernährung und (sportlichen) Bewegung wurde auch eine sittliche Lebensführung vorgeschrieben. Arthur Schopenhauer griff diese diätetischen Elemente wieder auf. Die Mäßigung aller Leidenschaften soll nach seiner Auffassung – neben körperlichen Übungen – die Leiden und Schmerzen im Leben reduzieren. Friedrich Nietzsche stellt dagegen die „große Gesundheit“ in den Mittelpunkt seiner medizinischen Philosophie. Wer demnach die Krankheit als natürlichen Teil des Lebens annehmen kann und den Sinn darin erkennt, der erlebe gesteigerte Vitalität, Heilungskräfte und Lebensfreude. Dagegen sieht Nietzsche keinen Grund und keine Möglichkeit Krankheit genauer zu definieren und zu bekämpfen sowie Gesundheit zu erstreben. Allen Ansätzen einer „medizinischen Philosophie“ gemeinsam ist die Forderung nach Selbsterkenntnis und Selbstverantwortung.
Der wissenschaftstheoretische Status der Medizin mini|Joseph Dietl (1844)
Die fehlende allgemeine und verbindliche Definition eines Wissenschaftsbegriffes macht sich besonders in der Bewertung der vielfältigen medizinischen Theorie und Praxis bemerkbar. Schon in der Antike wurde gestritten, ob die Medizin eine Wissenschaft oder Kunst ist. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gelangten vermehrt Erkenntnisse und Methoden aus den Naturwissenschaften in die ärztliche Praxis.
Um die beginnende naturwissenschaftliche und positivistische Orientierung der Medizin gegenüber anderen Medizinkonzepten abzugrenzen, schrieb Joseph Dietl:
Von den 1840er Jahren an wird die Medizin immer häufiger als Wissenschaft bezeichnet.Ungefähr zur selben Zeit (1844) erscheint Elisha Bartletts Essay on the Philosophy of Medical Science, welches als erstes medizintheoretisches Werk nach heutiger Vorstellung gilt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein viel zitierter Satz des Pathologen Bernhard Naunyn berühmt, der im Streit um den Status der Medizin feststellte:
Damit grenzte er die Medizin von der Heilkunst ab. Allerdings gilt für Naunyn auch weiterhin das Primat der Heilung vor dem Erkenntnisgewinn und der Humanität vor einer naturwissenschaftlichen Praxis.Dietrich von Engelhardt, Heinrich Schipperges: Die innere Verbindung zwischen Philosophie und Medizin im 20. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, S. 122.
mini|William Osler (1881) Meist gilt die moderne Medizin heute trotz ihrer Nähe zu den Naturwissenschaften selbst nicht als Naturwissenschaft. So unterliegt jede rationale Begründung einer therapeutischen Handlung, also die Anwendung einer Regel auf einen Einzelfall, der Urteilskraft. Dies ist aber ein wesentlicher Unterschied zur Naturwissenschaft, die allgemeine Regeln gewinnt und in Abhängigkeit stellt. Dagegen wird die Medizin schon häufiger als angewandte Wissenschaft bezeichnet, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden auf den kranken Menschen anwendet. Allgemeine wissenschaftliche Erkenntnis wird danach in eine konkrete Entscheidung und eine reale Handlung überführt.