mini|Mädchen von Röst Das Mädchen von Röst war eine eisenzeitliche Moorleiche, die 1926 im Röster Moor bei Tensbüttel-Röst in Schleswig-Holstein gefunden wurde. Die Moorleiche wurde im Museum vaterländischer Alterthümer aufbewahrt und wurde mit dem Brand des Museums nach alliierten Bombenangriffen auf Kiel am 22. Mai 1944 vernichtet, von dem Fund ist lediglich die Decke aus Wolle erhalten geblieben. Das Mädchen ist mit ihrem geschätzten Lebensalter von zweieinhalb Jahren die bislang jüngste bekannte Moorleiche.

Fund Der Fundplatz liegt auf einer zur Siedlung Lichtenhof gehörenden Parzelle des Röster Moores, auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Tensbüttel-Röst im Kreis Dithmarschen. Dort stieß der Kätner Johannes Kroll beim Torfstechen am 3. Juni 1926 auf dem Grund einer etwa 3,4 Meter langen und 80 cm tiefen Grube auf den flachgedrückten Körper der Kinderleiche. Diese wurde in das Haus des Ortsvorstehers gebracht, der das Museum vaterländischer Alterthümer Aterthümer in Kiel über den Fund in Kenntnis setzte. Am 19. Juni trafen der Kustos des Museums Prof. Rothmann zusammen mit Prof. Wüst ein, um die Fundstelle zu untersuchen und den Fund zu übernehmen. Nach Aussage Krolls lag das Mädchen in einer Kuhle von 150 cm Durchmesser unter einer stark verschlissenem Wolldecke. Darüber lagen in regelmäßigem Muster Heideplaggen und darüber war die Grube mit jüngerem Torf angefüllt. An der Fundstelle wurden Proben für die Pollenanalyse entnommen. Fundort: Ermittelt nach und Topographischer Karte Top50 SH. Koordinate ungenau → Lichtenhof; Koordinate unsicher und fraglich.

Befunde An der Fundstelle hatte die Torfschicht eine Mächtigkeit von etwa 200 cm aus altem Sphagnumtorf, wohingegen sie an anderen Stellen nur 100 cm betrug und von jüngeren Torfschichten überlagert war. Die über der Leiche liegende Torfschicht bestand aus mehreren aufgeschichteten Heidesoden und aus jüngerem Sphagnumtorf, was anzeigt, dass sie in einer ausgehobenen Grube niedergelegt und anschließend abgedeckt worden war, und dass dort auch schon in historischer Zeit bereits Torf abgebaut wurde.

Das Kleinkind lag in leicht nach links gedrehter, gestreckter Rückenlage, beide Arme in erhobener Position, die rechte Hand zu einer Faust geballt, die Beine waren leicht gespreizt und in den Knien leicht angewinkelt. Der Körper war aufgrund der durch das saure Moormilieu entkalkten Knochen und der auf ihm lastenden Erdmassen auf nur wenige Zentimeter zusammengedrückt worden. Die Hauthülle war durch das Moor tief braun gefärbt, aber ausgesprochen gut erhalten und wies wenige Verletzungen auf. Die vorliegenden Verletzungen, wie der durch einen Spatenstich vom Rumpf abgetrennte Kopf, der abgetrennte linke Unterarm und das am Hüftgelenk vom Rumpf getrennte rechte Bein waren auf die Torfarbeiten des Finders zurückzuführen. Am Kopf waren etwa 2 bis 3 cm lange Haare erhalten. Die Knochen des Skeletts waren durch die weiche Hauthülle ertastbar. Aus dem abgetrennten linken Unterarm ließ sich ein Langknochen mit aufliegenden Sehnen entnehmen, die von Wurzelwerk, durchwachsen und durchlöchert waren. Innerhalb der Hauthülle war der Körper von einem dichten Vlies aus Pflanzenfasern durchsetzt, überwiegend von Gräsern wie Wollgras, die durch Mund und Nasenöffnungen in den Körper einwuchsen, daneben waren Faszien, Blutgefäße, Sehnen und Nerven gut erkennbar. Die Organe im Brustkorb waren zu einer in einem Pflanzenvlies durchsetzten schleimigen Masse degeneriert. Die Rückenpartie war weitgehend zerstört, dort lagen nur einige Wirbelkörper vor. Die Haut der linken Bauchseite fehlte und legte Organe wie den Magen, Zwerchfell, Leber, Gallenblase und ein Stück leeren Darms frei. Teile des rückwärtigen Unterkörpers fehlten, sie sind beim Herausheben der Leiche durch den Finder im Moor hängen geblieben. Bei der Nachsuche an der Fundstelle konnte die rechte Beckenschaufel aus dem Abraum geborgen werden. Im Kopf der Leiche konnten Reste des Gehirns nachgewiesen werden, der Schädel selbst, wie die meisten Zähne waren jedoch nicht mehr erhalten.

Die äußeren Genitalien im Schambereich waren vollständig erhalten und ermöglichten eine sichere Bestimmung des Kindes als weiblich. Die Bestimmung des Lebensalters des Kindes auf etwa zweieinhalb Jahre erfolgte übereinstimmend auf Basis dessen Körperlänge von etwa 80 cm, der Proportionen der Gliedmaßen zum Rumpf, sowie der Ausbildung der Zahnkappe des erhaltenen rechten unteren Eckzahns.

Das Mädchen war mit einem stark verschlissenen Tuch aus Schafwolle abgedeckt, das heute im Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig unter der Inventarnummer KS 15609 aufbewahrt wird und das vermutlich als eine Art Leichentuch diente. Das Tuch hat eine Länge von 62 cm, eine Breite von 45 cm und ist jetzt von brauner Farbe. Die Garne des in Fischgratköper gewebten Tuches sind aus feiner Lammwolle in Z-Drehung versponnen. Die Gewebedichte beträgt etwa 6 bis 7 Kett- und etwa 7 bis 8 Schussfäden je Zentimeter, wobei die Schussfäden besonders stark angeschlagen sind. Alle Gewebekanten weisen versäuberte (umgenähte) Schnittkanten auf und das Fehlen von Webkanten deutet an, dass es aus einem größeren Stück Stoff herausgeschnitten wurde. Das stark abgenutzte und durchlöcherte Tuch war an mehreren Stellen mit grob aufgenähten Flicken gestopft.

Datierung Nach Aichel wurde der Fund aufgrund des Wolltuchs und der Fundschicht im Moor auf ein Alter von 1500 bis 2000 Jahren geschätzt. Der Textilarchäologe Karl Schlabow datierte das Wolltuch typologisch in die vorrömische Eisenzeit. Diese Datierungen konnte in den 1990er Jahren durch eine an drei Proben aus dem Wolltuch durchgeführte 14C-AMS-Untersuchung bestätigt und in den Zeitraum zwischen 200 und 95 v. Chr. genauer eingegrenzt werden.

Deutung Die Todesursache des Mädchens ließ sich nicht erkennen. Es wurde in einer im Moor gegrabenen Grube in Rückenlage bestattet und mit einem zerschlissenen Wolltuch, wie mit einem Laken oder Leichentuch, zugedeckt. Diese Umstände können auf eine Armenbestattung hindeuten. Es ist auch denkbar, dass das Mädchen abseits eines regulären Bestattungsplatzes begraben wurde, um es am Nachzehrer- oder Wiedergängertum zu hindern, wobei hier jedoch die Abdeckung mit einfachen Heideplaggen nur als eine eher schwache apotropäische Maßnahme gelten kann, falls sie hier überhaupt beabsichtigt war.

Literatur

Einzelnachweise

Kategorie:Archäologischer Fund (Eisenzeit) Kategorie:Archäologischer Fund (Schleswig-Holstein) Rost Kategorie:Archäologischer Fundplatz im Kreis Dithmarschen Kategorie:Geboren im 1. Jahrtausend v. Chr. Kategorie:Gestorben im 2. oder 1. Jahrhundert v. Chr. Kategorie:Frau Kategorie:Tensbüttel-Röst Kategorie:Person unbekannten Namens