mini|Severus Alexander, (Büste im Louvre)
Alessandro Severo (HWV A13) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die am 25. Februar 1738 im King’s Theatre am Haymarket in London uraufgeführt wurde. Sie ist eins von drei Pasticci — neben Oreste (1734) und Giove in Argo (1739) —, deren Musik Händel aus eigenen Werken zusammenstellte.Anthony Hicks: Handel With Care (November 1993), The Musical Times, 134 (1809): S. 639–642.Hierbei wird die Einstufung der drei genannten Opern laut Händelwerke-Verzeichnis berücksichtigt. In Wirklichkeit ist z. B. Il pastor fido in der zweiten und dritten Version von 1734 ebenfalls ein Pasticcio aus eigenen Werken Händels.
Im Mittelpunkt der Handlung steht der römische Kaiser Severus Alexander.
Entstehung Nach dem finanziellen Zusammenbruch seines eigenen Opernunternehmens im Covent Garden Theatre konnte Händel für die Spielzeit 1737–1738 wieder in das von John Jacob Heidegger geleitete King’s Theatre am Haymarket zurückkehren, das seit 1734 Sitz der konkurrierenden Adelsoper gewesen war.Anthony Hicks: Serse. Handel, Booklettext zur CD-Einspielung: RCA 75605513122, London 1998, S. 27–28Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 413 f. Heidegger engagierte für diese Saison den berühmten Kastraten Caffarelli als Star. Alle anderen Sänger, ebenso wie die beiden Komponisten Giovanni Battista Pescetti und Francesco Maria Veracini, die neben Händel auch einige Werke zum Repertoire beisteuerten, hatten zuvor für die Adelsoper gearbeitet – die Altistin Antonia Merighi und der Bass Montagnana waren sogar zwei alte Bekannte, die bereits vor 1734 zu Händels Opernensemble gehört hatten, dann aber zur Adelsoper übergelaufen waren.Steffen Voss: Alessandro Severo (HWV A 13), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 429 und 431 (Fußnote 5).
Alessandro Severo wurde zwischen Händels neuen Opern Faramondo und Serse gegeben und erlebte fünf Aufführungen vom 25. Februar bis 11. März 1738 sowie eine weitere am 30. Mai.Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 291.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, 1992, S. 177–178 und 364. Es sangen: Alessandro – Gaetano Majorano, genannt „Caffarelli“ (Mezzosoprankastrat) Sallustia – Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Giulia – Antonia Margherita Merighi (Alt) Albina – Maria Antonia Marchesini, genannt „La Lucchesina“ (Mezzosopran) Claudio – Margherita Chimenti, genannt „La Droghierina“ (Sopran) Marziano – Antonio Montagnana (Bass)
Moderne Aufführungsgeschichte Nach Händels eigenen Aufführungen war die Oper zum ersten Mal wieder am 18. März 1997 im Britten Theatre in London mit dem London Handel Orchestra unter der Leitung von Denys Darlow zu erleben.Diese Aufführung wird von Voss nicht erwähnt, der 2009 meinte, die Oper sei noch nie aufgeführt worden. Steffen Voss: Alessandro Severo (HWV A 13), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 431.
Libretto Als Textvorlage diente das gleichnamige Libretto von Apostolo Zeno, das zuerst in einer Vertonung von Antonio Lotti im Karneval 1716–1717Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 291.John H. Roberts: Alessandro Severo. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia, Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 21 f. (englisch).Voss’ Jahresangabe „1707“ ist offenbar ein Schreib- oder Druckfehler. Steffen Voss: Alessandro Severo (HWV A 13), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 429. im Teatro di San Giovanni Grisostomo in Venedig aufgeführt worden war und in der Folge von einer Reihe anderer Komponisten vertont wurde, unter anderem Giuseppe Maria Orlandini, Domenico Sarro und Giovanni Battista Pergolesi.Steffen Voss: Alessandro Severo (HWV A 13), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 429.
Als direkte Vorlage gilt die von Orlandini vertonte Fassung, die im Karneval 1723 in Mailand zu erleben war. Zumindest ist klar, dass Händel (und sein Bearbeiter) die Partitur von Orlandini kannten, da die Arie „Chi sa dirti, o core amante“ (Nr. 5) zwar nicht im Mailänder Libretto, aber in Orlandinis Partitur enthalten ist. Wer den Text für Händel einrichtete, ist nicht bekannt; Reinhard Strohm nannte als einen möglichen Kandidaten Angelo Cori.
Zenos Text wurde nach Londoner Sitte stark gekürzt, ganze Szenen gestrichen, wodurch die Handlung einiges von ihrer „ursprünglichen Stringenz und Klarheit“ verlor.
Bei der Übernahme der Arien aus Händels früheren Werken waren die üblichen Anpassungen notwendig: Einige Arientexte wurden für die bereits vorhandene Musik um- oder neu geschrieben (Textparodien), während bei 14 Arien auch die Texte unverändert blieben; im letzteren Fall wurden die vorhergehenden Rezitative geändert, um eine inhaltlich schlüssige Verbindung herzustellen.
Historischer und literarischer Hintergrund Zeno berief sich als Quelle für den historischen Hintergrund auf den Geschichtsschreiber Herodian.
Die meisten Figuren außer Albina und Claudio basieren auf historischen Personen, doch folgt die Opernhandlung nur locker der historischen Überlieferung. Im Mittelpunkt steht der römische Kaiser Severus Alexander (= Alessandro Severo), der von 222 bis 235 regierte. Die eigentliche Herrscherin war jedoch seine Mutter Julia Mamaea (= Giulia), die auch seine Ehe mit Orbiana (= Sallustia) arrangierte. Laut Herodian soll Julias Herrschsucht und Hochmut Sallustias Vater (= Marziano) dazu getrieben haben, dass er ein Komplott gegen die Mutter des Kaisers schmiedete. Das lieto fine der Oper hat gar nichts mit der historischen Realität zu tun, wo Alessandros Mutter seinen Schwiegervater umbringen ließ und (erst jetzt) dafür sorgte, dass die Ehe ihres Sohnes geschieden und seine Frau ins Exil geschickt wurde.Herodian: Römische Geschichte (), 6. Buch, Kapitel 1 (9–10).
Handlung
Musik Die Hauptquelle für die Musik zu Händels Alessandro Severo ist seine Direktionspartitur, die heute in der British Library (Add. MS 31569) aufbewahrt wird.John H. Roberts: Alessandro Severo. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia, Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 21 f. (englisch). Von den durch den Verleger John Walsh im März 1738 angekündigten „Favourite Songs in the Opera call‘d Alexander Severo“ scheinen dagegen keine Exemplare erhalten zu sein.
Neu komponiert waren die Ouvertüre, die in mehreren von Walsh herausgegebenen Ouvertüren-Sammlungen erhalten ist, und die Rezitative, darunter auch Giulias Accompagnato „Un incognito affanno“ (Nr. 25).Steffen Voss: Alessandro Severo (HWV A 13), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 430. Im Letzteren drückt Händel ihre Angst vor drohendem Unheil mit einem Tremolo der Streicher aus, das er durch eine gewellte Linie über den Noten notierte – laut Strohm verwendete er diese Schreibweise in einem Rezitativ nur dieses eine einzige Mal.
Die Arien und Ensembles stellte Händel in erster Linie aus möglichst aktuellen Werken, aus der Zeit der zweiten Opernakademie, zusammen, besonders auf die drei Opern der vorhergehenden Saison, Giustino, Arminio und Berenice; allein sieben Arien entnahm er Giustino. Die anderen Gesänge entstammen Radamisto (1720), Siroe (1728), Ezio (1732), Orlando (1733), Arianna in Creta (1734), Ariodante (1735), und Atalanta (1736).Steffen Voss: Alessandro Severo (HWV A 13), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 430. Für die neuen Sänger waren zum Teil Transpositionen notwendig und einige Stücke wurden gekürzt.
Orchester Zwei Traversflöten, zwei Oboen, Fagott, zwei Hörner, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Erzlaute oder Theorbe, 2 CembaliEs ist bekannt, dass in Händels (wie in italienischen) Opernaufführungen zwei Cembali und Erzlaute im Continuo verwendet wurden. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 34–35.).
Struktur der Oper Erster Akt Ouvertüre / Menuet Coro: Viva Augusto Aria Marziano: Lascio Gian e sieguo Marte Duetto Sallustia/Alessandro: Non ho più affanni Aria Giulia: Lo sdegno del mio cor Aria Albina: Chi sa dirti, o core amante Aria Albina: Zeffiretto che scorre nel prato Aria Alessandro: Che posso dir, o cara Aria Sallustia: Un sol tuo sguardo Aria Claudio: Lascia ch’io parta lieto Aria Albina: Niente spero, tutto credo Aria Giulia: Sì farò ch’il figlio avrà Aria Sallustia: Ch’io mai vi possa
Zweiter Akt Sinfonia Aria Sallustia: S’è tuo piacer ch’io vada Aria Alessandro: Se si vanta il cieco Dio Aria Claudio: Vedi l’ape ch’ingegnosa Aria Albina: Vanne pur, infido Aria Giulia: Se l’arcano scoprire Aria Marziano: Nasce al bosco in rozza cuna Aria Alessandro: Salda quercia in erta balza
Dritter Akt Sinfonia Aria Alessandro: Sull’altar di questo nume Aria Albina: Sventurata navicella Aria Claudio: Quell’oggetto schernito Accompagnato Giulia: Un incognito affano Aria Marziano: Impara, ingrata ad esser men crudele Duetto Sallustia/Giulia: Dirò che amore come il cor Aria Sallustia: O care parolette, o dolci sguardi Sinfonia Aria Alessandro: Con I’ali di costanza Coro / Sallustia solo: Dolcissimo amore ogn’alma
Diskografie Dabringhaus & Grimm MDG 6091674-2 (2011): Mary Ellen Nesi (Alessandro), Marita Solberg (Sallustia), Kristina Hammarström (Giulia), Irini Karaianni (Albina), Gemma Bertagnolli (Claudio), Petrols Magoulas (Marziano) Armonia Atenea; Dir. George Petrou (158 min)
Literatur Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 413 f. Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, (englisch). Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1 Anthony Hicks: Handel With Care. In: The Musical Times 134 (1809), London, November 1993, S. 639–642. Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655), aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, ISBN 3-458-34355-5. John H. Roberts: Alessandro Severo. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia, Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 21 f. (englisch). Albert Scheibler: Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opern-Führer. Edition Köln, Lohmar/Rheinland 1995, ISBN 3-928010-05-0, S. 767 f. Steffen Voss: Alessandro Severo (HWV A13), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 427–431. Steffen Voss: Alessandro Severo. In: Hans Joachim Marx (Hrsg.): Das Händel-Handbuch in 6 Bänden: Das Händel-Lexikon. (Band 6), Laaber-Verlag, Laaber 2011, ISBN 978-3-89007-552-5, S. 50 f.
Weblinks weitere Angaben zu Alessandro Severo. (haendel.it)