mini|Éric Zemmour, 2022120px|class=notpageimage skin-invert-image|zentriert Éric Zemmour (* 31. August 1958 in Montreuil bei Paris) ist ein rechtsextremer französischer Politiker, Journalist und Autor sowie Vorsitzender der von ihm gegründeten Kleinpartei Reconquête. Er thematisiert in polemischer Weise vor allem die Sicherheits- und die Migrationspolitik und wurde mehrfach wegen Aufrufs zu rassistischer Diskriminierung rechtskräftig verurteilt. Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 schied er nach dem ersten Wahlgang aus.

Leben Herkunft und Ausbildung Éric Zemmour wurde 1958 in Montreuil bei Paris als Sohn von Roger und Lucette Zemmour in eine jüdische Familie mit algerischem Migrationshintergrund geboren, die 1952 nach Frankreich gekommen war. Die französische Staatsangehörigkeit seiner Familie geht auf das Décret Crémieux von 1870 zurück. Ein Onkel Zemmours wurde im Zweiten Weltkrieg deportiert. Seiner Familie wurde unter dem Vichy-Regime zeitweise die französische Staatsangehörigkeit entzogen. Er besuchte Schulen der jüdischen Organisationen Lucien-de-Hirsch und Yavné. Nach dem Abschluss des Studiums am Institut d’études politiques de Paris scheiterten zwei Versuche Zemmours, in die École nationale d’administration (ENA) aufgenommen zu werden.

Laufbahn als Journalist Zemmour arbeitete zunächst beim Quotidien de Paris. Später kam er zu Info-Matin und schrieb für Globe Hebdo, ein wöchentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin. 1996 wurde er politischer Kolumnist der konservativen Tageszeitung Le Figaro (bis 2009). Danach arbeitete Zemmour als Kolumnist des französischen Rundfunksenders RTL und wirkte wöchentlich an der populären Samstagabend-Talkshow des öffentlich-rechtlichen TV-Senders France 2, On n’est pas couché, mit. Von 2019 bis September 2021 moderierte er eine wöchentliche Sendung auf CNews (früher i-Télé).Serge Halimi: Rendezvous mit einem Brandstifter. In: Le Monde diplomatique. 7. November 2019 (Halimi ist Direktor der Hauptausgabe in Paris). Zemmour schrieb außerdem Biografien über Jacques Chirac und Édouard Balladur und einige politische Essays. Er ist in seinen Ansichten von Jacques Bainville beeinflusst.

Politik und Präsidentschaftskandidatur Zemmours polemische Stellungnahmen machten ihn zeitweilig zu einem umworbenen Stichwortgeber der konservativen Partei Les Républicains. 2019 wurden ihm Angebote angetragen, sich als Kandidat bei den Wahlen zum Europäischen Parlament aufstellen zu lassen, die er ausschlug. Seit 2020 galt Zemmour als möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2022. Nachdem seine mögliche Kandidatur bekannt geworden war, beendete CNews im September 2021 die Zusammenarbeit mit Zemmour. Ende November 2021 erklärte er schließlich offiziell seine Kandidatur für die im April 2022 stattfindende Wahl. Nach einer IFOP-Umfrage von Mitte März 2022 lagen seine Umfragewerte bei 13 % hinter Marine Le Pen (17,5 %), die eine ähnliche Wählerschaft wie er anspricht, und dem derzeitigen Staatspräsidenten, Emmanuel Macron (30 %); unmittelbar hinter ihm lagen zu diesem Zeitpunkt der Linke Jean-Luc Mélenchon (12,5 %) und die Konservative Valérie Pécresse (10,5 %).https://www.ifop.com/presidentielle-2022/, abgerufen am 18. März 2022. Zeitweilig hatte Zemmour mit Le Pen und Pécresse gleichauf gelegen, jedoch in allen Umfragen hinter Macron. Im Wahlkampf stützte sich Zemmour stark auf die Verschwörungstheorie vom Großen Austausch, wonach ein Plan der weltweiten Eliten bestehe, Europa von Arabern bzw. Muslimen kolonisieren und islamisieren zu lassen.Aude Mazoue: Le »grand remplacement« ou la machine à fantasmes de l'extrême droite. france24.com, 14. Februar 2022. Zemmours zum Wahlkampf erschienenes Buch La France n’a pas dit son dernier mot (Frankreich hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen) wurde zum meistverkauften Politikerbuch aller Kandidaten (knapp 300.000 verkaufte Exemplare).

Unterstützt wurde Zemmour unter anderem von Paul-Marie Coûteaux, der katholisch-konservativen Kleinpartei VIA, la voie du peuple und ehemaligen Wählern des Rassemblement National. Auch die noch als royalistische Splittergruppe bestehende Action française hat Zemmour Gefolgschaft versprochen. Seine Sichtweise nimmt das Magazin Valeurs Actuelles ein. Um ihn hat sich ein Unterstützungslager aus rechtsgerichteten Staats- und Wirtschaftsvertretern gebildet, die einerseits die Partei Les Républicains stärker rechts positionieren, andererseits eine Wahl Marine Le Pens verhindern wollen. Zu ihnen zählen Pierre Brochand, Henri Proglio, Vincent Bolloré und Loïk Le Floch-Prigent. Der Letztgenannte hat Verbindungen zu der seit den späten 1960er Jahren bestehenden rechten Denkfabrik GRECE, der Erstgenannte steht der Fondation Res Publica nahe. Zeitweise erhielt Zemmour auch Zuspruch von Jean-Marie Le Pen, dem Vater Marine Le Pens und ehemaligen Vorsitzenden des Front National.Astrid de Villaines: Jean-Marie Le Pen préfère finalement sa fille à Zemmour, "pas à la hauteur". In: Huffington Post, 17. November 2021, abgerufen am 18. November 2021. Zemmour hat die Partei Reconquête (französisch für Reconquista, wörtlich übersetzt: Rückeroberung) und eine Jugendorganisation, die Gruppe Génération Z, gegründet. Der Journalist Vincent Bresson veröffentlichte im Februar 2022 ein Buch über seine zeitweilige Mitarbeit in der Gruppe. Darin beschreibt er die koordinierten Versuche von Anhängern Zemmours, Einfluss auf Soziale Medien und die französischsprachige Wikipedia zu nehmen, um, wie Bresson einen Wikipedia-Administrator zitiert, „Minderheitsmeinungen als Mehrheitsmeinungen auszugeben“.

Bei der Wahl am 10. April 2022 schied Zemmour im ersten Wahlgang mit knapp über 7 % der abgegebenen Stimmen aus dem weiteren Rennen aus. In der Wahlnacht gab er seinen Anhängern eine Wahlempfehlung für die rechtsradikale Marine Le Pen ab, die in der Stichwahl am 24. April 2022 gegen Macron antrat.

Im September 2026 kündigte Zemmour an, bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2027 antreten zu wollen. Beobachter werteten dies wegen Überschneidung in der Wählerschaft vor allem als Gefahr für die Kandidatin des Rassemblement National, Marine Le Pen.

Privatleben Zemmour ist mit Mylène Chichportich verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne und eine Tochter. Nach eigenen Angaben gegenüber dem Magazin Le Point von 2014 hält Zemmour (zuhause) koschere Küche und geht an hohen Feiertagen gelegentlich in die Synagoge, über seine Religionszugehörigkeit äußert er sich selten. Freunde haben ihn als traditionalistisch (nicht orthodox) bezeichnet. Im Sender i24 News gab er an, kein Zionist zu sein, wenn dies bedeute, dass alle Juden in Israel leben und im jüdischen Volk vereint sein sollten, vielmehr sei er „Mitglied des französischen Volkes“. Seine Frau hat sich aus Sorge um die Kinder gegen eine Präsidentschaftskandidatur ihres Ehemannes ausgesprochen.

Seit November 2021 ist Zemmour mit der gleichgesinnten Politikerin Sarah Knafo (* 24. April 1993) liiert. Die Regenbogenpresse berichtete von deren Schwangerschaft; Zemmour ging gegen die Veröffentlichung dieser Berichte gerichtlich vor.Aziz Zemouri: Éric Zemmour assigne « Closer » qui révèle la grossesse de sa conseillère. In: Le Point. 25. November 2021.

Politische Positionen und Behauptungen Zemmour gilt als einer der bekanntesten Exponenten der islamkritischen bis islamfeindlichen und frauenfeindlichen sowie geschichtsrevisionistischen Rechten in Frankreich. Er sorgte wiederholt mit Äußerungen über arabische und schwarze Einwanderer für Aufsehen.Sascha Lehnartz: „Drogenhändler sind meist Schwarze oder Araber“. In: Die Welt. 14. Januar 2011. Weiteres Aufsehen erregte seine sarkastische These, man müsse Molenbeek bei Brüssel bombardieren, wenn man die Terroristen treffen wolle, und nicht Rakka im fernen Syrien.Andres Wysling: Intellektuelle im Krieg. In: Neue Zürcher Zeitung. 7. Januar 2016. Am Tag seiner Kandidatur erklärte Zemmour, keinen Unterschied mehr zwischen Islam und Islamismus machen zu wollen; beides sei für ihn dasselbe.Britta Sandberg: Der Sprengmeister. In: Der Spiegel. 49/2021, S. 98. Die Ermordung des Lehrers Samuel Paty hat er ebenfalls polemisch verarbeitet. Der Historiker Gérard Noiriel zog 2019 einen Vergleich zwischen dem offen antiislamischen Zemmour und dem Antisemiten Édouard Drumont (1844–1917) und dessen Buch La France Juive. Beiden attestiert er strukturelle Analogien in ihrer Art, hasserfüllte Polemiken in die Öffentlichkeit zu tragen.

Den Feminismus bezeichnete Zemmour als „Vernichtungskrieg“ gegen den weißen heterosexuellen Mann, die Parität von Frauen und Männern, eine „positive Diskriminierung“, will er abschaffen.Salomé Vincendon: Éric Zemmour se dit „contre toute discrimination positive, donc contre la parité“, BFMTV, 18. Oktober 2021. Zemmour behauptet, noch nie eine Frau getroffen zu haben, die intelligenter gewesen sei als er und beklagt eine Entmännlichung („dévirilisation“) der Männer. In der Familienpolitik fordert er, dass das Gesetz Eltern zur Wahl „französischer Vornamen“ verpflichtet. Er ist jedoch kein Abtreibungsgegner. Die französische Sprache sieht er durch die Einwanderung von Maghrebinern in Gefahr. Auch würden die öffentlichen Krankenhäuser „von einer aus der ganzen Welt hergekommenen Bevölkerung belagert“. Die Wiedereinführung der Todesstrafe befürwortet er aus philosophischen Gründen („philosophiquement favorable“).

Zemmour stand, wie im Fall einer Autogrammstunde in der Buchhandlung Dobrée in Nantes im Dezember 2014, in direktem Kontakt zu dem Verlag Diffusion de la pensée française, auch bekannt als Éditions de Chiré, der in seinem Verlagsprogramm Bücher des Holocaustleugners Robert Faurisson, des antisemitischen Verschwörungstheoretikers Léon de Poncins und von Pierre Pascal, dem Verantwortlichen für das staatliche Rundfunkwesen in Vichy-Frankreich, anbietet, und erhielt damit Zugang zu dessen Kontakten im rechtskatholischen Umfeld. Von der Bewegung der Gelbwesten sagte sich Zemmour los, als sich diese als unempfänglich für seine Forderungen erwies. Zemmour ist für wirtschaftlichen Protektionismus und spricht sich gegen den Abschluss weiterer Freihandelsabkommen aus. Die Aufkündigung bestehender Verträge hingegen betrachtet er als undurchführbar. Während einer von Marion Maréchal organisierten „Zusammenkunft der Rechten“ (Convention de la droite) hielt Zemmour im September 2019 in Paris eine programmatische, den Kern seines Denkens aufzeigende Grundsatzrede. Darin prangerte er den sogenannten „Progressivismus“ als „immer ausgefeilteren repressiven Apparat der Kanalisierung und der Zensur“ an, dem die Justiz als Vollstreckerin diene, „um Dissidenten zu schikanieren und die einst schweigsame, jetzt gelähmte Mehrheit zu terrorisieren“. Dieser „Progressivismus“ diene zwei „Totalitarismen“, die „gleichzeitig Rivalen und Komplizen“ seien:

Seine in einem polemischen Stil vorgetragenen Positionen werden in Anlehnung an Philippe Pétain zuweilen dem Néo-pétainisme zugeordnet. Der Schriftsteller François Bégaudeau bescheinigt Zemmour ein Desinteresse an sozialen Anliegen und einen Glauben an die „identitäre Leidenschaft und den fundamentalen Rassismus der unteren Schichten“. Laut Bégaudeau richtet sich Zemmours Polemik auch gegen Homosexuelle. So spricht Zemmour von der „Homosexuellenlobby“. Zemmour fordert dezidiert ein „katholisches Frankreich“ und verwies auf Polen, dass unter der Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość (PiS) den Katholizismus konsequent verteidigt habe. Er nahm im September 2021 auf Einladung von Ungarns Premierminister Viktor Orbán in Budapest an einem internationalen „Gipfel zur Demographie“ teil und sagte aus diesem Anlass, Orbán habe die Entwicklung der Welt verstanden, er verteidige die Identität seines Landes und Europas.Silvia Stöber: Wie Trump, nur intellektuell www.tagesschau.de, 6. Dezember 2021.