mini|hochkant=1.2|Kernkraftwerk Mühleberg (November 2018) mini|Kraftwerk im Bau (1969)

Das Kernkraftwerk Mühleberg (KKM) ist ein in Stilllegung befindliches Schweizer Kernkraftwerk mit einem 373-MW-Siedewasserreaktor mit Flusswasserkühlung. Das Kraftwerk war 47 Jahre in Betrieb, von 1972 bis 2019. Es liegt etwa 2 km nördlich von Mühleberg an der Aare direkt unterhalb des Wohlensees, 14 km westlich von Bern. Eigentümerin und Betreiberin ist die BKW Energie.

Die BKW Energie entschied 2013, das Kraftwerk aus wirtschaftlichen Gründen ausser Betrieb zu nehmen. Ein entsprechendes Gesuch wurde im Dezember 2015 beim Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) eingereicht. Im Mai 2014 verwarf der Berner Souverän die kantonale Volksinitiative «Mühleberg vom Netz», welche die sofortige Ausserbetriebnahme des Kraftwerks zur Folge gehabt hätte. Am 20. Dezember 2019 wurde der Leistungsbetrieb planmässig eingestellt, und seit dem 6. Januar 2020 wird das KKW Mühleberg zurückgebaut. Von 2022 bis 2023 wurden die Brennelemente ins Zwischenlager Würenlingen gebracht. Bis 2031 sollen alle Nuklearteile entfernt werden. Dann werden alle Gebäude abgerissen. Nach dem geplanten Rückbau soll das Gelände ab 2034 neu genutzt werden können.

Das KKW Mühleberg war auf der Spannungsebene 220 kV mit dem Hochspannungsnetz verbunden.Helmut Stalder: In Mühleberg wird umgepolt nzz.ch, 9. Dezember 2019, abgerufen am 29. Februar 2020.

Reaktortyp und Kühlung Der innere Sicherheitsbehälter (Primärcontainment) vom Typ Mark I ist mit einem birnenförmigen Druckbehälter aus Stahl und einer torusförmigen Druckabbaukammer (Kondensator) ausgestattet. Im Unterschied zur Standardbauweise von General Electric übernimmt das Reaktorgebäude in Mühleberg die Funktion eines äusseren Sicherheitsbehälters. Dieser steht unter Unterdruck und verfügt über ein Abluftsystem mit Filtern, die Staub und Fremdpartikel zurückhalten. Darüber hinaus verfügt das Kraftwerk über einen zusätzlichen Kondensator, den so genannten äusseren Torus, welcher allfälligen Druckaufbau im äusseren Sicherheitsbehälter abzubauen vermag.EU Stress Test Kernkraftwerk Mühleberg. BKW, Oktober 2011, S. 8 (PDF; 3,7 MB). Der Reaktor arbeitete bei einem Nenndruck von 72,3 bar und umfasste 240 Brennelemente. Als Kernbrennstoff wurde ausschliesslich Urandioxid verwendet. Die Reaktorleistung wurde primär über 57 kreuzförmige Steuerstäbe und sekundär stufenlos über eine zusätzliche Einrichtung geregelt.

Aufgrund der vergleichsweise kleinen Leistung verfügt die Anlage über keinen Kühlturm, sondern wurde mit Aarewasser gekühlt. Bei der Flusswasserkühlung wurde das Kühlwasser im Kondensator um maximal drei Grad Celsius erwärmt und wieder in den Fluss zurückgeleitet. (PDF; 1,8 MB) Dabei musste die Leistung des Reaktors bei Aarewasser-Temperaturen von mehr als 18 Grad Celsius reduziert werden, um die Fischpopulation zu schonen.

Sicherheitsmassnahmen Seit Inbetriebnahme der Anlage wurden Nachrüstungen und Erneuerungen zur Steigerung der Sicherheit ausgeführt:

1984 wurde ein Wasserstoffrekombinator installiert, um einem kritischen Wasserstoff-Konzentrationsaufbau im Inneren des Sicherheitsbehälters (Primärcontainment) vorzubeugen 1988 wurde ein Stickstoff-Inertierungssystem nachgerüstet, welches die Entstehung von zündfähigen Gasgemischen verhindern sollte. Ab 1986 wurde ein unabhängiges System zur Abfuhr von Nachzerfallswärme errichtet und 1989 in Betrieb genommen. Das «spezielle, unabhängige System zur Abfuhr der Nachzerfallswärme» (SUSAN) stellte eine zusätzliche Wärmesenke dar und war in der Lage, den Reaktor automatisch und autark abzuschalten und in den «kalt abgestellten Zustand» (→ Kaltabschaltung) zu überführen und diesen über 100 Tage zu halten. 1990 wurde SUSAN um zwei unabhängige, gebunkerte Diesel-Notstromanlagen erweitert, um die Notstromversorgung abzusichern 1992: Da das Volumen des verwendeten Mark-I-Sicherheitsbehälters relativ klein ist und Überdruck diesen zerstören könnte, wurde die Anlage mit einem Containment-Druckentlastungssystem (CDS) nachgerüstet. Dieses sollte eine Leckage des Sicherheitsbehälters bei einem Unfall verhindern. 1992: Einbau des Drywell-Sprüh- und -Flutsystems (DSFS) zum Fluten und Kühlen des Sicherheitsbehälters im Falle einer Kernschmelze 1996: Aufgrund kontinuierlich grösser werdender Risse im Kernmantel wurden für dessen Verstärkung vier Zuganker angebracht. Das ENSI akzeptiert die Zuganker allerdings nicht für den Langzeitbetrieb.Kernmantel Mühleberg: Das ENSI verlangt eine Langzeitlösung. ENSI, 26. September 2011. 2011: Nachrüstung eines zweiten Einlaufbauwerks für das Aarewasser, Bau einer Einspeisung mit mobilen Feuerwehrpumpen sowie Verbesserung des Hochwasserschutzes für das Pumpenhaus.http://www.ensi.ch/de/2011/08/23/ensi-erteilt-freigaben-fuer-arbeiten-an-der-kuehlwasserversorgung-des-kkw-muehleberg/Informationen zum Kernkraftwerk Mühleberg auf der Website des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorates

Geschichte 1967 Baubeginn 1971 Grossbrand im Maschinenhaus 1972 Aufnahme des kommerziellen Betriebs 1986 Unkontrollierte Abgabe von radioaktiven Aerosolen in die Atmosphäre. 1991 Erstmalige Entdeckung von Rissen an den Schweissnähten des nicht-druckführenden Kernmantels 1992 Antrag auf unbefristete Betriebsbewilligung und Leistungserhöhung, Entscheid des Bundesrats: Befristung auf weitere zehn Jahre 1996 Inbetriebnahme des Simulators 2005 Beantragung der unbefristeten Betriebsbewilligung durch die Betreiberin 2009 Erteilung der unbefristeten Betriebsbewilligung durch das UVEK aufgrund einer Sicherheitsbeurteilung der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) aus dem Jahre 2007 2009 Gegen die unbefristete Betriebsbewilligung reichen 113 Anwohner Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein. 2011 Briefbombenanschlag auf Swissnuclear durch Linksextremisten. Eine Briefbombe, welche an ein Kadermitglied des Kernkraftwerkes adressiert war, führte in Olten zu zwei Schwerverletzten, wobei eine Person nur mit Glück überlebte. Die Ermittler fanden in den Überresten der Bombe ein Bekennerschreiben der italienischen Gruppierung «Federazione Anarchica Informale».Anschlag galt AKW-Kader. Blick.chDie Frau ist nur aus Zufall noch am Leben. Tages-Anzeiger Online 2012 Das Bundesverwaltungsgericht hebt die ursprüngliche Befristung bis Ende 2012 auf, verfügt aber gleichzeitig wegen offener Fragen zur Sicherheit eine neue Befristung bis zum 28. Juni 2013.BVger-Urteil A-667/2010 vom 1. März 2012 2013 Das Bundesgericht hebt den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts auf und erteilt die unbefristete Betriebsbewilligung. Allfällig anderslautende Verfügungen sollen durch das ENSI erlassen werden.Berner Zeitung, 30. März 2013. 2013 Die BKW entscheidet, das Kernkraftwerk im Jahr 2019 aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz zu nehmen.Entscheid der BKW 2015 Die BKW reicht beim UVEK ein Stilllegungsgesuch ein.BKW reicht Stilllegungsgesuch für AKW Mühleberg ein, abgerufen am 18. Dezember 2015. Im Juni 2018 hat das UVEK die Stilllegungsverfügung ausgestellt. 2019 Am 20. Dezember 2019 wurde der Leistungsbetrieb definitiv eingestellt., abgerufen am 2. März 2016., abgerufen am 21. Juni 2018 Der Abbau soll etwa 15 Jahre in Anspruch nehmen.BKW: So legen wir unser Kernkraftwerk still 2020 Am 15. September 2020 erfolgte die endgültige Ausserbetriebnahme und der Beginn der ersten Stilllegungsphase. 2022–2023 Die ausgedienten Brennelemente wurden in das Zwilag nach Würenlingen transportiert, womit die erste Stilllegungsphase endet.

Meldepflichtige Vorkommnisse Die folgende Tabelle fasst die nuklearen Betriebsstörungen gemäss der Internationalen Ereignisskala INES zusammen. Die Stufe 0 wird als Abweichung, die Stufen 1 bis 3 werden als Störungen und Störfälle, die Stufen 4 bis 7 als Unfälle klassifiziert. Seit 1995 gab es zwei Ereignisse der Stufe 1.

Jahr Internationale Ereignisskala INES Gesamt0 1 2 3 4 5 6 7 2019 2 – – – – – – – 2 2018 4 – – – – – – – 4 2017 3 – – – – – – – 3 2016 3 – – – – – – – 3 2015 7 – – – – – – – 7 2014 8 – – – – – – – 8 2013 13 – – – – – – – 13 2012 6 – – – – – – – 6 2011 3 1 – – – – – – 4 2010 13 – – – – – – – 13 2009 4 – – – – – – – 4 2008 1 – – – – – – – 1 2007 1 – – – – – – – 1 2006 2 – – – – – – – 2 2005 1 – – – – – – – 1 2004 1 – – – – – – – 1 2003 4 – – – – – – – 4 2002 2 – – – – – – – 2 2001 1 – – – – – – – 1 2000 – – – – – – – – 0 1999 3 – – – – – – – 3 1998 – 1 – – – – – – 1 1997 3 – – – – – – – 3 1996 2 – – – – – – – 2 1995 1 – – – – – – – 1

Sicherheitsbedenken Risse im Kernmantel Anwohner des Kraftwerkes verlangten 2011 vom UVEK den Entzug der Betriebsbewilligung wegen Sicherheitsbedenken. Die Antragsteller beriefen sich in ihrem Gesuch auf ein vertrauliches Gutachten des TÜV Nord von 2006, in dem infrage gestellt wurde, ob die seit 1990 bekannten Risse im Kernmantel durch die 1996 installierten Zuganker zuverlässig gesichert wurden. Die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) hatte die Zuganker im Rahmen eines Instandhaltungskonzeptes für den Kernmantel als provisorische Massnahme akzeptiert. Das Umweltdepartement beschloss, nicht auf das Gesuch einzugehen. Es seien «keine Anhaltspunkte» zu erkennen, dass das Nuklearsicherheitsinspektorat seiner Aufsichtspflicht «nicht oder ungenügend nachkomme». Auch gebe es keine Hinweise, dass der sichere Betrieb des Werks nicht gewährleistet sei.

Internes Überflutungsrisiko Im KKM sind fast sämtliche sicherheitsrelevanten Pumpen (Notkühlung, Toruskühlung etc.) im sog. Torusraum untergebracht. Als einziges KKW dieses Mark-1-Typs von General Electric besitzt es auch einen sogenannten äusseren Torus (Wasservorlage) und zwar anstelle eines separierten Raumes, in welchem sich diese Pumpen bei allen anderen Mark-1-Anlagen weltweit befinden. Dass diese Pumpen durch einen grossen Wasserverlust-Störfall aufgrund von Überflutung allesamt auf einen Schlag ausfallen könnten (Common Cause Failure), hat das Öko-Institut bereits 1990 in einem Gutachten festgestellt und auf das damit verbundene Kernschmelzpotenzial hingewiesen. Mittlerweile wurden in diesem Torusraum sog. Brandabschnitte installiert, die auch das flächendeckende Überflutungsrisiko des Raumes zu verringern vermögen. In einer Auflage von 2008 forderte die Aufsichtsbehörde ENSI (vormals HSK) bis Dezember 2009 vom Betreiber den zusätzlichen Nachweis, dass auch in Etagen weiter oben im Reaktorgebäude freigesetzte Wassermassen die Sicherheitspumpen nicht entscheidend beeinträchtigen.Chr. Küppers et al., Ökoinstitut Darmstadt/Freiburg: Kurzstellungnahme zum Gesuch der BKW um Aufhebung der Befristung der Betriebsbewilligung für das Kernkraftwerk Mühleberg, 2008.

Externes Überflutungsrisiko Das Kraftwerk liegt unterhalb gleich mehrerer Staumauern (Wasserkraftwerk Mühleberg, Schiffenen und Rossens), wobei diejenige des Wasserkraftwerkes Mühleberg (Wohlensee) nur knapp 2 km entfernt steht. Diese könnten bei einem starken Erdbeben brechen. Ein solcher Staudammbruch kann eine bis zum Kraftwerk reichende Flutwelle verursachen und damit zu katastrophalen Folgen führen.

Bei der Sicherheitsüberprüfung zum Neubaugesuch stellte sich heraus, dass das neue Kraftwerk auf einem Sockel zu bauen wäre, da «die Resultate der Überflutungsberechnungen … transparent machen, … dass das (heutige) KKM je nach Szenario überflutet wird». Die neueste Erdbebenstudie des ENSI gelangte nun aber zum Schluss, dass der Wohlensee-Staudamm einem alle 10'000 Jahre einmal zu erwartenden Starkerdbeben standhalten würde, was eine solche Flutwelle eher unwahrscheinlich macht.Berner Zeitung, 10. Juli 2012.