mini|hochkant=1.5|Ansicht des Schopenhauerhauses an der Schönen Aussicht von Südwesten(Rendering aus dem Virtuellen Altstadtmodell Frankfurt am Main von Jörg Ott) mini|hochkant=1.5|Position des Gebäudes (blaue Markierung rechts) in der Frankfurter Innenstadt(Chromolithografie, 1904) mini|Heutige bauliche Situation am ehemaligen Standort des Schopenhauerhauses

Das Schopenhauerhaus mit der Adresse Schöne Aussicht 16 war ein klassizistisches Wohnhaus im Fischerfeldviertel der heutigen Innenstadt von Frankfurt am Main. Nach Norden besaß es, von einem für die Verhältnisse der Altstadt geräumigen Innenhof unterbrochen, ein Hinterhaus zur Straße Hinter der Schönen Aussicht mit der Hausnummer 21.

Das Gebäude wurde nach Plänen des Stadtbaumeisters Johann Georg Christian Hess 1805 für den jüdischen Bankier Wolf Zacharias Wertheimber errichtet und gilt als das Hauptwerk des bürgerlichen Klassizismus in Frankfurt. Neben seiner architektur- und kunstgeschichtlichen Bedeutung diente es im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Wohnstätte wichtiger städtischer und nationaler Persönlichkeiten. Namensgebend war der Philosoph Arthur Schopenhauer, der dort von 1859 bis zu seinem Tod 1860 lebte. Es war der letzte seiner zahlreichen Wohnsitze.

Im Zweiten Weltkrieg fing das Schopenhauerhaus, nachdem es bei mehreren schweren Bombardements nur geringe Schäden davongetragen hatte, bei den Bombenangriffen des 22. März 1944 Feuer und brannte bis auf das Erdgeschoss nieder. Auf der Parzelle wurde nach dem Krieg ein Zweckbau im Stil der 1950er Jahre errichtet, der jetzt aufgrund des Durchbruches der Kurt-Schumacher-Straße ein Eckhaus ist. An sein Vorgängergebäude erinnert nichts mehr.

Geschichte Vorgeschichte und Entwicklung des Baugrundes mini|links|Das Fischerfeld innerhalb der bastionären Befestigung des 17. Jahrhunderts, um 1770(Kupferstich von Matthäus Merian d. Ä. mit Nachträgen der Erben)

Die östlich des Domhügels gelegene Niederung am Main war schon im Mittelalter als Fischerfeld bekannt.Boehmer, Lau 1905, S. 224–226, Urkunde Nr. 293; die älteste in der Literatur genannte Urkunde, in der die Bezeichnung in mittelhochdeutscher Sprache Erwähnung findet. Dies deckt sich auch mit den Ausführungen bei Battonn 1861, S. 196–198, die keinen früheren Nachweis und einzig den lateinischen Namen campus piscatorum liefern. Doch eine dichte Bebauung wie im übrigen Stadtgebiet machten die Witterungsverhältnisse kaum möglich: Während der Herbst- und Wintermonate überflutete der anschwellende Fluss das Gebiet und verwandelte es in einen Sumpf, im Winter fror es häufig flächenhaft zu.Hartmann, Lübbecke 1971, S. 321. Dennoch entwickelte sich dort eine kleine Vorstadt,Battonn 1861, S. 188; Verweis auf eine durch den Frankfurter Chronisten Achilles Augustus von Lersner überlieferte, (nicht datierte) Gebührenverordnung, die in ihrer Höhe zwischen Altstadt, Neustadt, Sachsenhausen und Fischerfeld unterscheidet. die dauerhafter Wohnsitz vor allem der namensgebenden Fischer, aber auch von Weißgerbern wurde.Battonn 1864, S. 196 u. 197; nach Vikarienbüchern des Bartholomäusstifts aus dem 14. und 15. Jahrhundert, in die Kirchenzinszahlungen von Fischteichen in dem Areal eingetragen wurden.Battonn 1864, S. 197; entsprechend einer Erwähnung durch Baldemar von Petterweil um die Mitte des 14. Jahrhunderts sowie einer Ratsverfügung aus dem Jahre 1457 zugunsten der auf dem Gelände tätigen Schützen, wobei die Weißgerber in einem Nebensatz erwähnt werden.

Der Frankfurter Chronist Baldemar von Petterweil beschrieb die Ansiedlung um 1350 als eine einzige Reihe Häuser, die durch drei kleine Gassen voneinander getrennt waren.Battonn 1864, S. 189; Zitat: „Sie bestand nach seiner Schilderung [der von Baldemar von Petterweil] nur aus einer Reihe Häuser, die durch drei Einschnitte oder schmale Gassen von Mittag gegen Mitternacht getheilt waren.“. Jedoch ging das Dorf mit 29 Bewohnern im Jahr 1354 und 22 1365 schon Ende des 14. Jahrhunderts wieder ein.Kriegk 1862, S. 255 u. 256; Einwohnerzahlen nach den Bedebüchern, keine Erwähnung mehr in den Bedebüchern des 15. Jahrhunderts, bereits die letzte Nennung im Bedebuch 1397 lässt schon nicht mehr Wohnhäuser, sondern Gärten und Felder erkennen. Vermutlich hatte der damalige Umbau der Alten Brücke durch Madern Gerthener zu engeren Brückenbögen als vorher geführt, wodurch die Brücke nun wie eine Staustufe wirkte und das Wasser noch stärker in das Gebiet presste.Franz-Schneider 1987, S. 51; nach Lübbecke. Auch strategisch-militärische Gründe vor dem Hintergrund der damaligen Hussitenkriege wurden von der Forschung als Grund für die Aufgabe in Betracht gezogen.Battonn 1864, S. 190; Zitat: „Es ist aber zu vermuthen, dass sie [die Vorstadt] zur gleichen Zeit niedergerissen wurde, als man aus Furcht vor den Hussiten neue Gräben um die Stadt aufwarf, und wo wahrscheinlich der Rechneigraben an ihre Stelle kam, […]“.Bott 1954, S. 58.

Sowohl die Stadtmauer der Stauferzeit als auch die der zweiten Stadterweiterung nach 1333 hatten das Gebiet ausgespart. Stattdessen war es durch eine eigene Ummauerung geschützt, die jedoch kaum etwas gegen die jährlichen Überschwemmungen ausrichten konnte. Erst durch die bastionäre Befestigung des 17. Jahrhunderts wurde sie zum Main hin verstärkt, erhöht und das Areal 1632/33 mittels des Fischerfeldbollwerks in das Stadtgebiet einbezogen.Diese Entwicklung ergibt sich aus dem Vergleich früher Stadtpläne, beispielsweise des Plans von Matthäus Merian von 1628 noch ohne Darstellung der bastionären Befestigung und dessen fünfter Auflage aus der Zeit um 1770 mit vollendeter Befestigung; zum Fischerfeldbollwerk vgl. Battonn 1864, S. 163. Die Innenfläche blieb aber, wie schon seit dem Niedergang der Vorstadt, weitgehend unbebaut.Kriegk 1862, S. 256.

mini|Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Main in der Goethezeit, im Hintergrund das Fischerfeldbollwerk, 1773(Zeichnung von Johann Kaspar Zehender) Genutzt wurde das Fischerfeld allerdings als Schießplatz der Schützengesellschaft der Krautschützen, deren Schützenhaus seit dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts eines der wenigen dauerhaften Bauwerke war; ihre Zielscheiben fanden auf den Merian-Plänen der Stadt überdimensionale Darstellung.Battonn 1864, S. 200 u. 201; die Bezeichnung Krautschützen diente zur Abgrenzung von der Gesellschaft der Bogen- und Armbrustschützen, Kraut und Loth war in diesem Zusammenhang ein zeitgenössischer Begriff für Pulver und Blei. Nach der Überlieferung des Frankfurter Chronisten Achilles Augustus von Lersner wurde das Schützenhaus erstmals 1472 mit einem Zuschuss des Rats aus Holz erbaut und vermutlich 1679 durch einen Steinbau ersetzt, der nach dem Augenzeugenbericht Battonns bis 1805 bestand. Später waren dort Gärten und der inzwischen hochgewachsene alte Baumbestand einziges größeres Naherholungsgebiet innerhalb der schützenden Mauern. Johann Wolfgang von Goethe berichtete im 16. Buch von Dichtung und Wahrheit davon, wie er hier im Winter gerne Schlittschuh lief.Goethe 1833, S. 19–22. Seit der Reformationszeit verlagerte sich die Prostitution, die in der Stadt nicht mehr geduldet wurde,Kriegk 1871, 290 ff.; Kriegks Darstellung der Prostitution in Frankfurt am Main vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit hat mangels moderner Darstellungen bis heute nichts an Gültigkeit verloren. vor allem während der Messen in jenen abgelegenen Osten der Stadt.Battonn 1861, S. 189; Zitat: „[…] die gemeinen Frauen [ein alter Begriff für Prostituierte], welche in Messzeiten hieher kamen und sich in den Weinhäusern im Fischerfelde aufhielten, […]“, nach der Überlieferung des Frankfurter Chronisten Achilles Augustus von Lersner.

In der Goethezeit hatten der lange Frieden im 18. Jahrhundert, der Aufstieg des Bürgertums, die Aufklärung und das Vordringen des Klassizismus zu einem grundsätzlichen Wandel der Lebens- und Wohnvorstellungen in großen Teilen der Bevölkerung geführt. Mit palaisartigen Bauten an der Zeil und am Roßmarkt, den einzigen weitläufigen Straßen- und Platzanlagen, sowie Gartenhäusern vor den Mauern der Stadt drückte sich die Sehnsucht vor allem der städtischen Oberschicht nach mehr Großzügigkeit im Bauwesen aus. Markantestes Kennzeichen war die Umnutzung der bastionären Befestigung der Stadt, die aufgrund ihrer militärischen Bedeutungslosigkeit gegenüber modernen Feuerwaffen seit 1765 mit Bäumen bepflanzt als „Lustallee“ für Spaziergänge diente.Bott 1954, S. 36.

mini|links|Frankfurt am Main mit Umgegend (die Darstellung des Fischerfeldes ist idealisiert), 1792(Altkolorierter Kupferstich von Jakob Samuel Walwert nach Vorlage von Johann Hochester)