Das Café Koralle war ein bekanntes Kaffeehaus im 9. Wiener Gemeindebezirk, das sich in dem von Hugo Mandeltort geplanten Haus Porzellangasse 39–43Das Haus hatte einige bekannte Bewohner: An der Adresse Porzellangasse 39 wohnte der Theologe und Philosoph Walter Kirchschläger, der Psychoanalytiker Hermann Nunberg, die Cembalistin Julia Menz, die Mary-Wigman-Mitarbeiterin Meta Menz, der Architekt Anton Potyka, die Kinderbuch-Illustratorin Susi Weigel und die Grete-Wiesenthal-Meisterschülerin Vera Zahradnik (alias Wera Weigel), im Haus Porzellangasse 41 Franz von Zülow und im Haus Porzellangasse 43 der Verleger Adolf Josef Storfer. befand und aus einem 400 m² großen Ecklokal und der 250 m² großen Koralle-Tanz-Bar im Souterrain sowie einer 70 m² großen „Gassenterrasse“Susi Weigel: Die Rossau im 18. Jahrhundert. Werbefolder für das „Kaffee Industrie“ (um 1937). Susi-Weigel-Nachlass des Vorarlberg Museums. („Schanigarten“) bestand.
Geschichte mini|Die Aufnahme zeigt das 1912/13 von Hugo Manhardt errichtete Haus Porzellangasse 39 im Herbst 2025. Zwischen 1925 und 1978 befand sich im Erdgeschoß das „Kaffee Industrie“, das 1938 in „Kaffee Berchtesgaden“ und später in „Kaffee Koralle“ umbenannt wurde. In den Kellerräumlichkeiten unter dem Kaffeehaus befand sich die „Kongo“- bzw. später „Koralle“-Tanzbar. mini|Die linke Hälfte des hufeisenförmigen Hofes zwischen Porzellangasse 39, 41 und 43 diente dem Kaffeehaus als „Gassenterrasse“ mini|Inserat der „Parteigenossen Hans und Eugen Weigel“ im „Völkischen Beobachter“, dass sie ihr „Kaffee Industrie“ (unter Anspielung auf Hitlers zweiten Regierungssitz) in „Kaffee Berchtesgaden“ umbenannt haben und jüdische Gäste nicht mehr bedienen. mini|Firmen-Briefkopf: „Kaffee · Restaurant · Berchtesgaden · Koralle“ mini|Der Graphiker und Illustrator Ferdinand Korber (1897–1953), der unter dem Pseudonym „Kóra“ für die kommunistische „Volksstimme“ gezeichnet hat, (1897–1953). hat 1945 auch das November-Programm für das „Café Koralle“ gestaltet.
Im April 1914 übersiedelte das „Café Industrie“ vom Haus Porzellangasse 40 in das vis-a-vis gelegene, kurz zuvor errichtete Haus Porzellangasse 39. Siehe auch das Inserat: Am 15. August 1918 ging das „Café Industrie“ „in den Besitz des Herrn Ignatz Drab über“, der es zum Jahreswechsel 1923/24 um „eine Milliarde Kronen“ [2025: 530.000 Euro] an Josef Pitzinger weiterverkauft hat. Um 1925 wurde es von Gisela und Johann Weigel erworben. Sie haben ihr Lokal bis 1968 als Familienbetrieb geführt und anschließend bis 1978 verpachtet, bevor es als Folge des „Kaffeehaussterbens“ mit 31. Mai 1978 geschlossen wurde. Das „Café Industrie“, das in Wien mehrere gleichnamige Mitbewerber hatte, wurde sukzessive in „Koralle“ umbenannt, was von der im Keller betriebenen Bar herrührte, die seit 1939 in Zeitungsinseraten als „Koralle“ beworben wurde, womit bald zugleich Kaffeehaus und Bar gemeint waren.
Das vom Architekten Bruno Buzek, seiner späteren ersten Ehefrau Susi Weigel sowie Franz von Zülow, der in der Porzellangasse 41 sein Atelier hatte, künstlerisch gestaltete „Café Industrie“ bestand aus einem 400 m² großen Ecklokal, das 400 Besuchern Platz bot, einer 250 m² großen Tanz-Bar im Souterrain, die 200 Besucher fassen konnte sowie einer 70 m² großen „Gassenterrasse“ („Schanigarten“), die 70 Personen Platz bot, da das in den Jahren 1912/13 von Hugo Manhardt errichtete Haus eine „besondere Bauform des Straßenhofes“ hat: „(zwischen symmetrische Seitentrakte wird ein von der Straßenflucht zurückweichender Bauteil gesetzt, wodurch ein sackgassenförmiger Hof entsteht), dessen historisches Vorbild die Palastfront mit Ehrenhof ist. Diese Verbauung ergab längere Fensterfronten an der (gegenüber der hinteren Hoffront) weitaus begehrteren Straßenseite und damit eine bessere Nutzung des Grundstücks“.
Bruno Buzeks Neugestaltung des Kaffeehauses wurde im Oktober 1935 in der Neuen Freien Presse detailliert besprochen:
Bei der Eröffnung am 29. September 1935 lautete der Name des im Kaffeehauskeller befindlichen Tanzlokals noch nicht „Kongo-Diele“, sondern „Abessinien-Bar“, was wegen des am 3. Oktober 1935 vom faschistischen Königreich Italien begonnenen völkerrechtswidrigen Angriffs- und Eroberungskriegs gegen das Kaiserreich Abessinien (Äthiopien) in mehreren Zeitungsartikeln thematisiert wurde:
Spätestens seit 1928 hieß die Souterrain-Tanz-Bar „Industrie-Diele“. Nach dem Umbau im Herbst 1935 lautete der Name „Abessinien-Bar“. Aufgrund des Abessinienkriegs wurde die exotische Tanzbar kurz darauf in „Kongo-Diele“ umbenannt und durch Flugblätter beworben, die von Susi Weigel illustriert und gestaltet wurden.
Anlässlich des Anschlusses Österreichs haben die angeblichenZum Zeitpunkt der Veröffentlichung der beiden Inserate waren Hans und Eugen Weigel noch keine NSDAP-Mitglieder und somit noch keine „Parteigenossen“. Sie haben ihre Mitgliedschaft nach dem sogenannten „Anschluss Österreichs“ am 19. Mai 1938 beantragt, worauf sie rückwirkend zum 1. Mai 1938 aufgenommen wurden. Siehe: U.S. National Archives and Records Administration: 1.) Karteikarte Hans Weigel, NSDAP-Mitglied Nr. 6.291.832 und 2.) Karteikarte Eugen Weigel, NSDAP-Mitglied Nr. 6.292.355. „Parteigenossen Hans und Eugen Weigel“ am 19. März 1938 im Deutschen Telegraf und am 20. März 1938 im Völkischen Beobachter inseriert, dass sie ihr „Kaffee Industrie“ in „Kaffee Berchtesgaden“ umbenannt haben und jüdische Gäste nicht mehr bedienen. Die Anspielung auf „Berchtesgaden“, Hitlers zweiten Regierungssitz, war wie „Parteigenosse“ eine Nazi-Chiffre und erfolgte ohne Not und Zwang aus Verehrung für Adolf Hitler. Allerdings wurde der politisch punzierte Name „Kaffee Berchtesgaden“ ab Herbst 1939 in Inseraten kleingedruckt und im Lauf der Zeit durch das größer gedruckte „Kaffee Koralle“ verdrängt: „Kaffee · Restaurant · Berchtesgaden · Koralle“.
Die „Koralle“ („Charakteristisch waren die schwarz gebeizten Stühle mit roten Gurten und schwarzen Pölstern.“Helfried Seemann, Christian Lunzer (Hrsg.): Kaffeehaus Album 1860–1930. Mit vielen zeitgenössischen Photographien und Feuilletons aus der Wiener Zeitschrift Die Bühne. Album-Verlag, Wien 2000, .) war den Wienern nicht nur wegen des großen Angebotes an in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften, den Modeheften sowie der Tanzbar, die zwischen 9 Uhr abends und 4 Uhr früh geöffnet war, ein Begriff, wie sich Meta Menz, die frühere „Mary Wigman“-Mitarbeiterin und spätere Gattin des „Koralle“-Cafétiers Hans Weigel, erinnert hat:
Familiäres Gisela Weigel (1875–1953) war die Tochter des Wiener Restaurantbesitzers Johann Hauswirth (1838–1915) und ältere Schwester des 1914 bei der Körting-Katastrophe tödlich verunglückten Hauptmannes Hans Hauswirth (1878–1914). Gemeinsam mit ihrem Mann Johann Weigel (1867–1949) betrieb sie seit 1925 das Wiener „Café Industrie“, das später von ihrem ältesten Sohn Hans Weigel (1902–1978) geführt wurde. Die älteste Tochter Martha Weigel (1903–1986) hat in den 1920er-Jahren bei der Wiener Gesangspädagogin Fritzi Lahr-Goldschmid Gesang studiert und ist 1929 unter anderem im Schubert-Saal des Wiener Konzerthauses aufgetreten,Konzertabend mit Hans Toifl (Klavier), Martha Weigel (Gesang) und Karl Lahr (Klavier). 16. April 1929, 19:30 Uhr, Schubert-Saal. In: konzerthaus.at, Wiener Konzerthaus, abgerufen am 1. März 2026. bevor Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg sie zur Mitarbeit im Familienbetrieb genötigt haben. Die jüngste Tochter Susi Weigel (1914–1990), die an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst und an der Wiener Akademie der bildenden Künste studiert hat, ist heute vor allem durch ihre langjährige Zusammenarbeit mit Mira Lobe, deren Kinderbücher sie illustriert hat, bekannt. Im Jahr 1915 nahm Gisela Weigel ihre Nichte Vera Zahradnik (1908–1991), die seit 1913 Halb- und seit 1915 Vollwaise war, als Pflegetochter in den gemeinsamen Haushalt auf. Zahradnik wurde Meisterschülerin der Tänzerin Grete Wiesenthal und ging in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre zu Mary Wigman nach Dresden und begleitete sie 1932 auf ihrer USA-Tournee. Meta Menz (1906–1990), eine ihrer Kolleginnen bei „Mary Wigman“, hat um 1940 Zahradniks Cousin und Pflegebruder Hans Weigel geheiratet.Andreas Weigel: Off topic: Wien, Hohe Warte 29 | Zur Person Adolf Loos. In: Wordpress. Abgerufen am 1. März 2026 (Anmerkungen zur einstigen Wiener Villa der Familie Hans und Gisela Weigel).
Literarisches Vorkommen In Thomas Bernhards Werken Der Schriftsteller Thomas Bernhard erwähnt in seinem Roman „Der Untergeher“ (1983) die „Koralle“ als Ort, wo die Protagonisten halbe Nächte zugebracht haben. Darüber hinaus nennt Bernhard in seiner Fragment gebliebenen, früheren Fassung der Erzählung „Gehen“ die „Koralle“ als „Cafe Coralle“, welches die Protagonisten der Erzählung zwei Jahre zuvor besucht haben und bei ihrem Gehen eigens aufsuchen, aber doch nicht betreten: „Hier gehen die beiden bis zum Cafe »Coralle« (das damals wirklich existierte: Porzellangasse 39), in dem sie vor zwei Jahren zuletzt gewesen sind und das aufzusuchen sie nicht wagen (woran die Erwägungen zum Gasthaus Obenaus aus der Endfassung anklingen; vgl. GE, 80), weil es sie allzu sehr erschöpfen würde – warum, bleibt unklar. Von der Coralle weg geht es zum Kleiderhaus »Zum Eisenbahner«, vor dem die beiden längere Zeit verharren, um den vis-avis gelegenen Platz vor dem Franz-Josefs-Bahnhof zu beobachten […]. Der Schauplatz ist detailreicher strukturiert und nicht gleichsam auf die Nennung von Verkehrsflächen und Örtlichkeiten reduziert: Etwa wird das Cafe Coralle zwar ebenso wenig wie das Gasthaus Obenaus aus dem Endtext explizit beschrieben, doch wird immerhin so etwas wie eine Szene – durch die Nennung von Elementen dieser Szene –, die eben ein Wiener Kaffeehaus vorstellen lässt, generiert.“Stefan Winterstein: Reduktionen, Leerstelle, Widersprüche: Eine Relektüre der Erzählung Gehen von Thomas Bernhard. In: Martin Huber, Manfred Mittermayer, Wendelin Schmidt-Dengler, Svjetlan Lacko Viduliö (Hrsg.): Thomas Bernhard Jahrbuch 2004. Böhlau, Wien 2005, S. 31–54, hier S. 45 f.Stefan Winterstein: Thomas Bernhard: „Gehen“. Eine Orientierung. In: Beiträge zu Geschichte und Gegenwart des IX. Bezirks. Mitteilungsblatt des Bezirksmuseums Alsergrund. Nr. 170, Dezember 2002, S. 4–31, hier S. 21 ( [PDF] – keine Mementos).
In autobiografischen und fiktionalen Texten Das „Café Koralle“ und die „Koralle“-Bar sind in den vergangenen Jahren immer wieder in autobiografischenBeispielsweise Kurt Gödel: Dokumente und historische Analysen (2002), Karlheinz Hackl, Meine zwei Leben. Ein ziemliches Theater (2009), Michael Horowitz: Das goldene Wien. Eine ambivalente Liebeserklärung (2005), Erwin Javor: Ich bin ein Zebra. Eine jüdische Odyssee (2017), Viktor Matejka: Das Buch Nr. 3 (1993) und Hans Veigl, Tränen und Gelächter. Kleinkunst im Wiederaufbau (2009). und fiktionalenBeispielsweise Philip Kerr: Alte Freunde – neue Feinde. Die Berlin-Trilogie. Historischer Kriminalroman (1993), Susanna Kubelka: Adieu Wien, Bonjour Paris (2012), Shelly Kupferberg: Isidor. Ein jüdisches Leben (2022) und Gudrun Seidenauer: Libellen im Winter. Roman (2023). Texten erwähnt worden. Beispielsweise erwähnt der Wiener Buchhändler Georg Fritsch, wie er mit dem Schriftsteller Reinhard Priessnitz und dem Architekten Luigi Blau Mira Lobes Tochter Claudia Lobe in der „Koralle“-Bar besucht hat: „Derart adjustiert sind Reinhard Priessnitz, Luigi Blau und ich in der ‚Koralle‘ angerückt, einer Nachtbar in der Porzellangasse, unter dem gleichnamigen Kaffeehaus, das in den 30er Jahren von Susi Weigel ausgestattet worden ist (ihr Bruder hat es betrieben), wo Claudia Lobe, angehende Schauspielerin in Kleve am Niederrhein, in den Ferien als Barfräulein gewirkt hat.“Georg Fritsch: Preisgabe XXIX. Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß. „Ein Damenroman.“ (Nachruf auf Luigi Blau.). In: selfritsch.at, Oktober 2023 (Online-Artikel nicht mehr abrufbar; keine einschl. Mementos).