mini|Eingang zum Konzentrationslager Natzweiler mini|Eingang ins Lager, dahinter das flammenförmige Mahnmal für die Deportierten mini|Das evakuierte Lager, November 1944 mini|Heutige Ansicht. Gut zu erkennen die Lage am Hang und die terrassenförmige Anordnung der früheren Baracken
Das KZ Natzweiler-Struthof, kurz KZ Natzweiler genannt, war ein von Mai 1941 bis September 1944Übersicht der Außenlager natzweiler.eu, zuletzt aufgerufen am 26. Juni 2024. bestehendes Konzentrationslager des nationalsozialistischen Deutschlands nahe dem Ort Natzweiler (französisch Natzwiller) im besetzten französischen Elsass. Es lag etwa 55 Kilometer südwestlich von Straßburg, acht Kilometer vom Bahnhof Rothau entfernt, am Nordhang eines Vogesen-Gipfels auf etwa 750 bis 800 Metern Höhe.
Das KZ Natzweiler-Struthof war ein sogenanntes Straf- und Arbeitslager mit zahlreichen Außenlagern auf beiden Seiten des Rheins (siehe Liste der Außenlager). Der Verbund aus dem Stammlager in Natzweiler und seinen Außenlagern wird als KZ-Komplex Natzweiler bezeichnet.natzweiler.eu, Website zum KZ-Komplex Natzweiler.So auch im Namen des Vereins Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler.
Als die Front der Alliierten heranrückte, wurden das Stammlager in Natzweiler und die Außenlager westlich des Rheins ab September 1944 evakuiert. Die Häftlinge aus diesen Lagern wurden in Konzentrationslager östlich des Rheins verlegt. Die Verwaltung des Stammlagers wurde in die Nähe von Mosbach verlegt – der Name „Natzweiler“ wurde beibehalten, obwohl das Lager in Natzweiler nicht mehr existierte. Östlich des Rheins wurden die meisten Außenlager noch bis April 1945 fortgeführt.
Etwa 52.000 Häftlinge aus über 30 Nationen in Europa wurden in das KZ Natzweiler und die angeschlossenen Außenlager deportiert. Etwa 17.000 Häftlinge starben, davon etwa 3000 im Stammlager in Natzweiler. Sie wurden ermordet, starben an Krankheiten, Kälte und Mangelernährung oder an den Nachwirkungen der Haft.
Das ehemalige Lagergelände ist heute ein Ort des Gedenkens und der Erinnerung. 1960 wurde das Mémorial de la Déportation (Mahnmal der Deportation) von Staatspräsident Charles de Gaulle eingeweiht. 2005 wurde das Museum Europäisches Zentrum des deportierten Widerstandskämpfers eröffnet.
Das Stammlager in Natzweiler
Entwicklung des Lagers mini|Stockbetten für Insassen mini|hochkant|KZ-Prügelbock
In den Jahren 1937/38 wurde das System der Konzentrationslager ausgebaut; damit sollte die bessere Ausnutzung der Häftlinge als Arbeitskräfte einhergehen. Um diese Arbeitskräfte nutzbar zu machen, gründete die SS eigene Wirtschaftsunternehmen. Darunter die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST), die den großen Baustoffbedarf für die von den Nationalsozialisten angestrebten Monumentalbauten liefern sollte. Die DEST erwarb 1938 Steinbrüche bei Flossenbürg, Mauthausen und Groß-Rosen, wo Konzentrationslager eingerichtet werden konnten. Albert Speer bekundete nach dem Westfeldzug anlässlich einer Besichtigungsfahrt durch das besetzte Elsass Interesse an dem seltenen roten Granitvorkommen in den nördlichen Vogesen und regte deren Abbau an. Die DEST wurde mit der Vorbereitung und Durchführung des Projekts beauftragt und der SS-Obersturmbannführer Karl Blumberg begann Anfang September 1940 vom Gasthof Le Struthof auf halber Höhe zwischen dem Dorf Natzweiler und dem Vogesengipfel Roche Louise Gesteinsproben zu entnehmen und einen geeigneten Standort für das Konzentrationslager zu bestimmen.Wolfgang Kirstein: Das Konzentrationslager als Institution totalen Terrors. Im Auftrag von Speer, Himmler und Oswald Pohl, Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, wurde dann beschlossen, in Natzweiler ein Konzentrationslager einzurichten. Der offizielle Name des Lagers in Dokumenten war „Natzweiler“ (benannt nach dem Dorf) und in Frankreich bildete sich nach dem Krieg die Bezeichnung „Le Struthof“ (nach dem Gasthof) heraus. In der Literatur findet sich häufig die Bezeichnung „Natzweiler-Struthof“.Natzweiler Komplex. auf Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler, aufgerufen am 10. Februar 2025.
Am 1. Mai 1941 begann der Bau des Lagers Natzweiler-Struthof. Am 21. und 23. Mai kamen in zwei Transporten die ersten Deportierten aus dem KZ Sachsenhausen an. Im Jahr 1941 waren durchschnittlich 400 Häftlinge in Natzweiler. Sie waren im Tanzsaal des Gasthofs Struthof untergebracht und sollten das Lager errichten.Robert Steegmann: Natzweiler – Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 6. C. H. Beck, München 2007 Band 6: Natzweiler, Groß-Rosen, Stutthof (2007), ISBN 978-3-406-52966-5, S. 26. In diesem höchst unwirtlichen Klima hatten 900 Gefangene in einem Jahr das Lager zu errichten. Von den 900 Häftlingen starben 330, weitere 300 wurden als Invaliden in das KZ Dachau geschafft.
Das gefürchtetste Kommando arbeitete im Steinbruch des KZ. Von den Insassen waren nur etwa 100 arbeitsfähig. Da dieses Kommando jedoch mindestens 200 Mann umfassen musste, wurden viele, die nicht mehr gehen konnten, in Schubkarren zur Zwangsarbeit gebracht. 60 % der Häftlinge wogen unter 50 Kilogramm.
Der erste Lagerarzt war der vom KZ Buchenwald dorthin beorderte Hans Eisele. Sein Nachfolger wurde der kaum weniger berüchtigte SS-Obersturmführer Max Blancke.
Ab 1943 wurden Widerstandsverdächtige hauptsächlich aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Norwegen, die nach dem Nacht-und-Nebel-Erlass behandelt wurden, als sogenannte NN-Häftlinge nach Natzweiler gebracht, wo sie von der Außenwelt isoliert waren und ihr spurloses Verschwinden die Verwandten und die Bevölkerung einschüchtern sollte. Diese Häftlinge wurden besonders hart behandelt. Nachweislich kamen 1454 NN-Häftlinge nach Natzweiler, plausibel sind nach Steegmann 2438 Gefangene.Robert Steegmann: Natzweiler-Struthof.
Im selben Jahr musste sich die NS-Wirtschaft wegen der Rückschläge in Russland ganz auf Kriegsproduktion umstellen und der Arbeitskräftemangel erforderte den Einsatz von KZ-Häftlingen zur Produktion von strategisch wichtigen Waffen und Treibstoff. Es entwickelte sich bis 1944 ein Komplex von siebzig Außenlagern im Elsass, dem Moselgebiet und östlich des Rheins. Die Zahl der Häftlinge vervielfachte sich und die verschlechterten Lebens- und Arbeitsbedingungen erhöhten die Zahl der Toten. Das Stammlager war im September 1944 hoffnungslos überfüllt und zwei Drittel der Häftlinge waren krank.
Lagerkommandanten mini|Die Villa des Lagerkommandanten, etwa 100 Meter vom Lager entfernt
Lagerkommandant Zeitraum Hans Hüttig April 1941 – März 1942 Egon Zill Mai 1942 – September 1942 Josef Kramer Oktober 1942 – April 1944 Friedrich Hartjenstein Mai 1944 – Januar 1945 Heinrich Schwarz Februar 1945 – April 1945
Josef Kramer war von Anfang an im KZ Natzweiler tätig, zunächst als Schutzhaftlagerführer.
Lagergefängnisse mini|Lagergefängnis für Gefangene der Stufe 3
Die Häftlinge wurden immer wieder im lagereigenen Gefängnis unter Druck gesetzt, es wurde dabei zwischen drei Inhaftierungsstufen unterschieden: Erste Stufe: In einem hellen Raum mit Tageslicht bei Wasser und Brot, bis zu zehn Tage, mit bis zu 18 anderen Häftlingen zusammen auf etwa 2 m × 3 m. Ein Eimer zur Verrichtung der Notdurft pro Zelle. Zweite Stufe: In einem dunklen Raum mit Tageslicht, bei Wasser und Brot als Nahrung, bis zu 42 Tage, nur alle vier Tage eine größere Mahlzeit, ansonsten ähnliche Bedingungen wie bei Stufe eins. Stufe drei: Ein Gefangener wurde in eine von fünf kleinen Nischen gesperrt (Höhe etwa 1,50 m, Breite etwa 0,8 m, Tiefe etwa 1 m), in der er bis zu seiner Hinrichtung verharren musste. Es ist kein Gefangener des KZ bekannt, der diese Prozedur überlebte. Es gab keine Möglichkeit, zur Toilette zu gehen, man konnte nicht stehen oder liegen. Vermutlich gab es wenig bis gar kein Essen. Wie alle Räume des Lagers war diese Nische im Sommer extrem heiß, im Winter erfror man schnell. Diese kleinen Kammern waren stockdunkel. Ursprünglich waren sie für Heizungsanlagen vorgesehen, aber im KZ Natzweiler-Struthof war nie auch nur eine einzige Heizung in Betrieb.
Fluchtversuche mini|Häftlingsbrief, hier mit Korrekturen bei Pkt. 5 der Postbestimmungen
Ein Häftling grub während der Arbeit im Steinbruch unbemerkt ein Loch in die Erde und bedeckte sich mit Gras, um nicht gesehen zu werden. Nachdem die anderen Häftlinge am Abend ins Lager zurück mussten, blieb er die ganze Nacht über in seinem Versteck. Tatsächlich war er der Flucht sehr nahe, denn am nächsten Morgen war noch nichts aufgefallen. Beim Morgenappell jedoch, der immer mit größter Sorgfalt abgehalten wurde, fehlte der Mann und Suchhunde wurden benutzt, um alle möglichen Aufenthaltsorte abzusuchen. Als die Suchhunde den „Ausbrecher“ stellten, wurde er festgenommen. Mit grausamen Bisswunden wurde er tagelang gefangen gehalten, bis er dann ausnahmsweise wieder im Lager arbeiten „durfte“ – normalerweise wurden Fluchtversuche mit dem Tod durch Hängen bestraft. Bei einem späteren Transport in ein anderes KZ gelang ihm ein erneuter Fluchtversuch.
Einer Gruppe von 5 Männern gelang es, sich die Uniformen zweier Offiziere anzueignen, da sie teilweise in der Wäscherei arbeiteten. Mit einem Wagen konnten sie unbemerkt aus dem Lager entkommen, denn die Wachposten salutierten dem perfekt gekleideten „Kommandanten“. Da im Elsass die Résistance aktiv war, konnte der ehemalige Häftling innerhalb weniger Tage bis nach Algerien gelangen. Dort hatte er nichts mehr zu befürchten.
Todesopfer Im Stammlager starben etwa 3000 Häftlinge. Bis zum 3. Februar 1943 wurden die Todesfälle im Zivilregister der Gemeinde Natzweiler eingetragen und die Leichen im Krematorium Straßburg-Robertsau eingeäschert. Danach wurden die Todesfälle in einem lagerinternen Register vermerkt und blieben damit der Öffentlichkeit verborgen. Die Leichen wurden ab dann in einem provisorischen Krematorium vor Ort eingeäschert. Am 22. Oktober 1943 war ein neues Krematorium mit einem Muffelofen der Firma Kori betriebsbereit. Viele Gefangene starben, weil sie bei kargen Mahlzeiten in den umliegenden Steinbrüchen für Speers geplante Monumentalbauten schwere Zwangsarbeit leisten mussten. Darüber hinaus wurden Gefangene auf verschiedene Weise ermordet oder starben infolge von medizinischen „Experimenten“.
Todesfälle im KZ-Alltag Ein Grund für Todesfälle im Lager war der Hunger der unterernährten Häftlinge. Er war so groß, dass die Schwächsten von Mitgefangenen erschlagen wurden, die sich so in den Besitz der kärglichen Tagesration der Toten brachten. Einmal wurden in einer einzigen Nacht 30 Mann erschlagen in das Revier eingeliefert.
Dass es auch unter den Häftlingen tödliche Menschenverachtung gab, die bis in den Krankenbau („Revier“ genannt) reichte, zeigt sich beispielhaft an dem Bericht eines Revierpflegers. Er wurde am 8. Juli 1942 Zeuge, wie sogenannte BVer (als kriminell eingestufte Häftlinge mit grünen Stoffdreiecken an der Häftlingsuniform) einen noch lebenden Häftling im Krematorium verbrannten:
Hinrichtungen mini|hochkant|Galgen für öffentliche Hinrichtungen
Im Lager wurden Hinrichtungen wegen irgendwelcher Verstöße gegen die Lagerordnung exemplarisch als öffentliches Schauspiel vor allen Lagerinsassen inszeniert.
Daneben gab es Sonderexekutionen ohne gerichtliche Verurteilung an Menschen, die teils erst zur Exekution nach Natzweiler gebracht wurden und daher nicht zu den registrierten Häftlingen zählten. Diese Taten wurden heimlich und unverzüglich ausgeführt und anschließend die Spuren beseitigt. Folgende generellen Opfergruppen gab es: Sowjetische Kriegsgefangene und nach Deutschland verschleppte sowjetische Zwangsarbeiter (Ostarbeiter) nach der Aussonderungsrichtlinie Heydrichs. Polnische Zwangsarbeiter aus politischen oder „rassischen“ Gründen.