mini|Im Jahr 1748 präsentierte der französische Arzt und Philosoph La Mettrie in seinem Werk „Der Mensch eine Maschine“ (L'homme machine) die erste streng materialistische Konzeption der „menschlichen Seele“. Der Materialismus ist eine philosophische Position, die behauptet, dass alle Dinge aus Materie bestehen und dass grundsätzlich alle Phänomene aus materiellen Interaktionen resultieren, einschließlich Geist und Bewusstsein. Gegensätzliche philosophische Positionen vertreten der Idealismus, bestimmte Formen des philosophischen Pluralismus, der Dualismus und der Spiritualismus.

Der Materialismus gehört zur Klasse der monistischen Ontologien und man findet bereits erste Entwicklungen im vorsokratischen Denken – die explizite Bezeichnung kommt allerdings erst im 17. Jahrhundert auf. Der Materialismus lässt vielfältige Interpretationen zu, sowohl naturalistische als auch historische. Manchmal wird er mit Reduktionismus, manchmal mit Realismus oder Mechanismus in Verbindung gebracht. Historisch wurde er als Argumentationswaffe von Philosophen eingesetzt, die sich dem Idealismus widersetzten, der noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Philosophie dominierte.

Ein Zweig des Materialismus ist eng mit dem Physikalismus verbunden, der davon ausgeht, dass alles, was existiert, eine physikalische Manifestation ist. Der philosophische Physikalismus ist eine Weiterentwicklung des Materialismus, die auf Entdeckungen in den Naturwissenschaften basiert, um anspruchsvollere Begriffe als den der „Materie“ einzubeziehen, wie zum Beispiel: Raumzeit, Energie, Kraftfelder usw. Auch in der analytischen Philosophie wird der Begriff „Physikalismus“ oft dem Begriff „Materialismus“ vorgezogen, während einige Autoren ihn als Synonyme verwenden.

Definition Philosophischer Materialismus In der Philosophie bezeichnet der Materialismus die Lehre, dass es keine andere Substanz als Materie gibt. Es handelt sich dabei also um eine monistische Position, die im Gegensatz zum Dualismus steht. Der Dualismus lässt die Existenz zweier unterschiedlicher Substanzen zu: Geist und Materie. Der Begriff tauchte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf, um Philosophien zu bezeichnen, die die Existenz geistiger Substanzen („Seelen“) leugnen und nur die Existenz körperlicher Substanzen anerkennen. Außerdem grenzt sich der Materialismus gegen den Spiritualismus ab, für den Geist die Substanz aller Realität darstellt. Schließlich wird der Materialismus vom Idealismus unterschieden, für den Geistiges eine Realität hat.

Monismus mini|Christian Wolff definierte den philosophischen Materialismus.

Eine der ersten expliziten Definitionen des philosophischen Materialismus stammt von Christian Wolff aus seiner 1734 veröffentlichten Psychologia rationalis :„Wir nennen Materialisten diejenigen Philosophen, die behaupten, dass nur materielle Wesen oder Körper existieren. […] Der Materialismus lässt nur eine Art von Substanz zu.“Materialismus ist daher ein Monismus der Materie oder physikalischer Monismus, der die Einheit der Welt sowie ihren materiellen Charakter bekräftigt. Der materialistische Monismus stellt sich somit offen gegen den Dualismus von Körper und Geist.

Eine problematische Konsequenz dieser Definition betrifft den Status des Denkens. Der Materialismus ist eine Position, die sich zur Natur des Geistes äußert, verstanden in seiner Beziehung zum Körper. Der Materialismus behauptet, dass Denken eine materielle Eigenschaft des Körpers, insbesondere des Gehirns, ist.

Ontologische Position Der Materialismus ist eine ontologische Position über die Natur des Seins. Er sollte daher nicht mit wissenschaftlichem Realismus oder Empirismus verwechselt werden, bei denen es sich um erkenntnistheoretische Positionen handelt, die etwas über die Natur des Wissens aussagen. Im Allgemeinen lehnt der Materialismus die Existenz der Seele, des Jenseits und Gottes ab. Was den Geist (oder die Psyche) betrifft, so macht er ihn zu einer Eigenschaft der Materie oder geht davon aus, dass er keine eigene Realität hat und sich auf eine fehlerhafte Vorstellung vom Menschen und vom Lebendigen bezieht (siehe auch eliminativer Materialismus).

Im Laufe der Jahrhunderte ist der Materialismus in verschiedenen Formen aufgetreten. Insbesondere gibt es eine naive Form des Materialismus und eine mechanistische Form, die eher dem wissenschaftlichen Realismus entspricht. Es gibt reduktionistische Formen des Materialismus, die die Besonderheiten des geisteswissenschaftlichen Gegenstandsgebiets nicht anerkennen (z. B.: Physikalismus, Biologismus), und nichtreduktionistische Formen, die diese Besonderheiten anerkennen (z. B.: historischer Materialismus, Funktionalismus).

Die ontologische Position, die verschiedenen Formen des Materialismus gemeinsam ist, kann Konsequenzen auf der ethischen Ebene haben: Wenn alles Materie ist, muss der Körper und nicht eine spirituelle Substanz wie die Seele oder Gott privilegiert werden. Der philosophische Materialismus kann somit Ausgangspunkt einer Ethik sein, die den Körper privilegiert – einer Ethik des Hedonismus und des Glücks (z. B. Demokrit und Epikur).

Materie Als philosophische Position basiert jeder Materialismus auf einer minimalen Definition von Materie, die nicht unmittelbar mit der Definition der Naturwissenschaften übereinstimmen muss. Außerdem haben sich die Definitionen im Laufe der Geschichte der Philosophie tiefgreifend gewandelt. Materialisten definieren Materie dabei meist negativ, d. h. in Bezug auf die Begriffe Geist oder Denken. Es lassen sich aber gemeinsame Charakteristika der unterschiedlichen Definitionen angeben.

Materie hat dabei zumeist folgende Eigenschaften:

Eine universelle Realität (objektive Realität), die nicht vom Denken abhängt und insbesondere nicht von der Anschauung, die wir davon haben Ein grundlegendes Prinzip, das die Ursache oder der Grund für die Entstehung des Geistes ist

Was die positiven Eigenschaften der Materie betrifft, so ist es die Aufgabe der Naturwissenschaften, diese zu bestimmen.

Begriffsherkunft Der Begriff Materialismus wurde zuerst im 17. Jahrhundert von Henry More verwendet und findet sich auch in der Korrespondenz von Gottfried Wilhelm Leibniz mit Samuel Clarke wieder.Arnim Regenbogen, Uwe Meyer (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Verlag Felix Meiner, Hamburg 1998, ISBN 3-7873-1325-7, S. 399. In seinem heutigen Verständnis ist er eine Schöpfung des 18. Jahrhunderts.Georg Klaus, Manfred Buhr (Hrsg.): Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, Rowohlt, Hamburg 1972, ISBN 3-499-16155-9 Noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erscheint „Naturalist“ in den beiden grundverschiedenen Bedeutungen von „Naturwissenschaftler“ und „Materialist“. In Deutschland findet sich auch „Realist“ für „Materialist“ (W. Kraus).

Schon bei La Mettrie hat der Begriff eine zentrale Bedeutung gewonnen. In seiner Schrift L’homme machine (Der Mensch – eine Maschine) aus dem Jahre 1747 heißt es: „Ich führe die philosophischen Systeme von der menschlichen Seele auf zwei zurück. Das erste und älteste ist das System des Materialismus; das zweite ist das des ‚Spiritualismus‘.“ Auch bei Diderot in dem Enzyklopädieartikel zu Immaterialismus oder Spiritualismus (1765) und bei Holbach im Systeme de la nature (System der Natur, 1770) werden „Materialismus“ und „Immaterialismus“ oder „Spiritualismus“ einander gegenübergestellt. Holbach schreibt: „Wenn wir mit Hilfe der Erfahrung die Elemente erkennen würden, die die Grundlage des Temperaments eines Menschen oder des größeren Teils der Individuen ausmachen, aus denen sich ein Volk zusammensetzt, so wüssten wir, was für sie richtig wäre, welche Gesetze und Einrichtungen für sie notwendig und nützlich wären. Mit einem Wort: die Moral und Politik können aus dem Materialismus Vorteile ziehen, die ihnen die Lehre vom Spiritualismus niemals geben kann und an die auch nur zu denken diese Lehre sie hindert. Der Mensch wird stets für alle ein Geheimnis bleiben, die darauf beharren, ihn mit den voreingenommenen Augen der Theologie zu sehen.“ In Helvetius nachgelassenem Werk De l’homme (Vom Menschen 1772) wird betont, dass die Worte „Materialist“ und „Aufklärer“ gleichbedeutend seien.

Auch Kant unterscheidet zwischen „Materialismus“ und „Spiritualismus“ (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, 1793). Für Hegel ist der „Materialismus“, „Naturalismus“ das konsequente System des „Empirismus“ (ENZ. 1830, § 60). Heine weist in seiner Schrift Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834) darauf hin, dass man in Frankreich zwischen „Sensualismus“ einerseits und „Spiritualismus“ – manchmal auch „Rationalismus“ andererseits unterscheide. Er selbst zieht aber die Unterscheidung zwischen „Materialismus“ und „Idealismus“ vor. Den Materialismus definiert er als die Lehre von der Geisteserkenntnis durch die Erfahrung, durch die Sinne, als die Lehre von den Ideen a posteriori und den Idealismus als die Lehre von den angeborenen Ideen, von den Ideen a priori.

Zu beachten ist dabei, dass der explizite Begriff des Materialismus erst in der Neuzeit entsteht. Daher können wir bestimmte Lehren vor der Verwendung des Wortes nur im Nachhinein als materialistisch bezeichnen, wobei die ältesten Lehren bis in die griechische Antike, bzw. sogar bis ins alte Indien, zurückreichen.

Geschichte Griechische Antike und frühe Neuzeit: Vom Atomismus zum Mechanismus Die ionischen vorsokratischen Philosophen der Schule von Milet – Thales, Anaximenes, Anaximander – gelten als die ersten materialistischen Philosophen der griechischen Antike. Sie versuchten, alle Phänomene durch ein einziges Prinzip materieller Natur zu erklären: Wasser bei Thales, Luft bei Anaximenes, Materie, also das Unbestimmte, bei Anaximander. Diesen materialistischen Vorstellungen folgend, etablierte sich mit Leukipp, Demokrit, Epikur und Lukrez ein atomistischer Materialismus. Für diese Philosophen sind alle Naturphänomene und die verschiedenen Körper auf die Bewegungen und Kombinationen materieller Atome zurückzuführen, die sich im Vakuum bewegen. Die Seele ist dabei auch ein materielles Ding, das sich vom Körper nur durch die besonderen Eigenschaften seiner (leichteren) Atome unterscheidet.

Im 17. Jahrhundert wurde der Atomismus dann durch Galileo, Gassendi und Hobbes in eine mathematische, genauer geometrische Sprache überführt. Galileo beschäftigt sich dabei ausschließlich mit der Physik und nicht mit Metaphysik. Gassendi hingegen versuchte zu verstehen, wie Atome und die Leere die Vorstellungskraft erklären könnten. Hobbes trug sowohl durch seine Moralphilosophie als auch durch seine Opposition zu René Descartes zur Weiterentwicklung materialistischer Ideen bei. mini|Mechanistisches Schema des Sehens nach René Descartes René Descartes nutzte eine Form des methodologischen Atomismus seit seinen ersten Schriften, den er sorgfältig von materialistischen Vorstellungen trennte. Er eliminierte den Begriff der Materie aus seinem Denken, um eine mit dem Mechanismus kompatible Physik zu entwerfen, ohne jedoch in Konflikt mit der christlichen Lehre zu treten. Der Mechanismus von Descartes gilt nur für seine Physik, also für das, was die materielle Welt betrifft, und nicht für das, was die geistige Welt betrifft, deren Bestandteile, die „Gedanken“, immateriell sind. Da die Ontologie von Descartes dualistisch ist – er geht davon aus, dass der Mensch aus zwei Substanzen besteht, der Materie, res extensa und dem Geist, res cogitans – kann sie nicht als „materialistisch“ bezeichnet werden.

So etablierten sich im 17. Jahrhundert die Begriffe, die zum modernen Materialismus führten, obwohl einige seiner Protagonisten nur sehr schwer als Materialisten bezeichnet werden konnten. Der Materialismus erscheint im Keim einerseits als eine mögliche Erweiterung der Mathematisierung der Physik, die spezifischer auf Atomismus und Mechanismus zurückgeführt wird, und andererseits als eine Konzeption, die den Vitalismus in sich trägt.