mini|Sir Peter Bark, Mitte der 1930er-Jahre

Pjotr Lwowitsch Bark (), ab 1920 Peter Bark, ab 1935 Sir Peter Bark GCVO (* in Jekaterinoslaw, Russisches Kaiserreich; † 16. Januar 1937 in Aubagne, Südfrankreich), war ein Verwaltungsbeamter und letzter Finanzminister im Russischen Kaiserreich. Nach 1920 wirkte er als Interessenvertreter der Bank of England und als Aufsichtsratsmitglied in zahlreichen mitteleuropäischen Kreditinstituten. Um ihn ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden, da er Kenntnisse über das Vermögen der Romanows besaß.

Familiäres mini|Adelswappen der Familie Bark, offiziell genehmigt in Zarskoje Selo am 28. Januar 1914

Pjotr Bark wurde nicht als Adliger geboren.Барк „Непотопляемый“ (Bark „unsinkbar“) Rodina vom 26. Oktober 2017, abgerufen am 23. September 2022. Er entstammte väterlicherseits einer protestantischen, deutsch-baltischen Beamtenfamilie aus dem Gouvernement Livland. Sein Vater, Karl Ludwig Henrich (Henrikowitsch) Bark (1835–1882), war Leiter der staatlichen Forstwirtschaft in Veliko-Anadolsk (heute Teil von Wolnowacha, Naturschutzgebiet in der Oblast Donezk) und später Direktor des Instituts für Forstwirtschaft in Sankt Petersburg. Mütterlicherseits entstammte Pjotr Bark einer russisch-orthodoxen Familie aus dem Gouvernement Jekaterinoslaw. Seine Mutter, Julia Petrowna Bark (1849–1931), war eine geborene Timschenko. Er hatte noch eine ältere Schwester: Elena (* 1867). Zum Zeitpunkt seiner Geburt lebte die Familie schon längere Zeit in Jekaterinoslaw (heute viertgrößte Stadt der Ukraine).S. V. Kulikov: P. L. Bark. Memoiren des letzten Finanzministers des Russischen Reiches 1914–1917. 2 Bände. Kuchkovo Pole, 2017 (russ.).S. A. Rodin: Enzyklopädie der Forstwirtschaft: A-L. Allrussisches Forschungsinstitut für Forstwirtschaft und Forstmechanisierung, 2006, S. 44 (russ.).

Erst am 2. Januar 1878, als Pjotr Bark neun Jahre alt war, wurde sein Vater in den russischen Adelsstand (ziviler Rang 6, Kollegienrat) erhoben. Die Nobilitierung erfolgte nach der Verleihung des Ordens des Heiligen Wladimir durch Beschluss der Adelsversammlung von Jekaterinoslaw und galt unbefristet auch für Karl Ludwig Henrikowitsch Barks Frau und seine beiden Kinder.Vermerke zum Wappen der Adelsfamilie Bark, Teil 20 des Wappenverzeichnis der Adelsfamilien des Allrussischen Reiches (russ.) Russische Geraldika, abgerufen am 19. Januar 2021. Im Sommer 1879 zog die Familie nach St. Petersburg. Im Alter von 13 Jahren verlor Pjotr Bark seinen Vater, der im April 1882 an einer plötzlichen Meningitis verstarb. Der in Spanien wirkende Schriftsteller und Journalist Ernst Moritz Heinrich Bark Schultz (1858–1922), auch bekannt als Ernesto Bark, war Pjotr Barks Onkel.La Libertad vom 25. Oktober 1922, Muerte de Ernesto Bark, S. 4. Biblioteca Nacional de España Digital, abgerufen am 13. Januar 2021.

Verheiratet war Pjotr Bark mit der Baroness Sofia Leopoldowna von Behr (1867–1957). Gemeinsam hatten sie zwei Kinder: eine Tochter, Nina Petrowna (1900–1975), und einen Sohn, Georgij Petrowitsch (1904–1936), später Georg genannt.Bernard Pares: Sir Peter Bark. In: The Slavonic and East European Review ; Vol. 16, No. 46 (Juli 1937), S. 189–193. Seine Tochter lebte nach der Revolution in Südfrankreich und war mit Nikolai Dimitri Semjonow-Tjan-Schanski, einem Enkel des Botanikers Pjotr Petrowitsch Semjonow-Tjan-Schanski verheiratet. Der Sohn von Pjotr Bark lebte nach 1920 in Berlin; er war ein Direktor der IG Farben, heiratete 1935 Isolde (Lily) Böhm und verstarb nur ein Jahr nach der Hochzeit an einer kurzen, schweren Krankheit.Lebensdaten Georgij Petrowitsch Bark (russ.) Russische Genealogische Stiftung (Российский Родословный Фонд), abgerufen am 22. April 2024.

Leben in Russland mini|Pjotr Bark (Porträt von Boris Kustodijew), 1909

Pjotr Bark besuchte das protestantische Gymnasium St. Annen. Anschließend studierte er fünf Jahre an der Juristischen Fakultät der Kaiserlichen St. Petersburger Universität. Sein Studium schloss Bark im Jahr 1892 mit der Promotion ab (Ph.D.).Finanzminister Bark: Die sowjetischen Fünfjahrespläne wurden von Nikolaus II. erfunden (russ.) OK Group Social Network Russia, abgerufen am 24. September 2022. Noch im selben Jahr nahm er eine Tätigkeit als Assistent in der Sonderkanzlei für Staatskredite des russischen Finanzministeriums auf. Da Bark fließend Deutsch, Englisch, Französisch sowie Latein und Altgriechisch sprach, begleitete er schon bald die russischen Finanzsekretäre auf Geschäftsreisen nach Berlin, London und Amsterdam.

Von Ende 1892 bis Mitte 1894 absolvierte er ein heute sogenanntes Traineeprogramm für Führungskräfte in Deutschland, Frankreich, Holland und England. Im August 1894 wechselte Bark zur Staatsbank des Russischen Reiches, die dem Finanzministerium unterstand. Dort wirkte er als Junior Manager und ab 1895 als Sekretär von Eduard Pleske, dem Gouverneur der Staatsbank. Daneben absolvierte er ab Juni 1895 ein sechsmonatiges bankwirtschaftliches Zusatzstudium in Berlin, nebst Praktikum bei der Deutschen Reichsbank und im Bankhaus Mendelssohn & Co., damals die bedeutendste Privatbank Deutschlands.

Seine Berufung in das Direktorium der russischen Staatsbank erfolgte im November 1897. Zunächst leitete er als Direktor die Auslandsabteilung der Staatsbank. In dieser Funktion unterstützte Bark maßgeblich das von Sergei Witte entwickelte Programm zur wirtschaftlichen Expansion Russlands im Nahen Osten und Fernen Osten. 1898 übernahm er den Vorstandsvorsitz der Diskont- und Kreditbank Persien, für die er vom persischen Staatsoberhaupt Mozaffar ad-Din Schah eine Konzession zum Bau der Eisenbahn von Dschulfa nach Täbris und für weitere russische Unternehmungen erwirken konnte. Zusätzlich trat er ein Jahr später dem Vorstand der Russisch-Chinesischen Bank bei. Für diese erlangte Bark von der chinesischen Regierung eine Konzession zum Bau der ostchinesischen Eisenbahn. Damit sicherte er die Fortführung der Transsibirischen Eisenbahn durch chinesisches Gebiet. Hinter den zwei Banken stand geheim gehalten die russische Staatsbank. Beide Banken finanzierten ihre Transaktionen mittels im Ausland, insbesondere in Frankreich und Belgien, aufgenommener Staatsanleihen.Alexander Fursenko: Die Verwaltungselite des Russischen Reiches (1802-1917). Gesichter Russlands. Universität Sankt Petersburg, 2008, S. 358–359. (russ.).

Neben diesen Tätigkeiten wurde Bark im Jahr 1901 zum Vorsitzenden der neu gebildeten Aktienabteilung der St. Petersburger Börse gewählt. Dazu übernahm er 1902 den Vorstandsvorsitz der Eisenbahngesellschaft Anzali–Teheran und den Vorstandsvorsitz der Vereinigung persischer Versicherungs- und Transportunternehmen. Ab 1905 war er Stellvertreter von Sergej Timaschew, dem seit 1903 amtierenden Gouverneur der Staatsbank. 1906 schlug der russische Finanzminister Wladimir Kokowzow als Nachfolger Timaschews den als klug und kompetent geltenden Pjotr Bark vor. Jedoch geriet Bark mit Kokowzow über dessen strenge Austeritätspolitik in ein massives Zerwürfnis, woraufhin Bark vorübergehend aus dem Staatsdienst austrat.Semyon Ekshtut: Bark „Unsinkbar“. Institute of general history of RAS, 2017 (russ.). Rossijskaja gaseta (Rodina) vom 1. November 2017, abgerufen am 18. Januar 2021.

Von 1907 bis 1911 arbeitete er als Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Wolga-Kama Commerzbank, damals eine der größten Privatbanken des russischen Kaiserreichs. Sein Jahresgehalt für diese Tätigkeit betrug 120.000 Rubel. Im Vergleich dazu verdienten zu damaliger Zeit in Russland Männer in einer Fabrik im Durchschnitt monatlich 17 Rubel und Frauen 8,50 Rubel; Landarbeiter noch weniger.Sarah Sonja Rabinowitz: Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung in Russland bis zur großen Revolution von 1905. Springer-Verlag, 2013, S. 20.

Wirken als Finanzminister mini|Pjotr Bark (Bildmitte) im Kreise von Mitarbeitern des russischen Finanzministeriums, 1914 mini|Konferenz der Triple Entente am 5. Februar 1915 in Paris (v. l. n. r. Pjotr Bark, Alexandre Ribot, David Lloyd George) mini|Minister des letzten zaristischen Staatsrats am 14. Juni 1915 in Baranawitschy (Pjotr Bark, 2. Reihe, fünfte Person von links, direkt hinter dem in der Mitte sitzenden Zar).

Am 10. August 1911 wurde Bark auf Initiative des Premierministers Pjotr Stolypin zum Wirklichen Staatsrat erhoben und zum stellvertretenden Minister für Handel und Industrie befördert. Sein Gegenspieler Kokowzow erkannte vollkommen richtig, dass damit seine [Kokowzows] Finanzpolitik „gezähmt“ und Bark als neuer Finanzminister vorbereitet werden sollte. Das tödliche Attentat auf Stolypin am 1. September 1911 in Kiew verschob diese weitreichenden Pläne, hob sie aber keineswegs auf: Am 15. Januar 1914 übernahm Bark per kaiserlichem Edikt ad interim die Leitung des Finanzministeriums und am 6. Mai 1914 ernannte Zar Nikolaus II. den 45-jährigen Pjotr Bark regulär zum russischen Finanzminister.

Bereits im Januar 1914 hatte Bark dem Zaren persönlich eine Reform des Finanzsystems vorgeschlagen. Seine Pläne beinhalteten die Abschaffung des staatlichen Alkoholmonopols und an dessen Stelle die Einführung einer Einkommensteuer sowie diverser Verbrauchssteuern. Barks Berufung zum Finanzminister erfolgte buchstäblich am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Seine fiskalischen Ideen deckten sich mit den Interessen des Zaren, den Staatshaushalt für Rüstungszwecke zu stärken. Im Juli 1914, wenige Tage vor der offiziellen Kriegserklärung, fuhr Bark mit Mitarbeitern nach Berlin und versuchte, sämtliche deutsche Bankkonten, auf denen sich angelegte russische Staatsgelder befanden, abzuheben. Es gelang ihm, über 100 Millionen Rubel zurückzubringen, was aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein war.S. V. Kulikov: P. L. Bark. Memoiren des letzten Finanzministers des Russischen Reiches 1914–1917. 2 Bände. Kuchkovo Pole, 2017 (russ.).

Bark hatte einen Staatshaushalt übernommen, dessen Einnahmen nicht annähernd die Ausgaben für einen Krieg decken konnten – und zwar von Anfang an nicht. Der zaristischen Regierung standen bis Juli 1914 öffentliche Mittel in Höhe von 512 Millionen Rubel zur Verfügung: allein die ersten zwei Wochen des Krieges kosteten 800 Millionen. Umgehend führte Bark hohe Verbrauchssteuern auf eine Reihe von Konsumgütern ein und finanzierte Militärausgaben mittels erhöhter Geldemission, Kriegsanleihen und ausländischer Kredite. Hierfür arbeitete er eng mit den Finanzministern des Vereinigten Königreichs und Frankreichs zusammen, mit denen er auch die gemeinsamen Kriegsziele der Entente abstimmte.

Am 1. Januar 1915 erhielt Bark den Rang eines Geheimrates. Zu dieser Zeit bekannte er sich offen dazu, einer Freimaurerloge anzugehören. Ab Dezember 1915 war Bark Mitglied des russischen Staatsrates. Seine Macht als Finanzminister war enorm. Ihm stand ein absolutes Veto in allen Ausgabenfragen und haushaltsrechtlichen Angelegenheiten zu. Barks Unabhängigkeit sowie seine Positionen zu den meisten finanziellen und politischen Fragen stießen in der Duma auf heftigen Widerstand. Dennoch gelang es ihm, bis Februar (jul.) beziehungsweise März 1917 (greg.) in seinem Amt zu bleiben. Aufgrund seines Durchhaltevermögens sowie der Fähigkeit, Kompromisse einzugehen und zwischen kollidierenden Strömungen zu manövrieren, erhielt Bark den Spitznamen Unsinkbare Barke.