Der Stadtbezirk Sennestadt im Südosten der kreisfreien Stadt Bielefeld in Nordrhein-Westfalen hat etwa 22.000 Einwohner und fällt durch die städtebauliche Besonderheit auf.

Die Großwohnsiedlung Sennestadt entstand von 1956 bis um 1965 in der Heide- und Wiesenlandschaft der ehemaligen Gemeinde Senne II als Planstadt nach den Entwürfen des Stadtplaners Hans Bernhard Reichow, vornehmlich für Heimatvertriebene und Flüchtlinge. Damals als autogerechte Stadt konzipiert, gewann das zwischenzeitlich kritisierte Konzept einer „organischen Stadtbaukunst“ wieder Aktualität. Gleichwohl gilt das Konzept der Sennestadt in einigen Punkten als überholt.

Geographie Geographische Lage Sennestadt liegt am Nordrand der Senne. Der Stadtbezirk wird im Norden durch den Hauptkamm des Teutoburger Waldes und im Westen durch die Autobahn 2 begrenzt. Eine natürliche Grenze zum Kreis Lippe im Osten bildet der Menkhauser Bach. Hier verlief schon im Mittelalter die Grenze zwischen der Grafschaft Ravensberg und dem Fürstentum Lippe. Weitere Bäche wie die Dalke, der Strothbach, der Sprungbach und der Hasselbach entwässern das Gebiet dem natürlichen Gefälle folgend in südwestlicher Richtung zur Ems hin. Das Landschaftsbild ist zum Teil von Sanddünen geprägt. Seit dem 19. Jahrhundert sind zunehmend die bewaldeten Waldbereiche Sennestadts als Schutzzonen zur Trinkwassergewinnung ausgewiesen worden.

Ausdehnung des Stadtbezirks Der westlichste und der östlichste Punkt des Stadtbezirks Sennestadt liegen etwa neun Kilometer Luftlinie auseinander. Die größte Ausdehnung im rechten Winkel auf diese Linie beträgt etwa vier Kilometer. Der höchste Punkt liegt auf der Bergkuppe Auf dem Polle mit .

Nachbarorte Die A 2 bildet die Grenze zum Stadtbezirk Senne und der Hauptkamm des Teutoburger Waldes die Grenze zum Stieghorster Ortsteil Lämershagen-Gräfinghagen. Im Süden grenzt der Kreis Gütersloh mit der Stadt Verl und dem Stadtteil Schloß Holte der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock an. Jenseits der Grenze zum Kreis Lippe im Osten liegt der Oerlinghausener Ortsteil Lipperreihe.

Der Ort, an dem heute Bielefeld sowie die Kreise Gütersloh und Lippe aneinandergrenzen, war früher ein sog. Vierländereck. Historische Grenzsteine erinnern heute noch daran, dass hier die Grafschaft Ravensberg, die Grafschaft (später Fürstentum) Lippe, des Hochstift Paderborn und die Grafschaft Rietberg aneinandergrenzten.

Gliederung des Stadtbezirkes Den Kern des Stadtbezirks bildet die eigentliche, von Reichow konzipierte „Sennestadt“. Daneben existieren die Ortsteile Dalbke, Heideblümchen und Eckardtsheim.

Klima mini|Klimadiagramm: Durchschnittliche Regenmenge in Sennestadt (blaue Linie) und im NRW-Durchschnitt (weiße Linie) 1961–1990 Der Stadtbezirk Sennestadt liegt in der gemäßigten Klimazone Mitteleuropas. Durch den Einfluss des atlantischen Seeklimas sind die Winter meist mild und die Sommer mäßig warm. Ganzjährig herrscht ein feuchtes Klima mit relativ gleich verteilten Niederschlägen vor. Insgesamt fallen im langjährigen Mittel an der Station Sennestadt 901 mm Niederschlag je Jahr, deutlich mehr als im deutschen Mittel (700 mm).

→ Siehe auch: Klima in Ostwestfalen-Lippe

Geschichte Heepen-Senne Das Gebiet des heutigen Stadtbezirks hieß ursprünglich Heepen-Senne (auch Heepensenne oder Heeper Senne) und gehörte zur Grafschaft Ravensberg, die 1346 an die Grafschaft Berg (ab 1423 Jülich-Berg) fiel. Mit dieser kam das Gebiet mit dem Jülich-Klevischen Erbfolgestreit 1609 vorläufig und als Folge des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1647 endgültig zu Brandenburg. 1719 wurde die Grafschaft Ravensberg mit dem Fürstentum Minden zur Verwaltungseinheit Minden-Ravensberg mit Sitz in Minden zusammengelegt. In Minden-Ravensberg gehörte Heepen-Senne zur Vogtei Heepen im Amt Sparrenberg der Grafschaft Ravensberg.

Heepen-Senne war eine typische ravensbergische Streusiedlung ohne eigentlichen Dorfkern. Die Höfe in Heepen-Senne gehörten kirchlich überwiegend zur evangelischen Pfarre Oerlinghausen, obwohl Oerlinghausen selbst seit jeher zum Fürstentum Lippe gehörte.

Als Preußen 1807 alle linkselbischen Gebiete abtreten musste, wurde aus der ravensbergischen Vogtei Heepen der Kanton Heepen, der zum Distrikt Bielefeld im Departement der Weser des Königreichs Westphalen gehörte. Zur Verwaltungsvereinfachung wurde Heepen-Senne, das vom Rest des Kantons Heepen durch den Teutoburger Wald getrennt war, durch Erlass des Königs von Westphalen 1812 in den Kanton Brackwede umgegliedert.

Senne II Nach dem Ende der Franzosenzeit fiel Minden-Ravensberg 1813 wieder an Preußen zurück. Heepen-Senne verblieb unter der Verwaltung von Brackwede. Da in der alten Vogtei Brackwede bereits eine Bauerschaft Senne existierte, wurde die Brackweder Senne nunmehr Senne I und Heepen-Senne Senne II genannt. Innerhalb der Provinz Westfalen gehörte Senne II nun zum Regierungsbezirk Minden und ab 1816 zum neugebildeten Kreis Bielefeld.

Das Industriezeitalter hielt in Senne II Einzug mit einer Papierfabrik, die Friedrich Ludwig Tenge 1832 am Menkebach errichten ließ. 1884 wurde mit dem Eisenwerk Schilling eine Eisenhütte und 1903 das Sägewerk Tellenbröker gegründet. 1940 siedelte sich in Senne II die Gießerei Tweer an. Seit 1901 war Senne II durch den Bahnhof Kracks an der Bahnstrecke Bielefeld–Paderborn auch mit dem deutschen Eisenbahnnetz verbunden.

Senne II gehörte noch bis 1855 zur Pfarre Oerlinghausen, dann zur Pfarre Ubbedissen und wurde 1882 schließlich eine eigenständige Pfarrgemeinde. Planstadt Sennestadt Vorgeschichte Die Wohnungsnot der Nachkriegszeit war auch im Raum Bielefeld groß. In einem Bericht des Bielefelder Wohnungsamts 1952 wurde vermerkt: „Wir haben heute 33.753 Einwohner mehr, aber 791 Wohnungen weniger als vor dem Krieg.“ Viele Menschen lebten noch immer in Barackensiedlungen und anderen Notunterkünften. In der Kernstadt gab es zu wenig Bauland, daher fiel der Blick der politisch Verantwortlichen auf das Gebiet der Siedlung Senne 2, wo sandiger, ertragsarmer Boden für landwirtschaftliche Nutzungen nicht dienlich war. Am 1. April 1953 tagte erstmals ein gemeinsamer Ausschuss von Stadt und Landkreis mit dem Ziel, eine Wohnungsgroßsiedlung für rund elftausend Menschen vor der Stadt zu errichten. Dafür wurde noch im selben Jahr die Kommunale Arbeitsgemeinschaft Bielefeld-Stadt und -Land GmbH gegründet, die mit der Trägerschaft für diese Siedlung betraut wurde. Neben Stadt und Landkreis Bielefeld war auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe Gesellschafter.https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2015/07/01/01072015/. Abgerufen am 26. September 2025. Wettbewerb Das Gremium beschloss, einen Wettbewerb für das Bauprojekt auszuschreiben, aus dem der Vorschlag des Architekten Reichow als Sieger hervorging. mini|Sennestadt im Jahr 1961 mini|Sennestadt im Jahr 1961 Realisierung Am 15. Februar 1956 gründeten der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der Kreis Bielefeld und die Gemeinde Senne II die Sennestadt GmbH, um die preisgekrönten Pläne des Architekten und Stadtplaners Hans Bernhard Reichow zu realisieren. Ziel war, „auf der grünen Wiese“ die neue Großsiedlung vor allem für Flüchtlinge und Vertriebene zu bauen. Die Ideen und der Entwurf Reichows basierten auf einer von ihm propagierten „organischen Stadtbaukunst“.Hans Bernhard Reichow: Organische Baukunst. Georg Westermann, Braunschweig 1949 Einer den Gesetzen der Natur abgeleiteten Form des Städtebaus, die nach einer aufgelockerten, durchgrünten und menschenwürdigen Stadt strebte. Dabei wird die Stadtlandschaft aus den geo- und topografischen Bedingungen des Landschaftsraums heraus entwickelt – Im Fall der Sennestadt aus dem Landschaftsschutzgebiet des Bullerbachtals sowie einer für den nahen Autobahnbau ausgehobenen Kiesgrube im Norden des Planungsgebietes. Als landschaftlicher Hintergrund diente Reichow der Teutoburger Wald.Elke Sohn: Zum Begriff der Natur in Stadtkonzepten anhand der Beiträge von Hans Bernhard Reichow, Walter Schwagenscheidt und Hans Scharoun zum Wiederaufbau nach 1945. LIT-Verlag, Münster 2008, ISBN 978-3-8258-9748-2 Die Sennestadt GmbH übernahm den notwendigen Grunderwerb von rund 400 Hektar Fläche, stellte die finanziellen Mittel bereit, erschloss die Flächen und veräußerte sie an Investoren und Bauwillige. Die ersten Wohnungen wurden 1958 bezogen und bis zur Mitte der 1960er-Jahre war die neue Großsiedlung im Wesentlichen fertiggestellt. Zu Reichows städtebaulichem Konzept gehörte die Ablehnung von Straßenkreuzungen zugunsten schiefwinkliger T-Kreuzungen, die die Hauptverkehrsrichtungen begünstigen sollten. Ohne Regelung durch Verkehrszeichen sollte eigentlich die jeweils durchgehende Straße (der Balken des T) Vorfahrt haben. Stattdessen galt einige Jahre lang in der ganzen Stadt „rechts vor links“. Später wurden allerdings die Hauptstraßen in Sennestadt als normale Vorfahrtsstraßen ausgeschildert.

Stadt Sennestadt Aus der zum Amt Brackwede gehörenden Gemeinde „Senne II“ wurde mit Urkunde vom 27. April 1965 die Stadt Sennestadt. Amtlich wurde die Umbenennung am 14. Mai 1965. Mit dem Gesetz zur Neugliederung des Kreises Wiedenbrück und von Teilen des Kreises Bielefeld wurden die kommunalen Verhältnisse im Raum Sennestadt zum 1. Januar 1970 neu geordnet. Sennestadt wurde amtsfrei und Rechtsnachfolger des aufgelösten Amtes Brackwede. Gleichzeitig wurde das direkt an Eckardtsheim grenzende Gebiet der Kolonie Wilhelmsdorf aus der zum Kreis Wiedenbrück gehörenden Gemeinde Sende nach Sennestadt umgemeindet.

Im Rahmen der kommunalen Neugliederung des Raumes Bielefeld wurde Sennestadt am 1. Januar 1973 nach Bielefeld eingemeindet. Gegen die Eingemeindung gab es in Sennestadt erheblichen Widerstand. Die juristischen Einwendungen bis hin zum Verfassungsgericht gegen die im Bielefeld-Gesetz festgeschriebene Gebietsreform blieben jedoch erfolglos.

Stadtbezirk Sennestadt In der vergrößerten Stadt Bielefeld wurde der Stadtbezirk Sennestadt eingerichtet, bestehend aus dem Gebiet der Stadt Sennestadt ohne die Gebiete westlich der Autobahn A2 den Gebietsteilen von Senne I, die östlich der Autobahn 2 lagen den Gebietsteilen von Lämershagen-Gräfinghagen, die südlich des Hauptkamms des Teutoburger Waldes lagen.

Seit 1973 ist die Stadt Bielefeld alleinige Gesellschafterin der Sennestadt GmbH.

Einwohnerentwicklung mini|400px|Einwohnerentwicklung von Sennestadt von 1812 bis 2015 nach nebenstehender Tabelle

Jahr Einwohner Quelle 1799 612 1812 858 1843 1.129 1864 1.026 1885 963 1910 1.597 1925 1.823 1939 2.521 1946 4.032 Volkszählung 1946 1961 14.413 1966 18.245 1970 20.187 1972 22.074 2010 20.929 2013 21.020 2015 21.237 2019 21.976 2021 22.200 Statistikstelle der Stadt Bielefeld, Bevölkerung nach Stadtbezirken am 31. Dez. 2021 2022 22.472 Statistikstelle der Stadt Bielefeld, Bevölkerung nach Stadtbezirken 2023 22.415 Statistikstelle der Stadt Bielefeld, Bevölkerung nach Stadtbezirken 2024 22.613 Stadt Bielefeld: Demographie und statistische Gebietsgliederung

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