Das Isergebirge (tschechisch: Jizerské hory, polnisch: Góry Izerskie) ist ein Teil der Sudeten und bildet die Verbindung zwischen dem Lausitzer Gebirge und dem Riesengebirge. Das Isergebirge liegt sowohl in Tschechien als auch Polen und ist Quellgebiet von Iser (Jizera), Queis (Kwisa) und Lausitzer Neiße (Łužiska Nysa).
Name Seit dem 19. Jahrhundert wird das Gebirge Isergebirge genannt; Namensgeber ist der Fluss Iser (tschechisch Jizera, polnisch Izera). Bis dahin zählte man die Berge zum Riesengebirge. Der Name Iser geht vermutlich auf eine indogermanische Wurzel es oder is in der Bedeutung „(fließendes) Wasser“ zurück, aus dem auch die Bezeichnungen anderer europäischer Flüsse entstanden. Der tschechische Name des Flusses Jizera ist erstmals 1297 belegt. Heute bezeichnen viele Tschechen die Berge umgangssprachlich als Jizerky.
Geographie mini|Das Isergebirge innerhalb der geomorphologischen Einteilung Tschechiens und Polens Einteilung Das Isergebirge wird in mehrere parallel verlaufende Kämme eingeteilt (von Norden nach Süden): Zackenkamm (Kamienica – 974 m) in Polen, Hoher Iserkamm (Wysoka Kopa – 1126 m) – hauptsächlich in Polen, Střední jizerský hřeben (Jelení stráň – 1018 m) – in Tschechien, Vlašský hřeben (Černý Vrch – 1024 m) in Tschechien, Desenský hřeben und Hejnický hřeben (Jizera – 1122 m) – in Tschechien.
Gegen Norden schließt sich das Isergebirgsvorland an.
Gipfel Der höchste Berg ist die in Polen gelegene Wysoka Kopa (Hinterberg, 1126 m).
Bekannt sind auch der von einem Aussichtsturm bekrönte Smrk (Tafelfichte, 1124 m) an der polnisch-tschechischen Grenze, dessen Gipfel in Tschechien liegt, und der Stóg Izerski mit der Heufuderbaude.
Der Tafelstein (tschechisch Tabulový kámen, 1072 m) an der polnisch-tschechischen Grenze am Nordhang der Tafelfichte markierte die ehemalige Grenzen der Herrschaften der Grafen Gallas in Friedland, der Herren von Gersdorff auf Meffersdorf im oberlausitzschen Queiskreis und der Grafen Schaffgotsch in Schreiberhau/Schlesien. In der Zeit zwischen 1742 und 1815 wurde er zum Dreiländereck Sachsen/Böhmen/Preußen.
Das Isergebirge ist den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vielen Bergsteigern und Wanderern, aber auch Oppositionellen der DDR und der ČSSR, durch das Misthaus ein Begriff geworden.
Geologie
Das typische Gestein des Isergebirges ist der porphyr-biotitische Granodiorit (Isergebirgsgranit). Auffällig ist seine Grobkörnigkeit mit markanten Kristallen von rötlichem Feldspat. Er entstand vor gut 250 Millionen Jahren. Besonders sichtbar ist er in den bizarren Felsen am Nordhang des Gebirges, aber auch verbaut in einigen Stationen der Prager U-Bahn, in älteren Gebäuden von Liberec oder Jablonec nad Nisou, bei Aussichtstürmen auf Bergen des Gebirges und bei den Hafenanlagen der Stadt Kiel. Beeindruckende Granitblöcke befinden sich auch auf den Gipfeln von Taubenhaus (Holubník), Vogelkuppen (Ptačí kupy), Raubschützenfelsen (Pytlácké kameny) oder Klein Iser (Jizera). In die Sandablagerungen der Bergbäche gelangten Kristalle diverser Minerale wie beispielsweise Rubine oder Saphire. Sie entstammen Gesteingängen im Granit (verwittertes Pegmatit). Die sogenannten Isergebirgssaphire gehören zu den schönsten Europas und wurden bereits seit dem Mittelalter in den Ablagerungen des Safírový potok oder im Fluss Jizerka gesammelt.
Im Mittelteil des Gebirges treten vulkanische Gesteine hervor (Basalte oder Olivin- und Nephelin-Vulkanite). Besonders markant ist der kegelförmige Buchberg (Bukovec). Weiterhin bedeutend sind die Basaltberge in der Nähe von Friedland (Frýdlant v Čechách).
Im südwestlichen Teil des Gebirges nahe Neustadt an der Tafelfichte (Nové Město pod Smrkem) sind Glimmerschiefer und Phyllite zu entdecken, d. h. Gesteine aus dem ältesten Erdaltertum. Der Charakter des Gebirges unterscheidet sich hier von dessen übrigen Teilen. Südlich von Neustadt fand man Buntmetallerze, vor allem das Zinnerz Kassiterit. Eine Reihe aufgelassener Bergwerke wie auch die schachbrettartige Anlage der Stadt zeugen heute vom einst blühenden Bergbau. Im Gebirge sind außerdem Felsgebilde aus Quarz anzutreffen. Der Quarzabbau begann teilweise schon im 13. Jahrhundert.
Eine Varietät des Titaneisens Ilmenit ist das tiefschwarze Iserin, das erstmals in Form von losen, abgerollten Körnern auf der Iserwiese nahe der Gemeinde Jizerka in Tschechien gefunden wurde. Dort fanden sich auch Edelsteine wie Saphir, Topas, Zirkon, Smaragd und Rubin.
Gewässer mini|Die Iser bildet die Grenze zwischen Polen und Tschechien Die Vielzahl von Wasserläufen, Quellen, Talsperren und Moortümpeln weisen auf den Wasserreichtum des Isergebirges hin. Schätzungen ergaben, dass das hier gespeicherte Wasser rund einem Zehntel des Gesamtverbrauchs an Trinkwasser in der Tschechischen Republik entspricht. Über das Gebirge verläuft die Wasserscheide zwischen Ost- und Nordsee. Während die Flüsse der südöstlichen Gebirgsseite (Iser, Desse und Kamnitz) in die Nordsee fließen, suchen Lausitzer Neiße, Wittig und Queis auf der West- und Nordseite ihren Weg in die Ostsee. Typisch für dieses Gebiet sind aufgrund der Granitfelsen die mehrstufigen Wasserkaskaden mit Stromschnellen und Wasserfällen.
mini|Blick vom Promenadenweg bei Jizerka auf die Darretalsperre (Souš)
Bedeutend für das Aussehen des Isergebirges sind seine Moore, die seit dem Ende der Eiszeit vor 10.000 Jahren entstanden. Sie stehen bis auf Ausnahmen allesamt unter Naturschutz. Früher dienten sie zum Torfabbau. Das höchstgelegene Moor ist etwa sechs Meter mächtig.
Klima und Wetter Typisch für das Isergebirge ist sein sehr raues Klima. Nebeltage und Nieselregen sind keine Seltenheit. Die Berge sind teilweise bis zu 160 Tagen mit Schnee bedeckt. Die Sommer sind kurz und mäßig kühl, so dass bisweilen die Temperatur in den Gipfelzonen unter den Gefrierpunkt fällt. Lange und hartnäckige Winter charakterisieren das Gebiet.
Durchschnittstemperaturen Die durchschnittlichen Temperaturen hängen stark von der Meereshöhe ab, so dass Unterschiede bis um zu 2 °C auf einen Höhenunterschied von 100 Metern als normal gelten. Aufgrund der verringerten Luftzirkulation bestimmt im Gegensatz zur Umgebung eine konstant niedrige Temperatur die sogenannten „Eiskessel“. Die bekannteste dieser Stellen ist die Ortschaft Klein Iser (Jizerka). Im Jahre 1942 wurde hier mit −42 °C der absolute Kälterekord gemessen.
Typisch für das Gebirge ist die Temperaturinversion in den Wintermonaten. Während es in den höher gelegenen Gebieten wärmer ist, bilden sich in Niederungen wie dem Liberecer Kessel „Seen“ kalter Luft. Schadstoffe in vermehrter Konzentration verschlechtern die Sicht, die sich allerdings mit jedem Höhenmeter verbessert und das Blau des Himmels freigibt.
Niederschlagsverhältnisse Besonders auf den Hochflächen fällt aufgrund der vorherrschenden Nordwestwinde vermehrt Niederschlag. Auf diesen höheren Teil des Sudetenmassivs sind im mittleren Vergleich die täglichen, monatlichen und jährlichen Niederschlagsmengen auf dem Gebiet Tschechiens und der Slowakei auffällig. Im Ort Klein Iser (Jizerka) wurde der absolute Rekord gemessen (2201 mm im Jahr 1926). Am wasserreichsten sind die Monate Juli und August, am niederschlagärmsten sind Februar und März. Deutlich ist, dass sich mit steigender Höhe die Niederschlagsmenge erhöht. Vor allem in den Sommermonaten steigt der Wasserstand der größten Bergflüsse. In Erinnerung steht noch die schlimmste Überschwemmung Nordböhmens im Jahre 1897. mini|Fichtenwald im Juli 2006
Luftschadstoffbelastung Die im Wesentlichen ungefilterte Verbrennung von Braunkohle in den Kohlekraftwerken der DDR und Polens im Oberlausitzer Bergbaurevier verunreinigte über Jahrzehnte die Luft durch unzureichenden Emissionschutz erheblich. Besonders in den 1980er Jahren überschritt die Schwefeldioxid-Konzentration die für den Waldbestand kritische Höhe, so dass die Grundvoraussetzung für eine gesunde Baumentwicklung nicht mehr bestand (Waldsterben). Dem Absterben einzelner Bäume folgte der Tod ganzer Fichtenbestände. Nach den Sanierungen der Braunkohlekraftwerke in Polen und im Erzgebirge bzw. nach der Umstellung auf Gas ab dem Jahr 1989 ging die SO2-Konzentration um mehr als ein Drittel der Werte in den 1980er Jahren zurück. Eine schnelle Regenerierung der Waldbestände begann. Dennoch erscheinen auf Dauer hin sowohl die Änderung der Zusammensetzung des Baumbestandes als auch die Zunahme des Autoverkehrs problematisch.
Biogeographie Flora Bis zur Kolonisation im 13. Jahrhundert machten Fichten und Tannen zwei Drittel des Baumbestandes aus, außerdem wuchsen Buchen, Bergahorn, Ulmen und Birken. Die Siedler bauten Häuser und rodeten Wälder für die Landwirtschaft. Besonders einschneidend war das Aufkommen der Glasindustrie im 17. und 18. Jahrhundert. Die Asche des in den Glasöfen verbrannte Holzes wurde ebenfalls in der Glasherstellung benötigt. Allerdings erließ die Obrigkeit im 18. Jahrhundert verschiedene Erlasse, die den Abbau einschränken sollten. So zogen sich die Glasmacher ins Vorland zurück und nutzten die Bäume anderer Wälder. Damit begann auch eine gewisse Wiederaufforstung, wobei bereits im 19. Jahrhundert 90 Prozent des Waldbestandes Fichten ausmachten. Jedoch erwies sich die Monokultur als nicht widerstandsfähig, so dass 1906 das Isergebirge erstmals von einer Nonnenplage heimgesucht wurde. Borkenkäfer und Lockenwickler wirkten insbesondere zusammen mit den Belastungen durch Emissionen des Braunkohlebergbaus zerstörerisch. Die heutige Zusammensetzung dieser Wälder lässt sich mit 75 Prozent Fichten, 10 Prozent Buchen und Kahlflächen bzw. andere Baumarten beschreiben. Es ist deutlich, dass nur kleine Ausnahmen den ursprünglichen Baumbestand des Gebirges widerspiegeln. Allerdings bemühen sich Forst und Naturschützer um eine Wiederbelebung des ursprünglichen Waldes, für die auch Gelder aus der Europäischen Union fließen.
In den Fichtenwäldern sind Heidelbeere, Draht-Schmiele, Wurmfarn und andere Moosarten typisch für den Boden. Außerdem ist der Schwalbenwurz-Enzian verbreitet. In Buchenwäldern gedeihen Echter Seidelbast, Wildes Silberblatt, Türkenbundlilie, Eisenhut und Alpen-Milchlattich.
Die Moore sind zu großen Teilen von eher anspruchslosen Torfmoosen bewachsen. Senkt sich der mooreigene Wasserspiegel ab, setzt eine Verheidung der Mooroberfläche ein, so dass das Wachstum von Zwergsträuchern begünstigt wird. Weiterhin sind Preiselbeere, Schwarze Krähenbeere, Rosmarinheide, Wacholder, Riedgras, Wollgras und Sonnentau anzutreffen.
Die seit 800 Jahren angelegten Bergwiesen charakterisieren das Isergebirge auf eine heute natürlich anmutende Weise. Auf ihnen gedeihen neben einer Reihe von Blütenpflanzen auch seltene Orchideenarten. Besonders am Nordhang des Bukovec gibt es ein großes Vorkommen der Trollblume. Das Fuchskreuzkraut nutzten die Bewohner des Gebirges als Allheilmittel, das sie im getrockneten Zustand auch nach Deutschland verkauften.
Fauna Ursprünglich lebten im Isergebirge auch Bären, Wölfe und Luchse. Allerdings sah der Mensch in ihnen eine wirtschaftliche Bedrohung, so dass der letzte Bär 1741 und der letzte Wolf um 1800 geschossen wurden. Weiterhin brachte die ökologische Katastrophe in den 1980er Jahren zwar nicht unbedingt eine Dezimierung der natürlichen Vielfalt der Tierarten mit sich, wohl aber war deren Lebensraum stark eingeschränkt. Heutzutage suchen sich jedoch die verbliebenen Tiere neue Territorien. Zu ihnen gehören Luchs, Kranich, Kolkrabe und Falke, aber auch Hirsch, Reh, Damwild und Mufflon.
Das letzte Wildschwein wurde 1924 geschossen, doch flüchteten einige nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus Schlesien, so dass sie heute wieder eine Population von mehreren Hundert – vor allem im Gebiet von Frýdlant v Čechách – ausmachen.