mini|hochkant=1.1|Luftbild der Rahnsdorfer Ortslage Wilhelmshagen
Rahnsdorf ist ein Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick in Berlin.
Geographie Rahnsdorf ist der östlichste Ortsteil Berlins; die Kernsiedlungen liegen an der Mündung der Spree in den Müggelsee. Zwischen Rahnsdorf und Wilhelmshagen befinden sich die Püttberge, die als Binnendünen innerhalb des Berliner Urstromtales Erhebungen von bis zu 68 m Höhe bilden.
Ortslagen und Siedlungen Rahnsdorf (Rahnsdorfer Mühle) Hessenwinkel Wilhelmshagen (Neu-Rahnsdorf) Rahnsdorf (Alt-Rahnsdorf) Neu-Venedig
In Rahnsdorf gibt es mehrere kleine Villenkolonien sowie Einfamilienhaussiedlungen.
Geschichte Rahnsdorf wurde als slawisches Fischerdorf zwischen Müggelspree und Müggelsee gegründet. Seine Ortsform Sackgassendorf ist typisch für die erste Siedlungsphase der deutschen Zuzügler wohl im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts. Vermutlich geht der Name auf das Heimatdorf der ersten Siedler in der Nähe von Wittenberg zurück. Dort besteht auch ein Woltersdorf, was darauf schließen lässt, dass beide Orte in einem ähnlichen Zeitraum gegründet wurden. 1319 wurde der Ort zum ersten Mal urkundlich in einer Abrechnung der Burg Köpenick erwähnt. Es war nicht verhuft, weil es noch 1450 keine Äcker gab. Der Ort hatte 1487 die Fischereigerechtigkeit in den Gewässern des Schlosses Köpenick. Seine Einwohner verrichteten Kossätendienste, wahrscheinlich durch Fischfang und entsprechende Lieferpflichten an das Schloss. Es gab inzwischen 16 Hufen, von denen vier dem Schulzen gehörten. Während des Mittelalters gab es in Rahnsdorf noch keine Kirche. Eine erste Dorfkirche wurde gegen 1660/1670 erwähnt. Im Jahr 1801 war Rahnsdorf noch immer ein Fischerdorf mit knapp 20 Dorfbewohnern, die keine Höfe mit Hufenbesitz besaßen, sondern nur Katen. 1856 gab es bereits 43 Familien.
mini|hochkant=0.4|links|Wappen der ehemaligen Landgemeinde Rahnsdorf, noch 1987 in Gebrauch
Im Jahr 1872 brannte das Dorf vollkommen ab und wurde anschließend neu errichtet. In den 1890er Jahren wurde Hessenwinkel zur Villenkolonie ausgebaut und 1891 zu Rahnsdorf eingemeindet. Im gleichen Zeitraum gründete die Deutsche Volksbaugesellschaft für Bürger aus dem einfachen Volke auf dem Gebiet des Gutsbezirks Rahnsdorf die Villenkolonie Neu-Rahnsdorf. Im Jahr 1902 gab sich Kolonie mit dem zentralen Platz und sternförmig abgehenden Straßen die Bezeichnung Wilhelmshagen. 1912/1913 entstand die Triglawbrücke, die die Insel südlich der seit 1879 „neuen Spree“ mit Hessenwinkel verband. Am 1. April 1914 wurde der Gutsbezirk Rahnsdorf mit Wilhelmshagen in die Landgemeinde Rahnsdorf eingegliedert.Amtsblatt der Regierung Potsdam, 1914, S. 55; books.google.de
Am 11. November 1916 kam es zu einem schweren Eisenbahnunfall in der Nähe des Bahnhofs Rahnsdorf: Eine Rotte von Gleisbauarbeiterinnen – aufgrund des Arbeitskräftemangels im Ersten Weltkrieg wurden hier Frauen eingesetzt – winkte den Soldaten eines vorbeifahrenden Militärzuges zu. Dabei überhörten sie das – zu spät abgegebene – Warnsignal für einen Zug, der sich auf dem Gleis näherte, auf dem sie selber standen. 19 Frauen kamen ums Leben. Der Sicherungsposten wurde zu einem Jahr Gefängnisstrafe verurteilt.Hans Joachim Ritzau: Eisenbahn-Katastrophen in Deutschland. Splitter deutscher Geschichte. Band 1. Landsberg-Pürgen 1979, S. 102.
Bei der Eingemeindung nach Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 wurde die Landgemeinde Rahnsdorf mit 2801 Einwohnern dem Verwaltungsbezirk Cöpenick zugeordnet. Der Ostteil des gleichzeitig eingemeindeten Forstgutbezirks Cöpenick wurde mit Rahnsdorf zusammengelegt. Die lagunenartige Wassersportkolonie Neu-Venedig an der Müggelspree entstand 1926 und hat sich bis heute zur Wohn- und Wochenendhaus-Siedlung entwickelt. 1929 baute die Verwaltung die Grundschule an den Püttbergen und 1933 errichtete die katholische Kirche die Heilige-Drei-Könige-Kirche.
Im Zweiten Weltkrieg wurde im Wald östlich von Wilhelmshagen das Arbeiterdurchgangslager Berlin-Ost eingerichtet, das zwischen 1942 und 1945 von Hunderttausenden Zwangsarbeitern durchlaufen wurde. Es besaß einen eigenen Bahnanschluss und eine betonierte Rampe, die bis heute erhalten ist. In 20 Baracken wurden die zwangsrekrutierten Arbeitskräfte aus allen besetzten Ländern Europas registriert und für einige Tage untergebracht, bevor sie auf Rüstungsbetriebe in Berlin und das Umland verteilt wurden.Leonore Scholze-Irrlitz: Bürgerverein Wilhelmshagen-Rahnsdorf e. V.; abgerufen am 8. Oktober 2019.
mini|Berliner Gedenktafel zum Rahnsdorfer Brotaufruhr
Am 6. April 1945 stürmten in Rahnsdorf etwa 200 Frauen und Männer zwei Bäckereien. Damit protestierten sie gegen die unzureichende Verteilung von Brot, insbesondere die Bevorzugung von Mitgliedern nationalsozialistischer Organisationen, nachdem Sondermarken für Brot an Mitglieder von NS-Organisationen ausgegeben worden waren. Nach Denunziation wurden 15 von ihnen verhaftet. Zum Andenken wurde in der Fürstenwalder Allee 27 eine Gedenktafel angebracht.25.11.2022: Einweihung der Gedenktafel für die Opfer des „Rahnsdorfer Brotaufruhrs“ vom 6. April 1945. Bezirksamt Treptow-Köpenick, Pressemitteilung.
Zu DDR-Zeiten wurde im Ortsteil ein Kinderferienlager errichtet und unterhalten.
Der Wohnbereich Hessenwinkel nimmt eine besondere Stellung in Rahnsdorf ein; die Villenkolonie hat sich über viele Jahre kaum verändert. Doch in der DDR-Zeit wurde in den 1970er Jahren hier auf Teilen der Grundstücke Fürstenwalder Allee 356 und Fahlenbergstraße (heute: Clara-Müller-Jahnke-Straße) eine Kaserne als Ausbildungsstätte für die Grenztruppen errichtet. Nach der deutschen Wiedervereinigung und der Abwicklung der NVA dienten die Gebäude noch längere Zeit zur Unterbringung von Asylbewerbern. Seit dem Jahr 2000 stehen alle Gebäude leer und verfallen. An dieser Stelle sollen gemäß einem Ende 2024 gefassten Beschluss der BVV Treptow-Köpenick unter dem Begriff Kaserne Hessenwinkel (Gesamtfläche von 4,69 Hektar) neue Wohnbauten entstehen. Der Vorschlag, die bestehenden Gebäude der Kasernenanlage wirklich umweltverträglich so umzubauen, dass Wohnraum entstünde und der alte Baumbestand geschützt werden könnte, wurde abgelehnt. Die ursprünglichen Planungen, rund 450 Wohneinheiten auf mehrere Gebäude mit sechs bis acht Geschossen verteilt zu errichten, wurde leicht angepasst beibehalten. Zudem soll der auszuarbeitende Bebauungsplan eine Kita, eine Quartiersgarage, Frei- und Ausgleichsflächen und einen Neubau für die Freiwillige Feuerwehr Wilhelmshagen enthalten. Platz für modulare Flüchtlingsunterkünfte soll auch vorgesehen werden. Terminvorstellungen gibt es zu dem Vorhaben jedoch noch nicht (Stand: Januar 2025),Plan für die ‚Kaserne Hessenwinkel‘. In: Berliner Zeitung, 13. Januar 2025, S. 7. Vom 2. bis zum 25. April 2025 fand dazu eine frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung gemäß § 3 Abs. 1 Baugesetzbuch (BauGB) statt. Es gingen 1700 Äußerungen ein, was die starke Umstrittenheit des Projekts in der Öffentlichkeit widerspiegelt. Die Höhe der geplanten Gebäude wurde im Anschluss um ein Geschoss reduziert. dafür aber ein zusätzliches siebengeschossiges Gebäude vorgesehen. Erste Abrissarbeiten auf dem Gelände mussten 2025 gestoppt werden, nachdem man neben anderen Arten auch Zwergfledermäuse entdeckte.
Bevölkerung Jahr Gemeinde Gutsbezirk zusammen 1858 221 35 256Richard Boeckh: Ortschafts-Statistik des Regierungsbezirks Potsdam. Berlin 1861, S. 82; books.google.de 1871 255 47 302Die Gemeinden und Gutsbezirke des Preussischen Staates und ihre Bevölkerung. 1873, S. 34 ff. bsb-muenchen.de 1885 247 71 318Gemeindelexikon für das Königreich Preußen. 1888, S. 40 ff.; books.google.de 1895 468 452 920Kreis Niederbarnim. In: Gemeindelexikon für das Königreich Preußen 1898. 1905 749 622 1.371Gemeindelexikon für das Königreich Preußen 1908, Kreis Niederbarnim. lds.org 1910 1.138 763 1.901 Jahr Einwohner1919–1946 Statistisches Jahrbuch von Berlin (jeweilige Jahre); 1950 und 1963 Statistisches Jahrbuch der DDR 1964 1919 2.801 1925 3.534 1939 7.862 1946 9.598 1950 9.859 1963 8.370 1991 5.887 1995 7.854 2000 8.648 Jahr Einwohner 2007 8.838 2010 8.878 2015 9.258 2020 9.856 2021 10.233 2022 10.622 2023 10.723 2024 11.138 2025 11.227
Quelle ab 2007: Statistischer Bericht A I 5. Einwohnerregisterstatistik Berlin. Bestand – Grunddaten. 31. Dezember. Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (jeweilige Jahre)
Am 31. Dezember 2023 waren lediglich 9,5 % der Rahnsdorfer ausländische Staatsbürger. Damit liegt der Ausländeranteil in Rahnsdorf sowohl unter dem Ausländeranteil in Berlin (24,4 %) wie auch unter dem im Bezirk Treptow-Köpenick (16,4 %). Die am häufigsten vorkommenden Staatszugehörigkeiten unter den Ausländern in Rahnsdorf bilden die Ukrainer und die Polen.
Sehenswürdigkeiten Kern des Ortsteils ist der Anger, an dem sich die nach dem Brand 1876 neu errichteten Wohngebäude aus den 1880er Jahren befinden und inzwischen zu großen Teilen unter Denkmalschutz stehen.
Die evangelische Dorfkirche Rahnsdorf wurde in den Jahren 1886–1888 nach Plänen des Königlichen Baurats Friedrich Adler und des preußischen Kreisbauinspektors Friedrich Wilhelm Kappen errichtet. Im Innern befinden sich unter anderem zwei Kelche aus dem 16. und 18. Jahrhundert sowie Chorfenster von Lothar Mannewitz. Auf der linken Seite ist der Fischzug Petri aus dem Evangelium nach Lukas , in der Mitte Jesus Christus aus der Offenbarung des Johannes und rechts der Auferstandene beim Mahl mit den Jüngern am See aus dem Evangelium nach Johannes zu sehen. Die Kerzenleuchter am Gestühl sowie der Kerzenkronleuchter sind ein Entwurf und Geschenk des Architekten Robert Wischer. Auf der Westempore steht seit dem Jahr 1888 eine Orgel aus der Werkstatt der Gebrüder Dinse.
Die katholische Heilige-Drei-Könige-Kirche, nach Plänen des Architekten Josef Vassillière, steht am Hang des Schonungsberges am Grünheider Weg. Sie wurde am 8. Juli 1934 als Notkirche benediziert.
Ein beliebtes Naherholungsgebiet sind die Püttberge.
Verkehr mini|S-Bahnhof Rahnsdorf mini|Anlegestelle Rahnsdorf am Müggelsee mini|Woltersdorfer Straßenbahn in Rahnsdorf
Öffentlicher Personennahverkehr Der Ortsteil verfügt über zwei S-Bahnhöfe an der Bahnstrecke Berlin–Frankfurt (Oder): Rahnsdorf und Wilhelmshagen, die von der Linie S3 der Berliner S-Bahn bedient werden. Vom Vorplatz des S-Bahnhofs Rahnsdorf verkehrt die Woltersdorfer Straßenbahn nach Woltersdorf.
Die Straßenbahnlinie 61 der BVG beginnt am westlichen Ortsrand an der Station Rahnsdorf/Waldschänke und fährt von hier über Friedrichshagen und Köpenick zum S-Bahnhof Berlin-Schöneweide.
Die Buslinie 161 der BVG verbindet Schöneiche mit den beiden S-Bahnhöfen des Ortsteils, der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 61 und Erkner. Insbesondere in den Wintermonaten sollte man die Busse während der Zeiten des morgendlichen Schülerverkehrs nicht nutzen, da ein Zustieg wegen Überfüllung nicht immer garantiert werden kann.
Auf der Müggelspree verkehrt die Fährlinie F23, die seit 2014 solarstrombetrieben im Auftrag der BVG von der Weißen Flotte Stralsund durchgeführt wird. Außerdem pendelt mit der F24 eine von drei manuell angetriebenen Fähren in Deutschland an Wochenenden und Feiertagen zwischen Rahnsdorf/Kruggasse und Müggelheim/Spreewiesen.
Individualverkehr Der wichtigste Straßenzug Fürstenwalder Damm – Fürstenwalder Allee führt quer durch den Ort und verbindet über Rahnsdorf hinaus Köpenick mit Erkner. Über ihn ist auch die Autobahnanschlussstelle Erkner der A 10 in etwa 7 km Entfernung erreichbar. Als zusätzlicher wichtiger Verkehrsweg dient die Ingeborg-Hunzinger-Straße (später: Straße nach Fichtenau), die nach Schöneiche bei Berlin führt.
Bildung Schule an den Püttbergen (Grundschule), Fürstenwalder Allee 182 Ein neu gebautes Gymnasium zwei Kitas
Mit Rahnsdorf verbundene Persönlichkeiten Clara Müller-Jahnke (1860–1905), Dichterin, lebte und starb in Wilhelmshagen Erich Hanke (1911–2005), Philosoph und Hochschullehrer, lebte und starb in Rahnsdorf