Der Kreis Heydekrug war ein 1818 gegründeter preußischer Landkreis im Regierungsbezirk Gumbinnen in Ostpreußen. 1920 fiel der größte Teil des Kreisgebietes an das vom Deutschen Reich abgetrennte und 1923 Litauen zugeschlagene Memelland. Sitz der Kreisverwaltung war die Gemeinde Heydekrug (heute Šilutė). Während der Wiederinbesitznahme des Memellandes zwischen 1939 und 1945 durch das Deutsche Reich war der Kreis nochmals in der Provinz Ostpreußen eingerichtet. Vom ehemaligen Kreisgebiet liegt das größere nördliche Teilgebiet heute im litauischen Distrikt Klaipėda (Memel) und der kleinere Südteil im Rajon Slawsk (Heinrichswalde) der russischen Oblast Kaliningrad.
Geographie mini|Blick von Norden auf Ruß (Russ) und die Mündungsarme des gleichnamigen Flusses (links), in der Bildmitte die Skirwieth/Skirwiet (heute die Grenze zwischen Litauen und Russland), rechts vorne die Atmath, im Hintergrund das Kurische Haff mini|Winterlicher Skirwieth-Strom Der Kreis lag in Preußisch Litauen am Kurischen Haff. Er grenzte im Westen mit einer Seegrenze sowie im Norden an den Kreis Memel, der zum Regierungsbezirk Königsberg gehörte, im Osten an das Russische Reich (Gouvernement Kowno) bzw. ab 1918 an Litauen, im Südosten an den Landkreis Tilsit und im Süden an den Kreis Niederung.
Die kleine Gemeinde Heydekrug erhielt erst 1941 das Stadtrecht. Bevor Heydekrug Stadt wurde, galt es auch als Flecken. Die nächstgelegenen größeren Städte waren Memel (45 km nördlich) und Tilsit (40 km südöstlich). Die Provinzhauptstadt Königsberg lag etwa 100 km südwestlich (jeweils Luftlinie, v. a. im letzten Fall ist der Landweg durch die Umfahrung des Haffs weit länger). Unmittelbar östlich der Grenze zu Russland/Litauen lag Žemaičių Naumiestis (deutsch Neustadt).
Durch den Süden des Kreisgebiets floss die Russ, ein Mündungsarm der Memel, der durch den gleichnamigen Ort verläuft und sich dort noch einmal teilt. Durch das nördliche Kreisgebiet floss die Minge, die hier in die Atmath mündet. An ihrem Ostufer lag das Sumpfgebiet Augustumaler Bruch. Die Atmath (einer der Russ-Arme) mündet beim Windenburger Eck bzw. bei der Windenburger Ecke in das Kurische Haff.
Der heute zu Russland gehörende Südteil des Kreises wurde 1920 vom Kreis abgetrennt und verblieb im Deutschen Reich. Nach dem Grenzregelungsvertrag vom 29. Januar 1928 verlief die deutsch-litauische Grenze im Kurischen Haff von der alten Kreisgrenze auf der Kurischen Nehrung in gerader Linie bis zur Ausflussstelle der Gerade-Ost ins Kurische Haff.Reichsgesetzblatt 1929, Teil II, Jahrgang 1929, S. 212 (Regelung der Grenzverhältnisse)
mini|Der Kreis Heydekrug in den Grenzen von 1818 bis 1920 mini|Grenzänderungen ab 1920 Rot: Kreisgrenzen, Gelb: Heutige Grenze zwischen Litauen (Norden) und Russland (Süden). Das heute zu Russland gehörende Gebiet wurde 1920 vom Kreis abgetrennt und kam 1922 zum Kreis Niederung, das rot markierte Gebiet des Kreises Niederung im Südosten kam 1920 hinzu.
Geschichte Das Gebiet des Kreises Heydekrug gehörte seit der Einteilung Ostpreußens in landrätliche Kreise von 1752 zu dem damaligen Kreis Insterburg.Max Toeppen: Historisch-comparative Geographie von Preussen. Gotha: Perthes 1858, Seite 320. Im Rahmen der preußischen Verwaltungsreformen ergab sich mit der „Verordnung wegen verbesserter Einrichtung der Provinzialbehörden“ vom 30. April 1815 die Notwendigkeit einer umfassenden Kreisreform in ganz Ostpreußen, da sich die 1752 eingerichteten Kreise als unzweckmäßig und zu groß erwiesen hatten. Zum 1. September 1818 wurde im Regierungsbezirk Gumbinnen aus Teilen des alten Kreises Insterburg der neue Kreis Heydekrug gebildet. Dieser umfasste die damaligen Kirchspiele Kallningken, Kinten, Ruß, Schakuhnen und Werden.Kreis Heydekrug Verwaltungsgeschichte und Landratsliste auf der Website territorial.de (Rolf Jehke), Stand 6. Juli 2013. Das Landratsamt befand sich in Heydekrug.
Seit dem 3. Dezember 1829 gehörte der Kreis nach dem Zusammenschluss der Provinzen Preußen und Westpreußen zur neuen Provinz Preußen mit dem Sitz in Königsberg i. Pr. Seit dem 1. Juli 1867 gehörte der Kreis zum Norddeutschen Bund und ab dem 1. Januar 1871 zum Deutschen Reich. Nach der Teilung der Provinz Preußen in neuen Provinzen Ostpreußen und Westpreußen wurde der Kreis Heydekrug am 1. April 1878 Bestandteil Ostpreußens.
Mit dem Inkrafttreten des Friedensvertrages von Versailles am 10. Januar 1920 fiel der nördlich des Memel-Mündungsarmes Ruß liegende Hauptteil des Kreises Heydekrug an das neu errichtete Memelgebiet. Der beim Deutschen Reich verbliebene südliche Teil des Kreises wurden vorläufig vom Landrat des Kreises Niederung in Heinrichswalde mitverwaltet und zum 1. Juli 1922 förmlich in diesen Kreis eingegliedert.§ 2 Abs. 1, Gesetz über die Neuordnung der kommunalen Verfassung und Verwaltung in der Ostmark. Vom 21. Juli 1922 (Preußische Gesetzsammlung, Nr. 28, S. 171–177) Digitalisat
Der Skirwieth-Strom teilt sich kurz vor der Mündung in das Haff in zwei Arme, die Wittinnis-Ost und die Ostraginnis-Ost, die eine vorgelagerte Insel, den Helena-Werder, umfließen. Die Zugehörigkeit des Helena-Werders zum Memelgebiet war ursprünglich umstritten. Anfänglich hatte das Deutsche Reich den Helena-Werder für sich in Anspruch genommen, so dass der nördliche Mündungsarm des Skirwieth-Stromes die neue Grenze gebildet hätte. Da die Grenzziehung durch den Versailler Vertrag hier nicht eindeutig war, ließ der französische Gouverneur, General Odry, eine Entscheidung der mit der Durchführung des Friedensvertrags beauftragten Botschafterkonferenz herbeiführen. Diese traf ihre Entscheidung dahingehend, dass als Grenzlinie derjenige Mündungsarm des Skirwieth-Stromes zu gelten hat, der die Schifffahrtslinie bildet. Da der südliche Arm (die Ostraginnis-Ost) die Schifffahrtslinie bildete, wurde der Helena-Werder dann in das Memelgebiet einbezogen. Endgültig wurden die Grenzstreitigkeiten erst durch den Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Litauen über die Regelung der Grenzverhältnisse vom 29. Januar 1928 beigelegt. In diesem Vertrag wurden z. B. auch die Grenzen auf den Memelbrücken in Tilsit geregelt.
Am 10. Januar 1923 wurde das Memelgebiet von litauischen Truppen besetzt und am 7. Mai 1923 unter litauische Oberhoheit gestellt.
Demographie Jahr Anzahl Bemerkungen 1818 21.896 1836 23.267 Deutschland und seine Bewohner. Ein Handbuch der Vaterlandskunde für alle Stände, bearbeitet von K. Fr. Vollrath Hoffman (Stuttgart 1836), S. 356. 1846 33.208 1867 37.391 am 3. DezemberKönigliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke des Preussischen Staates und seine Bevölkerung. Berlin 1874, S. 508. 1871 37.739 am 1. Dezember 1885 42.394 1890 42.143 1895 42.554 1900 42.825 1905 43.268 Sprachen: 23.279 Litauisch, 19.124 Deutsch; Religion: 40.906 Evangelische, 1.738 Katholiken, 241 Juden 1910 43.309 53 % der Einwohner benutzen Litauisch als MutterspracheAuswärtiges Amt: Materialien, betreffend die Friedensverhandlungen, Teil III, abgeschlossen am 29. Mai 1919. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte m.b.H., Charlottenburg 1919, S. 49.
Politik Wahlen Im Deutschen Kaiserreich bildete der Kreis Heydekrug zusammen mit dem Kreis Memel den Reichstagswahlkreis Königsberg 1.Datenbank der Reichstagsabgeordneten
Landräte 1818–1853Carl Zobel von ZabeltitzDie Familie von Zabeltitz (Zobeltitz), von Georg Schmidt, Rathenow 1888, in Commission bei Max Badenzien S. 120 1853–1866Theodor Degen 1866–1867Richard Kunisch von Richthofen (kommissarisch) 1867–1898Richard von Lyncker 1898–1909Rudolf Domrich 1909–1910Johannes Franz Kunze 1910–1914Heinrich Peters 1914–1915Ernst Ancker (vertretungsweise) 1915–1916Heinrich Hahn (kommissarisch) 1916–1919Arnold Fuhrmann 1919–1920Hugo Swart 1920–1922Otto Kahl (Landrat des Kreises Niederung)
Gemeinden Im Jahre 1910 gehörten zum Kreis Heydekrug 157 Landgemeinden. Die Gemeinden, die 1920 im Deutschen Reich verblieben und zum Kreis Niederung kamen, sind mit NIE gekennzeichnet. AbschreyNIE AckelningkenNIE AckmenischkenNIE AckmingeNIE Alk Atmath Augstumal Barsdehnen Barsduhnen Barwen Berzischken Blaszen Blausden Bliematzen Bögschen Bruiszen Bruisz-Pakull Cyntionischken DerwehlischkenNIE Didszeln Dronszeln Eydaten Gaidellen Gaitzen GirgsdenNIE Girreningken Gnieballen Groß Grabuppen Gurgsden Hermannlöhlen Heydekrug Jagstellen JäkischkenNIE Jodekrandt JodischkenNIE Jonaten Jugnaten Jündschen Kallningken, KirchdorfNIE Kallningken, Ksp. Werden Kallwellischken Kanterischken KarkelnNIE KatrinigkeitenNIE Kinten Kioschen Kirlicken Kischken Klein Grabuppen Klugohnen Klumben Kolleschen Kuhlins Kukoreiten Kurpen LabbenNIE Lampsaten Lapallen Laschen Laudszen Laugallen LebbedenNIE Lenken Liekertischken LukischkenNIE LuttkenNIE Mankuslauken Mantwieden Maszellen Maszen Matzken Medellen Mestellen Metterqueten Michelsakuten Minge Minneiken Mischkogallen Mussaten NaussedenNIE Neusaß-Gritzas Neusaß-Scheer Neusaß-Sköries Ogeln Okslinden Pagrienen Paleiten ParungalnNIE Paszelischken Paszieszen Pauern Paweln PerkuhnenNIE Petrellen Piktaten Pokallna Prätzmen PustuttenNIE Ramutten Raudszen RewellenNIE Ridszen Röbsden Rogaischen Ruboken Rudienen Rupkalwen Ruß Saugen Sausgallen SchakuhnenNIE Schakunellen SchillgallenNIE Schillmeyszen Schillwen Schlaszen SchneiderendeNIE SchudereitenNIE Skirwietell SkirwiethNIE SpuckenNIE StaldszenNIE Stankischken Sturmen Suwehnen Swarren Szagaten Szagatpurwen Szameitkehmen Szauken Szibben Szienen Sziesgirren Sziesze Tarwieden Tattamischken Tautischken ThewellenNIE Thumellen TirkselnNIE Trakseden TramischenNIE TumstallisNIE Uszlöknen Wabbeln Warruß Werden WieszeitenNIE Wieszen Wietullen Wilkomeden Willeiken Windenburg WirballenNIE Wirkieten WittkenNIE Woitkaten Vor 1922 aufgelöste Gemeinden Antonischken, am 2. August 1893 zu Pustutten Asznugarrn, am 11. November 1895 zu Lebbeden Atmath, am 1. Oktober 1921 zu Ruß Balschin, 1892 zu Derwelischken Barsduhnen, am 4. März 1913 zu Heydekrug Baupeln, am 15. September 1902 zu Szameitkehmen Cyntionischken, am 24. Mai 1911 zu Heydekrug Eglagirren, am 2. August 1893 zu Pustutten Karschen, 1892 zu Wirballen Kogsten, 1902 zu Michelsakuten Kuppern, am 23. Dezember 1901 zu Luttken Luttkomanscheit, am 23. Dezember 1901 zu Luttken Mikut-Schudereiten, am 2. Juni 1902 zu Schudereiten Mitzkomantwill, 1893 zu Tirkseln Mulkischken, am 17. Juli 1893 zu Pagrienen Oszkarten, 1890 zum Forstgutsbezirk Norkaiten Pallugehl, am 2. August 1893 zu Pustutten Pelletkallen, 1895 zu Catriningkeiten Peterischken, am 2. August 1893 zu Pustutten Raukutten, am 16. März 1903 zu Berzischken Rudden, am 2. Juni 1902 zu Schudereiten Sakuten, 1902 zu Michelsakuten Szibben, am 24. Mai 1911 zu Heydekrug Tattamischken Abbau, ca. 1905 zu Paleiten Tumstallis, am 18. Dezember 1911 zu Schudereiten Valtinkratsch, ca. 1905 in einen Gutsbezirk umgewandelt Weszaiten, am 20. April 1897 zu Werden Wilken, am 22. Mai 1893 zu Klugohnen
Verkehr mini|Kleinbahnhof Heydekrug mini|Petersbrücke Durch das Kreisgebiet führte eine von der Preußischen Staatseisenbahn betriebene Strecke von Tilsit über Pogegen (Pagėgiai) und Heydekrug nach Memel, die am 1. Juni 1875 eröffnet wurde. Die Strecke wurde 1892 bis zur deutschen Grenzstation Bajohren verlängert und führte später über Kretinga (deutsch Krottingen) bis nach Riga.
Von Heydekrug führte eine 14,2 km lange normalspurige Kleinbahn nach Kolleschen. Sie wurde am 1. Dezember 1913 eröffnet. Die Schienen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg demontiert.
Die Reichsstraße 132 führte von Tilsit über Heydekrug und Memel bis in das nördlichste Dorf Deutschlands, nach Nimmersatt (Nemirseta). Dort bestand ein Grenzübergang ins litauische Polangen (Palanga).